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Bleibe bei dem, was dein Herz dir rät", heißt es in der Bibel bei Jesus Sirach 37,17. Margot Käßmann hat bei ihrem Rücktritt deutlich gemacht, was sie bewegt hat: ihre auf die Bibel gegründete Überzeugung, zu tun, was das eigene Herz und Gewissen ihr raten. Niemand konnte ihr letztlich einen Weg weisen - außer ihr Glaube. "Was dein Herz dir rät", das heißt: Sei mit dir selbst im Reinen und sei gewiss, aus Gottes Hand kannst du nicht fallen. Die Maßstäbe, die an dich gelegt werden, sind vielleicht hilfreich, der Zuspruch kommt von Herzen. Deine Kritiker mögen nicht nur Unsinn sagen, aber entscheidend ist: Wie willst du selbst leben, was ist deine Hoffnung, was gewährt dir ein festes Herz in allem Sturm? Margot Käßmann hat sich entschieden: Geradlinigkeit und Glaubwürdigkeit sind für sie wichtiger als Ämter.
Glaubwürdig sprechen zu können ist der Theologin zentral. Und die Art und Weise, wie Margot Käßmann ihre Ämter aufgegeben hat - ehrlich und klar, eindringlich und berührend, konsequent und geradlinig -, ist der letzte starke Beleg dafür, dass sie zu Recht zur Vorsitzenden des Rates der EKD gewählt worden war. Sie ist selbst in diesem Aufgeben noch Zeugin einer Wahrheit, die sie in ihrem bischöflichen Amt ebenso vertreten hat wie als Vorsitzende des Rates: dass Gottes Barmherzigkeit frei macht, auch Ämter und Funktionen aufzugeben. So war Margot Käßmann frei zu entscheiden - nachdem der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland deutlich gemacht hatte, dass er mit ihr weiter zusammenarbeiten will.
So verquer dieser Gedanke vielleicht wirkt: Margot Käßmann hat mit ihrer Bereitschaft, so klare Konsequenzen zu ziehen, auch ein Stück "Kirche der Freiheit" gelebt. Jene Freiheit eines Christenmenschen also, von der Luther schrieb, dass sie nicht nur den Glaubenden zum Knecht gegenüber jedermann macht, sondern auch zum "Herren über alle Dinge und niemandem untertan". Niemandem - der Presse nicht, den Ämtern nicht, den Erwartungen nicht, auch den Wünschen der Freunde nicht. Ich bewundere ihren Schritt ebenso sehr, wie ich ihn betrauere.
Denn wie gehen wir ansonsten in der Regel mit Schuld um? Wie oft fallen uns gute Gründe ein, warum dies oder das doch nicht so schlimm sei? Margot Käßmann kannte und benannte ihre Grenzen und Fehler, sie war innerlich frei genug, zu ihnen zu stehen. Fehler zu machen und zu ihnen zu stehen, das ist eine schwere Übung, schon in der Familie und am Arbeitsplatz, aber erst recht im Blitzlichtgewitter der Öffentlichkeit.
Margot Käßmann ist von ihren Ämtern zurückgetreten, aber nicht vom Evangelium. Im Gegenteil: Sie zeigt auf beeindruckende Weise, wie man heute das Evangelium leben kann. Sie zeigt auch, dass die, die aus dem Evangelium leben, einen Trost und eine Stärke haben, die mehr sind, als das, was die Welt dazu sonst so zu bieten hat. Das ist der Grund, warum viele auch in Zukunft auf Pfarrerin Margot Käßmann hören werden. Denn nur wenige andere haben wie sie in ihrem Amt als Bischöfin und Ratsvorsitzende das Bild eines modernen, fröhlichen und gesellschaftlich engagierten Protestantismus verkörpert. Sie hat Gott an die Küchentische der Menschen zurückgebracht, hat junge Frauen angesprochen und die alten berührt. Sie hat eine schnelle, klare, fröhliche Art und kann selbst in bedrängten und angespannten Situationen durch frische Formulierungen und überraschende Wendungen des Gedankens beeindrucken. Und von all diesen Begabungen ist sie auch nicht zurückgetreten. Ich bin mir daher sicher, dass sie neue, überraschende Wege finden wird, das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes weiterzusagen. Denn die Wahrheit, die sie gesagt hat, wird ja nicht falsch, weil sie sich falsch verhalten hat.
Das war übrigens von allem Anfang an so. Wer sich die Mühe macht, die Geschichte Jesu im Neuen Testament noch einmal zu lesen, wird sehen: Die engsten Freunde Jesu sind eher durchschnittliche Typen, ichbezogen, ängstlich, angeberisch, maßlos wie wir. Wenn die Botschaft des Evangeliums von der Großartigkeit und Makellosigkeit der Evangelisten abhinge, wäre die Sache nach spätestens zwei Generationen tot gewesen. "Gott kann auf krummen Linien gerade schreiben", weiß der Volksmund, und eben dies gilt auch für Margot Käßmann: Wir werden noch vieles und Gutes von ihr haben. Und wir werden den Weg, der mit ihr begonnen hat, weitergehen. Und auch mit Margot Käßmann. Ihre Stimme wird zu hören sein. Wir brauchen einen Aufbruch des Glaubens, der die Menschen aufsucht und sie direkt anspricht. Wir brauchen eine tiefe Glaubensspiritualität und eine Herzensfrömmigkeit, die uns in dieser wirtschaftstaumeligen und kreditglobalisierten Welt Halt und Heimat schenkt. Wir brauchen "Maß-Stäbe", also Stäbe, die uns als Geländer dienen, damit wir Maß halten können. Und wir brauchen den kritischen Protestantismus, der sich kein X für ein U vormachen lässt, sondern Einspruch erhebt dort, wo Menschen und Seelen in Gefahr geraten.
Margot Käßmann hat zielstrebig und mit ihrem eigenen Stil weitergeführt, was ihr Vorgänger Wolfgang Huber mutig begonnen hatte. Wir werden die anstehenden Aufgaben zuversichtlich und mutig, hoffnungsvoll und unverzagt angehen, wohl wissend, dass wir mit Margot Käßmann eine Vorsitzende verloren haben, die diese Anliegen besonders intensiv und überzeugend zu vertreten wusste. Die Evangelische Kirche in Deutschland, das sind wir alle. Wir alle werden gebraucht, wenn es darum geht, gut von Gott zu reden, ihm mit dem Herzen zu vertrauen, den Geist des Evangeliums in die Welt zu tragen und die Zukunft unserer Kirche aktiv zu gestalten. Weil wir bei dem bleiben, was unser Herz uns rät.