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09.11.2018

"Das Prinzip Heimat - Zugehörigkeit und Zuversicht in der offenen Gesellschaft“

„Das Prinzip Heimat.
Zugehörigkeit und Zuversicht in der offenen Gesellschaft“

Rede beim Reformationsempfang des Kirchenkreises
Hildesheim-Sarstedt am 30. Oktober 2018

von Katrin Göring-Eckardt

[Es gilt das gesprochene Wort]

 

Anrede,

ich vermute mal, selbst diejenigen unter Ihnen, die nicht regelmäßig die BILD-Zeitung lesen, kennen diese Cartoon-Reihe „Liebe ist…“ (Punkt Punkt), bei der – zugegeben recht old school – immer ein Männlein und ein Weiblein zu sehen sind. „Liebe ist… wenn er für sie den Cha Cha Cha lernt“; „Liebe ist… nicht böse zu sein, wenn sie deine Lieblingsvase zerbricht“; „Liebe ist … beim Kuscheln das Handy auszumachen“; „Liebe ist…deine Mail um zwei Uhr nachts zu lesen, falls eine von ihm dabei ist.“ Und so weiter. Mittlerweile gibt es tausende solcher Sätze. Nun soll ich hier und heute nicht über die Liebe sprechen. Und doch: das Thema Heimat ist nicht so weit davon entfernt. Denn auch was Heimat ist, of-fenbart sich uns intuitiv, in vielen kleinen Situationen des Alltags. Gäbe es eine Cartoon-Reihe mit dem Namen „Heimat ist…“ so könnten die Sprüche zum Bei-spiel so gehen: „Heimat ist … im Garten der Eltern barfuß auf Nacktschnecken zu treten“; „Heimat … ist der Duft von Pflaumenkuchen meiner Großmutter“; „Heimat ist … wenn es jedes Jahr an Weihnachten Würstchen mit Kartoffelsalat gibt“; „Heimat ist … der Geruch der nassen Straße nach dem Gewitter.“ Und so weiter. Heimat klingt, schmeckt und sie riecht. Mal laut, mal leise, mal bitter, mal süß.

Und klar: Heimat kann unser Glaube sein, das zu Hause sein bei Gott, im Haus Gottes, das in den Korintherbriefen angesprochen wird (2. Kor. 5, 1-10). „Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so ha-ben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“ (2. Kor 5,1). Ich komme darauf zurück.

 

Anrede,

Vorverständnisse von Heimat gibt es so viele wie Heimatgefühle, sie ist – vor allen philosophischen und politischen Definitionsversuchen – eine sehr persönli-che und individuelle Gestimmtheit. Meistens ist sie mit einem Gefühl der Ge-borgenheit, der Vertrautheit mit den Dingen um uns herum verbunden. Man fühlt sich sicher, zugehörig und anerkannt. Heimat ist ein Ort, an dem man die Zuversicht hat, dass es hier so richtig ist, wie es ist. Und ein Ort, an dem es mir nicht egal ist, wie es ist. Heimat ist aber zugleich immer ein Ort der Sehnsucht, ein Ort denn wir mit uns rumtragen, den es so aber nicht mehr gibt, oft ist es der Ort der Kindheit. Als ich für die grüne Bundestagsfraktion 2009 eine große Heimatkonferenz organisiert habe, gab es dazu ein kleines Begleitheft mit Tex-ten. Der inzwischen leider verstorbene Publizist Roger Willemsen schrieb darin „Wir sind alle Heimatvertriebene“ und meinte wohl genau dies: dass wir alle ständig auf der Suche nach diesem – vergangenen – Sehnsuchtsort sind. Im Grunde genommen beginnt ja schon das Leben selbst mit einem ersten Heimat-verlust, nirgendwo wird es wieder so behütet sein, wie im Mutterleib. Diese Heimat haben wir alle einmal verlassen und sind ‚zur Welt‘ gekommen, wo dann allerlei Konflikte und Verlusterfahrungen auf uns warteten.

