Katrin Goering-Eckardt MdB

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12. Februar 2010

Die EKD in Bewegung. Standortbestimmung der evangelischen Kirche in Zeiten des Wandels

Vortrag bei den Bonner Gesprächen der EKD, 5. Februar 2010, Bad Godesberg

Sehr geehrte Damen und Herren,

über die Zukunft der evangelischen Kirche lassen sich nur zwei Dinge mit Sicherheit sagen:

Erstens: Wir werden uns garantiert irren. Die evangelische Kirche in 10, 20, 50 Jahren wird mit Sicherheit anders aussehen, als wir sie uns heute vorstellen. Und ich bin immer kritisch, wenn es Leute ganz genau wissen, die sich einbilden die "Weisen aus dem Morgen-Land" zu sein, anrücken und anfangen, die Sterne über die Zukunft der Kirche zu deuten. Wer hätte im Jahr 1985 vorhergesagt, dass nur vier Jahre später die Mauer fällt, wir heute schon zum zweiten Mal eine Kanzlerin aus dem Osten haben, die uns erklärt, dass ihre hängenden Mundwinkel keinesfalls protestantische Verzagtheit seien, sondern erblich bedingt. Wer wäre auf die Idee gekommen, dass es mehr Handys als Einwohner in Deutschland gibt - mit der Folge eines Dauerklingeltons an allen Orten. Die Zukunft unserer Kirche dürfte trotz ihres stattlichen Alters wohl noch weniger zu prophezeien sein, als die Geschicke der Welt.

Das Zweite, was wir mit Sicherheit über die Zukunft der Kirche des Evangeliums sagen können: es wird sie garantiert geben - und zwar bis zur Welt Ende . Das ist die vielleicht größte und mutigste Aussage, die unsere Väter und Mütter damals im Augsburger Bekenntnis 1530, im siebten Artikel über die Kirche ausgedrückt haben: "Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden." Glücklicherweise wird es auch nicht die EKD in ihrer heutigen Form sein, ja, es wird nicht einmal eine lutherische, reformierte oder unierte Konfession sein müssen. Das haben wir ja schon von Geburt an in uns, dass wir uns weiter entwickeln, gern mal etwas umwerfen und schöner neu aufbauen, dass wir sogar riskieren, etwas falsch zu machen um uns zu korrigieren. Was es aber geben wird, ist eine Kirche Jesu Christi, in der "das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden". Das ist die große Verheißung: Wir können gar nicht so viel falsch machen, als dass es die auf dem Evangelium Jesu Christi fußende Kirche nicht mehr geben würde. Aber es schadet natürlich auch nichts, zu versuchen, möglichst viel richtig zu machen. In aller Freiheit – und mit aller Verantwortung - zur Gestaltung der Kirche: Eben weil die Kirche ein Geschöpf des Wortes Gottes ist, gibt es keine sakrosankten Strukturen in der evangelischen Kirche. Es gibt noch nicht einmal jemanden, der sie für uns festlegen könnte, noch nicht einmal einen, auf den wir dann heimlich oder unheimlich schimpfen könnten, nach dem Motto: Die da oben… So können wir über Mitgliederzahlen reden, unsere Gotteshäuser betrachten, uns großartig im Internet präsentieren und Ringelbeat tanzen, um großartig rauszukommen. Letztlich aber wird sich Christus und sein Evangelium durch unsere Kirchen und Konfessionen, durch unseren Ordnungen und unserer Unordnung, durch unsere Einrichtungen und unser Ausgerichtetsein, durch unsere Strukturen und Chaos immer einen Weg bahnen zu den Herzen der Menschen. Denn Gottes Wort wirkt, wann und wo es will und kehrt nicht leer zurück (vgl. Jesaja 55, 10). Nein, verhindern können wir das nicht. Aber wir sollten es vielleicht nicht unbedingt darauf ankommen lassen, dass sich das Wirken des Wortes Gottes gegen unsere Anstrengungen und neben unserer Kirche einen Trampelpfad einrichten muss, weil wir gerade mit anderem befasst sind. Und weil Freiheit ja großartig ist und zugleich immer auch ein Wagnis: Um es noch einmal mit den Worten aus dem Augsburger Bekenntnis, Artikel 7 zu sagen "Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden."

