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26.06.2019

Bibelarbeit Deutscher Evangelischer Kirchentag 2019

Bibelarbeit über Gen 22,1-19

Deutscher Evangelischer Kirchentag, Dortmund 19.-23. Juni 2019         

Ort: 21.6.19, 9:30, Warsteiner Music Hall, Phoenixplatz 4, 44263 Dortmund      

Musik: Mitch Schlüter   

– Eingangslied – Nun danket alle Gott (Textversion G. Schöne)

Liebe Schwestern und Brüder!

Mit dieser Bibelarbeit habe ich eine echte Herausforderung angenommen. Und Sie auch, indem Sie heute gekommen sind. Ein Text, den sogar Alttestamentler „eine Geschichte zum Davonlaufen“ nennen! (O.H. Steck) Deswegen vorab meine Frage: Gibt es Väter hier im Raum? Gibt es Söhne? Mütter? Für uns alle wird es jetzt schwer. Eine Geschichte zum Davonlaufen. Aber wir sind nicht davongelaufen, wir sind hier. Sie und ich. Für mich war dieser Text eine Entdeckungsreise in die Düsternis des Lebens – und (es ist wie im Thriller, man kennt die Pointe vorab) auch wieder hinaus ins Helle und in den Trost, auch wenn man es erst einmal nicht glauben will. Der Text 1. Mose 22 hat im Laufe der Jahrhunderte viele Namen erhalten.

 Man spricht im Judentum schlicht von der „Aqedá“, übersetzt „Bindung“, also der Fesselung Isaaks am Opferaltar. Wir kennen die Geschichte unter „Opferung Isaaks“ – aber halt, er wurde doch gar nicht geopfert, oder? Geht es vielleicht eher um die „Erprobung Abrahams“, oder das „Opfer Abrahams“, wie die neue Lutherübersetzung titelt?

Wir wollen also diesen vielleicht ältesten Thriller der Weltliteratur einmal Wort für Wort, Satz für Satz auf uns wirken lassen. Ich lese aus 1. Mose 22, 1-19 (Luther 17):

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.

4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne. 5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.

7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

11 Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. 

13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

14 Und Abraham nannte die Stätte »Der Herr sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der Herr sich sehen lässt.

15 Und der Engel des Herrn rief Abraham abermals vom Himmel her 16 und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, 17 will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; 18 und durch deine Nachkommen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.

19 So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und Abraham blieb daselbst.

1.         Empörung

Was das für eine Geschichte! Was ist das für ein Gott?? Hinterhältig und gemein ist noch freundlich ausgedrückt! Gott weiß genau, wie sehr Abraham ihm vertraut. Abraham hat alles hinter sich gelassen, hat Gefahren und Ungewissheiten in Kauf genommen, um das zu tun, was Gott ihm sagt: „Geh weg aus deinem Vaterhaus, in das Land, das ich dir zeigen werde…“ Das war mutig, eigentlich sogar tollkühn. Stellen Sie sich einmal vor, es würde jemand, den sie kaum kennen, eine Stimme, die sonst niemand hören kann, sagen: kündige deinen Job, schließ dein Haus ab und geh los. Du wirst in einem Weltkonzern, den du nicht kennst, Vorstandsvorsitzender, und das, was du dort machen sollst, ist zwar noch nicht erfunden, aber es ist wirklich eine prächtige Idee. Würden Sie es machen? Abraham ist gegangen, mit seiner ganzen Sippe. Weil Gott ihm den Segen versprochen hat, und die Verheißung, dass er Stammvater eines großen Volkes werden würde. Was für ein Vertrauen! 

Und dieses Vertrauen, diesen Gehorsam stellt Gott jetzt schamlos auf die Probe und bringt Abraham in ein Dilemma, das ihn verrückt werden lassen muss. Was soll er denn machen?? 

– Wenn er Gott antwortet „Du spinnst wohl, ich werde doch nicht meinen Sohn töten, Gott, das kannst du nicht wollen! Ich werde es nicht tun!!“, dann ist es aus mit der großen Verheißung, mit Gottes Segen, mit dem wundersamen Geleit, das Abraham über all die Jahre getragen hat. 

– Ja und wenn er Gottes Befehl ausführt?? Dann ist es erst recht aus mit der Verheißung. Den einen Sohn, Ismael, hat Abraham auf Gottes Geheiß ein Kapitel zuvor schon „in die Wüste geschickt“. Und wenn Isaak jetzt stirbt, dann war’s das mit dem großen Volk. Und mal ehrlich: Wie blöd ist dieser Gott, der sich erst eine irre Mühe macht, einer alten Frau zum Kind zu verhelfen, und genau dieses dann umbringt.

Und Isaak?? Er wird wie ein Objekt behandelt, nein: wie ein Tier, ein Opfertier. Er muss erleben, wie ihn sein eigener Vater fesselt und schon das Messer zückt, um ihn auf einem Altar rituell zu schlachten. Aber dabei steht er gar nicht mal im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern sein Vater wird auch noch gelobt dafür. Und, was in dem Text überhaupt nicht angesprochen wird: Was muss Sara dabei empfunden haben?! Selbst wenn sie es erst im Nachhinein erfahren hat – zum Verrücktwerden! Diese Ehe ist jedenfalls vermutlich in der Krise! Zum Davonlaufen!