Auch bei den abstrakteren Definitionen von Heimat zeigt sich eine schillernde Vielfalt. Johann Gottfried Herder schrieb „Heimat ist da, wo man sich nicht er-klären muss“. Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger bezeichnete Hei-mat als eine – Zitat – „Besänftigungslandschaft“, die dazu da ist, die Spannun-gen der Wirklichkeit zu kompensieren. Und der Schriftsteller Jean Améry meinte in seinem Text „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ (Zitat) „Man muss Hei-mat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ (Zitat Ende)
In den Tagebüchern von Max Frisch findet sich einer seiner berühmten Fragebö-gen – eigens zum Thema Heimat. Damals, im Jahr 1971, stellte er zum Beispiel folgende Frage: (Zitat) „Welche Speisen essen Sie aus Heimweh und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?“ (Zitat Ende) Frisch stellt aber noch diese, etwas nüchternere Frage: „Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?“ Die meisten Menschen würden heute wohl klar und bestimmt antworten: ‚Nein!‘ Denn ich denke, es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass es so etwas wie ein neues Heimatbewusstsein gibt. An verschiedensten Ecken der Gesellschaft lässt sich eine regelrechte Konjunktur von Heimat beobachten. Ob Regionalkri-mis oder Craft Beer-Sorten mit dem Etikett „Heimathafen“ aus Erfurt, ob die Dorfladenbewegung oder die vielen Dorfromane. Ob philosophische Tagungen oder soziologische Blogreihen zum Thema Heimat, ob die die Debatte über Heimatverlust und das Gefühl des Abgehängtseins … das neue Heimatministeri-um mit seinem bayerischem Chef brauche ich an dieser Stelle gar nicht zu er-wähnen: Heimat ist ein heißes Ding, Heimat ist in!

Warum ist das so? Warum erleben wir gerade wieder – ähnlich wie während der Zeit der Industrialisierung – eine ansteigende Heimat-„Fieberkurve? Ich denke, das liegt daran, dass Heimat für viele Menschen prekär geworden ist, sie ver-steht sich nicht mehr so einfach von selbst. Von uns allen wird Mobilität und Fle-xibilität erwartet und so wird jener Ort, der Geborgenheit und Sicherheit ver-spricht, fraglicher. Vieles ist heute vorläufiger geworden; man arbeitet nicht mehr sein Leben lang in einem Unternehmen, die Festlegung auf eine bestimm-te Lebensplanung und bestimmte Orte ist schwieriger geworden. Wer immer wieder den Job wechseln muss oder als Pendler eine Wochenendbeziehung führt, wartet länger, bis er eine Familie gründet und sich ein Nest baut, das Heimat schafft. Wer immerzu in alle Richtungen vernetzt sein muss, findet den einen Ort, an dem alles gut ist, weniger leicht. Heimat wird unter diesen Um-ständen zu einem Sehnsuchtsort, der schwer zu erreichen ist. Dieser Sehn-suchtsort steht für das Versprechen einer Rückgewinnung der Kontrolle über das eigene Leben, für eine Zone der Unmittelbarkeit jenseits der modernen Ent-fremdungserfahrungen. Er verspricht das Gefühl, nicht abgehängt zu sein von den Weltläufen und dem gesellschaftlichen Fortschritt. Anders gesagt: Heimat als Sehnsuchtsort verspricht einen Ort auf Sichtweite, wo die „transzendentale Obdachlosigkeit“, von der der Philosoph Georg Luckács sprach, aufgehoben ist.

Der Schriftsteller Andreas Maier schreibt über Heimat: (Zitat) „Stets gehen in unserem Leben die Dinge sukzessive verloren, und wir lernen, dass nichts je auf dieser Welt stillsteht. Und doch haben wir genau danach eine Sehnsucht: Dass etwas festgefügt sei auf der Welt.“ (Zitat Ende)

 

