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21.06.2018

101. Deutschen Katholikentag, Münster: „Suche Frieden“ (Bibelarbeit)

Bibelarbeit Katrin Göring-Eckardt über Jesaja 52,1-12
101. Deutschen Katholikentag, Münster: „Suche Frieden“
11.5.2018, 9:30-10:30 Uhr, MCC Halle Münsterland, Grüner Saal
Musik: Stefan Graser

Begrüßung

Lied zum Beginn: Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450, GL 84)

– Text (Luther17): Jes 52,1 Wach auf, wach auf, Zion, zieh an deine Stärke! Schmücke dich herrlich, Jerusalem, du heilige Stadt! Denn es wird hinfort kein Unbeschnittener oder Unreiner zu dir hineingehen. 2 Schüttle den Staub ab, steh auf, setz dich auf den Thron, Jerusalem! Mach dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion! 3 Denn so spricht der Herr: Ihr seid umsonst verkauft, ihr sollt auch ohne Geld ausgelöst werden. 4 So spricht Gott der Herr: Mein Volk zog einst hinab nach Ägypten, dass es dort ein Fremdling wäre; auch Assur hat ihm ohne Grund Gewalt angetan. 5 Aber nun, was habe ich hier zu schaffen?, spricht der Herr. Mein Volk ist umsonst weggeführt; seine Tyrannen prahlen, spricht der Herr, und mein Name wird immer den ganzen Tag gelästert. 6 Darum soll an jenem Tag mein Volk meinen Namen erkennen, dass ich es bin, der da spricht: Hier bin ich! 7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. 11 Weicht, weicht, zieht aus von dort und rührt nichts Unreines an! Geht weg aus ihrer Mitte, reinigt euch, die ihr des Herrn Geräte tragt! 12 Denn ihr sollt nicht in Eile ausziehen und in Hast entfliehen; denn der Herr wird vor euch herziehen und der Gott Israels euren Zug beschließen. –

1. Eine große Verheißung

Liebe Schwestern und Brüder,

was für ein Text! Was für ein Fanal! „Steht auf! Wacht auf! Fort! Fort vom Ort eurer Unterdrückung!“
In mir entstehen große, eindrucksvolle Bilder. Ich sehe die Menschen vor mir, die Jesaja anspricht, wie sie, eben noch gebeugt, gebückt, niedergedrückt von ihrer Last, sich jetzt langsam aufrichten. Wie sie ihren Blick erheben, wie sich ihr Rückgrat streckt, wie ihr ganzer Körper nun gleichsam aufatmet und neu Luft bekommt in der aufrechten, ungewohnt würdevollen Haltung. Freiheit. Frieden. Ich sehe vor mir, meine Freundin, die wusste, sie würde bald sterben, sich aufrichtete und so viel Kraft ausströmte und austeilte, dass ich noch immer und nach Jahren davon zehre. WACHT AUF! DER HERR WIRD VOR EUCH HER ZIEHEN UND EUREN ZUG BESCHLIEßEN. Ich sehe den Mann und die Frau, die über Jahre ihre Partnerschaft ohne Liebe gelebt haben und nun doch entschieden, es ohne einander zu versuchen. Sie sind gegangen durch den Schmerz und die Trauer und die Furcht um Einsamkeit. Und nun jubeln sie doch und – Gott sei Dank beide – wenn auch leise auf den Trümmern des Gewesenen mit wertvollen Steinen der Erinnerung – sie jubeln um der Freiheit willen und um der Klarheit, mit der freies, neues Leben nun vor ihnen liegt, in aller Unschuld – so wie die Zukunft nun einmal ist, ungelebt, unentschieden, frei und offen.

UND: Ich sehe die Kinder von Ost-Ghouta, von Afrin, aus dem Jemen, aus Gaza, aus allen anderen Kriegen dieser Welt. Die gefolterten politisch Gefangenen in Nordkorea. All die Menschen, die verzweifelt auf den Familiennachzug ihrer Frauen und Kinder warten. Die ausgebeuteten Näherinnen in Bangladesch. Mädchen, die zur Prostitution gezwungen werden. Die Straßenkinder dieser Erde. Die Langzeit-Arbeitslosen in ihrer Not. Die überarbeiteten Pflegerinnen in den Pflegeheimen.