Aber Gott will das Opfer ja von vornherein gar nicht. Er will Abraham NUR! testen. Nur testen? Also entweder ist unsere Rede vom allzeit lieben Gott, der für uns wie ein liebender Vater, wie eine liebevolle Mutter ist, falsch, oder wir müssen lernen, von Gott noch viel tiefer, abgründiger, unbegreifbarer zu sprechen. Will Abraham das Liebste grundlos wegnehmen, fordert sinnlosen blinden Gehorsam. Oder die Geschichte ist falsch und muss umgehend aus der Bibel entfernt werden.

Tja. Die Geschichte steht in der Bibel, sie wurde nicht gestrichen, schon eine ganze Weile nicht. Sie wurde nicht einmal relativiert in anderen Texten. Ganz im Gegenteil, es ist eine der Geschichten mit dem meisten Einfluss, der größten Wirkungsgeschichte und dem größten Bekanntheitsgrad der Bibel – ja der Weltliteratur. Im Alten wie im Neuen Testament wird sie etliche Male zitiert (und dabei in keinster Weise kritisiert!), bereits im frühen Judentum gibt es unzählige Auslegungen. Sie hat in den Koran Eingang gefunden und gilt somit auch im Islam, angewandt auf den anderen Abrahamsohn Ismael, als grundlegende Geschichte. 

Warum nur hat diese Geschichte einen so großen Einfluss??

Weil es im Kern eine wunderbare Verwandlungsgeschichte ist, weil es auf den zweiten Blick eine ganz große Befreiungsgeschichte ist.

2.         Ein faszinierender Text

Also, schauen wir genau hin: Diesmal besonders, weil die literarische Qualität dieses Textes faszinierend ist. Er wurde über die Jahrhunderte immer wieder mühsam abgeschrieben, da zählt jedes Wort. Und ich habe mir sagen lassen: Wer ihn im Original, auf Hebräisch liest (und versteht), kriegt Gänsehaut. Noch mehr als im Deutschen. Dem Schreiber ist klar, welche Ungeheuerlichkeit er da erzählt, und so wendet er alle literarische Kunstfertigkeit auf, die ihm möglich ist. Vor 2500 Jahren!  

Zum Beispiel: Der Wissensvorsprung der Leserin. Wir wissen von Anfang an, dass das Ganze eine Probe ist, ein Test, eine Prüfung. Doch Abraham weiß es nicht. Wie viele Filme und Romane arbeiten genau mit dieser Spannung! Wird Abraham es schaffen? Wird er die Probe bestehen? Dann: Das meiste steht zwischen den Zeilen. Wir erfahren genau nichtsüber die Gefühle Abrahams, die Gefühle Isaaks. Doch genau darin liegt die Intensität. Weil wir diese Gefühle fühlen. Der schweigende Gehorsam Abrahams schreit regelrecht. Mechanisch wird beschrieben, was Abraham macht: aufstehen, Esel gürten, Holz spalten… und dann laufen sie drei Tage! Drei Tage! Der innere Kampf, den Abraham da aufzubringen hat, ist kaum vorstellbar, und er steht da: zwischen den Zeilen. 

Sören Kierkegaard hat es später in seinem Werk „Furcht und Zittern“ so interpretiert:  Isaak wird der Vater Israels und des Glaubens, weil er gerettet wird, aber Abraham verliert seinen Glauben an Gott! Nach drei Tagen innerer Empörung über diesen Gottesbefehl kann man den Glaubensverlust des Abrahams verstehen. Schon allein deswegen nicht, weil nicht einfach nur von „Isaak“ die Rede ist, sondern es ist immer der „Sohn Isaak“, ja sogar der „einzige, den du lieb hast“. Feuer und Messer, also die gefährlichen Dinge, nimmt sorgsam der Vater in die Hand, um seinen Sohn zu schützen. Ausgerechnet! Auf dem Höhepunkt der Spannung wird jetzt zeitlich herangezoomt. Der Junge, der das Schweigen nicht mehr aushält, der sich drei Tage lang seine Gedanken gemacht hat, sich gewundert hat über diese seltsame Reise, der vielleicht die Anspannung des Vaters spürt. „Mein Vater!“ spricht er ihn an, auch das rührt die Gefühle der Leserin. Abraham antwortet mit denselben Worten, mit denen er auch Gott geantwortet hat: „Hinneni – Hier bin ich.“ Wo denn das Opfertier sei? Und die Antwort Abrahams: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Das ist der Moment, von dem Kierkegaard sagt, dass Abraham da seinen Glauben verloren habe, weil Abraham seinen eigenen Sohn, den er so lieb hat, anlügen muss über Gott und seine Absichten. Denn was ist diese Antwort? Ist sie eine Lüge? Ist sie Verlegenheit? Feigheit? Oder vielleicht doch im Zusammenhang des Textes noch ein letzter Funke Vertrauen, anders als Kierkegaard denkt? Weiter geht es im Text wieder rührend mit „Und sie gingen beide miteinander.“ Nähe, Vertrautheit, Selbstverständlichkeit klingt in dieser Formel: Und sie gingen beide zusammen. 