Anrede,

bei allen Brüchen und Umbrüchen ist die Sehnsucht nach einer festgefügten Welt legitim und absolut verständlich. Das hat nichts mit spießigem Neo-Biedermeier zu tun. Sie gehört einfach zum Menschen dazu. Leider gibt es aber politische Antworten auf diese Sehnsucht, die ein falsches und trügerisches Bild von Heimat zeichnen. Sie ahnen, von welcher politischen Partei ich spreche. Was hier angeboten wird, ist kein positiver und freudiger Begriff von Heimat, sondern eine Gesellschaft, die sich selbst einschließt und abschottet. Schön ist die Hei-mat, wie die AfD sie sich vorstellt, wenn in ihr keine Fremden und nichts Frem-des mehr auftaucht. Schön ist angeblich die Heimat ohne Migrant*innen, ohne Gleichstellung, ohne Gleichberechtigung von Minderheiten, ohne Klimaschutz NEIN! Heimat ist in der offenen Gesellschaft per se ein Ort der Vielfalt, ein Ort, wo andere Menschen sind, die man sich nicht aussuchen kann. Ein Ort, wo Viel-falt und Differenz erfahrbar wird. Ein alles andere als homogener Ort. Und übri-gens, wenn es bei mir zu Hause so schön ist, lade ich auch Leute ein. Na klar!
Der englische Essayist Gilbert Keith Chesterton schrieb einmal sinngemäß: das Leben in der Großstadt ist eintönig, da man dort nur Umgang mit Seinesgleichen hat, abenteuerlich und abwechslungsreich sei es hingegen auf dem Dorf, da man dort Umgang mit so wildfremden Menschen wie der eigenen Großtante hat. Also: selbst am prototypischsten Heimatort, dem Ort in der Provinz, macht man Fremdheitserfahrungen. Selbst da, wo es überschaubar ist, begegnen uns Aliens wie eben die eigene Großtante. Im Ernst, das ist in der aktuellen Debatte, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt: dass wir uns nicht erzählen lassen sollten, es gäbe eine Heimat ohne Konflikt, ohne Andere, ohne Erfahrungen der Fremd-heit und der Befremdung. Die gab es nicht einmal vor 250 Jahren in einem ger-manischen Dorf. Das gilt erst recht für die offene Gesellschaft und die Einwan-derungsgesellschaft, in der wir leben. Heimat gibt es nur im Plural. Niemand kann uns diese Heimat vorschreiben, auch nicht ein Ministerium. Gut so!
Das heißt aber auch: wir verlieren unsere Heimat nicht, weil Menschen aus exis-tenzieller Not zu uns kommen. Warum auch sollte sie dadurch beeinträchtigt werden, dass andere von anderswo dazukommen? Sie sehnen sich nach einer Sicherheit, die sie in ihrem alten Zuhause nicht hatten, weil dort Krieg oder Ar-mut herrschen. Heimat kann ich nur offen, weltzugewandt und pluralistisch denken. Übrigens als Grüne eben ganz besonders als Schutz für die Umwelt, als Ort des Zusammenhalts, als Ort der Humanität. Niemand will uns diese unsere Heimat wegnehmen! Wer das behauptet, macht Propaganda und will nichts an-deres als aufhetzen und spalten. Und er will falsche Verlustängste schüren statt Zuversicht und Hoffnung. Und das ist eben vor allem Heimat: Zuversicht und Hoffnung, so viel Ordnung, dass das Ungewisse nicht stört, so viel Unordnung, dass es auch nicht langweilig wird.

 

Anrede,

statt Migrant*innen und Geflüchtete, die zu uns kommen, als Bedrohung zu se-hen, sollten wir ihnen zuhören. Denn sie können uns berichten, was es heißt, seine Heimat zu verlieren und im Exil – dem Gegenteil von Heimat – zu leben, und sich dort gegen alle äußeren und inneren Widerstände eine neue Heimat aufbauen zu müssen.

 

Anrede,

für viele ist Heimat zu einem kontaminierten, quasi toxischen Wort geworden. Weil die Rechten es so gerne im Mund führen, sollte man sich am besten nicht daran die Zunge verbrennen – oder zumindest nicht mit Politik in Verbindung bringen. Man begäbe sich dann politisch und gesellschaftlich in eine gefährliche Sphäre des Irrationalen. Aber so einfach ist es nicht. Wie ich eingangs gesagt habe: Menschen haben ihr eigenes Verständnis von Heimat und wollen sich das nicht einfach von rechten Ideologen wegnehmen lassen. Ich auch nicht, neben-bei gesagt. Menschen sind stur und ihre Heimatgefühle hartnäckig und nachhal-tig. Die vielen Zitate aus unterschiedlichen Quellen, die ich in meiner Rede ver-wende, sollen gerade dies zeigen: dass das Nachsinnen über Heimat zur uner-schütterlichen Grundausstattung des Menschen gehört.