Ich höre, wie Gott selber ihnen zuruft: „Wacht auf! Steht auf! Fort von hier!“ Wie er selbst vor ihnen herzieht und schützend hinter ihnen geht, wenn sie den Ort ihrer Unterdrückung verlassen, nicht hastig, auf der Flucht, sondern langsam und würdevoll wie Königinnen, gekleidet in Prunkkleider, wie sie in Jubel ausbrechen und alle zusammen jauchzen. „Suche Frieden!“, das ist unser Motto auf diesem Katholikentag. Und wie sehr sehnen wir alle uns nach Frieden! Ja, wir suchen Frieden, inneren Frieden und äußeren Frieden. Zwischen den Nationen, in den Familien, in unserer Seele…

Die Verheißung Jesajas, der uns heute hier zugeteilt ist, spricht uns genau das zu. Eure Sehnsucht wird erfüllt! Gott schafft Frieden! Ich lese den Text noch einmal in einer sehr freien Übersetzung/Paraphrase, wenn Sie mögen, können Sie Ihre Augen schließen und die Verheißung auf sich wirken lassen: Ist der Text auch auf Jerusalem/Zion hin ausgesprochen – gemeint ist unser persönlicher Sehnsuchtsort.

„Wach auf, wach auf,
zieh deine Kraft wieder an wie ein Kleid, Zion!
Jerusalem, du bist eine heilige Stadt!
Denn nichts wird dich mehr berühren, das dir deine Würde nimmt!
Steh auf, du Gefangene! Löse die Fesseln von deinem Hals!
Denn so spricht Gott:
Auch früher schon haben eure Vorfahren gelitten, sinnlos.
Aber was erlebe ich jetzt – Spruch Gottes -?
Man nahm mein Volk, umsonst,
und nun prahlen seine Beherrscher!
Darum soll mein Volk wissen, dass ich es bin der sagt: Ich bin da.
Wie willkommen sind auf den Bergen
die Schritte des Freudenboten!
Horch, deine Wachposten beginnen alle zu jubeln.
Denn sie sehen mit eigenen Augen,
wie Gott in unsere Mitte zurückkehrt.
Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen,
ihr Trümmerreste Jerusalems!
Denn Gott hat sein Volk getröstet,
er hat Jerusalem erlöst.
Fort, fort! Zieht von dort weg!
Bereitet euch vor auf euer Leben in Würde!
Doch zieht nicht weg in Hast, geht nicht fort in Eile;
denn Gott geht vor euch her,
und er, Israels Gott, beschließt auch euren Zug.

2. Deuterojesaja: Purer Heilsprophet

Zu allen Zeiten haben Menschen diesen Text auf je ihre Unterdrückungssituation, auf ihre Beengtheit, ihre Unfreiheit hin gedeutet – aber wie so oft beginnt der Bibeltext noch klarer zu sprechen, wenn wir ihn aus der ursprünglichen geschichtlichen Situation heraus lesen. Welche ist die Situation, in die Jesaja (genauer: der unbekannte Prophet, den die Wissenschaft Deuterojesaja nennt) diese wunderbare Verheißung hineinspricht?