Die evangelische Kirche ist so von ihrem Selbstverständnis her eine "Kirche der Freiheit" - der Freiheit von unveränderlichen, gar heiligen Ordnungen, der Freiheit zur verantwortlichen Gestaltung. Und als solch eine "Kirche der Freiheit" ist sie ständig im Aufbruch, in Bewegung, in Unruhe - weil das Evangelium Jesu Christi, an dem sie sich alleine ausrichtet, dieses "Geschrei von der Gnade Gottes" (Luther), so bewegt und lebendig ist, dass sie beides haben darf: gut und vertraut im Alten zu sein und sich zugleich neu zu erfinden. Nicht um immer wieder von vorn anfangen zu müssen, sondern um neu anfangen zu dürfen.

Lassen sie mich Ihnen gerne zunächst etwas über die Rahmenbedingungen gegenwärtiger protestantisch-kirchlicher Entwicklung sagen, eine Art Karte zeichnen zur "kirchlichen Großwetterlage".

Danach versuche ich in einem zweiten Schritt, den Reformprozess der evangelischen Kirche in den letzten Jahren zu skizzieren.

Schließlich werde ich versuchen, Ihnen - aus meiner persönlichen Perspektive - einige vorläufige, fragmentarische Eindrücke von der hohen Kunst geben, Kirche zu reformieren.

Als eine Art "Hybrid-Person", die zugleich in der Welt der Kirche und der Welt der Politik tätig ist, ist mein Eindruck, dass Kirche und Politik viel von den Reformprozessen der anderen lernen können.

1. "Kirchliche Großwetterlage". Trends und Rahmenbedingungen kirchlicher Entwicklung

Überblickt man die aktuellen "kirchen-klimatischen Verhältnissen", so kann man sagen: Heiter bis wolkig. Gemischte Wetterlage.

Zunächst zur heiteren Seite, die man manchmal bei dem Reden über Wandel, Bewegung, Veränderung all zu leicht übersieht. Wir leben in der evangelischen Kirche in Deutschland Anfang des 21. Jahrhunderts in so günstigen kirchlichen Verhältnissen wie zu kaum einer anderen Zeit und an kaum einem anderen Ort.

Wir können heute in Deutschland, in Ost wie West, ungehindert und ohne Gefahr Gottesdienst feiern, das Evangelium verkündigen, in Diakonie, Seelsorge, Bildung und Medien öffentlich wirksam sein. Das ist - gerade wenn man die Situation vieler verfolgter Christen weltweit vor Augen hat - ein so hohes Gut, für das wir Gott gar nicht genug dankbar sein können. Als meine Mutter in den 50er Jahren in Gotha zur Schule ging, war das dort noch anders. Da wurden alle in die Aula bestellt und dann wurde gefragt, wer in die Junge Gemeinde gehe. Sie war eine von dreien, die dann kein Abitur machen durften. Sie wurde Zahnarzthelferin statt Zahnärztin. Bei mir war es schon leichter. Ich musste nur für einen Tag nach Hause gehen, weil das Kreuz, das ich zur Konfirmation bekommen hatte, angeblich zu groß war, um als Schmuck gelten zu können. Aber natürlich war in der DDR niemand vom Tod bedroht, weil er oder sie Christin war.

