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Abschied von München und willkommen in Dresden!
Liebe Schwestern, Liebe Brüder, nach München bietet es sich an: Kommen Sie in den Osten. Kommen Sie in die Stadt an der Elbe: nach Dresden. "…da wird auch dein Herz sein!" Das ist die Losung des Evangelischen Kirchentags im nächsten Jahr. Was trägt uns? Was ist uns wirklich wichtig? Wofür schlägt unser Herz? Wo ist euer Herz? Und wo seid Ihr im Juni 2011 – ich hoffe in Dresden!

Bewahrung der Schöpfung
Der letzte Auftrag von Katrin Göring-Eckardt bei dem 2. Ökumenischen Kirchentag war im Zentrum Umwelt und Ressourcen, wo über die Schöpfung in einem Gespräch mit Constantin Miron, Ludwig Schick und Fe'iloakitau Kaho Tevi diskutiert wurde. Herr Tevi, der Generalsekretär der Pazifischen Kirchenkonferenz hat klar gesagt, dass wir alle in dem selben Boot sind und dass die Entscheidungen, die in einem Teil der Erde getroffen werden, auch die Leben von Menschen auf den anderen Teilen stark beeinflussen. Katrin Göring-Eckardt fügte dazu, dass zuerst jeder bei sich anfangen kann und soll. Mann muss nicht unbedingt auf die Entscheidungen der Politik warten. In der letzten Zeit merken wir leider sowieso, dass die Regierungsentscheidungen nicht unbedingt mit der öffentlichen Meinung im Klang stehen. Wie es auch im Falle von verlängerten Laufzeiten von Atomkraftwerke sichtbar ist. Man kann aber allein versuchen, andere und bessere Entscheidungen zu treffen. Nur als Bespiel hat sie erwähnt, dass die Evangelische Kirche in Deutschland mit ganz einfachen Maßnahmen das Energieverbrauch um 37 Prozent vermindern könnte. Und das ist der beste Anfang. Nur solche Aktionen und Entscheidungen werden unsere Erde auch unseren Kinder in guten Zustand weitergeben. Die Frage ist nur, ob die Gesellschaft dafür schon bereit ist. Können wir uns überhaupt noch weitere Zeit nehmen?



Im Pavillion des Kirchentages 2011 in Dresden empfing Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt Landesbischof Jochen Bohl und Oberbürgermeisterin Helma Orosz, um gemeinsam zu kickern und über das große Ereignis im nächsten Jahr zu sprechen.


Globales Wachstum ohne Ende: Globalisierung quer und neu gestalten
Sind Sie eigentlich glücklich? Haben Sie genug? Und haben Sie heute schon genug konsumiert? Das sind nur ein Paar Fragen, die Katrin Göring-Eckardt in ihrem Ausblick zum Thema Globalisierung und Wachstum dem Publikum gestellt hat. Auf die sollte jede Person, im Saal und allgemein selbst eine Antwort finden. Das sind nämlich die derzeitigen Leitfragen. Leider fragen wir uns aber nicht so oft, ob wir glücklich sind. Viel mehr wird von den Neusten technologischen Entwicklungen gesprochen. Obwohl wir die neuen Sachen nicht unbedingt brauchen, müssen wir sie haben. Wieso? Weil es in der Konsumierungsorientierter Gesellschaft einfach so sein muss. Können sie sich eigentlich vorstellen, wie viel Zeit wir zusätzlich für die Freunde und Gespräche hätten, wenn wir uns nicht so sehr mit der Konsumierung beschäftigten? Bestimmt für ein Paar Abende beim Weintrinken oder Kaffe und Kuchen mit Freunden. Das Problem ist nur, dass das den Wachstum nicht soviel dazu bringt. Aber Wohlstand macht auch nicht unbedingt glücklich, oder glücklicher. Nein, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass z. B. die Menschen in Tansania glücklicher sind als die Deutschen, obwohl die Menschheit in den letzten Jahrzehnten deutlich wohlhabender geworden ist.
Der jetzt anstehende Neuanfang kann aber, wie auch Katrin Göring-Eckardt gesagt hat, nur ökologischer sein. "Stehen wir auf und sagen wir: es ist uns egal, was die anderen denken: wir fangen an. Wir fangen an mit dem anderen, dem guten Leben: für uns, für die, die am anderen Ende der Welt leben, für die, die nach uns kommen. Ja, es ist Krise aber es ist nicht zu spät. Es ist eine gute Zeit ein Apfelbäumchen zu pflanzen. In der Hoffnung, dass unsere Kinder und deren Kinder Äpfel werden ernten können."


Katrin Göring-Eckardt: "Orientierung finden im Religionsgestöber"

Vortrag beim ÖKT in München am 14.05.2010
-ES GILT DAS GESPROCHENE WORT -
Anrede,
kürzlich fiel mir ein Buch in die Hände, das trug den Titel "Best of Gott". Hier kann man sich ein ideales Menü zusammenstellen: In welcher Religion gibt es die meisten Feiertage? Welcher Glaube ist am besten für die Karriere? Welche Religion hat die schönsten Pilgerziele, welche Religion hat die besten Tipps fürs Schlankwerden und wo gibt es den schönsten Sound.
Der Untertitel des Buches lautet: "Glaubensshopping leicht gemacht." Klar, das Ganze ist als ironischer Spaß gemeint. Aber trotzdem scheint dieses Angebot für eine Religion àla "Marke Eigenbau" den Kern dessen zu treffen, was Religionssoziologen gerne "Individualisierung" nennen: So bastelt sich jede und jeder demnach heutzutage seinen eigenen Glauben zusammen. In Abwandlung des bekannten Heimwerkermarkt-Werbeslogans könnte man sagen:"Glaub dein Ding!" Und im Grunde ist das ja nicht neu. Die alte Frau, die schon lange nicht mehr in den Gottesdienst geht, und die, wenn die Pfarrerin zum 70. Geburtstag vorbei kommt, mit fester Überzeugung sagt:"Ich hab schon meinen Glauben". - Sie ist kein Phänomen der Gegenwart. Und nicht erst seit gestern kennen wir einige, die neben ihrem christlichen Glauben auch noch ihre Warzen besprechen lassen, den Handlinien Bedeutung verleihen und sich Tag für Tag nicht enthalten können, die Seite mit den Horoskopen in der Tageszeitung aufzuschlagen. Übrigens erzählte mir eine junge Frau aus Slowenien kürzlich, wie das in Ljubljana bei einer der größten Tageszeitungen gehandhabt wird: Da muss sich in der Redaktion derjenige die Horoskope ausdenken, der als letzter zur Redaktionssitzung kommt. Das ist in Deutschland bestimmt ganz anders. Wir haben ja für alles ganz besonders kompetente, zumeist wissenschaftlich gebildete Fachkräfte.