Die ursprüngliche geschichtliche Situation: Das babylonische Exil. Nach der Katastrophe von 586 war der Tempel zerstört, Jerusalem bis auf die Stadtmauern niedergebrannt, die Oberschicht ins Großreich Babylonien deportiert. Die Althistoriker sind sich nicht sicher, wie schrecklich die Situation der Deportierten tatsächlich war – die biblischen Texte bezeugen jedoch durchweg das Heimweh, das sich-fremd-Fühlen, die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit und Würde im eigenen Land. Man erzählte sich die alten Geschichten, wie Gott die Welt erschaffen hat, Gott!, und keines der schimmernden Standbilder Babylons. Wie Gott Babel einst den Turmbau vermasselt hat. Wie Gott sein Volk damals schon einmal gerettet hat, aus der Knechtschaft in Ägypten, mit Wundern und starker Hand. Aber man erzählte sich nicht nur Hoffnungsgeschichten, man klagte auch. An den Ufern von Babylon saßen wir und weinten, singt der 137. Psalm, [und mit ihm Boney M. – By the Rivers of Babylon, und für den Rest des Tages werden wir alle diesen Ohrwurm nicht mehr los… – ] Die Situation schien hoffnungslos. Das kleine Völkchen Israel: ein Spielball der Großmächte, ausgeliefert, machtlos, zerstreut. Nicht wenige gaben die Hoffnung auf, ließen die großen Verheißungen hinter sich, fanden sich mit der Situation ab. Wir kennen das und oft genug geht es auch gar nicht anders. Kann man in einer Diktatur eigentlich normalen Alltag leben? Ist das legitim? Ich wurde das oft gefragt, als in der DDR-Diktatur aufgewachsene. Ja, das kann man. Man muss es vielleicht manchmal auch. Um es zu ertragen und Kraft zu finden, nach innen zu leben und das Außen egal sein zu lassen.

Dieser Jesaja ist nun der große Heilsprophet. Die Wende scheint sich schon anzukündigen und er spricht dem Volk Heil zu, nichts als Heil Jetzt verliert das babylonische Reich seinen Einfluss; der Perserkönig Kyros ergreift die Macht, mit ihm seine tolerante Religionspolitik: Deportierte Völker werden zurückkehren und ihre Tempel wiederaufbauen dürfen. Für diesen Jesaja ist Kyros der Messias, der lang ersehnte Gesalbte Gottes – interessanterweise ausgerechnet Kyros, ein Heide, das Werkzeug in den Händen Gottes. Dieser Jesaja also spricht in die Zeit, in der die Wende sich ankündigt. Und wie er spricht! Wach auf! Steh auf! FORT! Er ruft denen zu, deren Hoffnung erkaltet ist, die sich bereits mit der Situation abfinden. Und gleichermaßen auch den Strenggläubigen, denen, die in rückwärtsgewandter Observanz des Überlieferten Gott längst nichts Neues mehr zutrauen.

Wie aufregend die Aufforderung am Anfang unseres Textes, endlich aufzuwachen, wörtlich: sich innerlich erregen zu lassen! Kennen Sie das? Alles beginnt sich zum Guten zu wenden, aber wir sitzen in unserem Schatten und bemerken es noch nicht?

Dabei spricht dieser Jesaja immer das ganze Volk an, jedoch in so persönlicher Sprache, dass sich jede einzelne angesprochen fühlen kann – Und das andere, so besondere: das Volk muss scheinbar nichts dafür tun, damit es errettet wird. Gott errettet umsonst, ohne dass er Vorleistungen verlangt, ja nicht einmal Mitwirkung! Israel soll hier weder kämpfen noch Wunder vollbringen noch Zeichenhandlungen vornehmen. Ja, nicht einmal in Hast ausziehen soll es (wie damals beim Pesach-Auszug aus Ägypten), sondern langsam und königlich würdevoll, und jubelnd vor Freude, denn Gott selber „geht vor euch her, und er, Israels Gott, beschließt euren Zug.“ Die Anspielung an die Feuer- und Wolkensäule aus der Exodusgeschichte ist offensichtlich. Das Volk ist also nicht aufgerufen, sich selbst zu befreien. Nein, Gott wird es (wieder einmal) befreien, indem er „seinen heiligen Arm entblößt“, also sprichwörtlich die Ärmel hochkrempelt, mit Macht eingreift.
Ist das nicht eine wunderbare Verheißung?

3. Einwände

Ja, eine wunderbarere Verheißung, liebe Schwestern und Brüder. Aber gerade die wunderbaren inneren Bilder, die Jesaja uns malt, erwecken in mir den Schmerz, ja die Verzweiflung, dass die Wirklichkeit so oft anders aussieht „Ja, wann kommst du denn, Gott?“ „Wann richtest du die Gebeugten auf und führst sie fort aus ihrer Unterdrückung??? Wann kommst du endlich? Warum greifst du nicht ein?“ Gerade die wunderbare Vision der Rettung aller Unterdrückten macht mir die Realität und meine unerfüllte Sehnsucht nach Frieden umso drückender bewusst.

„Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“, hat Dietrich Bonhoeffer einmal geschrieben. Bonhoeffer, der selber unter den Nazis sein Leben lassen musste. „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“ Ein Satz, der mich berührt, und der sehr tief geht. Ja, alle unsere Wünsche erfüllt Gott nicht, das wissen wir. Aber hat Bonhoeffer recht? Erfüllt Gott denn seine Verheißungen??

4. Jüdisches Vorbild: Anklagen – Erinnern – Hoffen

Das erste, das ich dazu sagen möchte, ist, wie sehr ich das Volk Israel und seine Nachkommen, unsere jüdischen Geschwister, bewundere für ihren schier unerschöpflichen Glauben in Gottes Verheißungen. Wir können von unseren jüdischen Geschwistern unendlich viel lernen, [und in diesen Tagen will ich das betonen: Unsere jüdischen Geschwister! Juden sind nicht nur irgendwie unsere Geschwister wie irgendwie alle Menschen Geschwister sind, sondern sie sind das Volk Jesu, sie sind das Volk, zu dem „Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat“, wie es die große Karfreitagsfürbitte der römischen Liturgie formuliert, unsere „älteren Geschwister“, wie Papst Johannes Paul II. sie nannte.] Wir können also von unseren jüdischen Geschwistern unendlich viel lernen, vor allem aber den Dreischritt: Anklagen – Erinnern – Hoffen. Gott unverhohlen anklagen, an seine vergangenen Rettungstaten erinnern und gleichzeitig auf Gott, warten, glauben, hoffen. Dieser Text war geschrieben für die Exilsgemeinde der Israeliten in Babylon, die Verheißung schien zunächst wahr zu werden, jedenfalls durfte das jüdische Volk nach Jerusalem zurückkehren. Aber wie war dort die Wirklichkeit? Es dauerte Jahrhunderte, bis die Stadt wiederaufgebaut war, vor allem, bis endlich der neue Tempel stand. Mit fremden Überfällen und Streit im eigenen Inneren hatten die Heimkehrer zu kämpfen. War da so viel Jubel und Jauchzen, wie unser Text verheißt? Und wie lange stand der zweite Tempel…? Im Jahr 70 von den Römern bis auf die Klagemauer endgültig zerstört, diesmal nicht nur die Oberschicht deportiert, sondern das ganze Volk zerstreut in alle Himmelsrichtungen.

Aber die Hoffnung? Sie starb nicht. Die Verheißungstexte so wie der unsere heutige, sie wurden nicht vergessen. Sie wurden nicht als unerfüllt beiseitegeschoben. Man las die Texte weiter, glaubte an die Verheißung, an die Zusage Gottes, am Ende sein Volk zu erlösen, ja man fand darin seine Identität. Eine Identität, die von so großer innerer Freiheit war und ist, dass die Mächtigen (leider ausgerechnet in erster Linie die mächtigen Christen) dies nicht aushielten, und so folgte Verfolgung auf Verfolgung, Pogrom auf Pogrom. Ich bewundere all die Menschen, die daraufhin nicht mit einem Beziehungsabbruch Gott gegenüber reagiert haben.

Sie klagen Gott an, ja. Sie schreien ihm ihr Leid, ihr Unverständnis, ihr Klage entgegen, ja. Doch welch ein Unterschied: Gott aus seinem Leben zu verbannen, ihn für inexistent zu erklären – oder ihn anzuschreien?? Ich lerne vom jüdischen Volk in unserer Geschichte, gerade wenn ich verzweifeln möchte: Ich darf Gott anklagen! Ich darf angesichts des hellstrahlenden Verheißungstextes des Jesaja meiner Verzweiflung Ausdruck verleihen, dass die Rettung so oft nicht passiert. Und es geht noch tiefer: nicht nur um Hilfe schreien, klagen, sondern: Gott an-klagen. Ihn [wie Hiob] verklagen. Jede und jeder von uns könnte jetzt wahrscheinlich eine Geschichte erzählen aus unserem Leben, wann wir schon einmal Gott angeklagt haben. Wann wir ihm schon einmal unser Unverständnis, unsere Ungeduld, unsere Verzweiflung entgegengeschrien haben. Ist es die Krebserkrankung der besten Freundin? Ist es die Not, nicht zu wissen, wo ich hingehöre, weil Trennung und Einsamkeit nicht zu ertragen sind? Ist es die seelische Heimatlosigkeit, weil mein Gottvertrauen schwindet und ich doch unmöglich gottlos sein kann? …