Die eigentliche „Bindung Isaaks“ ist kurz und nüchtern beschrieben, man ist überrascht, dass es schon soweit ist. Wieder ist Raum, sich die Dramatik der Handlung auszumalen. Der Text lässt die Spannung bis zum äußersten kommen, die gewählten Worte unterstreichen die Grausamkeit: Abraham reckt die Hand, greift das Messer, um seinen Sohn zu „schlachten“… Wir sind mitten im Showdown! Wahrlich in letzter Sekunde greift Gott ein, der Engel ruft: Abraham! Abraham! Und: Abraham hört!, sagt ein drittes Mal „Hier bin ich!“, reagiert sofort – und die Leserin kann aufatmen. Über Isaak erfahren wir seltsamerweise nichts, aber jedenfalls wird ein Widder statt seiner geopfert, und die Geschichte läuft aus, inklusive der theologischen Deutung des Verdienstes Abrahams und der erneuerten Verheißung des Segens.

Okay, der Text ist also faszinierend in seiner Gestalt: uralt und echt gut geschrieben. An sich sind wir spannende Geschichten auch gewohnt, manche gucken sich auch Grausamkeiten aller Art gerne abends im Fernsehen an. Warum regt uns diese Geschichte also so auf? Erwarten wir als Christenmenschen von der Bibel nicht Geschichten, die uns etwas Wahres sagen? Über den Menschen, wie er ist, aber vor allem doch über Gott, oder? Erwarten wir nicht Trost, Zuwendung? Stattdessen: Provokation. Gewalt. Verrat. Die Unerträgliche Schwere des Seins. Warum? Welch ein Abgrund! 

Lassen Sie uns noch einmal anders hinschauen.

3.         Erfahrungen mit Gott

Lange hat Gott Abraham warten lassen, aber schließlich hat er ihm in hohem Alter doch noch zusammen mit Sara einen Sohn geschenkt. Die Geschichte stellt dies alles nun in Frage. Abraham muss Gott jetzt ganz anders erfahren als bisher. Vielleicht besteht genau darin die Probe: Glaubt Abraham tatsächlich an den lebendigen Gott, oder glaubt er an sein selbstgemachtes Bild von Gott. Wir hätten ja alle gern so einen bequemen Gott, der zu unserem Leben passt. Einen, der sich heran zitieren lässt, für die Moral, für die Politik, für den Anstand, für den Nachbarschaftsstreit, dafür, wie wir die Familie gerne hätten – unseren Gott. So ist es aber nicht. So ist er nicht. Gott ist anders, Gott ist ganz anders, deswegen ist er Gott. 

Und die „Erprobung Abrahams“ ist nicht das letzte Wort. Die direkten AdressatInnen des Textes, nämlich das nach-exilische Israel, weiß längst und ohne Zweifel, dass Gott Menschenopfer verabscheut. Und was er uns hier sagt, in aller Brutalität, das ist: Ich will keine Menschenopfer. Ich will nicht das Liebste abtrennen von dir. Ich will nicht, dass du etwas tust, weil man es eben tut. Das Ritual. Das „so haben wir es immer gemacht“. Das ist vorbei. Es trifft Abraham mitten ins Herz, es muss ihm die Seele zerreißen, weil das, was richtig schien, was geübt war, dieser Gehorsam, diese Gewohnheit so unfassbar falsch und schmerzvoll war. Abraham wird noch einmal raus geschmissen aus seinem gewöhnlichen Leben. Diesmal aber ohne eine Verheißung. Was er bekommt ist das, was er schon hatte, seinen geliebten Sohn. Alles andere ist neu, unsicher. Er erfährt es durch Hören. 

Und Isaak? Isaak durchwandert die Wüste der Seele und er zweifelt. Er fragt. Isaak ist der Ursohn des Zweifels, des Protestes, der kritische Geist. Er geht nicht nur einfach stumm weiter. Und nein: er läuft nicht weg. Er fragt und er bleibt. Wo ist denn das Schlachtopfer? Fragt er und zeigt damit: Ich bin weder blind noch blöd, aber wenn Du, mein Vater, mir sagst, Gott wird das hinkriegen, dass nicht ich das Opfertier bin, dann vertraue ich Dir – und Gott.  

Aber auch er ist es nicht, der die Situation wandelt. Nein, es ist nicht Isaak, der den Schalter umlegt, es ist Gott. Gott macht eine Ansage: nie wieder Menschenopfer. Und mit Jesus Christus schließt Gott den Kreis. Leben und Glauben, das ist nicht Opfer. Das ist Trost, Zuversicht, Verwandlung, Zweifel, das unbestimmte Wissen, dass es ganz anders werden kann und die bestimmte Sehnsucht, dass es gut werden wird. Durch die Wüste. Tagelang. Jahrelang. Was für ein Vertrauen entsteht hier für ein ganzes Volk, eine ganze Welt: Gott verwandelt und befreit, aus Opfer wird Zusage, aus Gefangenschaft wird Befreiung, aus Tod wird Leben?  

