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20.12.2018

Weihnachtsvorlesung Uni Bayreuth

Weihnachtsvorlesung Uni Bayreuth vom 18.12.2018

Titel: Das Prinzip Heimat: Über Zugehörigkeit und Solidarität 

„Heimat“ ist derzeit der heiße „Scheiß“ in der deutschen Politik. Der Begriff findet in unterschiedlichen Zusammenhängen Verwendung: als Sehnsuchtsort in einer zunehmend unübersichtlichen Welt, als Kampfbegriff von Rechtsaußen oder sogar als Bezeichnung eines Bundesministeriums. Der Begriff lässt niemanden kalt – und er bleibt im Kontext deutscher Geschichte ambivalent.

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Eckardt Nagel, liebe Lehrende, liebe Studierende, werte Gäste, meine Damen und Herren,

Danke für die Einladung, Danke an die Universität Bayreuth, die Lehrenden, die Studentinnen und Studenten und die Bayreuther und Bayreutherinnen, dass Sie im Vorweihnachtsstress kurz mit mir hier Inne halten wollen. Und Danke Prof. Nagel fürs Organisieren. 

Es ist mir eine Freude hier zu sein, rein politisch ist es natürlich immer toll in einer Stadt zu sein, die bekannt ist für ihren „grünen Hügel“. 

Ich habe mir die Redner der letzten Jahre angeschaut und das ist schon eine sehr illustre Reihe, es ist mir eine Ehre dabei zu sein – vor allem als Frau, das erscheint mir nicht soooo üblich 😉   

Bayern kommt nach dem Wahlkampf politisch langsam zur Ruhe, viele von Ihnen mögen sagen: Gottseidank. Und angesichts des Sommerstreits innerhalb der Union stimme ich Ihnen zu, Wahlkampf vorbei, aber die politischen Herausforderungen, sie sind umso drängender.

Heimat: Warum jetzt? Was ist Heimat?

Und dann rede ich über das Prinzip Heimat. Ausgerechnet, als Grüne. Manche von Ihnen werden sich fragen: Warum redet eine Grüne über Heimat? Glauben Sie mir, in Berlin fragen sich das auch viele. Aber beim Prinzip Heimat, über das ich heute sprechen möchte, geht es umdie Grundfrage unserer Demokratie, unseres Landes: Den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Rückblickend auf dieses Jahr können wir feststellen. Da ist etwas aus den Fugen geraten und es ist an uns zu handeln. Und wenn ich „uns“ sage, meine ich es nicht als Synonym für „die Politik“, sondern wirklich Sie alle, uns alle.  Denn Zusammenhalt können wir in einer Demokratie nicht von oben verordnen. Es gibt keine dritte Gesetzesnovelle zur Feststellung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Kein Kabinettsbeschluss, kein Bundestagsantrag kann ihn von oben verordnen. Nein, man muss ihn aus der Gesellschaft heraus befördern, über alles Trennende hinweg, die Gemeinsamkeit stärken und vor allem. Und wir müssen ihn auch wollen. 

Ich spreche heute über das Prinzip Heimat, gerade weil ich glaube, dass wir in der Debatte über Heimat diesen Zusammenhalt wieder stärken können. Denn das Prinzip Heimat beruht vor allem auf zwei Aspekten: Zugehörigkeit und Solidarität. 

Aber lassen Sie mich zunächst mit einer vermeintlich einfachen Frage starten: Was ist Heimat? Vorverständnisse von Heimat gibt es so viele wie Heimatgefühle, sie ist zunächst vor allen philosophischen und politischen Definitionsversuchen eine sehr persönliche und individuelle Gestimmtheit. Meistens ist sie mit einem Gefühl der Geborgenheit, der Vertrautheit mit den Dingen um uns herum verbunden. Man fühlt sich sicher, zugehörig und anerkannt. Heimat ist ein Ort, an dem man die Zuversicht hat, dass es hier so richtig ist, wie es ist. Heimat ist aber zugleich immer ein Ort der Sehnsucht, ein Ort, den wir mit uns rumtragen, den es so aber nicht mehr gibt, oft ist es der Ort der Kindheit. Meine Heimat ist Gotha, weil ich da in der Nähe aufgewachsen bin. Ihre Heimat ist Bayreuth, weil sie da wohnen oder studieren. Und dann wäre die Vorlesung auch schon wieder zu Ende. Wir nehmen also den Geburtsort, Ort der Arbeit, Wohnort und dann haben wir sie schon die Heimat. Vorlesung aus. Wir können alle wieder nach Hause gehen. (Pause) 

Ich frage Sie. Überlegen Sie kurz und was verbinden Sie als Erstes mit Heimat. Und rufen Sie es ihrer Sitznachbarin und ihrem Sitznachbarn entgegen. Ein ganz schönes Durcheinander. 

Der Heimatbegriff ist offenbar vielschichtiger, sonst würde er auch nicht solche Emotionen auslösen. Als ich für die grüne Bundestagsfraktion 2009 eine große Heimatkonferenz organisiert habe, gab es dazu ein kleines Begleitheft mit Texten. Der inzwischen leider verstorbene Publizist Roger Willemsen schrieb darin „Wir sind alle Heimatvertriebene“ und meinte wohl genau dies: dass wir alle ständig auf der Suche nach diesem – vergangenen – Sehnsuchtsort sind.  Joachim Meyerhoffs berühmter Titel spiegelt die Ambivalenz: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“

Auch bei den abstrakteren Definitionen von Heimat zeigt sich eine schillernde Vielfalt. Johann Gottfried Herder schrieb „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“. Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger bezeichnete Heimat als eine – Zitat – „Besänftigungslandschaft“, die dazu da ist, die Spannungen der Wirklichkeit zu kompensieren. Und der Schriftsteller Jean Améry meinte in seinem Text „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ (Zitat) „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ (Zitat Ende)  

In den Tagebüchern von Max Frisch findet sich einer seiner berühmten Fragebögen – eigens zum Thema Heimat. Damals, im Jahr 1971, stellte er zum Beispiel folgende Frage: (Zitat) „Welche Speisen essen Sie aus Heimweh und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?“ (Zitat Ende) [Meine Mitarbeiter würden diese Frage übrigens dieser Tage sofort für mich beantworten können, sie haben bei mir eine akute Stollensucht diagnostiziert.] 
Frisch stellt aber noch diese, etwas nüchternere Frage: „Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?“ Die meisten Menschen würden heute wohl klar und bestimmt antworten: ‚Nein!‘ Denn ich denke, es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass es so etwas wie ein neues Heimatbewusstsein gibt. Auch in der Politik. Aber gerade in der Politik, jenseits der persönlichen Heimaterfahrungen, gibt es gerade eine große Debatte um die Heimat. Warum ist das so?