Vielleicht schwingt auch ein latentes schlechtes Gewissen mit, ein Gefühl, man dürfe Gott nur lobpreisen, eventuell noch um etwas bitten, aber nicht anklagen? Von unseren jüdischen Geschwistern dürfen wir lernen, diese Bedenken hinter uns zu lassen. Aus einem Lager der NS-Zeit ist eine Geschichte überliefert. Elie Wiesel erzählt, wie er einmal nachts im Lager, an der Pritsche eines Rabbiners Zeuge war, wie dieser zusammen mit zwei anderen gelehrten Rabbinern Gott anzuklagen beschloss. Sie beriefen ein richtiges, rabbinisches Tribunal ein, in angemessener, korrekter Form, mit Zeugen und Argumenten, so beschreibt es Elie Wiesel. „Was sie taten, war vollständig in Übereinstimmung mit dem jüdischen Gesetz und mit der jüdischen Tradition. Ich weiß, daß es für Christen schwierig ist, das zu verstehen, und noch schwieriger, es zu akzeptieren, daß wir Menschen Gott anklagen können. Juden können es, Juden haben es getan. […] Wir dürfen Nein sagen zu Gott. Das ist für mich eine große Innovation, kühn, revolutionär, in der jüdischen Tradition.“ Elie Wiesel erzählt, wie nach langen Verhandlungen in jener Nacht im Lager das Urteil gesprochen wurde: Schuldig. Ich zitiere ihn noch einmal: „Und dann herrschte Schweigen – ein Schweigen, das mich an das Schweigen am Sinai erinnerte, ein endloses, ewiges Schweigen. Aber schließlich sagte mein Lehrer, der Rabbi: Und nun, meine Freunde, lasst uns gehen und beten. Und wir beteten zu Gott, der gerade wenige Minuten vorher von seinen Kindern für schuldig erklärt worden war.“

Anklagen – Erinnern – Hoffen.

Wir hören von Stefan Graser das Musikstück „Ugarit“, eine Bearbeitung der ältesten notierten Melodie der Welt, einer hurritischen Hymne aus dem alten Ugarit – aus dem heutigen Syrien.
– Instrumentalmusik; Vorschlag von S. Graser: „Ugarit“ –

5. Kreuz und Auferstehung

„Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott“. Ihn anklagen dürfen, wenn die Erfüllung der Verheißungen ausbleibt, und gleichzeitig an frühere Rettungstaten Gottes erinnern, weiterbeten, weiterhoffen, weiter handeln!

Denn, liebe Schwestern und Brüder, Gott sind unsere Klagen, unsere Bitten, unsere Leiden eben nicht egal. Das eindrücklichste Symbol dafür ist für uns Christen das Kreuz: Das Symbol des mit-leidenden und darin erlösenden Gottes. Woran erkennen die Jünger den Auferstandenen in ihrer Mitte? An seinen Wundmalen. Ja, Thomas verlangt geradezu, die Wunden Jesu zu sehen. Ihm ist die ganze Auferstehungsgeschichte zu unrealistisch, vielleicht zu kitschig, vielleicht zu viel happy-päppi nach all dem Kreuzesleiden. Und er bekommt Recht: Jesus zeigt ihm seine Wunden, ja er lässt ihn seine Finger in die Wunden legen, woraufhin Thomas das alles erst glauben kann.
Die Finger in die Wunden legen. Vor dem Leiden nicht weglaufen, sondern sich im Gegenteil anrühren lassen, betreffen lassen, mitleiden.

