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Wo das Herz der Präsidentin schlägt
Frau Göring-Eckardt, können Sie das Wort "Kirchentag" eigentlich noch hören?
Göring-Eckardt: Natürlich, mit Freude und vor allem Dingen mit wachsender Begeisterung!
Was lässt diese Begeisterung wachsen?
Göring-Eckardt: Dieser Tage habe ich zum Beispiel mal versucht herauszufinden, wie viele Privatquartiere wir eigentlich schon in Dresden und Umgebung haben. Aber da war immer besetzt. Das heißt: Da rufen ständig Leute an und wollen Betten zur Verfügung stellen.
Zum Zweiten: Wir haben von den 4000 bis 4500 benötigten ehrenamtlichen Helfern, schon 2300. Dazu gehören viele junge Leute, die einfach als Helferin und Helfer in Dresden unterwegs sein werden um den Leuten den Weg zu weisen, dafür Sorgen, dass Menschen mit Behinderung oder Familien möglichst problemlos von A nach B kommen, oder jeden Morgen in den Gemeinschaftsquartieren tausende Frühstückspakete verteilen. Weiterhin freue ich mich, dass unser Programm im Grunde steht. Auch das ist ja von Ehrenamtlichen vorbereitet worden. Wir haben Zusagen von vielen wichtigen prominenten Menschen aus Kirche, Politik, Wissenschaft, Kultur.
Und ich bin total erfreut darüber, dass wir so herzlich willkommen sind bei der Bevölkerung in der Stadt Dresden, wo ja nur etwa 20 Prozent Christinnen und Christen leben. Aber es ist wirklich toll, wie sich die Kirchengemeinden engagieren dafür, dass es ein schönes Fest wird.
Stichwort 20 Prozent Christen - es scheint doch ein etwas kritischer Wind zu wehen in Dresden. Politikerkollegen von der FDP haben beispielweise die inhaltliche Ausrichtung mancher Programmpunkte kritisiert, andere stellen die öffentlichen Finanzhilfen für den Kirchentag in Frage.
Göring-Eckardt: Bei dem Manöver hat wohl, wie ich denke, jemand versucht irgendwie auf Kosten des Kirchentages parteipolitische Auseinandersetzungen zu führen. Ich empfehle den Kritikern mal danach zu schauen, was so ein Kirchentag ökonomisch bringt für eine Stadt und für eine Region. Da kommen hunderttausend Menschen hin und diese hunderttausend Menschen werden zum Teil in Hotels wohnen, die werden essen und trinken und, und, und. Aber ich habe sowieso den Eindruck, dass das wirklich nur ganz wenige sind, die derzeit so eine Diskussion aufführen.
Was war eigentlich Ihr erster Kirchentag?
Göring-Eckardt: Der erste, an den ich mich wirklich bewusst erinnere, war 1988 in Erfurt auf dem Domplatz. Damals hatten wir aufgrund der massiven Anwesenheit der Stasi, die Zählweise "mit 'Sicherheit' waren es soundso viel Tausend". Aber dieses Gefühl, mit so vielen Christinnen und Christen zusammen zu sein und zu wissen, die können uns jetzt nicht wegschicken, die können nichts dagegen machen, dass wir öffentlich und laut Halleluja singen - das hat mich tief geprägt. Es war auch da vor allem dieses Gefühl: Wir sind jetzt hier und wir gehen hier auch nicht weg, bevor nicht der Segen gesprochen ist.
Ein kleines Vorgefühl auf '89?
Göring-Eckardt: Ja, es war so etwas wie ein kleines Vorgefühl auf die friedliche Revolution, auch wenn man das damals jedenfalls noch nicht absehen konnte.
Heute sind Sie engagierte Politikerin Ihrer Partei, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Präses der Synode der EKD, Präsidentin des 33. Deutschen Evangelischen Kirchentages und darüber hinaus in manchen anderen Ehrenämtern aktiv. Wie halten Sie das alles auseinander - oder auch zusammen?