Der Begriff Heimat im Politischen lässt niemanden kalt. Er bleibt ambivalent im Kontext deutscher Geschichte, verbrämt durch Biedermeier, Gemütlichkeit und die schwülstigen Heimatfilme der fünfziger Jahre, und vor allem schwer belastet durch die Funktionalisierung während des Nationalsozialismus. 

Heimat bedeutet emotionale Bindung, sie wird von einer „rationalistischen“ politischen Linken deshalb kritisch beäugt. ABER, sollten Gefühle in der Politik per se rechts sein? Ganz im Gegenteil! Die Linke Idee der Solidarität lebt zum Beispiel von Empathie und Nächstenliebe. 

Die Wahrnehmung des Begriffs ist zutiefst individuell, auch wir Grüne haben keine einheitliche Definition. Heimat steht für manche für Geborgenheit und Zugehörigkeit, aber auch für Einengung, Besitzanspruch und Abgrenzung gegen Fremde. 

Und trotzdem, nein, DARUM rede ich in der Politik über Heimat, eben WEIL es kein einfacher und eindeutiger Wohlfühlbegriff ist. Wir erleben, wie Heimat eine neue Konjunktur erlebt. Und das liegt nicht am Bundesinnenministerium, das jetzt ein Ressort namens Heimat hat. In Bayern kennen Sie das ja bereits schon. Hat es eigentlich mehr Heimat gebracht? 

Ich beobachte auch, dass die äußerste Rechte versucht, Heimat als Kampfbegriff zu instrumentalisieren und gegen alles Fremde zu wenden, Innen und Außen. Die Fremden sollen keinen Platz haben und das Fremde erst recht nicht. In etwa so wie Methusalix das bei Asterix für sich definiert: „Viele meiner Freunde sind Fremde, aber diese Fremde sind nicht von hier.“ 

Für die einen ist Heimat deshalb zu einem kontaminierten, quasi toxischen Wort geworden. Weil die Rechten es so gerne im Mund führen, sollte man sich am besten nicht daran die Zunge verbrennen – oder zumindest nicht mit Politik in Verbindung bringen. Man begäbe sich dann politisch und gesellschaftlich in eine gefährliche Sphäre des Irrationalen. Und für die anderen ist es der Sehnsuchtsort schlechthin, der Ort, den es zu erhalten gilt. Die gestiegenen Zustimmungswerte für die Grünen kann man verschieden interpretieren. Eine durchgängige Analyse sagt jedoch: es geht um die Erhaltung der Natur, mithin der Heimat. 

Kann, und wenn ja wie, Heimat eine Antwort auf die Verunsicherung der Menschen sein kann – und wie lauten dann genau die Fragen? Und kann Heimat gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?

Bei der Sehnsucht nach Heimat geht es um den Wunsch des „flexiblen Menschen“ – um einen Begriff des Soziologen Richard Sennett zu nutzen – sein Leben in den Griff zu bekommen. Der Wunsch, durch das Gefühl von Zugehörigkeit nicht dem unbekannten, unsicheren Lauf der Dinge überlassen zu sein. Und wer will das nicht jeden Morgen?

Von allen wird Mobilität und Flexibilität erwartet und so wird jener Ort, der Geborgenheit und Sicherheit verspricht, fraglicher. Nicht einfach, weil man den Ort der Geburt und der Herkunft verlässt, sondern weil auch jeder neue Ort nur ein vorübergehender sein kann. Heimat ist also prekär geworden. 

Die Arbeitswelt verlangt von uns, dass wir mobil sind. Wer immer wieder den Ort wechselt, zum Studieren, für den Job, wer als Pendler eine Wochenendbeziehung führt, wartet länger, bis eine Familie gegründet und ein Nest gebaut ist. Wer immerzu in alle Richtungen vernetzt sein muss, findet den einen Ort Heimat schwerer. Und wer ständig entwurzelt wird, hat es schwerer, Zugehörigkeit zu empfinden. Und dann kommen noch Menschen dazu, die fliehen mussten, die ihre Heimat, für viele unwiederbringlich, verloren haben.

Heimat ist nicht ein für immer Gegebenes, nichts Alternativloses und Selbstverständliches, sondern muss als utopischer Ort erst gefunden werden. Und Heimat ist konfliktbeladen, ja, MUSS konfliktbeladen sein. Denn eine harmonische Vorstellung von Heimat, die nur ein idyllisches Bild zeichnet, verkennt das Konflikthafte jeder Suche nach Heimat und ist gerade deshalb für die politische, für die gesellschaftliche und ebenso übrigens für eine religiöse Debatte ungeeignet. Heimat ist keine Idylle, genauso wie die Demokratie keine ist.

Der englische Essayist Gilbert Keith Chesterton schrieb einmal sinngemäß: das Leben in der Großstadt ist eintönig, da man dort nur Umgang mit Seinesgleichen hat, abenteuerlich und abwechslungsreich sei es hingegen auf dem Dorf, da man dort Umgang mit so wildfremden Menschen wie der eigenen Großtante hat. Was er damit sagt: selbst am prototypischsten Heimatort, dem Ort in der Provinz, macht man Fremdheitserfahrungen. Selbst da, wo es überschaubar ist, begegnen uns Aliens wie eben die eigene Großtante. Im Ernst, das ist in der aktuellen Debatte, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt: dass wir uns nicht erzählen lassen sollten, es gäbe eine Heimat ohne Konflikt, ohne Andere, ohne Erfahrungen der Fremdheit und der Befremdung. 