Die Geschichte von der Erprobung Abrahams wird nicht erzählt, um eine neue Theorie über Gott aufzustellen. Sie wird vielmehr erzählt, weil Gott verwandeln kann, retten im letzten Moment, heilen in tiefster Ausweglosigkeit. Das macht uns frei, aufrecht und zuversichtlich. Es ist aber auch anstrengend, denn wir können nicht einfach weiterhin so tun, wie es immer war. Und es ist wunderbar, denn wir können uns trauen, zutrauen, vertrauen, wir können die Aufgaben in die Hand nehmen und die Wirklichkeit verändern. Wir selbst, mit Gott, noch mehr aber durch ihn. Weil er uns frei gibt, so wie er Isaak frei gemacht hat.  

Wollen Sie hübsche Geschichten über Gott hören, die das Herz erwärmen? Dann sind Sie bei der Bibel falsch. Hübsche Geschichten, die das Herz erwärmen, halten nämlich dem Leben nicht stand. Wir Glaubende sind interessiert an der Wirklichkeit. An der Wahrheit. Deswegen diskutieren wir so viel auf diesem Kirchentag. Und all denjenigen, die immer sagen, der Kirchentag wäre zu politisch, dem sage ich: Nein, genau das gibt uns die Bibel auf. Dass wir uns fragen, wie unsere Welt ist, und wo wir eintreten, und wo wir auftreten. Weil wir uns fragen, wie die Wirklichkeit ist und wie und wo wir sie verändern. Nur in der Wirklichkeit kann nämlich auch echte Hoffnung entstehen. Echter Trost, der keine Ver-tröstung ist. Auch wenn du Gott im Moment nicht verstehst, auch wenn er grausam scheint und sich selbst widerspricht – vertraue! Er ist immer noch derselbe Gott. Er will das Gute. „Er fügt und fügt.“ So sagte das meine Großmutter. Aber er verändert. Verwandelt. Dich. Du bist manchmal Abraham. Du bist manchmal Isaak. Du gehst nicht, niemals, so wie du gekommen bist. Auch heute und hier nicht. Über das Heute und Hier werden wir reden: nach der Musik.

Vortragslied Mitch Schlüter: Mit allem

4.         Kritik an unserer Wirklichkeit

Er verändert dich und du womöglich die Wirklichkeit. 

Vor 30 Jahren war es nicht Lautstärke, nicht Gewissheit und Selbstgerechtigkeit, nicht Gewalt. Es war letztlich die Kraft von Tausenden von Kerzen, die die DDR zu Fall brachte. Denn mit allem hatte man gerechnet. Aber nicht mit Kerzen und Gebeten. Nicht damit, dass irgendwann, nach tagelangem Wandern durch die Wüste, eine Frage, die Frage nach Freiheit den Stein ins Rollen bringen würde. Da, wo Isaak nach dem Opfer fragt, fragten die BürgerrechtlerInnen der DDR nach Freiheit, und nach und nach immer mehr Bürgerinnen und Bürger sind auf die Straße gegangen und haben gefragt: Wo ist unsere Freiheit? Keine Opfer mehr. Keine Fesseln, kein Gestern. Freiheit und Morgen. Diese Geschichte ist noch wenig im Geschichtsbewusstsein unseres gemeinsamen Landes verankert. Und doch ist es eine Befreiungsgeschichte, und zwar eine von Innen. Und für all diejenigen, die mitbekommen, wenn 30 Jahre friedliche Revolution gefeiert wird, dann bitte ich Sie, wenn Sie hören, dass jemand sagt: „Da ist die Mauer gefallen“ zu sagen: Nee, das Ding war nicht porös. Es wurde zum Einsturz gebracht! Das ist etwas anderes.

Es gibt ein Gedicht des englischen Dichters Wilfred Owen, der die Geschichte der Erprobung Abrahams aufnimmt. Wilfred Owen ist im Ersten Weltkrieg als Soldat gestorben und hat das Entsetzen der Schützengräben in seinen Gedichten verarbeitet. In der „Parable of the Old Man and the Young“ erzählt er 1. Mose 22 ziemlich nah am Bibeltext nach, jedoch mit dem Unterschied, dass er Abraham am Ende nicht auf den Einspruch des Engels hören lässt. Das Gedicht endet mit den Worten, ich übersetze: „Aber der alte Mann hörte nicht und schlachtete seinen Sohn, / und die halbe Jugend Europas, einen nach dem anderen.“  (evtl. 2x lesen)

Krass, oder? Was für eine Deutung! Der erste Weltkrieg als Kinderopfer, natürlich entgegen Gottes Willen. Angeblich einem Auftrag Gottes folgend, also irgendwie „für Gott und Vaterland“ – in Wirklichkeit aber für das Machtstreben der Nationen – starben Millionen. Die Frage lautet nicht „Will Gott dieses Schreckliche?“, sondern: „Warum hören die Mächtigen nicht auf die Stimme Gottes, die unmissverständlich klar macht, dass sie es nicht will?“ 

Und warum erzähle ich die alte Geschichte von dem Kinderopfer Europa? Weil wir uns heute wieder fragen müssen: Wird in unserer Welt das Leben, die Würde, das Wohlergehen der Kinder geopfert für irgendwelche anderen angeblich hohen Ziele? Wenn wir jetzt mehr Zeit und den geeigneten Rahmen hätten, würde ich zu gern Sie fragen, was Ihnen einfällt, aber vielleicht überlegen Sie das ja im Lauf des Tages.