Da haben sich also Generationen von Theologinnen und Theologen genau überlegt, wie Gott sein kann, was der Grund des Evangeliums ist, wie die Heilige Schrift zu verstehen usw., - und dann glaubt doch jeder, was er will? Und auch noch totalen Unsinn? Nun kann man vielleicht sagen, heute ist es mit dem Glauben noch etwas schwieriger. Die Welt rückt kommunikativ zusammen, die Kulturen treffen aufeinander, verschmelzen hier und da, vereinheitlichen sich gar, bei den Soaps oder dem Cola-Geschmack. Wir reden per Skype für lau über Kontinente hinweg, der Austausch von Informationen und Nachrichten geschieht ohne jeden Zeitverzug und wohl oft auch ohne jedes Nachdenken. Warum soll sich also der Glaube nicht multireligiös globalisieren? Die neue niedersächsische Bildungsministerin Aygül Özkan hat bei ihrer Vereidigung mit "So wahr mir Gott helfe" geantwortet. Auf die Frage, welchen Gott sie meine, sagt die gläubige Muslima wörtlich: " Als Patriotin freue ich mich darüber, dass unser Grundgesetz genau das möglich macht, wahr und richtig sein lässt. Es hat sich bewiesen, erwiesen, als tauglich über die Denkmöglichkeiten seiner Väter und Mütter."
Manch einer zuckt bei dem Gedanken an dieses plurale religiöse Miteinander und Durcheinander erschrocken zusammen. Insbesondere jene, die immer gern sofort so eine Art kulturpessimistische Keule schwingen: Wo soll das denn nur alles hinführen? Dabei ist diese Situation keineswegs neu. Denn auch schon in der griechisch-römischen Antike gab es ein buntes Durcheinander und Miteinander unterschiedlichster Glaubensarten und Glaubensrichtungen. Beinah alles konnte geglaubt werden und auch miteinander verbunden werden. Die Apostelgeschichte erzählt sogar davon, wie Paulus nach Athen kommt und dort einen Altar findet, der dem "unbekannten Gott" geweiht war. Für den Fall, dass man einen vergessen hatte! Das Spannende daran aber ist, dass der Religionspluralismus die Umgebung war, in der sich der christliche Glaube ausbreitete. Irgendetwas scheint an ihm so spannend und überzeugend gewesen zu sein, dass er auf dem bunten Markt der antiken Religionen und spirituellen Erlebnisse gern gewählt wurde. So gesehen gibt es keinen Grund zum Pessimismus, vielmehr kehren wir eigentlich nur wieder in die Ausgangslage zurück.
Özkan ging es vor allem auch um die Fragen der Religionsfreiheit und unseres Gottesbildes. Doch sollten wir uns an dieser Stelle die Frage stellen: Ist der Glaube etwas, das ich mir selbst baue, dessen Inhalte ich mir erarbeite und dann, wie auch immer passend, für mein Leben mache?
Natürlich sitzt man nicht einfach so beim Glas Rotwein und entscheidet sich für Buddha oder Jesus Der Glaube ist keine Wahl wie jede andere. Man wählt ihn ja nicht genauso, wie man sich ein neues Auto oder ein neues Sofa aussucht. Aber ginge das? Ich beschließe zu glauben und schaue, was passt, ganz ernsthaft. Vielleicht so, wie bei der Berufswahl oder bei der Wahl des Partners, der Partnerin, mit dem ich alt werden will: Auch hier wähle ich ja sehr ernsthaft, aber gleichsam "auf Pump", weil ich gar nicht alle Konsequenzen überblicken kann.
Haben Sie das beim Glauben je versucht? Oder war da etwas immer schon da? Wie haben Sie begonnen zu glauben? Als Kind an den Typen mit dem Rauschebart; als Jugendlicher an den, der immer da und in allem Guten besonders ist; als Erwachsener an einen, der Richtung und Halt gibt, der nicht mehr irgendwo ist, aber doch da? Haben sie je erwogen, sich aktiv einen anderen, passenderen Gott zu suchen? Ja, natürlich wissen wir alle, dass es Christen gibt, die Moslems werden oder umgekehrt. Aber ist das tatsächlich eine menschliche Vernunftsentscheidung? Ich denke, ehrlich gesagt, es ist genau umgekehrt: der Glaube ist kein Suchergebnis des Menschen, sondern der Glaube sucht und will den Menschen. Das Göttliche verschafft sich sozusagen Ausdruck im Menschen. Aber nicht nur das. Der Glaube schafft sich auch ein Zuhause, eine Heimat im Menschen, er wohnt dann an einem vertrauten Ort und schenkt Geborgenheit und Sicherheit.
Dieser vertraute Ort ist es übrigens, der gerade in dieser Zeit die katholischen Geschwister zu trösten vermag. Denn ihr nach außen verorteter Glaube, ihre Kirche lässt sie zweifeln, ja verzweifeln. Manche verlassen sie sogar, weil sie die Spannung zwischen innen und außen nicht länger auszuhalten bereit sind. Was innen geglaubt wird, das soll auch außen Ausdruck finden und einen Ort haben können, der Geborgenheit, Klarheit, Wahrhaftigkeit bietet. Das aber bricht vielen weg und es ist tragisch, das mit anzusehen.