Es kann aber keine demokratische Politik ohne Konflikt geben. Dann wäre es Diktatur.

Heimat ist für uns etwas, das Gegenstand von Streit und Aushandlung ist, nicht zuletzt und gerade in der Einwanderungsgesellschaft und in der Weltphase, in der die Rettung des Planeten in den Vordergrund rücken muss.   

Am Ende der Debatte kann also auch kein schlüsselfertiges Gesellschaftsmodell als Angebot stehen. Der eigentliche Wert liegt in der Debatte selbst, im Ringen darum, wie Zusammenhalt, Zugehörigkeit und der Gestaltbarkeit der eigenen Umwelt geschaffen werden kann. In besonderer Weise übrigens letzteres. Dahinter steht nämlich die Frage, habe ich Einblick, habe ich selbst Gestaltungsmacht, kann ich die Verhältnisse ändern?

In Berlin veranstalte ich sogenannte „Heimatsalons“, wo wir genau diese Debatte führen. Und ein Teilnehmer hat dort seine persönliche Definition von Heimat gegeben, die das „Prinzip Heimat“, um das heute geht, sehr gut darstellt: 

Heimat, das ist dort, wo es mir nicht egal ist, wie es ist. 

Das ist subjektiv. Aber es enthält zwei Elemente, die für mich prägend sind für das „Prinzip Heimat“. Erstens Zugehörigkeit, also: wo gehöre ich hin? Oder breiter gefragt: Wer in unserer Gesellschaft ist „drinnen“? Und wer ist „draußen“? 

Wie schaffen wir also in der polarisierten Gesellschaft ein möglichst großes „Drinnen“ – also wie stärken wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt? 

Zusammenhalt ist auch ein guter Punkt für den zweiten Aspekt dieser Definition des Prinzips Heimat: Wo es mir nicht egal ist, wie es ist. Denn das ist die Solidarität: Wo mache ich mit, wo beteilige ich mich? Und wie ermöglichen wir Beteiligung? Auch auf diesen Aspekt, die Solidarität, werde ich im Folgenden eingehen. Aber zunächst zur Zugehörigkeit.

Zugehörigkeit

Flucht/Integration/Rechts

Kommen wir zurück zu Asterix. Sie erinnern sich. „Diese Fremden sind nicht von hier.“ Mir fällt auf, dass viele vor allem darüber reden, wer NICHT dazu gehören soll. Zum Beispiel der Islam. Die Flüchtlinge. Die Ostdeutschen. Die Westdeutschen. Die Feministinnen. Die weißen alten Männer. Wir haben eine polarisierte Gesellschaft, wir haben das gesehen dieses Jahr in Chemnitz, in Köthen, aber auch im Ruhrgebiet. 

Der Heimatbegriff eignet sich bestens zur Instrumentalisierung.  Warum? Jeder persönlich kann leicht und für sich stimmig festlegen, wer zur Heimat gehört und wer nicht. Man lässt also einfach etwas anklingen und am Ende kann jeder definieren, was er oder sie sich wünscht.

Ein Beispiel: Die umstrittene Südtiroler Band Frei.Wild verdeutlicht dieses Abwehrdenken sehr gut in ihrem Lied „Land der Vollidioten“, in dem es um Kreuze in Schulen und das Heimatverständnis der Band geht: „Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt/Vor andersgläubigen Kindern/Das ist das Land der Vollidioten/Die denken Heimatliebe ist gleich Staatsverrat/Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten/Wir sind einfach gleich wie ihr … von hier“.  In dem kleinen Wort „von“ steckt hier der Unterschied zwischen einem offenen und einem geschlossenen Heimatbegriff: der offenen, liberalen Idee geht es um das Zusammenleben mit den Menschen, die einfach hier sind, während es frei.wild allein um die geht, die „von hier“ sind, also schon länger da sind als die anderen. Letztere haben aus ihrer Sicht weniger Rechte und weniger Anspruch darauf, ihre Heimat eben hier zu finden. 

Da geht es nicht nur um „Zugezogene“, sondern vor allem um Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Die sich sehnen nach einer Sicherheit, die sie in ihrem alten Zuhause nicht hatten, weil dort Krieg oder Armut oder die Folgen der Klimakrise menschliches Leben schwer oder unmöglich machen.

Aber was passiert mit den Menschen, wenn es kein Zurück gibt? Wohin richten sie ihr Heimweh eigentlich?

Wer könnte diese Sehnsucht eigentlich besser verstehen, als wir Deutsche? 

Auch die Familiengeschichten in unserem Land beginnen oft mit aus der Heimat Vertriebenen, Ortlosen, Dazugekommenen. Heimat nimmt man mit, sagt ein Vertriebener. Heimat braucht Ankommen; das ist die Aufgabe.

Und darum hat das Prinzip Heimat, das Prinzip Zugehörigkeit auch sehr viel mit Integration zu tun. Hier leisten jeden Tag Zehntausende Deutsche Unglaubliches – im Ehrenamt. Sie geben Sprachkurse, begleiten Flüchtlinge auf Behördengängen, ja, sie verbürgen sich sogar für ihnen völlig unbekannte Menschen, um Familien wieder zusammenzuführen. Hier sehen wir, wie Zusammenhalt von Innen heraus entstehen kann, indem die Menschen ihn einfach machen. 

Ich glaube, Integration kann nur gelingen, wenn wir unsere Heimat teilen. Ich glaube eben nicht, dass Heimat ein Nullsummenspiel ist. Niemand nimmt irgendjemandem etwas weg. Es ist genug Heimat für alle da.