Mir fällt ein, dass uns unsere Jugendlichen seit etlichen Monaten genau dies Freitag für Freitag entgegenschreien: „Ihr opfert unsere Zukunft für euren Profit und eure Bequemlichkeit!“ So kann man doch „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ paraphrasieren, oder? Sie haben recht. Wenn wir nicht schnell und entschieden handeln, umdenken, auf die Stimme, die uns Einhalt gebietet, hören, dann werden die nach uns kommenden Generationen eine andere Erde vorfinden, die kaum noch bewohnbar sein wird oder eben vielleicht sogar keinen Planeten, wie wir ihn kannten. Die Wissenschaft rechnet es uns aus, welche Teile der Welt wann unbewohnbar werden. Und nicht nur unser CO2-Ausstoß zerstört die Schöpfung, den wir für lobbygesteuerte Mobilität, für subventionierten Kohleabbau und für ausartenden Fleischkonsum in Kauf nehmen. Gleichzeitig sorgen wir Menschen gerade für das größte Artensterben seit dem Aussterben des Dinosauriers. Dabei opfern wir unserer giftbasierten Landwirtschaft und Industrie die biologische Vielfalt, aber auch wiederum das Leben unserer eigenen Nachkommen durch die Zerstörung wesentlicher Ökosysteme. Ich will mir gar nicht ausmalen, welche Kriege und Migrationsbewegungen durch die menschengemachte Klimakatastrophe kommen werden, wenn wir nicht jetzt entschieden handeln. Und so sehr wir uns an diesem Morgen auf diesem Kirchentag wahrscheinlich alle aufregen über diese Opfergeschichte, über dieses Kinderopfer, so sehr sollten wir rausgehen und uns darüber aufregen, dass wir dabei sind, diesen Planeten, die Lebensgrundlage unserer Kinder, unserer Enkel zu zerstören. So sehr sollten wir mit aller Dringlichkeit jeden Tag (wunderbar, wenn jemand sein eigenes Leben ändert), aber eben auch sagen: Die Politik muss sich ändern, und zwar in Deutschland, und zwar in Europa, und zwar weltweit. Die Dringlichkeit, um die es hier und heute geht, die ist nicht mehr ein Hobby, die ist nicht mehr eines von vielen Politikfeldern, sondern wir alle hier wissen genau, weil wir es uns angeschaut haben, weil wir die WissenschaftlerInnen gehört haben, und weil wir die drängenden Fragen derer, die nach uns kommen, gehört haben, wir wissen: wir haben keine Zeit. Jetzt handeln, das ist angesagt. Jetzt aussteigen aus dem Alten und das Neue verbinden mit Hoffnung, mit Zuversicht, sogar mit Trost darüber, dass diese zukünftige Welt wirklich bewohnbar sein wird, für alle, und zwar für alle gemeinsam. 

Und wenn ich sage „für alle gemeinsam“, dann lassen Sie uns fragen: Wo ist es noch so, dass wir die nach uns kommenden Generationen nicht mehr ernst nehmen als Teil unserer Gesellschaft, als Teil unserer selbst? Wie sieht es aus mit der Jugendarbeitslosigkeit, die in vielen Ländern unseres Europas unerträglich hoch ist? Eine kluge europaweite Politik, die nicht Sparzwänge und Bankenrettungen über alles setzt, wäre gefragt und könnte auch wirklich etwas bewirken.

Aber auch: Wie ist es mit den Missbrauchsfällen in den Kirchen? – Aber halt: Nein, das ist kein „Missbrauch“. Das ist Gewalt! Gewalt gegen Kinder. Wie vielen Opfern in unseren Kirchen wurde ihr Recht verwehrt, um nach außen das gute Bild „der Kirche“ zu wahren? Kinderseelen wurden zerstört – und geopfert für, ja, für was eigentlich?

Aber auch im Kleinen gibt es oft scheinbar höhere Ziele als das Wohlergehen und die Freiheit der Kinder. Wenn unerfüllte Lebensträume auf die Tochter projiziert werden und sie keine Chance hat, ihren eigenen Weg zu finden. Dann muss die Spitzenpianistin aus ihr werden, egal unter welchen Entbehrungen. Dann muss der väterliche Betrieb weitergeführt werden, egal, welche ganz anderen Talente und Träume eigentlich im Sohn stecken würden. Die Kinder leben zu lassen, die Kinder frei zu lassen ist gar nicht so selbstverständlich.

Und wie oft geschieht dies alles unter dem Vorwand eines „Befehls Gottes“? Also zu einem höheren Zweck, für den Familienbetrieb, für „die Wirtschaft“, für „die Konjunktur“, für „das Vaterland“. Dagegen ist die unmissverständliche Aussage unseres Textes heute: Gott. will. keine. Kinderopfer. Keine Menschenopfer.

5.         „Hier bin ich“

Ich will noch einmal zurückkommen auf den Begriff der „Erprobung“ Abrahams. Er wird erprobt. Er bewährt sich. Worin? Abraham gilt ja als der Vater des Glaubens. Worin genau ist er uns Vorbild in dieser Geschichte?