Keine Kirche ist automatisch ein heiliger Ort, auch keine Religion, denn sie sind ja immer nur Ausdruck und Abbild. Die Theologen würden sagen: Gleichnis oder Analogie des Heiligen. Aber ein Ort, an dem man Christus vorfinden möchte, und zuerst ihn, jenen Einen, der der Heilige ist. Womöglich ist es auch genau das, was Muslime in unserer Nachbarschaft zu Recht wütend und traurig werden lässt: Wenn sie die sinnlose Verknüpfung ihres Glaubens mit dem Terrorismus zu spüren bekommen. Sei es als Unterstellung, oder sei es als Missbrauch.
Glaube also: unverfügbar. Das Göttliche in uns können wir weder bestimmen noch bezwingen. Die Erfahrung der Unverfügbarkeit – da ist etwas Größeres als ich selbst – bildet die Grenze der heute so gerne und oft beschworenen Wahlfreiheit des Individuums. Denn das Numinose fügt sich nicht dem Willen des Individuums.
Anrede,
"Best of Gott" ist – trotz aller ironischen Überspitzung –aber auch Ausdruck des verbreiteten Wunsches nach einer Religion ohne Wagnis und Widerstand. Was einem nicht passt, wird passend gemacht, – bis man den maßgeschneiderten Glauben hat und man sich wohl und bequem fühlt. Dagegen ist zunächst nichts zu sagen. So soll es gern sein: Man darf und soll sich sicher, geborgen und aufgehoben, getröstet fühlen. Man darf eine Ort haben, an dem man in all den Unwägbarkeiten der sogenannten"Risikogesellschaft" endlich mal zur Ruhe kommen und durchschnaufen kann.
Allerdings: Wahrscheinlich müssen wir damit rechnen, dass spirituelle Erfahrung auch aufregend, ja sogar stressig undbeunruhigend sein kann. Die Transzendenzerfahrung des Ergriffenseins schleudert uns sozusagen über uns selbsthinaus.
"Ich bin die Wahrheit" - Jesu Botschaft verändert uns undstellt bisherige Gewissheiten und Wahrheiten in Frage. Die christliche Botschaft liefert uns denn auch keine Gratis-Sicherheit, sondern sie ist selbst ein Risiko und eine Herausforderung. So gesehen bekommt die Individualisierungs-These einen neuen Sinn: Die Anstrengung des Glaubens ist nicht delegierbar. Glaube ist durch Ritual erlebbar, das Sicherheit gibt und der Selbstvergewisserung hilft. Das Ritualisierte, anstrengungslose "Das macht man so." "Das funktioniert immer.", gehört da allerdings nicht hinein. Rituale helfen uns, Erschütterungen, Ungewissheiten, Kontingenzen aushalten zu können und uns dennoch neu werden zu lassen. Für die Protestanten ist das nicht neu. Luther hat nicht die Rituale in Frage gestellt, sondern nur verlangt, dass sie nicht mit der Sache selbst, mit dem Glauben, mit dem Evangelium verwechselt werden. Wer sich auf sich selbst zurück geworfen sieht, weiß die Rituale zu schätzen, denn er zweifelt umso mehr, je stärker er den Glauben ersehnt. Niemand kann garantieren, dass er "genug" glaubt, dass er im Glauben lebt. Da ist kein anderer, der das garantierte. Der Glaube ist so gesehen nicht nur "individualisiert", sondern zuweilen auch einsam, mit sich und seinen Fragen. Und auch wer im Glauben Gemeinschaft erfährt, kommt um die individuelle Selbstvergewisserung und um den existentiellen Zweifel nicht herum. Von der Gemeinschaft der Christinnen und Christen aufgenommen und angenommen zu werden ist wichtig, unverzichtbar, grundlegend. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen, sagt Jesus. Allerdings: Die eigene Auseinandersetzung mit Gott und mit sich selbst, die kann die Gemeinschaft niemandem abnehmen. Die Freiheit des Christenmenschen heißt vor allem immer auch: Ich kann, ich darf, letztlich: ich muss mich entscheiden, weil Gott sich für mich entschieden hat. Das Evangelium macht mich frei, gerade weil ich nicht glauben "muss".
Und es ist der Glaube jedes Christenmenschen, die Treue zu Gott, die sogar unsere Kirche frei macht, sich so oder anders zu gestalten, sich neu zu erfinden, sich beständig zu reformieren. "Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers: das Netz ist zerrissen und wir sind frei", heißt es im Psalm 124.
Und kleiner sollten wir von unserem Glauben nicht denken.
Anrede,
frei sein, das ist Anstrengung, das macht Schwierigkeiten, das klingt nach einem komplexen Weg, der erst gegangen werden muss. Der Weg kennt Schneisen, Kreuzungen, Abwege, Tiefen und Berge, die unüberwindlich scheinen, Schlangengruben und Krisen. Er kennt Kriege und Zweifel. Er kennt Gottes unmittelbar spürbare Gegenwart und das Schreien: Gott, wo bist du! Er kennt Schrecken und Trost. Trost, Kraft, Stärke aus Glauben, vielleicht zuletzt und selbst als Unverfügbares. Nicht als Pflicht, nicht als Verpflichtung oder durch Anstrengung Erreichbares. Um das Größere wissen, an das Unverfügbare glauben, an das, was weder zu kontrollieren noch abzuschaffen, weder zu verbieten noch einzukaufen ist, - das ist die reiche, die wunderbare Seite der Freiheit im Glauben.