Aber insofern gibt es auch eine klare Grenze in der Debatte: Wenn Menschen die Heimat abgesprochen werden soll. Wer hier bei uns lebt, sollte die Möglichkeit haben, Heimat zu finden – und zu behalten. Heimat, das ist gerade nicht individuell und in Abgrenzung zu definieren. Heimat ist vielfältig. – Ich muss die vielen Heimatbegriffe aller anderen akzeptiert. Ich muss sie mir nicht zu eigen machen, aber die Pluralität unserer Gesellschaft muss es aushalten, dass solche Begriffe nebeneinander existieren und unser Rechtsstaat ist dafür da, das durchaus anstrengende Miteinander zu organisieren. Wir müssen es sogar selbst aushalten. Jede und Jeder.

Deshalb akzeptiere ich keine ausgrenzende, rassistische Heimatdefinition. Ich akzeptiere auch nicht, wenn jemand mir seinen Heimatbegriff aufzwingen will. Da kommen wir in ein ebenso gefährliches Fahrwasser wie bei der Leitkulturdebatte. Heimat kann nicht Leitkultur sein, sie kann nicht mal – anlehnend an das englische Wort für leicht – eine „Lightkultur“ sein. Natürlich kann, darf und soll also jede und jeder seinen Heimatbegriff, ihr Heimatgefühl haben. Und erst einmal würden wir wohl sagen, dass es völlig inakzeptabel sei, dass eine dem anderen ihr Heimatbild aufzwingt. Aber das ist eben nicht so einfach. Wenn jemand findet, die Klitorisbeschneidung sei eben Heimat, sagen wir zurecht: wie bitte? Das ist Körperverletzung im schlimmsten und nein, niemals werden wir das akzeptieren. Und nehmen wir es anders herum: unsere Liberalität ist so groß, dass es doch selbstverständlich ist, dass Zeitschriften mit nackten Frauen auf dem Titel im Schaufenster stehen. Und ist es wirklich nicht verklemmt, wenn wir sagen, das gehöre eben dazu? Heimat ist also auch Aushandlung und Klarheit. Recht, Demokratie, Gleichberechtigung, die unantastbare Würde des Menschen sind nicht verhandel- oder aushandelbar. 

Aber noch einmal andersherum: Heimat ist auch der Ort, an dem man sein kann, wie man ist. Wo man sich nicht hinterfragen muss, sich nicht verkleiden oder verleugnen muss. Für viele Menschen, die zu uns kommen, ist das nichts Selbstverständliches. Übrigens auch nicht für viele, die hier geboren wurden. Die Publizistin Carolin Emcke schreibt: „Für die, die nicht der Norm entsprechen, für die, die verspottet oder gedemütigt, die kriminalisiert oder pathologisiert werden, für die, die wie Fremde im eigenen Land behandelt werden, ist Heimat nichts, was gegeben ist.“ [Zitat Ende] 

Einfach nur „sein“ zu dürfen, das ist ein Privileg, das nicht jeder hat, auch in diesem Land. Ja, es ist eine Frage der Zugehörigkeit, wenn es im besten aller Sinne egal ist, woran ich glaube, wen ich liebe, wie ich lebe. Und damit ist es ein Teil meines Prinzips Heimat, eine Heimat zu schaffen, in dem Sie und ich und die Menschen draußen uns nicht gegenseitig ausschließen, sondern dazu gehören und uns füreinander stark machen. Und, um es zu wiederholen. Damit ist keine naive oder romantische Vorstellung gemeint. Denn Heimat, Zusammenleben, Zugehörigkeit braucht selbstverständlich Regeln, Grundsätze, ein Grundgesetz, das einzuhalten ist.

Gerade in unserer hektischen Zeit ist es deshalb so wichtig, Inseln und Momente des Innehaltens, der Gemeinschaft zu schaffen. Das kann auch „ganz woanders“ sein. An jenem ortlosen Ort, den wir Glauben nennen; dem zu Hause sein bei Gott. Für mich ist es da. Diese Heimat im Numinosen ist kein Projekt, sie ist nicht eigentlich planbar. Ja, vielleicht entspringt sie nicht einmal einer Suche des Menschen, sondern umgekehrt: der Glaube will den Menschen, das Numinose verschafft sich Ausdruck in der religiösen Praxis und gibt dem Menschen so ein Zuhause, einen sicheren Hafen. Wenn alles schief geht, alles zusammenbricht, alles abreißt – dann ist da noch der Glaube und die Zuversicht, Hoffnung und Trost! Oder eben auch der Spiegel der Verzweiflung und das Wissen darum, darin nicht allein zu sein. Wer jemals das Buch Hiob durchgelesen hat, weiß was ich meine. Und sollte irgendwer von Ihnen das jetzt tun wollen – lesen Sie bitte dann unmittelbar die Offenbarung des Johannes, quasi als Gegengift. Heimat Glaube also: das muss nicht immer oder nur die Kirche, die Synagoge, die Moschee sein. Die Versicherung in den alten Texten und neuen Auslegungen kann Heimat sein. Psalmen oder Taizégesänge, eine Sure oder frommes Gedicht, ein Abendgebet oder ein Kinderlied. Es kann Altbekanntes sein. Aber eben und ganz sicher auch neu. Beheimatet werden, nach einer langen Reise von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch, von Aufgabe zu Aufgabe und plötzlich zu wissen: Ja, ich bin angekommen, hier gehöre ich hin. Für mich ist es ein Psalmwort, in der ich mich Zuhause fühle: “Unsere Seele war gefangen wie Vogel im Netz des Vogelfängers. Das Netz ist zerrissen und wir sind frei.” Freiheit!

Solidarität:

Was mich ebenso optimistisch stimmt: Die Sehnsucht nach Heimat entsteht durch die Sehnsucht nach Zusammenhalt und Zugehörigkeit. „Wo es mir nicht egal ist, wie es ist“. Das setzt auch den Willen und die Möglichkeit der eigenen Beteiligung voraus. Und hier sind wir beim zweiten Aspekt des Prinzips Heimat, denn die Gestaltung der eigenen Umwelt kann nur solidarisch erfolgen. Eine Heimat kann nicht nur im Abstrakten erschaffen werden, sondern auch sehr konkret, durch die Stärkung gemeinschaftsstiftender Räume, öffentlicher Güter und durch bessere Daseinsvorsorge.