Aber auch aus politischer Sicht bin ich dagegen, den Begriff Heimat rechts liegen zu lassen. Ich habe es eigentlich nicht so mit Günter Grass, aber aus dem selben Jahr wie Max Frischs Heimat-Fragebogen – also aus dem Jahr 1971 – gibt es ei-ne interessante Aussage von ihm zum rechten Missbrauch des Wortes Heimat: (Zitat) „Es wäre auf intellektueller Seite ein verhängnisvoller Fehler, wenn wir vor lauter Abscheu vor diesem demagogische Missbrauch nun sagten, mit die-sem Begriff wollen wir nichts mehr zu tun haben. Wir haben ihn neu zu definie-ren.“ (Zitat Ende) Ich würde hinzufügen: wir haben uns unsere Heimat zu erfin-den, anstatt zuzulassen, dass Heimat zur angeblichen völkischen Identität ver-hunzt wird! Die junge Wissenschaftlerin Alena Dausacker sagte kürzlich in ei-nem Interview: (Zitat) „Den Begriff ‚Heimat‘ sollte man nicht einfach hergeben.“ (Zitat Ende) Es gelte (Zitat) „Heimat als das Gestaltungsbedürfnis für das eigene Umfeld zu verstehen, also eine positive, progressive Deutung auszuprobieren, die nicht ständig diese rechte Verlustangst ins Zentrum rückt.“ (Zitat Ende)

 

Anrede,

gerade für eine offene Gesellschaft ist es wichtig, dass sie Halt bietet. Die Sehn-sucht nach Heimat, nach Zuhause, danach sich zurechtzufinden, sicher zu sein, ist als solche nicht reaktionär, aber sie lässt sich für eine reaktionäre Agenda missbrauchen. Heimat ist eben gerade nichts Statisches. Seine Heimat ist dem Menschen wie seine Identität nicht ein für alle Mal und unveränderlich Gegebe-nes, sondern etwas, das er sich immer erst finden und einrichten, sich neu be-gründen muss, in ständig neuen Anläufen.
Das sage ich auch und ganz bewusst als Ostdeutsche. Dein Haus steht da noch und auch der Baum. Aber die Welt hat sich grundlegend verändert. Nicht ein-mal, als plötzlich die Grenzen offen waren und alles möglich schien. Noch einmal und noch einmal in den letzten 3 Jahrzehnten. Industriearbeitsplätze sind weg-gefallen. Auch wettbewerbsfähige. Neue kaum entstanden. Arbeit ist für Ost-deutsche immer Teil ihrer Identität gewesen, ist es bis heute. Es geht um Zuge-hörigkeit und Zusammenhalt. Beides ist in Gefahr. Ostdeutsche fühlen sich fremd und fremdbestimmt. Die Einheit hat gerade nicht Zusammenhalt geför-dert, sondern macht ein ums andere Mal sichtbar, wer dazu gehört und wer e-her nicht. Die Chefs und Chefinnen in Politik, Justiz, Wirtschaft kommen – selbst im Osten – mehrheitlich aus dem Westen der Republik. Eigentlich könnte das schön sein, Durchmischung, aber gerade als solche wird es nicht empfunden.

 

Anrede,

was also hat Heimat genau in der Politik zu suchen? Heimatgefühle lassen sich nicht von oben verordnen, das ist klar. Aber wie könnte ein liberales, weltoffe-nes Heimatverständnis aussehen? Dafür lohnt sich ein Blick in meine eigene Partei und ihre Geschichte. Ich denke, die Grünen waren und sind seit ihren An-fängen nichts anderes als eine progressive, wenn nicht die progressivste Hei-matbewegung. Ihre gesellschaftliche Dynamik hätte die grüne Bewegung kaum entfachen können, wenn sie nicht aus einem starken Heimatgefühl entstanden wäre. Es ging und geht ihr darum, etwas zu erhalten, das lebenswert ist, das Identität stiftet und den Menschen Sicherheit und Geborgenheit gibt. „Uns geht’s um Ganze“ lautet ein grünes Motto. Für das große Ganze lässt sich aber immer nur in einem Nahbereich des konkreten Handelns kämpfen, in einem überschaubaren Verantwortungsraum. Und genau dies haben die Bürgerbewe-gungen, aus denen die Grünen hervorgegangen sind, getan- sei es beim Kampf gegen AKWs oder gegen das Waldsterben oder gegen die Unfreiheit in der ost-deutschen Diktatur.