Nehmen wir die kleinmütige, selbstgerechte, oft genug grausame Diktatur in der DDR. Es konnte eine wunderbare Freiheit sein, in der die Anmaßungen und Zumutungen des Regimes und dessen Absolutheitsanspruch einfach dem Wissen weichen konnten: Da ist einer, der ist größer als alles, was ihr wollt und womit ihr droht. Das wissen um Gottes Gegenwart in einem totalitären Umfeld hat diesen Totalitarismus ins Verhältnis gesetzt – ins Verhältnis gesetzt zu etwas Größerem, ihn damit letztlich in Leere laufen lassen. Wo Gott lebendig und erfahrbar wurde, da stießen die Diktatur und der allgegenwärtige Staat mit seiner Ideologie und seinem Absolutheitsanspruch auf Grenzen und Granit. Wir hatten trotzdem Angst. Angst um uns selbst, um unsere Kinder, um die Zukunft. Angst, das falsche Wort am falschen Ort zu sagen und eingesperrt zu werden. Oder auch kleiner: Sorge, nicht den Beruf ergreifen zu dürfen, den wir wollten. Oder einfach sehnsüchtig fragend: Kann ich niemals nach New York, Iqualuit, Ougadougu? Oder auch ganz existenziell: Kann ich hier überhaupt leben? Kann ich sein in einem Land, das mir kein Zuhause bietet, sondern nur die Zwangsmitgliedschaft in einem Kollektiv?
Für manchen, auch für mich, konnte der ortlose Ort, den wir "Glaube" nennen, Heimat sein. Eine spirituelle und eine kulturelle Heimat in einem Land, in dem der Staat bis in den letzten Winkel des Lebens zu kriechen versuchte – und in dem sich gerade deshalb so viele verloren und nicht geborgen fühlten. Glaube wurde zu einem Ort, wo man sich richtig am Platz fühlte, wo man hingehörte und gefragt war.
An diesem Ort darf und sollen sich der und die Gläubige auch wohlfühlen. Sie dürfen Trost finden.
Aber dieses Wohlfühlen, dieser Trost sind etwas gänzlich anderes als das, was wir gemeinhin mit "Wellness" verbinden. Das bleibt an der Oberfläche, das ist Geld gegen Wohlbefinden, das ist Pause machen, um genau da weiter zu machen, wo man aufgehört hat. Wohlfühlen im Glauben ist ein tiefes Ausatmen der Seele, ist ein Ankommen bei sich selbst, ist eine Zeit, in der Gott der Gastgeber in mir ist. Glaube ist auch Wellness, aber Wellness der Seele, der Tiefengeschosse der Seele, denn sie darf weinen und weit werden, sie kann loslassen und loslaufen, neu werden und gleich bleiben. Wenn man mal bedenkt, wie viel Zeit wir aufbringen, um unsere äußere Gestalt "in Form" zu bringen, - und nur die Hälfte davon für die Pflege der Seele übrig hätten, ich glaube wohl, viele von uns wären deutlich heiterer.
Glaube ist ein Gefühl, in dem Hingabe und Trost, Geben und Nehmen nicht mehr unterschieden werden müssen. Der Glaube ist keine Teilzeitaktivität, keine bloße Flucht aus dem Alltagsstress, sondern etwas, das uns als ganze Person ergreift, – und uns so erst zu ganzen und vollständigen Menschen macht. So gesehen ist jeder Gottesdienst eine ganzheitliche Erholung, die unsere Seele vollkommen umsorgt. Der Trost, der dort "angeboten und zugesprochen" wird, ist Einspruch gegen alle Angst und Hoffnung und gegen allen Kummer. Er ist aber auch Einspruch gegenallen Größenwahn und gegen alle Selbstüberschätzung. Es ist der Trost, der mich tanzen lässt. Nein, nicht auf dem Vulkan. Hier auf der Erde, aber ganz frei, ganz bei mir.
Mit diesem Trost kann der Gläubige dann ganz anders in die Welt treten: stark, nachdenklich, ruhig. Stark, aber eben nicht machtgierig und größenwahnsinnig, sondern fröhlich und demütig . "Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät", heißt es bei Jesus Sirach. Wie erleichternd das ist, wenn alles wogt und bebt, wenn ich kaum noch weiß, was ich glauben, wie ich leben, was ich tun soll.
Der Glaube gibt Kraft und Ruhe zum Nachdenken, die Ausdauer, Alternativen zu entwickeln und abzuwägen. All dies ist auch deshalb möglich, weil Glauben das Leben entschleunigt: Er gibt der menschlichen Existenz eine Dimension, welche den Entscheidungsdruck des "Hier & Jetzt" relativiert. Er entlastet von jenem "Sofortismus", mit dem die Welt in Bewegung gehalten wird, der aber oft genug blind macht gegenüber den grundsätzlichen Sinnfragen. Der Glaube "entzerrt" den hektischen Alltag und schafft so einen Raum für tiefere und vor allem auch langfristigere Fragen. In der Politik, und nicht nur dort, benutzt man dafür den Begriff der Nachhaltigkeit.