Klingt amts-theoretisch?

Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse 

Die Meisten von Ihnen leben hier in und um Bayreuth. Sie haben sehr viele solcher Orte. Sie haben das Festspielhaus, das Opernhaus. Ich zähle 29 Museen, über 60 Sportvereine, mehrere Schwimmbäder, ein, so heißt es, funktionierendes Busnetz. 

Es gibt auch Gegenden in Deutschland, da sieht das anders aus. Da kommt der Bus nur zweimal am Tag. Und ohne eigenes Auto kommen Sie nicht ins Theater, nicht zu der Stadtbücherei und nicht zur Demo oder zur Bürgersprechstunde. Und wer kein eigenes Auto hat, und den Bus verpasst, die ist draußen. Teilnahme und Teilhabe, Voraussetzungen für unsere Demokratie, aber auch Voraussetzung für das solidarische Prinzip Heimat ist in manchen Landstrichen sehr schwierig geworden. Wer nicht angeschlossen ist, ist ausgeschlossen. 

Klar, nicht in jedem Dorf kann ein Theater sein, wir brauchen nicht an jeder Milchkanne ein Schwimmbad – um eine sehr polemische und unglückliche Bemerkung unserer Bildungsministerin aufzugreifen und zu variieren. Aber wir brauchen in jedem Landgasthof und in jedem Kaff immerhin mal ein funktionierendes Mobilfunknetz. Das haben wir nicht. Es muss nicht alles gleich sein, in Stadt und Land, in Nord und Süd. Aber die Lebensverhältnisse müssen „gleichwertig“ sein. Das besagt das Grundgesetz. 

Für den Zusammenhalt auch zwischen Stadt und Land ist das fundamental wichtig. Wir haben seit der Bundestagswahl viel gesprochen über „abgehängte Regionen“ – diese Regionen gibt es. Die Gründe sind vielfältig:  Aufgrund der Fliehkräfte der föderalen Ordnung, oder wegen der Ungleichentwicklung durch Demographie, des jeweiligen Wirtschaftswandels vor Ort. Auch die Folgen der deutschen Teilung schaffen Ungleichheit. Und es ist mein Verständnis von Politik, dass wir diese Regionen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen und uns aus dem Staub machen. Die Antwort darauf muss Solidarität lauten. Nicht Gleichheit!

Und diese Solidarität, dieses „nicht egal sein, wie es ist“ – das ist überlebensnotwendig für unsere demokratische Gesellschaft. Aber wie viel Beteiligung, wie viel Demokratie ist möglich bei zunehmender Ungleichheit? Wie können Menschen auf ihr Leben, auf den Kurs unseres Landes Einfluss nehmen?

Debatte Ostdeutschland

In Ostdeutschland, da hat sich die Heimat besonders grundlegend verändert, dort ist die Sehnsucht nach Sicherheit in diesen unsicheren Zeiten besonders groß. Zuerst gab es die friedliche Revolution, nach wie vor ein Meilenstein unserer Geschichte. Als wir auf die Straßen gingen und viel riskierten, für die Freiheit. Es war „das Volk“, Alte und Junge, Konfirmanden und Ingenieure, Frustrierte und Visionäre, das sich in der DDR im Herbst 1989 versammelten. Und es ist die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit, die Kraft von hunderttausenden Kerzen, die die erste friedliche Revolution in Deutschland einleitete und begleitete. Wir sollten dies nicht vergessen, denn es gab eben diese für unser eigenes Selbstverständnis so wichtige Zeit vor dem Fall der Mauer, vor der deutschen Einheit. Wenn im kommenden Jahr wir 30 Jahre friedliche Revolution feiern, dann wohl am lautesten am 9. November, dem Tag als die Grenzen Richtung Westen erstmals geöffnet wurden. Doch vor der Einheit war die Freiheit, die friedliche Selbstbefreiung eines Landes durch seine Menschen. 

Eine urdemokratische Erfahrung: Nicht allein das eigene Schicksal ändern zu können, sondern gemeinsam mit anderen das Schicksal eines Gemeinwesens. Objekte wurden zu Subjekten, Menschen zu Bürgern. Ein Staat wurde gestürzt und in seinem Vakuum Runde Tische errichtet, an denen Bürger mitdiskutieren, mitentscheiden. Die Grenzen waren offen und alles schien möglich. 

Mit der Einheit endete diese Erfahrung abrupt. Eine andere bahnte mit Wucht ihren Weg. Die Demokratie, oder besser: das demokratische politische System des Westens, war weithin unbekannt. Das neue System folgte Regeln, Regeln die viele erst noch erlernen mussten. Der Weg war steinig, geprägt von Unsicherheit, Enttäuschung, Brüchen. Eine Erfahrung, die Millionen Menschen im Osten teilten. Die Erfahrung einer Transformation – ein viel zu sanftes Wort um zu beschreiben, was passierte – die Erfahrung heftiger, harter Umbrüche, die mit dem 3. Oktober 1990 nicht zu Ende waren, sondern erst richtig begannen. Das hat den Menschen viel abverlangt, für manche auch mehr Flexibilität, als menschenmöglich ist. Dieser ideelle Heimatverlust, wo das eigene Dorf und der Apfelbaum vielleicht noch steht, aber alles andere sich darum verändert hat – dieser Heimatverlust prägt und verunsichert immer noch. 

Die, die geblieben sind, und die, die gegangen sind!

Dazu kommt: Die Arbeitsplätze in Industrie und Landwirtschaft fielen weg, oft über Nacht, auch wettbewerbsfähige. Die Menschen verloren ihren Anker und oft auch ihre Arbeit, ihre Heimat: Zwischen 1990 und 1993 sind 1,4 Millionen Menschen aus dem Osten weggegangen, dorthin, wo Jobs und Zukunft waren. Selbst heute, 25 Jahre später, pendeln über 404.000 Menschen, fast zehn Prozent der Berufstätigen im Osten, zur Arbeit in den Westen, auch gerade hier her (Und 160.000 von Westen nach Osten). Allein aus Thüringen sind es etwa 90.000. Tendenz steigend. Zur ideellen Entwurzelung kommt eine ganz konkrete hinzu. Umso wichtiger ist es dann, einen Ort, eine Gemeinschaft, eine Idee gemeinsam zu finden, die Heimat sein kann. 