Göring-Eckardt: Ich bin natürlich immer nur ein Mensch, der sich nicht teilen kann in morgens "A" und abends "B". Aber die Ämter müssen schon auseinandergehalten werden. Mein Hauptberuf, den ich auch mit Leidenschaft betreibe, ist Abgeordnete des Deutschen Bundestages zu sein und mich da in Themen einzumischen. Doch es gibt dabei durchaus Schnittpunkte zu meinen kirchlichen Ehrenämtern. Der Kirchentag selbst ist ja etwas sehr Besonderes, weil er die Fragen der Zeit in einem ganz anderen Rahmen diskutiert. Und wenn man andere Politiker fragt, ob sie bereit sind, zum Kirchentag zu kommen, dann hört man meistens sofort ein lautes "Ja". Spitzenpolitiker stellen sich dort einer Diskussion. Das macht den Kirchentag so reizvoll. Und es macht ihn diesmal natürlich zusätzlich reizvoll, dass wir in so einer atheistischen Umgebung versuchen Glauben zu buchstabieren.
Wie soll diese buchstabieren aussehen? Wird der Kirchentag nicht eher unter sich bleiben?
Göring-Eckardt: Eines meiner absoluten Lieblingsprojekte bei diesem Kirchentag ist eigentlich etwas ganz Kleines: Ich habe die kirchliche Musikhochschule in Dresden dafür gewinnen können, dass in der Innenstadt Dresdens Kirchenbänke stehen werden. Und da werden Studierende sitzen und "einfach" anbieten, dass sie über Glaubensfragen Auskunft geben. Also: Was ist eigentlich Auferstehung? Oder: Warum feiern wir Pfingsten? Ich bin sehr gespannt, wie die Dresdener darauf reagieren werden. Und ob sich nicht vielleicht auch mancher Kirchentagsbesucher noch einmal das eine oder andere erklären lässt ...
Das Motto des Kirchentages lautet "... da wird auch dein Herz sein". Wo wird denn das Herz der Präsidentin in Dresden ganz besonders schlagen?
Göring-Eckardt: Das eine - die Kirchenbänke - habe ich schon gesagt. Daneben freue ich mich wahnsinnig auf die großen Gottesdienste. Wir haben solche wunderbaren Orte wie die Frauen- und die Kreuzkirche und wir wollen - wenn der Wasserstand es zulässt - auch an der Elbe Gottesdienst feiern. Und natürlich schlägt mein Herz besonders bei allem, was mit der Bewahrung der Schöpfung zu tun hat. Beim Kirchentag vor zwei Jahren in Bremen sah ich auf dem "Markt der Möglichkeiten" ganz viele von diesen kleinen Plastik-Milchdöschen. Diesmal habe ich beim Treffen mit den "Markt"-Verantwortlichen persönlichen Einsatz versprochen, und zwar, dass es Küsschen der Präsidentin für jeden gibt, der mir seine umweltverträglicheren Milchflaschen oder -packungen zeigt. Eigentlich auch nur eine kleine Sache, die aber bereits ein großes Echo und vor allem Nachdenken ausgelöst hat.
Und mein Herz schlägt bei den vielfältigen Begegnungen über Landesgrenzen hinweg. Wir feiern nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in der Mitte Europas. Deshalb haben wir die osteuropäischen "Christlichen Begegnungstage" eingeladen, sich in den Kirchentag zu integrieren. Wir werden viele Gäste aus Osteuropa haben, was diesem Kirchentag ein eigenes Gewicht geben wird.
Ein abschließendes Wort an die Leser hier in Mitteldeutschland. Warum sollten sie nach Dresden zum Kirchentag zu fahren?
Göring-Eckardt: Mit 100.000 Menschen gemeinsam Abendmahl feiern an der Elbe, mit den Kindern im Hygienemuseum erfahren, wie gut gesundes biofaires Essen schmeckt und wie man es zubereitet, die Palucca-Schüler über die Elbe tanzen sehen, Pulsnitzer Lebkuchen im Frühjahr, Singen bei der Nacht der spirituellen Lieder oder mit den Taizebrüdern beten, diskutieren mit Vaira Vike-Freiberga oder Steven Green, im Zentrum Älter werden jung im Kopf sein, über Demokratie reden mit Renate Künast oder Heiner Geißler oder einfach, weil man sich freut, ganz zufällig den Chor aus der Nachbargemeinde oder die Konfis vom letzten Jahr zu treffen.