Anrede,
das Durcheinander, das das "Gestöber" zu meinen scheint, ist dabei womöglich gar nicht von Nachteil. Leben wir in einer "schlaffen und glaubensarmen Zeit", wie das Lied"Oh komm du Geist der Wahrheit" schon 1833 beklagt? Leben wir in einer Zeit des religiösen Analphabetismus? Leben wir multireligiös in einem Land, das frei genug ist, die Freiheit zur Religion zu gewähren und dafür zu streiten? Leben wir in einer Zeit, in der nicht nur Vulkanasche den Himmel verdunkelt und die Triebwerke gefährdet, sondern uns auch mit Macht unserer Machtlosigkeit erinnert? Leben wir in einer Welt, in der griechische Rentenzahlungen deutsche Steuerpläne bestimmen? Das alles: Ja. Und gleichzeitig gibt uns all das die Möglichkeit, die Freiheit, vielleicht hier und da auch den Anstoß zu fragen nach dem, was ist, wenn das Gestöber sich beruhigt. Was bleibt, wenn der Wirbel sich legt? Womöglich erregen wir ja sogar Erstaunen oder Ärgernis, vielleicht sogar Beifall oder Zustimmung, wenn wir anfangen, danach zu suchen, darüber zu reden. Die alte Gretchenfrage "Wie hältst du's mit der Religion?" ist heute ein Grund, ins Gespräch zu kommen. Zu verwirren und zu ordnen zugleich. Den Börsianer zu fragen und den Eskimo, dessen Lebensraum schmilzt. Die stolze Kopftuchträgerin zu fragen und die erklärte Atheistin. Das Gestöber nimmt uns die Selbstverständlichkeit und die Gewissheit. Das ist ein Glück, denn wer nicht zweifelt und fragt, wird kaum ergriffen sein können von dem, was er glaubt. Das Gestöber lehrt uns aber vielleicht auch zu reden. Zu reden über das, was wir glauben und wie, was es mit uns macht und mit unserer Seele. Womöglich erkenne ich den einen, der glaubt, wie ich und der mir unerwartet nah ist. Und womöglich begeistere ich mich für den anderen, weil er ganz anders glaubt und ich ihn als Menschen neu sehen kann. Und womöglich erlebe ich den, der mir nah scheint, ganz fremd, und ich mache mich neu auf den Weg. Und vielleicht kann ich den letzten noch nicht einmal verstehen und teile dennoch einen Ort mit ihm. Wenn sie sich nachher auf den Weg machen, zumindest hoffe ich, dass sie das tun, zum Odeonsplatz, zu den 1000 Tischen, an denen wir gemeinsam sitzen, singen, beten und feiern wollen, wenn sie sich auf den Weg machen, Menschen am Tisch treffen:
Fragen Sie sie doch bitte: Was glaubst du und wie? Wo lebst du und wie? Was ist deine größte Freude? Und reden sie doch über das, was sie glauben, was sie umtreibt und aufregt, wo sie zweifeln. "Gott aber gebe mir, nach seinem Sinn zu reden und so zu denken, wie es solcher Gaben würdig ist.", heißt es in den Weisheitsbüchern Salomos.
Aber ganz unabhängig von diesen mehr als dichten Tagen hier in München:
Wenn Glaube Heimat sein soll, dann gehört dazu auch die Auseinandersetzung mit anderen, die Kontroverse, der Streit um Überzeugungen, – eben das, was wir gemeinhin Öffentlichkeit nennen. Dafür brauchen wir wahrnehmbare Stimmen, starke Senderinnen und Sender des Glaubens. Wir brauchen mehr Menschen, die zu ihrem Wagnis des Glaubens stehen und von der Einzigartigkeit dieser zu gleich beruhigenden und beunruhigenden, entlastenden und fordernden Erfahrung mitreißend berichten können.
Der Totalitarismus ist seit zwanzig Jahren überwunden, Gott sei dank. Aber das Leben bringt neue Herausforderungen, und die so genannte "Multioptionsgesellschaft" fordert täglich vielfache Entscheidungen von uns, – ganz zu schweigen von den hohen Ansprüchen, die wir an uns stellen. Die Geschwindigkeit nimmt zu, und auf der Suche nach den großen Erzählungen verlieren wir uns oft im Klein-Klein des Moments. Coffee to go, Emails to go, Leben to go, alles ist wichtig, und alles ist dringend – man hat ja alle Möglichkeiten. Die Notwendigkeit von Orientierung, von ins Verhältnis setzen, sie ist nicht geringer geworden.
"Best of Gott", das ist für viele eine logische Konsequenz in einem Lebensentwurf, in dem auch sonst nur das Beste gut genug sein soll für mich: Best of Job, Best of Liebe und Partnerschaft, Best of Gesundheit, Best of Zukunft. Neben allem Ärger: Wie dankbar waren viele heimlich, als die Aschewolke eines isländischen Vulkans das Leben für kurze Zeit zwangsentschleunigt hat. Die Frage "Was ist wichtig? Und was ist Wettlauf im Hamsterrad?" Viele mussten sich diese Frage für zwei, drei Tage stellen – weil sie einen Geschäftstermin nicht wahrnehmen konnten oder am Urlaubsort länger bleiben mussten, vielleicht durften als geplant.
Orientierung finden im Religionsgestöber – es lohnt sich. Wer im Religionsgestöber Orientierung gefunden hat, wer ja sagt zum Glauben, statt das Best-of-Paket ständig neu zusammenzustellen und neu zu suchen, der kann Orientierung finden in einem Leben, das täglich neu herausfordert, im Großen wie im Kleinen. Wer den Glauben als Kompass in einer unübersichtlichen Welt gefunden hat, der hat nicht mehr die permanente Qual der Wahl (die oft genug eine Wahl der Qual ist), sondern der hat die Freude der Gewissheit, dass es etwas Größeres gibt im Leben als das nächste neue Auto, etwas Wichtigeres als die letzten drei Emails und etwas Langfristigeres als den Ärger von gestern. "Wer die Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht", heißt es bei Jesaja. Hüten wir das Feuer, entfachen wir es selbst, immer wieder neu, lassen wir es leuchten in eine Zeit, die uns sichtbar braucht, die einen sichtbaren Gott braucht. Und: Seien wir fröhlich dabei. Unsere Fröhlichkeit ist ansteckend, denn sie ist mehr, als Heiterkeit oder Humor. Die ansteckende Fröhlichkeit, die sich weiterschenkt, ist von der Art, wie Hiob sie kennt:
"Wenn ich ihnen zulachte, so fassten sie Vertrauen". Lachen Sie mit.

Ein aufregender Tag
Die Stimmung auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag ist wirklich gut. Das hat heute auch Katrin Göring-Eckardt erfahren. Wie die Stimmung bei den Veranstaltungen und Podien ist, hat sie schon ab Mittwoch gewusst. Aber am Freitag hatte sie endlich auch die Gelegenheit die Stände zu besuchen. Ob es sich um Einkaufen in Zukunft, Gemeinden in Istanbul, oder Sächsische Botschaft handelt, spielt keine Rolle. Ja, und eine Preisverleihung war auch dabei: der Preis webfish für die besten Internetseiten mit kirchlichen Inhalt ging bestimmt in die richtigen Händen. Am Samstag ging es dann noch einmal weiter zu dem Standbesuch und Gespräch beim Aktion Sühnezeichen. Die Fotos sprechen für sich selbst.










Gesundheit für alle - wie lange noch?