Heute, 30 Jahre später, beginnen wir erst langsam zu begreifen, was den Menschen im Osten damals wiederfahren ist. Wir, mich eingeschlossen, haben lange hingeschaut und gedacht: Wird schon werden. Lange genug Aufbau Ost und wenn der Osten wie der Westen ist, ist alles eins und die Einheit vollendet. Ein trügerischer, sehr einseitiger Blick, durch eine sehr westdeutsche oder oberflächliche Brille. Was er übersieht: Millionen Menschen haben die Transformationen im Osten als reellen Verlust von Heimat erfahren. Als Ort der Geborgenheit, der Zugehörigkeit, der Sicherheit. Fühlen sich heimatlos. Der alte Staat zusammengebrochen, im neuen Staat noch immer nicht ganz angekommen, geachtet, auf Augenhöhe. Ich sehe hier den Kern unserer Debatte um den Zusammenhalt: Die Ossis gehören dazu, geachtet, Zukunft geht nur gemeinsam. Und wir werden sie brauchen: Wir Ostdeutsche sind Transformationsexperten und mit der Klimakrise, der Energiewende, aber auch der Digitalisierung kommen noch starke gesellschaftliche Umbrüche auf uns zu, für die wir genau diese Erfahrungen brauchen werden.

[Pause]

Letztlich sind im Osten blühende Landschaften entstanden. Hier und da – in Leipzig, in Potsdam, in Jena. Auf den ersten Blick sieht alles wunderbar aus: das DDR-Einheitsgrau an den Häusern wurde zu bunter Vielfalt saniert, die Straßen in Trockenborn-Wolfersdorf bei mir in Thüringen sind besser in Schuss als mancherorts im Ruhrgebiet. Erfurt hat den schönsten Weihnachtsmarkt Deutschlands.  

Aber die wirtschaftliche Annährung des Ostens stagniert, die Lohnunterschiede betragen noch immer rund 15 Prozent. Es gibt kein DAX Unternehmen aus dem Osten. Bundesbehörden und Forschungseinrichtungen gibt es dort zu wenige. Schauen wir an die Spitze im Land, auf die Chefs und Chefinnen in Politik, Justiz, Wirtschaft dann kommen diese mehrheitlich aus dem Westen der Republik. Selbst im Osten gibt es mehr Westdeutsche an der Spitze als Ostdeutsche.

Die deutsche Einheit hat gerade nicht Einheit gefördert, sondern macht sichtbar, wer dazu gehört und wer eher nicht. 

Aber: Die größte Geschichte der Einheit unseres Landes ist eine schmale und zugleich sehr lange. Es ist das grüne Band. Dort, wo früher Grenze war und es den Schießbefehl gab, ist es heute grün. Seltene Arten haben da ihr Zuhause, der Fischotter, die große Rohrdommel oder die Trollblume zum Beispiel. Und es ist ein nationales Naturmonument entstanden. Was für eine wunderbare Geschichte der Überwindung von Grenzen. 

Noch eine Zahl, die mich sehr fasziniert hat: Mit 17% der Menschen in einem Sportverein ist Thüringen unter den Ostländern Spitzenreiter, aber dennoch deutlich abgeschlagen zum Westen: Erinnern Sie sich? 60 Sportvereine, alleine hier in Bayreuth. Im Bundesdurchschnitt ist jeder Dritte Mitglied eines Sportvereins. Im Osten ist es nur jeder Sechste. Viel Geld ist in die Sportstätten geflossen, aber mittlerweile sind einige Kommunen finanziell nicht mehr in der Lage, diese zu unterhalten. Während in Thüringen etwa 2,2 Hallenbäder auf 100.000 Einwohner kommen, sind es in Bayern 3,1 und in Niedersachsen 3,5.

Öffentliche Orte/Engagement

Warum ich es so mit Schwimmbädern habe? Nicht nur, weil ich wirklich gerne schwimme. Sondern weil ein Gefühl von Heimat vor allem dort entstehen kann, wo es einen öffentlichen Raum gibt. Eine Öffentlichkeit, an der es zu Begegnungen kommen kann, wo sich Menschen treffen, ohne sich explizit verabredet zu haben. Der amerikanische Soziologe und Stadtforscher Ray Oldenburg hat solche Orte als third places, als „dritte Orte“ bezeichnet. Gemeint sind damit Orte „zwischen“ Zuhause und Arbeitsstätte, die eine „dritte“ Option für Zusammenkünfte, Treffen und Austausch bieten, und zwar möglichst informell. Ein solcher Ort des geselligen Beisammenseins kann der Sportclub, das Nachbarschaftszentrum oder eben öffentliche Schwimmbad sein, in dem Rentner jeden Morgen pünktlich ihre Bahnen ziehen und im Becken nebenan die Schulkasse übt. Vor allem Stadtbüchereien finden in der (kultur-)politischen Debatte über „Dritte Orte“ gerade viel Aufmerksamkeit. Denn dort können Menschen mit wenig Geld oder Menschen, die einsam sind, hingehen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und eben dieses Dazugehören, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ist wie bereits erwähnt ein entscheidendes Charakteristikum von Heimat.  

Das Entscheidende ist, dass Politik solche Orte ermöglichen muss. Ins Zentrum einer Politik, die Heimat schafft, gehört der Einsatz für öffentliche Orte mit niedrigen Zugangshürden. Das heißt für Orte, die nicht kommerziell funktionieren, wo man keinen Kaffee bestellen muss, um sich aufhalten und andere Leute treffen zu dürfen. Der politische terminus technicus für das, was eine Politik, die Heimat gibt, leisten soll, lautet „öffentliche Daseinsvorsorge“. Und die ist heute mehr denn je im ländlichen Raum gefragt. 