Heimat ist eine Chiffre für diese Zone des Nahen, die aufs große Ganze ver-weist. Das gilt überhaupt für das zivilgesellschaftliche Engagement, das wir heute an vielen Orten so bewundern. Es ist ohne Heimatbezug nicht zu erklären. Man denke etwa an Proteste für den Erhalt eines Stadttheaters oder die histori-sche Spurensuche vieler Gruppen, die die Nazigeschichte eines Ortes aufarbei-ten wollen oder auch die Bäume in Hambach. Solche Aktivitäten haben mit dem konkreten Ort zu tun, also mit Heimat. Gerade der lokale Bezug zu einem be-stimmten Kontext macht das Engagement authentisch und nachhaltig. Und es entsteht das Gefühl von Zugehörigkeit zu einem Ort.

Wenn Heimat, wie ich oben gesagt habe, keine kuschelige Komfortzone sein kann und soll, dann ist sie darauf angewiesen, dass unwahrscheinliche Begeg-nungen möglich werden, man also nicht nur „Seinesgleichen“ trifft. Das ist es, was für mich eine lebenswerte Heimat ausmacht. Damit kommen wir zu einem Aspekt, ohne den Heimat für mich nicht zu denken ist: zum Punkt Öffentlichkeit. Das Gefühl von Heimat kann es allein dort geben, wo es einen öffentlichen Raum gibt, an dem Menschen sich treffen, ohne sich explizit verabredet zu haben.

[Kurzer Exkurs zum vorherigen Termin im Hildesheimer Stadtteil Drispenstedt]

Der amerikanische Soziologe und Stadtforscher Ray Oldenburg hat solche Orte als third places, als „dritte Orte“ bezeichnet. Gemeint sind damit Orte „zwi-schen“ Zuhause und Arbeitsstätte, die eine „dritte“ Option für Zusammenkünf-te, Treffen und Austausch bieten, und zwar möglichst informell. Ein solcher Ort des geselligen Beisammenseins kann der Sportclub, das Nachbarschaftszentrum oder das öffentliche Schwimmbad sein, in dem Rentner jeden Morgen pünktlich ihre Bahnen ziehen. Vor allem Stadtbüchereien finden in der (kultur-)politischen Debatte über „Dritte Orte“ gerade viel Aufmerksamkeit. Denn dort können Menschen mit wenig Geld oder Menschen, die einsam sind, hingehen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und dass man dazugehören kann, ohne sich rechtfer-tigen zu müssen, ist sicherlich ein entscheidendes Charakteristikum von Heimat.
Nun werden manch jüngere unter Ihnen einwenden, dass es diesen demokrati-schen öffentlichen Ort für alle doch schon gibt: das Internet! Aber ist es das wirklich? Treffen wir im Netz nicht entweder auf Leute, die eh schon unserer Meinung sind oder solche, die trollen und jeden Dialog verweigern? Entweder sind wir in den von Soziologen so genannten „Neo-Gemeinschaften“ unter Unse-resgleichen oder landen in nervigen Hass-Threads. Dazwischen gibt es im Netz kaum etwas, vor allem keine unwahrscheinlichen Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Dafür braucht es physische öffentliche Orte.

Das Entscheidende ist, dass Politik solche Orte ermöglichen muss. Ins Zentrum einer Politik, die Heimat schafft, gehört der Einsatz für öffentliche Orte mit nied-rigen Zugangshürden. Das heißt für Orte, die nicht kommerziell funktionieren, wo man keinen Latte Machiato bestellen muss, um sich aufhalten und andere Leute treffen zu dürfen. Der politische terminus technicus für das, was eine Poli-tik, die Heimat gibt, leisten soll, lautet „öffentliche Daseinsvorsorge“. Und die ist heute mehr denn je im ländlichen Raum gefragt. Der Journalist Peter Zudeick schreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Heimat. Volk. Vaterland. Eine Kampfansage gegen rechts“ treffend: (Zitat) „Wo soziales Leben nicht mehr stattfindet, weil es keine öffentlichen Räume mehr gibt, keine Sportvereine, kei-ne Schwimmbäder, Theater und Museen sowieso nicht – da ist es gruselig, aber nicht heimatlich.“ (Zitat Ende)

Politik, die Heimat schaffen will, hat also dafür zu sorgen, dass es nicht gruselig wird. Man kann es auch größer fassen und von Demokratie sprechen. Nur sie kann Heimat schaffen, so wie ich sie verstehen und leben will. Um aus Ernst Blochs berühmtem Buch „Das Prinzip Hoffnung“ zu zitieren: In einer demokrati-schen Gesellschaft (Zitat)„entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (Zitat Ende).