Von da her klingt das „Wacht auf, steht auf!“ unseres heutigen Verheißungstextes noch einmal ganz anders. Ja, kann nicht der ganze Jesajatext, der uns heute vorgelegt ist, auf Ostern hin gelesen werden? Auf die Auferstehung Jesu hin, in die wir alle einst mit hineingenommen werden, ja in der Taufe schon mit hineingenommen sind? Wacht auf, aus eurem Tod, zieht eure prächtigen Kleider an, löst die Fesseln von eurem Hals, freut euch und jauchzt! Schüttelt den Staub von euch ab! Gott selbst geht euch voran und beschließt euren Zug!

Gott geht voran: In Jesus erleidet er den grausamsten Foltertod. Er selbst stirbt und geht uns voran in den Tod – diesem letzten und einsamsten Moment unseres Lebens, ihm ist die Einsamkeit genommen. Er selbst geht voran in der Auferstehung, und beschließt unseren Zug, begleitet uns selbst auf dem Weg zu ihm. Dies ist viel mehr als eine vage Jenseitshoffnung. Die Kraft des Ostermorgens überstrahlt nicht „nur“ das Ende unseres Lebens (was ja schon nicht wenig wäre), sie strahlt aus auf jeden Augenblick. Gerade dieses Himmelfahrtswochenende zeigt es uns wieder: Der Auferstandene schickt uns zurück in unsere Welt („Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Apg 1,11), in unsere täglichen Tode und Klagen und Zweifel, in die Eintönigkeit, in die Herzlosigkeit und in unsere eigene Heillosigkeit, damit das Osterlicht diese alle anstrahlt und von innen heraus verändert. Jesus ist den niedrigsten Weg gegangen, erhöht nicht in der Feuersäule, sondern am Kreuz. Vorangegangen nicht in der Wolkensäule, sondern im Leiden. Den Osterjubel gibt es nur mit Wundmalen. Es ist dieser Zusammenhang zwischen der jubelnden Rettungsverheißung und dem mit-leidenden Gott, der Rettung so anders wahr werden lässt, als wir uns das vorgestellt haben – es ist dieser Zusammenhang, der uns Christen trotz all unserer Verzweiflung an den Kreuzen dieser Welt, trotz all unserer Ungeduld mit dem Unfrieden außen und innen, trotz all unserem Anklagen Gott gegenüber, festhalten lässt an Bonhoeffers Satz. „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott“.

– Lied – Vorschläge: „Wir wollen alle fröhlich sein“ (GL 326 / EG 100) (+Einleitung: Was passt jetzt besser, als ein Osterlied zu singen, die wir uns ja jetzt, 40 Tage nach Ostern, immer noch in der Osterzeit befinden?)

5.1. Sich mit den Schwächsten identifizieren

Die Finger in die Wunde legen. Mitleiden. Befreit und befähigt dies nicht, die eine oder andere Fessel abzulegen?
Und da ist etwas sehr Besonderes in diesem Text. Der Große Gott nämlich hat keinen großen Weltenplan, nein, er hat einen Plan für dich und für mich. „Du!“ sagt er. Ja, die Niedergedrückten, Leidenden, Gebeugten. Gott kümmert sich nicht irgendwie um uns, er erlöst uns nicht über unsere Köpfe hinweg, sondern er spricht uns direkt an. – die Gebeugten, die Schwachen, die Niedergedrückten, die Unglücklichen, die Unzufriedenen, die Looser des Lebens. Und selbst wenn wir es gerade nicht sind: Himmelhoch jauchzen, statt zu Tode betrübt zu sein. Selbst dann ist dieser Text eine Idee vom Menschsein und dem Auszug in die Freiheit. Weil nicht jeder Winkel unserer Seele gejubelt und auch weil er ein Geschenk parat hält, das uns Menschen ausmacht als Menschen: wir können am Leid der Anderen verzweifeln oder auch daran vorbeigehen. Selbst das dürfen wir. Dieser Jesaja spricht uns an, als wären wir die Leidenden. Die Welt und das Leben von den Schwächsten, den Rändern, den Marginalisierten aus zu betrachten, von den Verzweiflungen, den Schwächen und dem Unsagbaren aus zu betrachten. Die Finger in die Wunden legen. Einmal sie zu spüren, die Wunde und einmal, sie zu heilen.