Man kann es auch größer fassen und von Demokratie sprechen. Nur sie kann Heimat schaffen, so wie ich sie verstehen und leben will. Um aus Ernst Blochs berühmtem Buch „Das Prinzip Hoffnung“ zu zitieren: In einer demokratischen Gesellschaft (Zitat)„entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (Zitat Ende).  

Für diese Demokratie in der Heimat braucht es eine aktive Zivilgesellschaft mit dem Willen zum Widerspruch und zur Mitgestaltung. Ich finde, die Franzosen haben mit dem „Citoyen“ – damit sind nicht die Gelbwesten gemeint, die etwas abfackeln – einen wunderbaren Ausdruck dafür gefunden. Das ist gewissermaßen eine Utopie, dass Tag und Nacht jemand darüber nachdenkt, wie sich die Gesellschaft zum Besseren verändern und was er oder sie selbst dafür tun könnte. Das ist ein hoher Anspruch; ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich ihm genügen würde. Aber der Citoyen als Leitbild ist aus meiner Sicht eine ganz wichtige Figur. Sie ist das Idealbild eines aktiven Staatsbürgers. Sie hat vor allen Dingen nichts mit dem „Wutbürger“ zu tun, den wir in den vergangenen Jahren kennengelernt haben. Der Wutbürger will nichts verändern, er will verhindern, er – ja er ist meist männlich – will nicht in seinen Kreisen gestört werden. Das darf übriges sein. Manche Wut wird ja auch produktiv. Und es ist sogar legitim, dass jemand will, dass einfach alles bleibt, wie es ist. Die Älteren unter uns verstehen das vielleicht auch. Und manchmal denke ich selbst, wenn ich nicht so dauerneugierig auf Neues wäre, würde ich ein leichteres Leben haben. Aber wenn Heimat, wenn Demokratie mitmachen (können, nicht müssen) heißt, dann geht es eben um das Andere, um das in Kraft setzen von Beteiligung.    Der Citoyen will nämlich gestalten, auch weil er – oder sie – weiß, dass die individuellen Vorstellungen allein nicht als allgemeiner Maßstab für den Zusammenhalt taugen. Sie werden zum „Mutbürger“: bereit, sich einzubringen und den Prozess der Gestaltung vom Anfang bis zum Ende kritisch zu begleiten. Ich glaube, wir brauchen mehr von diesen Mutbürgern und wenn ich einen Weihnachtswunsch an Sie richten dürfte, dann wäre es eben jener: Mut zum Mutbürger! Und wenn sie einer von denen sind, die bewahren wollen, dann erst recht. diese Welt bleibt nicht wie sie ist, wenn wir sie nicht verändern, wenn wir uns nicht ändern. 

Heimat geht nur mit Beteiligung gut. Und gerade das zivilgesellschaftliche Engagement, das es wir an vielen Orten bewundern dürfen, entsteht oft aus dem starken Heimatbezug. Man denke etwa an Proteste für den Erhalt eines Stadttheaters oder die historische Spurensuche vieler Gruppen, die die NS-Geschichte eines Ortes aufarbeiten wollen oder an die Bäume in Hambach. Oder denken Sie an die Stolpersteine, wo uns die Geschichte tatsächlich vor den Füßen liegt. Recherchiert von den Menschen, die vor Ort leben. Wer sich zu engagieren beginnt, tut das oft an und für einen konkreten Ort. 

Heimat und Ökologie

Und wenn wir von Engagement, dem Großen und Ganzen, Solidarität und Heimat sprechen, dann komme ich nach der Zugehörigkeit, dem Zusammenhalt, dem Glaube und der Einheit zum Schluss auf das Eigentliche zurück: Die Ökologie.  

In Gesprächen mit Menschen über Heimat fällt mir auf, dass die persönliche Heimat sehr oft schmeckt und riecht. Bei mir sind es Thüringer Klöße und der Wald, bei anderen Weißwürste oder Wattwandern. Unsere Pressesprecherin, ie aus Bayreuth kommt, sprach mir von Bratwürsten. Und: wir hatten doch einen längeren Disput darüber. Als Thüringerin in ich da selbstverständlich empfindlich, wenn mir jemand sagt, woanders seien die besten. Heimat ist Kindheitserinnerung und fast immer Natur. Deswegen löst deren Zerstörung so viele Emotionen aus, sogar Demonstrationen. Der Klimaschutz, der Schutz der Umwelt, ob es das Feld ohne Ackergifte ist, der Erhalt der Arten, ob es das Wasser ist, ohne Nitrate und Mikroplastik – all das sind Heimatthemen. Nicht verwunderlich, dass manche finden, dass Bündnis90/Die Grünen die eigentliche Heimatpartei sind.

Ihre gesellschaftliche Dynamik hätte die grüne Bewegung kaum entfachen können, wenn sie nicht aus einem starken Heimatgefühl entstanden wäre. Es ging und geht ihr darum, etwas zu erhalten, das lebenswert ist, das Identität stiftet und den Menschen Sicherheit und Geborgenheit gibt. „Uns geht’s um Ganze“ lautet das Motto der grünen Bundestagsfraktion, deren Vorsitzende ich bin. 

Die Umweltbewegung startete ja als eine politische Graswurzelbewegung, die sich für den eigenen Lebensort, für bestimmte Landschaften usw. einsetzte. Da ging es nicht um die Umwelt „an sich“, sondern um das Atomkraftwerk in der Nachbarschaft, um den sterbenden Wald vor der Tür, um die Autobahn, die meine geliebte Heimatlandschaft verschandeln soll. 

Ökologie und Heimat sind eng miteinander verknüpft, nicht umsonst benutzen Menschen für die Heimat oft das Bild des Baumes, der gepflanzt wird und Wurzeln schlägt. 

Mittlerweile müssen wir die Umweltpolitik, und vor allem die Klimapolitik aber noch deutlich größer denken, als im Nahbereich der Heimat. Zu groß sind die Herausforderungen unserer Zeit. Schlussendlich haben wir nämlich dann doch die gleiche Heimat: Nämlich diesen Planeten. Und dieser Planet wird gerade systematisch zugrunde gerichtet. Wir haben die Auswirkungen gesehen, die Dürre, die brennenden Wälder. Es ist kein Problem, dass wir alleine lösen können, es ist ein globales Problem, auch wenn es für viele hierzulande noch immer abstrakt erscheint. 