Etwas fällt sehr deutlich auf: Abrahams dreifaches „Hinneni“ – „Hier bin ich.“ In einem altorientalischen Text steht kein Wort zufällig. Erst recht aber ist es niemals ein Zufall, wenn etwas dreimal dasteht! Also: Der Text legt großen Wert darauf, dass Abraham so antwortet: „Hier bin ich.“, und zwar das erste Mal gegenüber Gott, das zweite Mal gegenüber Isaak, und das dritte Mal gegenüber dem Engel JHWHs.

Abraham sagt nicht: „Später.“ oder „Mein Büro wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.“ Er sagt auch nicht „Was ist denn jetzt schon wieder?“ Nein. Er sagt „Hier bin ich.“

Wann sagen wir „Hier bin ich“, wenn wir gerufen werden? Wann sind wir einfach ganz da, wenn uns jemand etwas sagen will? Wann hören wir wirklich zu und sind nicht in Gedanken ganz woanders, zum Beispiel auf dem Smartphone? Wenn mein Partner mir etwas sagen will. Vielleicht eine Kritik. Vielleicht eine tiefe Sehnsucht. Vielleicht eine Liebeserklärung. „Hier bin ich.“ Wenn mein Kind mich braucht und mich ruft, vielleicht gar nicht mit Worten. Vielleicht durch Auflehnung, oder durch schlechte Zeugnisse. Nicht: „Ändere dich! Streng dich an!“ sondern „Hier bin ich.“ Wenn meine alte Nachbarin mir zum tausendsten Mal ihr Lebens-Trauma erzählen möchte. „Hier bin ich.“

Abraham ist ein Held des Hörens. Ein Hör-Held. Wo gibt es solche Hör-Heldinnen in unserer Welt? Die Jugendlichen der Klimabewegung. Ja, natürlich. Sie haben gehört, was die Wissenschaft über unsere Klimapolitik sagt. Sie haben zugehört. Sie haben sich darin persönlich angesprochen gefühlt. Und sie sagen nicht: „Ich kann jetzt nicht, leider Schule freitags…“ oder „Was soll ich schon ausrichten?“. Das mit der Schule finde ich ja besonders lustig – es regen sich ja so viele auf. Ich bin ja übrigens sehr dafür, dass man in die Schule geht, und dass die Schulen gut sind. Ich wurde das gestern gefragt in einer Diskussion, ob ich das nicht auch wichtig finde. Ja. Aber was ich wirklich crazy finde ist, wenn die Leute, die nicht über die Klimapolitik diskutieren wollen, die sich nicht bewegen wollen, dann lieber über Schuleschwänzen reden, und zwar in den gleichen Schulen, in denen keine Lehrer da sind, damit der Unterricht wirklich stattfindet… „Hier bin ich.“ und nicht „Was soll ich schon ausrichten?“

Mir fallen unsere christlichen Glaubensgeschwister ein, die weltweit verfolgt werden. Sie fühlen sich angesprochen von den biblischen Texten, von der Freiheit, die daraus spricht. Und sagen nicht „Ich kann aber nicht, sonst bekomme ich Nachteile.“ Nein: „Hier bin ich.“ 

Mir fallen all die Pflegerinnen und Pfleger ein, die sehr darunter leiden, dass ihr „Hier bin ich“ ihren Patienten gegenüber im Alltag so oft durch Zeitdruck und andere Zwänge verunmöglicht wird. Echte Hör-Heldinnen sind sie, die unter schwierigen Arbeitsbedingungen und unterbezahlt dennoch immer wieder ein echtes „Hier bin ich“ hinbekommen, und ich sage: Danke, dass ihr da seid!

Mir fallen diejenigen Landwirte ein, die auf biologische und nachhaltige Landwirtschaft umgestellt haben und umstellen. Neulich habe ich einen getroffen, der sagte: „Ja, bei uns in Sachsen, da, wo ich wohne, die haben mich schon komisch angeguckt, als ich gesagt habe, ich bin jetzt Öko-Bauer… Und der Sohn hat gesagt, Ne Vater, und vorher hast du mich auch komisch angeguckt, und jetzt machen wir das zusammen.“ „Hier bin ich!“ Ausgestiegen aus dem „Das war schon immer so…“ 

Mir fallen all die Demos gegen Rechts ein, die in den letzten Jahren von engagierten Menschen organisiert und unterstützt worden sind und werden. Sie nehmen wahr, dass da etwas ganz, ganz schief läuft. Und sie sagen nicht „Aber wenn mir etwas passiert?“ oder „Auf der Couch ist es bequemer.“ Nein: „Hier bin ich.“ Und mir fallen PolitikerInnen ein in Kommunen, die sich engagieren über viele, viele Jahre, die nicht weggehen, die stehen bleiben und immer wieder sagen „Hier bin ich!“ – wenn es um Rassismus geht, werde ich meine Stimme erheben. Und in diesen Tagen werden gerade sie bedroht. In diesen Tagen wird ihnen signalisiert: Wir wissen, wo ihr wohnt, wir wissen, was ihr tut. Und ich finde, die Zivilgesellschaft in diesem Land sollte all denjenigen, die sich in Kommunen als PolitikerInnen, als Engagierte, als Zivilgesellschaft immer wieder trauen sich hinzustellen und sich aufzustellen, sagen: „Wir stehen hinter euch! Wir stehen bei euch, es kann nicht sein, dass irgendjemand irgendetwas nicht mehr tun kann politisch, weil er bedroht wird… das gehört zu unserer Demokratie!“ Und ich bitte Sie, helfen Sie mit, dass all diejenigen das weiterhin tun können mit ihrer ganzen Kraft.