Wie sehr ändert sich die Situation von geflüchteten Menschen, wenn sie auf jemanden treffen, der sich wirklich in ihre Situation hineindenkt. Die ihnen zuhört, sie unterstützt, in kleinen Gesten und großem Engagement! Es ist eben noch immer jeder ein MENSCH! Keine Nummer, kein Fall, keine Flut, kein Problem: ein Mensch!

Oder die 9jährige Enkelin von Martin Luther King, die die Welt berührt hat, indem sie kühn ausgesprochen hat, was sie sich wünscht: Eine waffenfreie Welt. Sprachrohr für so viele, die keinen berühmten Großvater haben, Sprachrohr für all diejenigen, die unter all den viel zu leichtfertig verkauften und exportierten Waffen dieser Welt leiden. Natürlich, man kann weghören. Doch dieser Jesaja mutet uns zu, uns mit den Schwächsten zu gehen, in sie hinein…

Jesus mutet uns zu, die Finger in die Wunden zu legen. Aber er erlegt uns eben nichts auf. Er ist dabei, geht vorweg und hinten nach.

Und es ist gar nicht so einfach zu wissen, wer sind diese Schwächsten. Wir alle haben eine Vorstellung davon. Arme, Hungernde, Versehrte, Ausgegrenzte. Ich will Sie einladen, das einmal zu übersetzen. Wer ist arm an Hoffnung, mitten im Leben, weil scheinbar alles immer nur so weiter geht. Bis zur Rente und dann? Wer ist hungrig nach Sicherheit? Wer kann es nicht aushalten, nicht zu wissen, was da kommt, in dieser unsicheren Welt, in einem Land, das eigentlich gut damit lebt, dass so unterschiedliche Menschen beieinander sind, unterschiedlich von Herkunft, von Religion, von der Art zu lieben, zu leben. Es könnte so gut werden, wenn wir uns hineinversetzen, in beide – in die Un-Sicheren und in die so ganz Anderen, vielleicht sogar in die ewig Selbstgewissen: wenn wir uns entscheiden: Wacht auf. Jubelt. Geht fort! Aber eben ohne Eile und geschützt. Was ist mit denen, die versehrt sind, an ihrer Seele. Die nicht mehr aushalten, sich zu erinnern, die nicht sein können, was sie sollen. Immer mehr Menschen sind seelenkrank und sie sollen, sie müssen wissen: sie gehören dazu. In ihrer Würde, die nie verletzt werden darf. Ich sage das in Richtung der Bayrischen Landesregierung: Eine Gesellschaft ist so gerecht und so gut und so lebenswert, wie sie gerade mit diesen Schwächsten umgeht, deren Schwäche darin besteht, dass sie sie noch nicht einmal artikulieren können.
Wie anders würde es in unserem Land zugehen, wenn alle sich mit den Schwächsten wirklich identifizieren würden! Und zwar gerade diejenigen, die die Zuständigen sind! Wenn Söder statt Kreuzzwang einzuführen das ernstnehmen würde, wofür das Kreuz steht! Wenn jede/r in ihrem Alltag die Position ihres diskriminierten jüdischen Mitbürgers einnehmen würde – wäre es dann nicht endlich und ein für alle Mal damit vorbei, dass das Wort „Jude“ auf unseren Schulhöfen als Schimpfwort verwendet wird?

Schwestern und Brüder,

Bibeltexte sind erstaunlich. Zunächst nämlich sah es (jedenfalls für mich) so aus, als wäre unser heutiger Jesajatext gänzlich unpolitisch: Gott spricht uns umsonst, gratis Rettung zu, Gott geht uns voran und beschließt unseren Zug, Gott verlangt keinerlei Mitwirkung, unsere einzige Antwort: der Jubel. Und dann so etwas: Die Aufforderung an uns, von den Schwächsten her zu denken – nicht nur politisch, sondern revolutionär, und im wahrsten Sinne österlich. Von den Schwächsten her zu denken. Das heißt auch: Such dir die schwächte Stelle in dir, in deiner Seele, lass sie groß sein, denke von dort aus, dass dein Gott dir zuruft: in deiner Schwäche: Wach auf. Geh Fort. Ich bin vor und hinter dir.