Gesundheit ist eigentlich der wichtigste Schatz für den Menschen. Aber normalerweise merkt man das erst wenn man krank ist. Katrin Göring-Eckardt diskutierte im Rahmen des 2. Ökumenischen Kirchentages über die Gesundheit und Alter. Im Vordergrund der Debatte stand vor allem die Frage ob die moderne Medizin und deren Entwicklung die Menschen jetzt gesünder macht und was kann man daraus lernen. Dass die Lebenserwartung in Deutschland noch immer eng mit dem Sozialstatus verbunden ist, ist für Katrin Göring-Eckardt unvorstellbar und unfassbar. Man darf das in der Zukunft einfach nicht mehr zulassen. Und deshalb muss man versuchen, die soziale Benachteiligung einiger sozialen Schichten auch durch Ausbildung zu verbessern. Der andere Punkt ist aber auch die Frage wofür die Ärzte das meiste Geld bekommen. Leider ist es heute so, dass sie für den wichtigsten Teil ihrer Arbeit - nämlich Gespräch mit den Patienten, das wenigste bekommen. Man soll deshalb auch danach streben, dass die Technisierung der Medizin das Vertrauensverhältnis zwischen dem Arzt und Patienten nicht ersetzt. Am Ende der Debatte hatte Katrin Göring-Eckardt noch darauf aufmerksam gemacht, dass die Maßnahmen, die das Leben der Älteren verbessern sollen, auch anderen Gruppen helfen können. Als Beispiel kann man die Maßnahmen im Bereich des öffentliches Verkehrs erwähnen. Die helfen nicht nur der Älteren sondern auch z.B. jüngeren Familien mit Kindern. Deswegen sollen wir alle begreifen, dass die Vorsorge für die Älteren auch der Gesellschaft im allgemeinen hilft. Und das ist jetzt die Aufgabe von uns Allen.



Dialogbibelarbeit Katrin Göring-Eckardt und Norbert Röttgen (Es gilt das gesprochene Wort)
Einleitung
Als ich mich noch einmal mit dem Text beschäftige, sitze ich im Zug. Die Landschaft, die vorbeizieht ist hügelig, sattgrün und der Flieder blüht. Weil ich im Mai geboren bin, habe ich vielleicht eine besondere Zuneigung zum Flieder. Ein weißer, den ich im Garten im heimischen Dorf sehe und ein satt violetter im Park in Berlin. Es ist kein strahlender Sonnenschein an diesem Morgen, nur der Raps strahlt, es nieselregnet. Nein, es seufzt nicht, ach, ob so viel Schönheit in meinem Herzen. Eher ist das hell tiefe Grün in leichter Düsternis etwas ganz und gar Ruhiges, Sicheres. Wie könnte irgendetwas davon aufhören? Wie könnte es einmal keinen Flieder und keine Rapsfelder geben, um diese Jahreszeit. Fast möchte man das Wort der Unversehrtheit denken, mit Blick aus dem Fester. Allerlei Windräder sind zu sehen und Solarkollektoren auf den Dächern. Das hat Gott wirklich gut gemacht. Flieder hat er geschenkt und Raps für Honig und Wind für Strom und Rhabarber für Kuchen. Das ist der Mai. Ein bisschen kalt, aber sonst? Was muss ich groß hoffen, es ist doch da, was ich brauche und liebe.
Natürlich sind wir nicht im Garten Eden. Wir merken es daran, dass eine Zeitung auf dem Tisch liegt, die schon auf Seite eins vom Scheitern berichtet. Nein, ich meine jetzt keine abgewählten Parteien, sondern den Versuch, den Ölteppichaus dem Meer zu bekommen, im Golf von Mexico. Und sie berichtet von unsäglicher Bedrängnis der Finanzmärkte. Der Euro ist in Gefahr. Nun, das ist wahrlich keine Naturkatastrophe. Eher ist es eine selbstgemachte Gefährdung unseres Wirtschaftssystems. Und es ist ein erneuter Beweis dafür, dass es so eben nicht mehr funktioniert! Besserwisserisch könnte man sagen, das wussten wir vor einem Jahr, als es um Lehman Brothers und andere ging, und wir haben Anlauf genommen und schließlich dann doch irgendwie so weiter gemacht, wie bisher.
Die Schöpfung seufzt, wir seufzen. Jeden Abend in den 20 Uhr Nachrichten. Die Sprecherin könnte mit einem Seufzer beginnen angesichts dessen, was sie wieder vorzulesen, zu verkünden hat. Schlechte Nachrichten. Katastrophen, Naturkatastrophen, Erdbeben Haiti, Chile. Ölpest erst im Great Barrier Riff, jetzt vor der amerikanischen Küste.
Die Welt ist vergänglich, und der Mensch sowieso. So wissen wir und doch sind wir verloren darin, fühlen uns verlassen in der Welt, auf der Welt. Der Mensch ist einbezogen in die Verlorenheit der Schöpfung und nicht nur das, sondern er ist auch der, der das Seufzen mit verursacht, verstärkt wie ein Lautsprecher. Und der dann nur allzu gern die Ohren verschließt vor dem Seufzen, um nicht tun zu müssen, was getan werden muss. Oder er seufzt selbst so laut, dass die Ohren betäubt sind und die Hände matt und nichts mehr geht, als seufzen oder weg laufen. Die Schöpfung seufzt, wir seufzen.
Sehen wir zu schwarz? Male ich die Welt zu dunkel? Interpretiere ich die Zahlen zu pessimistisch? Ist es manchmal auch ganz angenehm in der Düsternis?