Und natürlich: Mir fallen die SeenotretterInnen im Mittelmeer ein. Auf dem Markt der Möglichkeiten kann man sie treffen. Sie sagen nicht: „Sollen doch die anderen.“ oder „Wenn die sich in so ein Boot setzen, sind sie selber schuld.“ Ja, sie sagen nicht einmal: „Ich muss jetzt aufhören, denn mein Rettungseinsatz wird kriminalisiert, ich riskiere Gefängnisstrafen.“ Nein. Sie haben gehört, dass Menschen ertrinken, und dass niemand sie rettet. Und daraufhin sagen sie das einzige, das jeder Mensch daraufhin sagen sollte: „Hier bin ich.“ Sie riskieren viel, und ihr Einsatz ist ein Einsatz für die europäischen Werte, für das, was uns verbindet in diesem gemeinsamen Europa. Das ist ein Einsatz für Menschenleben, aber sie retten auch das, was wir als europäische Werte immer selbstverständlich gehabt haben. Das „Hier bin ich“ der SeenotretterInnen ist für mich ein echt heldenhaftes „Hier bin ich!“ Und ich sage: Vielen, vielen Dank dafür! Und ich sage all denen, die diese Arbeit diffamieren, die so tun, als ob da etwas Illegales dran wäre: Wenn es so ist, dass wir in Europa die Menschenwürde auf illegale Weise verteidigen müssen, dann müssen wir uns fragen, was wir für einen Begriff von Illegalität haben.

Aber auch in diesen Tagen, wo es plötzlich darum geht, nächste Woche im deutschen Bundestag, dass wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten will, man sich bitteschön einzuordnen habe in unsere Lebensverhältnisse. Ich weiß jetzt nicht, wie Ihre Lebensverhältnisse sind. Ich weiß, wie meine sind. Und ich kenne ein paar Nachbarn, von denen ich sagen würde, in deren Lebensverhältnisse möchte ich mich nicht so gerne einordnen. Die haben aber auch deutsche Urgroßeltern. Nein, wir brauchen auch keine neue Leitkulturdiskussion darüber. Wir müssen uns darauf verständigen, wie wir in diesem Land gut miteinander leben wollen. Das ja, das wohl. Aber wir sind nicht diejenigen, die sagen: Du hast so zu leben und anders geht es nicht! Nein, wir treten selbst aus, aus dem Alten, wir sagen selbst: Wir verändern die Wirklichkeit, umso mehr, ist das „Hier bin ich“, zu sagen: Miteinander in diesem Land, miteinander in Europa, ja was denn sonst? Zusammenhalt kommt ja nicht von alleine.

Ich muss jetzt aufhören mit Aufzählen, sonst sitzen wir noch bim Abendsegen hier. Denn ich würde hier im Raum Hörende finden, denen nicht egal ist, wie es ist. Die eben genau deswegen hier sind: Was für ein Vertrauen! Entscheidend dabei ist aber noch etwas, das wir von Abraham in seiner Erprobungsgeschichte lernen können. Er sagt nicht einmal „Hinneni“ und führt dann den gehörten Auftrag blind aus. Nein, er bleibt aufmerksam, er bleibt ein Hörender. Isaak, der Ursohn des Zweifels fragt. Und Abraham, der Gehorsame? Gott geht raus und sagt: Ge-hor-sam! Das ist heute etwas anderes. Es geht nämlich nicht mehr darum, blind zu folgen, sondern es geht um Ge-hör-sam! Hör hin, was der andere dir sagt!

Diese Haltung Abrahams bewirkt sein zweites Hinneni gegenüber seinem Sohn. Er bleibt beziehungsfähig! Sogar in dieser Extremsituation. Isaaks Frage muss Abraham wie ein Pfeil ins Herz treffen. Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Wie menschlich wäre es an dieser Stelle, wenn Abraham sich abwenden würde. Wenn er irgendetwas in seinen Bart nuscheln würde. Wenn er sagen würde „Isaak, stell jetzt bitte keine Fragen, ich weiß schon, was ich tue.“ oder so ähnlich. Aber auch hier sagt Abraham „Hier bin ich, mein Sohn!“ Und er eröffnet so die Möglichkeit, dass sie „beide miteinander gingen“ Miteinander. Auch in dieser schrecklichen Situation.