„Heimat nimmt man mit“ heißt es eben auch und wer Heimat sucht, dem geht es um Versicherung und Sicherheit. Und wenn es nicht reicht, was Paulus an die Korinther schreibt, dann ist es an uns dafür zu sorgen, dass Heimat nicht erst eine himmlische Angelegenheit ist. Oder eben anders herum. Wenn alles schief geht, alles zusammenbricht, alles abreißt – dann ist da noch der Glaube und die Zuversicht, Hoffnung und Trost! Vor allem. Mag sein, dass da gar kein Ort sein muss. Die Versicherung in den alten Texten und neuen Auslegungen kann Hei-mat sein. Psalmen oder Taizégesänge, ein Abendgebet oder ein Kinderlied. Es kann Altbekanntes sein. Aber eben und ganz sicher auch neu. Beheimatet wer-den, nach einer langen Reise von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch, von Aufga-be zu Aufgabe und plötzlich zu wissen: Ja, ich bin angekommen, hier gehöre ich hin.
Es kann der Glaube sein. Aber ist es auch Kirche? Meine? Ihre Gemeinde hier. Spricht sie dem oder der gerade Angekommenen aus der Seele, in die Seele bes-tenfalls? Wenn ich käme, am Sonntag und angerührt bin, von alten Liedern, womöglich einer Bachkantate und will genau da hin gehören. Sind wir ein Ort für Ankommende, für Heimatsuchende, für Trostbedürftige? Sind wir – als Kirche, als Protestanten, oder sagen wir als Evangelische, die, die gute Nachricht ver-künden – sind wir ein Ort des Seelenheils? Es gibt so unfassbar viel, was uns da-von abhalten kann, jeden Tag, all das, was zuerst erledigt werden muss: Die po-litische Situation – ich weiß wovon ich rede – so viel gab es noch nie zu tun, seit 1989, für die Demokratie, den Zusammenhalt, die Ökologie, gegen Hass und Gleichgültigkeit
– oder für die Gerechtigkeit: hier vor der Tür, weltweit, gerade tagt der Af-rika-Gipfel in Berlin. Immer mehr Familien mit Kindern werden obdachlos in Deutschland.
– Oder für den Frieden: Keine Hoffnungsschimmer in Syrien und die brutale Fortsetzung des furchtbaren Kriegsdramas im Jemen – unter nach wie vor Beteiligung deutscher Waffen.
– Oder die Bewahrung der Schöpfung. Klimakrise, spürbar einen ganzen heißen, trockenen Sommer lang. 70% der Arten sind schon verschwunden, unumkehrbar. Weitere stehen auf roten Listen, die Zahl der Klimaflücht-linge steigt und niemand kann absehen, wie oder ob die Welt bewohnbar sein wird bei 2 oder 3 Grad Erderwärmung im Durchschnitt.
All das ist zurecht unser Auftrag, unsere Aufgabe als Christenmenschen, als Kir-chenleute. Bleibt denn da noch Zeit, Kraft, Intensität für das Seelenheil? Es zu finden, es zu geben, als Evangelische, als Kirche, als Gemeinde – ich wünsche uns bei all dem Äußerlichen, dem Notwendigen, dem Täglichen, dass das bleibt – ganz zuerst, das Eigentliche. Heimat finden und geben in Gott, Zuhause in un-seren Gemeinden, im Gottesdienst. Heimat nimmt man mit. Ja! Und Heimat ist ein Ort, in der Seele und in der Welt. Heimaten kann man finden und geben. Es gibt sie im Plural. Sie sind Zuversicht und Hoffnung, Sicherheit und Unordnung, so wie wir selbst. Heimat ist? Sagen Sie selbst!

 

Vielen Dank!

Das waren heute die Durchhalter! @GrueneBundestag @KirstenKappert @KatjaKeul @MariaKlSchmeink @markuskurthmdb @K_SA @ulle_schauws @margit_stumpp @katdro @TabeaRoessner @nouripour @ManuelSarrazin @Oliver_Krischer @GrueneBeate gute Nacht. 9 Uhr geht es weiter

Für heute die letzte Rednerin von @GrueneBundestag: wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen im #Gesundheitswesen . Auch da. @KirstenKappert

Die Juristin erklärt mal wie es ist: „im Strafrecht, dem schärfsten Schwert des Rechtsstaates gg seine Bürger gilt der Bestimmtheitsgrundsatz und das Gebot von Rechtsklarheit“ . So ist das . @KatjaKeul #219a

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