Aber dabei bleibt es nicht. Wir sind als Menschen ja eben mehrfach begabt. Und wir sind frei. Frei, Dinge zu tun oder sie zu lassen. Frei, Steine weg zu werfen oder sie einzusammeln, frei zu pflanzen oder auszureißen, was gepflanzt ist. Es ist nicht die Freiheit des: es ist ja doch alles egal. Denn: "Der Geist Gottes bestätigt uns, tief im Herzen, dass wir Gottes Kinder sind.", heißt es in unserem Text in einer modernen Übersetzung. Kinder Gottes, seine Zöglinge und Erben. Vielleicht helfen ja diese unterschiedlichen Begriffe: Kinder, Zöglinge, Erben. Wir sind eben nicht nur unschuldige Kinder. Und doch behütet. Wir sind nicht nur er-zogen, sondern eigene Menschen – vor Gott. Wir sind nicht nur Erben und haben bekommen, was ist, sondern wir tragen ein Erbe in unseren Händen. Zerbrechlich, schwer, uns anseufzend. Wir leben, hoffen, handeln eben nicht auf eigene Rechnung. Was wir tun und was wir hoffen, das tun und hoffen wir als Kinder Gottes. Wir legen uns also die Liste vor der Dinge, die zu tun wären. Wie wir es gut machen könnten, mit der Gerechtigkeit, mit der Bewahrung der Schöpfung, mit dem Frieden. Wir malen die Welt in seufzenden Farben, wir wagen uns kaum zu hoffen und rennen dennoch gegen den Wind. Wir wissen, wie es auf den Märkten der Welt gerechter zuginge und wie wir die Regenwälder schonten und das Fauenauge.
Wir können weniger Dreck produzieren, wir können weniger Schulden machen, ABER: Wir tun es nicht. Vor allem tun DIE Anderen deutlich zu wenig. Das ist ja das Erstaunliche: Wir wissen immer am besten, was die Anderen tun soll. Oder was längst hätte getan werden müssen. Oder schleunigst zu tun ist. Das ist in der Familie so, bei den Freunden, am Arbeitsplatz und in der Politik: Es war schon immer etwas leichter, dem anderen zu sagen, was er tun soll!
Also verstärken wir mit dem seufzenden Lautsprechen das Seufzen der Schöpfung. Man könnte fast sagen: die Schöpfung hat keine andere Stimme als unsere, die für sie seufzt und stöhnt. Es ist ein Weinen und Klagen von Nunavut, wo die Heimat des Eisbären schmilzt, bis zu den Ufern in Südamerika, die veröden. Und so gehen wir los und sagen, was dran ist, nehmen die Schwestern und Brüder mit, geben Laut, haben Ideen, wollen, dass sie Realität werden. Wir fahren zum Kirchentag und treffen Gleichgesinnte. Und fahren wieder weg und wollen loslegen.
Diese Liste, die zum Seufzen ist, ist lang, sehr lang, zu lang für einen Menschen. Zu lang für eine ganze Kirchentagsgemeinde. Ist sie auch zu lang für die Menschheit? Ist es überhaupt die richtige Liste? Meint Gott das so? Wenn wir A bis G schaffen, erwartet uns Gottes Herrlichkeit? Wenn wir auf der nach oben offenen Aktivitätsskala eine 5, 3 erreichen, hört das Seufzen auf?
Ich glaube das nicht, auch weil Paulus uns noch jenen einen folgenschweren Satz zu bedenken gibt: "Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll."
Also Ende gut, alles gut? Das alles ist nur Übergang und das Ende wird gut sein? Was soll das? Überraschende Wendung, Provokation, Vertröstung aufs Jenseits, nicht ganz ernst nehmen nach dem Motto: Jetzt habt euch mal nicht so? Das mit dem sauren Regen war so wenig dramatisch wie ein bisschen Kühle im Mai, auch wenn wir lieber draußen lägen? Hatte man uns nicht vor zu viel Erderwärmung gewarnt? Jetzt ist es selbst auf dem Kirchentag kühl. Sollen wir das denn alles nicht ernst nehmen? Paulus hat doch recht: Das Leiden ist klein, gegen all die Herrlichkeit. Und wenn wir nur Geduld haben und hoffen, dann wird alles heil.
Am Ende also wird doch alles einfach gut? Ich gebe zu, dass ist für eine Protestantin, die Verantwortung in der Welt übernehmen will, ein schwerer Gedanke. Er muss dennoch gedacht werden, an dieser Stelle. Aus einem einfachen Grunde: Paulus denkt gar nicht nacheinander, nicht erstens und zweitens, sondern Ineinander, Beieinander, Miteinander: In dem Seufzen gehen herrliche Dinge auf, im Leid wächst das Heilende, die Kräfte der Verwandlung beginnen im Kummer, nicht an ihm vorbei. Johann Baptist Metz, der wunderbar linke Katholik, hat einmal gesagt: "Wer ins Leiden eintauchen muss, der taucht neben Gott wieder auf!" Wer ins Seufzen eintauchen muss, der taucht im Singen wieder auf. Auch mein Leben ist nicht so schön brav und geordnet, erst die schweren Tage, dann die guten Tagen, erst der Kummer, dann das Glück. Leben ist viel dichter, verwobener, verschränkter, deswegen kann im Leid die Herrlichkeit Gott sichtbar werden. Schaut auf Christus, diesen einen; er hat den Weg gebahnt, er ist ihn vor uns her gegangen. Was sagte einst Dorothee Sölle: "Vergleich dich ruhig mit ihm - er hält das aus!" Du auch?
Wir sind aber manchmal auch geradezu verliebt ins Leiden; wir kennen das ja aus dem alltäglichen Leben: große Sorge, tiefe Verzweiflung. Wir sehen das Licht nicht, auch nicht, wenn andere tröstend davon sprechen, auch nicht, wenn etwas in uns weiß, dass es da ist. Wir können es einfach gerade nicht sehen und nicht glauben, dass es je wieder gut wird. Dann ändert sich die Situation, nicht plötzlich, nicht wie durch ein Wunder, obwohl es manchmal ja auch das gibt. Es ändert sich langsam, gegen alle Verzweiflung und Furcht. Es ist, wie der Morgen nach einer durchwachten Nacht. Die unlösbaren Probleme werden zu ganz normalen Aufgaben, Herausforderungen vielleicht. Und dann blicken wir zurück und wissen, dass wir zu schwarz gesehen haben, vielleicht. Und dass es wieder hell ist, heller vielleicht als zuvor, heller jedenfalls als wir mitten in der Ausweglosigkeit für möglich gehalten hätten. Es ist doch nicht alles so schlimm gekommen.