Und natürlich bewirkt die hörende Haltung Abrahams, dass er im entscheidenden Moment innehält, umkehrt. Dass die Geschichte eben nicht ausgeht wie bei Wilfred Owen im vorhin genannten Gedicht. Abraham hört den Einspruch des Engels JHWHs in letzter Sekunde, sagt zum dritten Mal „Hier bin ich“. Das ist wichtig, liebe Schwestern und Brüder. Nicht das einmal Gehörte durchziehen, koste es was es wolle. „Wer A sagt muss auch B sagen.“ Nein, nicht immer. Es gibt auch notwendige Kurskorrekturen. Es gilt auch, vor sich selber und den anderen zuzugeben, dass ich mich verrannt habe, dass ich lieber aufhören, umkehren sollte. Und es dann auch zu tun. Aufmerksam bleiben, fragen, hören, prüfen, ob es auch weiterhin gut ist, was ich mache. Im entscheidenden Moment. Wenn Sie hier rausgehen, dass würde ich gerne, dass Sie und ich darüber nachdenken, wo dieser entscheidende Moment in unserem Leben ist, im Kleinen wie im Großen.

In diesem hörenden Vertrauen ist Abraham uns Vorbild. Ja, ich glaube, liebe Schwestern und Brüder, dass darin die Pointe der Geschichte der Erprobung Abrahams liegt. Abraham hat seine Probe deswegen bestanden, weil er ein Hörender geblieben ist. Er hat sein Vertrauen auf Gott nicht aufgegeben, als dieser grausam sich selber zu widersprechen schien. Er hat sein Vertrauen nicht aufgegeben, als die Beziehung zu seinem Sohn auf unerträgliche Weise gefährdet war. Und sein Vertrauen hat dazu geführt, dass alles verwandelt wurde. Was für ein Vertrauen!

6.         Schluss: Was für ein Vertrauen!

Haben Sie gemerkt? Wir sind mit großer Empörung gestartet und am Ende beim Motto dieses Kirchentages rausgekommen. Wie schön!

Also lassen wir uns hier, in diesen Tagen, stärken in diesem Vertrauen. Lassen wir uns ein auf dieses Vertrauen Abrahams, das uns erstens einlädt, die Wirklichkeit nicht schönzureden, sondern alle Widersprüchlichkeiten anzuschauen, auszusprechen, auch die, die scheinbar in Gott selber stecken. Lassen wir uns zweitens ein auf dieses Vertrauen in den Gott des Lebens, der keine Kinderopfer will, niemals, nicht damals, nicht heute, für keinen scheinbar höheren Zweck der Welt. Und lassen wir uns drittens ein auf dieses Vertrauen, das uns zu Hörenden macht. Auf dass wir wirklich bei den Menschen sind und Gottes Einspruch im richtigen Moment wahrnehmen. Auf dass wir wirklich bereit sind, unsere Wirklichkeit in Frage zu stellen, auf dass wir wirklich bereit sind, einzuhalten, anzuhalten. Auf dass wir wirklich bereit sind, rauszugehen, die Tür hinter uns zuzuschließen, und wahrscheinlich wird keiner kommen und sagen: „Sie könnten einen Weltkonzern leiten, mit einer Idee, die noch nicht geboren ist.“ Aber da draußen gibt es eine ganze Menge Leute, die sagen: „Wir wissen schon, was zu tun ist!“ Ihr könntet eure Tür abschließen und rausgehen und mit uns zusammen diese neue Wirklichkeit machen. Das ist Gottvertrauen. Das ist das, was wir meinen, wenn wir Vertrauen wagen. Dazu will ich Sie einladen an diesem Morgen auf diesem Kirchentag, aber noch mehr, wenn Sie am Sonntag mit dem komischen Onkel abends telefonieren, den Sie nicht so mögen, und der es auch nicht versteht, dass Sie auf den Kirchentag gehen und mit all diesen netten Leuten was zu tun haben: Erzählen Sie ihm etwas von der neuen Wirklichkeit. Und am Montag, wenn Sie arbeiten gehen oder wenn die Nachbarin sich wieder darüber aufregt, dass diese jungen Leute doch alles in Frage stellen, dann sagen Sie ihr: „Ich habe ein paar von denen getroffen, großartige junge Menschen. Die sind mutig. Und die haben Vertrauen. Was für ein Vertrauen! An diesem Kirchentag, auf dieser Welt. Das ist Trost, das ist Hoffnung, und das ist wunderbar. 

Und das ist eine große Sehnsucht, von der ich gerne mit Ihnen singen will unter der Nr. 27. Herzlichen Dank. Gehen Sie in diesen Tag und gehen Sie in diese Welt!

– Schlusslied: Es wohnt ein Sehnen 

Women and #Europe. A night with writers, scientists, politicians and simply great human beings in #Berlin, with ⁦@vestager⁩ ⁦@mettelykke⁩ ⁦@francescavallo⁩ ⁦@GoeringEckardt⁩ ⁦@ulle_schauws⁩ &more. Thanks to ⁦@fbrantner⁩ for the idea to Xchange!

"We are told, that our world was built by men. Lets make the women visible that shaped our world."

Amazing words by @francescavallo of @rebelgirlsbook at a great night by @GrueneBundestag on women in Europe. Lets use knowledge on the fights before us to build a better future! 💪

Wir müssen in Europa viele Herausforderungen gemeinsam meistern. Wie wir das schaffen, diskutieren wir heute aus feministischer Perspektive bei #EUrolemodels. Los geht's mit einer Lesung von @rebelgirlsbook. 💪

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