5.2. Gott etwas Neues zutrauen

Aber: Was ist, wenn wir selbst uns viel zu schwach fühlen? Wenn wir frustriert sind in unserem Engagement? Wenn wir scheitern und fühlen, es geht nichts voran, als wäre alles umsonst? Und was ist, wenn andere am langen Hebel sitzen, denen wir es nicht zutrauen, dass sie Gutes bewirken können? Wodurch errettet Gott? Wie sieht sein heiliger Arm ganz konkret aus? Wie seine Feuer- und Wolkensäule, mit der er den Auszug aus der Unterdrückung anführt und beschließt?
Wie war es noch gleich in der historischen Situation unseres Textes? Kyros, der Heide, der nicht-jüdische Perserkönig, war das ersehnte Werkzeug in der Hand Gottes. Er war es, einfach indem er die deportierten Völker (aus welchen Gründen auch immer) zurückkehren und ihre Tempel wiederaufbauen, ihre Identität wieder leben ließ. Tja: Wer führte gleich das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens? Ein Schafhirte aus der Wüste, in früherer Zeit zwar aufgewachsen wie ein Königssohn, doch dann eines Mordes schuldig: Mose. Durch wen kam die Osterbotschaft noch gleich zu den Jüngern und von da aus in die ganze Welt? Ja, durch die Frauen am Grab, die, tränenblind, so etwas nicht erwartet hatten, und die in der damaligen Zeit, weil sie Frauen waren, auch formal gar nicht mal als Zeugen zugelassen waren. Wer war nochmal der Fels, auf dem Jesus die Kirche baute, der erste Papst? Ein Fischer aus Galiläa, ein Angeber, der als es darauf ankam seinen Herrn dreimal verleugnete.

Gott braucht uns als seine Werkzeuge. Nicht ausgewählte Superhelden, sondern uns. Gott braucht uns auch dann, wenn wir es gar nicht für möglich halten. Auch dann, wenn wir die Probleme als übermächtig empfinden. Auch dann, wenn wir uns selbst vielleicht als unbrauchbar, unwürdig oder unfähig finden. Und wir müssen uns den Gedanken gefallen lassen, dass er auch andere Menschen als Werkzeuge seines Rettungshandelns braucht, die wir als unbrauchbar, unwürdig oder unfähig einschätzen. Gott, so sagt es dieser Jesaja, findet: Das schaffen wir! Wenn wir uns schon längst nichts mehr zutrauen. Und auch gerade dann, wenn wir längst zu wissen meinen, wie Gott die Gebeugten zu retten hat, und wer würdig sei, Gottes Werkzeug zu sein, und wer nicht. Jesaja ruft uns dazu auf, Gott etwas Neues zuzutrauen.
Und wenn wir meinen, dass all unser Einsatz viel zu langsam viel zu wenig zu verändern scheint, DANN sollten wir, Katholikinnen, Protestaten, Muslima und Juden und anders oder gar nicht Glaubende, jede/r einzelne von uns an unserem konkreten Ort, uns erneut zu Werkzeugen Gottes machen lassen und sogar selbst unendlich schwach sein dürfen und doch immer wieder Neues von Gott erwarten.

Denn: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“

Schlusslied: Meine Hoffnung und meine Freude.

Ihr habt wirklich einen großartigen Himmel eingeschaltet auf ⁦@hiddenseeforum⁩

Herzlichen Glückwunsch! #WMFinale #FRACRO #FifaWorldCup2018

...und am Ende der #desGlückesUnterpfand-Tour reist @RobertHabeck nach #Thüringen. Wir freuen uns riesig! SAVE THE DATE: 27. Juli! #dasbestekommtzumschluss #Wartburg #Erfurt #GrünesHerzDeutschlands https://t.co/LLKxuUsekM