In den vergangenen zwei Wochen fand in Katowice die 24. UN-Klimakonferenz. Sie hat uns gezeigt: Uns läuft die Zeit davon. Statt wie in den USA und Brasilien die Solidarität mit dem Planeten aufzukündigen, brauchen wir viel ambitioniertere Pläne. Der Weltklimarat hat gerade erst in seinem Bericht zum 1.5-Grad-Ziel mit neuer Dramatik gezeigt, dass uns nur noch wenige Jahre Zeit bleiben, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen. 

Machen wir es plastisch. 52 Inselstaaten sind vom Klimawandel in der Art bedroht, dass der steigende Meeresspiegel ihr Land nicht nur verheert, sondern vollständig verschwinden lässt. Ein Staat wie Kiribati (rund 100.000 Einwohner) hat nur unwesentlich mehr Einwohner als Bayreuth (73.000) und besteht überwiegend aus Koralleninseln. Anders als Bayreuth ragt die Landfläche der Inseln, die den Staat bilden, im Durchschnitt kaum 2 Meter über Wasser. 2050 werden die Inseln bedingt weitgehend unbewohnbar sein. 2070 fast vollständig überflutet. Das Staatsterritorium, die Heimat, sie verschwindet restlos. Und was dann? Sie sehen Klimaschutz ist im wahrsten Sinne auch Heimatschutz, bitte vergessen Sie das nicht. 

Diese Entwicklung ist absehbar. Sie ist eingetreten. Wir können das am CO2-Gehalt der Atmosphäre, dem Anstieg der globalen Temperaturen, dem Schwächerwerden des Golfstroms messen und den Zentimetern, die die Weltmeere jedes Jahr ansteigen. Man muss nicht an den Klimawandel glauben. Man kann das ignorieren. Das hält den Prozess aber nicht auf. 

Mich erinnert die Situation an 2011, als man auch vor Herausforderungen gerne die Augen verschloss, das aber nichts half. 2011 brach der Syrienkrieg aus. Zuvor gab es vier Jahre lang eine schlimme Trockenphase, Wasser war Mangelware. Die Folge war Armut, eine erste Fluchtbewegung innerhalb des Landes. Die lange Dürre, der Hunger, die wirtschaftliche Not verschärften die eh schon angespannte Situation in Syrien noch. Noch ein Grund mehr, warum die Menschen gegen den Diktator Assad auf die Straße gingen und der Bürgerkrieg seinen schrecklichen Lauf nahm. Die Folgen des Krieges, heute kennen wir sie: Die Flüchtlingszahlen in den angrenzenden Ländern stiegen. In der Türkei, in Jordanien und im Libanon platzen die Lager aus allen Nähten. Damals, 2011 stritt aber die Bundesregierung darum– heute erscheint uns das wie ein Hohn, aber es war wirklich so – ob man nun 5 oder 10.000 Syrer aufnehmen sollte. 2015 platzte dann diese Illusion. 

Die Erderhitzung können wir nicht mehr aufhalten, aber wir können sie verlangsamen und stoppen. Und wir können uns darauf vorbereiten, was Menschen auf der ganzen Welt jetzt schon droht. Deshalb gibt es in dem viel verhetzten UN Migrationspakt einen Artikel 21, der eine Klausel für Umwelt- und Klimaflüchtlinge enthält. 

Selbstverständlich kann man diese Bedrohung der Heimat ignorieren, aussitzen, abstreiten. Die Folgen werden dann eben härter sein. Wer aber seine Heimat liebt, der schützt sie auch und wartet nicht, bis es fast zu spät ist.

Abschluss

Für mich bedeutet das Prinzip Heimat Zuversicht und Zugehörigkeit. Sie braucht so viel Ordnung, dass das Ungewisse nicht verängstigt. Aber auch so viel Unordnung, dass es nicht langweilig wird. Heimat, wie ich sie mir wünsche, findet in einer offenen Gesellschaft statt, im Austausch miteinander, im Wollen füreinander. Sie ist per se ein Ort der Vielfalt, ein heterogener Ort; ein Ort, wo andere Menschen sind, die man sich nicht aussuchen kann. Viele von Ihnen werden das gerade jetzt an Weihnachten wieder erleben, die vertraute Heimat – und die „Schwiegerheimat“. Gerade Weihnachten pflegen wir daheim Rituale, wiederholen vertraute Gewohnheiten und „erzeugen“ in diesen Handlungen sozusagen ein Heimatgefühl. Das wird natürlich dann heikel, wenn man Weihnachten zuhause bei den Eltern des Partners oder der Partnerin feiert. Da trifft dann Würstchen mit Kartoffelsalat auf Weihnachtsgans. Bescherung vor dem Essen? Bescherung nach dem Essen? Und überhaupt: Früher war mehr Lametta. 

Aber das Gute ist doch: Heimat kann immer wieder neu miteinander ausgehandelt werden. In diesem Sinne: Ihnen Allen einen frohen Rest-Advent. 

Und machet die Tore weit und die Türen hoch. Gesegnete Weihnachten.

Warum ist der NO2-Grenzwert eher zu lasch als zu streng obwohl Raucher*innen nicht sofort davon sterben⁉ Unser Faktencheck bringt mehr Ordnung in die #Diesel-Debatte als @hartaberfair. Bitte hier entlang ➡ https://t.co/KFBClCQYV8 [T]

(Agrar-)politisch oft uneinig, aber immer freundlich im Umgang: Vielen Dank für das Frühstück und den Gedankenausstausch am Rande der #IGW2019, @JRukwied. @Bauern_Verband

Großkonzerne zahlen offenbar fast nirgends in der EU die gesetzlich vorgeschriebenen #Steuern. Dies geht aus einer Grünen-Studie im EU-Parlament hervor, die heute vorgelegt wird.
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