Und gleichzeitig sind da die neuen Unwägbarkeiten, das, womit niemand gerechnet hat, auch nicht der Club of Rome. Immer wieder erschreckt uns die Natur mit ihrer Wucht oder wir bringen das Fass selbst zum Überlaufen, mit unserem ganz normalen Alltagshandeln.
Dass der Vulkanausbruch in Island eine Naturkatastrophe ist, die unsere Zivilisation zumindest ins Zittern bringt, liegt auf der Hand. Das BP offensichtlich nie ein Katastrophenszenario überlegt hat, für den Fall der jetzt eingetreten ist, scheint mir vollkommen irrwitzig. Der Lebensraum von Tieren wird zerstört, die Broterwerb von Menschen ebenso. Und da ist dieser amerikanische Politiker, ein Demokrat, der redet von "Chocolate Milk". Ein kleines Problem, das schon irgendwie wieder vorbei gehen wird, das sich auflöst wie Schokolade in heißer Milch. Ich glaube, da fängt es schon an: im Wissen, im Reden, im Aussprechen dessen, was ist. Wir sind Gottes Kinder und wir können uns nicht verbergen, wie es Adam und Eva in der berühmten Geschichte versucht haben.
Wir sind Kinder Gottes und wir sind getauft. Wir sind Kinder Gottes und wir sind geliebt. Das ist die Liebe, die uns möglich macht und es ist die Liebe, die uns ermöglicht zu lieben. Den Menschen, die Kreatur, die Schöpfung.


Die Hoffnung ist rund
Ein bisschen weniger als ein Monat ist es noch bis zum Männer Fußball WM und ein bisschen mehr als ein Jahr bis zum Frauen Fußball WM in Deutschland. Beim Gespräch "Die Hoffnung ist rund" sprach Katrin Göring-Eckardt mit Steffi Jones über die Integrationskraft vom Fußball und die Möglichkeiten, die dieses universales Spiel den Jugendlichen und vor allem Mädchen bietet. Die erfolgreiche Fußballspielrinnen sind schon heute ein Vorbild für die kleinen Mädchen und zeigen deswegen einen neuen Weg, die die Mädchen folgen können. Mit der Frauen-Weltmeisterschaft nächstes Jahr wird sich das nur noch vertiefen. Schon jetzt bereiten sich auch die kirchlichen Gemeinden vor und nützen die Gelegenheit um verschiedene sozialen Projekte fortzusetzen. Den selben Weg geht auch der Deutsche Fußball Bund, der die Aktion Kinderträume 2011 unterstützt. Dass Katrin Göring-Eckardt offen zu dem Verein Schalke steht und trotzdem in Bayern mit dabei ist unterstütz die Idee von Integrationskraft Fußballs noch mehr.




Wie lese ich die Bibel?
Im Zentrum Bibel hat Katrin Göring-Eckardt zusammen mit Prof. Annemarie Pieper, Peter Hepp und die Autorin Claudia Schreiber dargestellt wie sie die Bibel empfindet und was die Bibel für sie bedeutet. In dem Gespräch wurde noch einmal klar, dass es verschiedene Versionen von Bibellesen gibt und dass jede Person die Bibel anders verstehen kann. Bibel lesen kann deshalb einerseits das wörtliche Verstehen sein oder aber die Interpretation von den geschriebenen Ideen. Aber eins ist sicher, was auch Katrin Göring-Eckardt erwähnt hat. Man kann in der Bibel die Bestätigung für die eigene Überzeugung finden aber auf der anderen Seite kann schon das Gegenargument liegen. So ist die Bibel - größer als alles andere was wir haben.

ÖKT Pressekonferenz, Donnerstag 13. Mai 2010
Bei der offiziellen Pressekonferenz stand auch Katrin Göring-Eckardt den Journalisten zur Verfügung. Zusammen mit anderen Referenten vermittelte sie ihre ersten Eindrücke und antwortete die Fragen von den Journalisten. Noch einmal hatte sie betont, dass der 2. Ökumenische Kirchentag für alle offen ist und dass der auch denjenigen die sich in der Wirtschaftskrise schwerer tun, die Möglichkeit gibt, da zu sein.

Ökumenischer Gedenkgottesdienst für die NS-Opfer zum 65. Jahrestag der Befreiung
Beim Gedenkgottesdienst in der Versöhnungskirche Dachau bewegte vor allem das Votum des Zeitzeugen und ehemaligen Insassen des Konzentrationslagers Dachau Prälat Hermann Scheipers die vielen Besucher. Katrin Göring-Eckardt betonte in ihrem Votum, dass die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus niemals enden dürfe und nannte exemplarisch drei gelungene Beispiele für eine "Erinnerung von unten": die "Stolpersteine", den "Zug der Erinnerung" und die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.
Der Grüne Empfang
Katrin Göring-Eckardt lädt bei dem Grünen Empfang zum Tanz ein. Im Rahmen des 2. Ökumenischen Kirchentages hatten die Grünen die Gäste zu einem Empfang und Tanz am Marienplatz eingeladen.


Eröffnungsgottesdienst
Mit dem offiziellen Eröffnungsgottesdienst hat der 2. Ökumenische Kirchentag begonnen. Katrin Göring-Eckardt begrüßte zusammen mit Dr. Christoph Braß die Gläubigen auf dem Marienlatz. Jetzt fängt es erst richtig an. Damit ihr Hoffnung habt.



2. Ökumenischer Kirchentag
Der 2. Ökumenische Kirchentag wird ein großes Fest des Glaubens. Einen wichtigen Anteil daran haben die vielen Mitwirkenden, die mit ihren Beiträgen das Programm mitgestalten.
Ich lade Sie herzlich ein, den 2. Ökumenischen Kirchentag als Mitwirkende und Teilnehmende gleichermaßen zu erleben und würde mich freuen, Sie dort begrüßen zu können.
Zur Bildberichterstattung über die Webfish-Preisverleihung geht es hier