Heute haben wir einen riesigen geistlichen Schatz - angefangen bei denen, die sich aktiv in ihrer Kirche engagieren, im Haupt- oder im Nebenamt. Unterschiedliche Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen einer und vier Millionen Menschen ehrenamtlich in der evangelischen Kirche tätig sind, davon alleine rund 120.000 Menschen im Gemeindevorstand oder Presbyterium, das heißt, sie sind Kirchenleitende. Wir haben über 20.000 theologisch gut ausgebildeter Pfarrerinnen und Pfarrer. Im weiten Feld der Diakonie arbeiten über 450.000 Menschen. Dazu kommen die Kirchenmusiker/innen, Diakon/innen, Lehrer/innen, Küster/innen, Sekretär/innen. Ein weiterer Schatz liegt etwa in den vielen schönen und wertvollen Kirchen. In nahezu jedem Dorf in Deutschland finden Sie eine christliche Kirche, sei es nun von der evangelischen Kirche, von der katholischen Schwesterkonfession oder von beiden. Wir sind - wie Bischof Noack einmal speziell im Blick auf die Landeskirchen im Osten Deutschlands gesagt hat - "steinreich" an solchen Orten gelebten Glaubens, an "durch-beteten" Kirchräumen, die als "sprechende Steine" Zeugnis vom Evangelium ablegen.

Wir haben einen geistlichen Schatz an theologischen Erkenntnissen. Der Streit darüber, ob die Theologie eine Wissenschaft sei, der im Wissenschaftsrat geführt wurde, ist dabei eine spannende Herausforderung. Ich finde, wir sollten sie getrost, freudig und voller Energie aufnehmen, allein die Frage danach, was die Theologie von anderen Geisteswissenschaften unterscheidet, dürfte interessant sein. Aber gern auch die nach der Unterscheidung von einer Wissenschaft wie der Medizin, in der es doch immer wieder zu erkennen gilt, dass nicht alle Vorgänge biologisch oder chemisch zu erklären sind. Auch politisch spannend ist natürlich in diesem Zusammenhang die allgemein geäußerte Zustimmung zu der Idee, in Deutschland Imame auszubilden. Jedenfalls sind wir glücklicherweise auch reich an Bildungsorten:  Kindertagesstätten, Religionsunterricht an öffentlichen Schulen oder insgesamt rund 1.000 evangelischen Schulen bis hin zu den theologischen Fachbereichen und Fakultäten an den Universitäten oder den eigenen kirchlichen Hochschulen.

Wir haben eine sehr gute ökumenische Beziehung zu anderen Kirchen, insbesondere auch zur katholischen Schwesterkirche im Land, die uns an vielen Stellen eng zusammen arbeiten lässt, etwa beim ökumenischen Kirchentag oder bei den unzähligen engen Kooperationen auf Gemeindeebene, eine vertraute und tragfähige Beziehung, die auch manche medial mal gern überinszenierte Spannung gut aushalten lässt.

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis von Staat und Kirche, das von den Staatskirchenrechtlern mit dem unschönen Begriff der "hinkenden Trennung" bezeichnet wurde. In Deutschland weiß der Staat, dass er von Werten und Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Und die großen Kirchen tragen mit ihrem vielfältigen Engagement im Bereich von Religion, Sozialwesen, Bildung oder Kultur wesentlich, verlässlich und gut zum Allgemeinwohl bei. So sind, um nur ein Beispiel zu nennen, das mich zur Zeit besonders beschäftigt, die Kirchen in vielen strukturschwachen ländlichen Räumen oft die einzigen verbliebenen Kulturträger, die öffentliche Räume bieten, ortsnahe Bildungs- und Hilfsangebote vorhalten und zu sozialer Identität und Integration beitragen. In vielen Kirchbauvereinen im säkularen Osten der Republik überwiegen die konfessionslosen Mitglieder. Die Beschreibung der heiteren Sonnenseite unserer kirchlichen Situation ließe sich noch weiter fortführen. Zum Schluss aber noch ein wichtiger Punkt, der hier auf keinen Fall fehlen darf: Wir befinden uns in der evangelischen Kirche gegenwärtig in einer Phase der geistlichen Neubesinnung und Vertiefung kirchlichen Lebens, die gesellschaftlich mit einer neuen Offenheit für religiöse Themen einhergeht. Die geistliche Neubesinnung der Kirche lässt sich exemplarisch etwa an den Themen der EKD-Synoden ablesen. In Leipzig 1999 wurde "Mission" - im weiten Sinne eines einladenden, ansprechenden Zeugnisses von der eigenen Lebensgewissheit - als "Herz- und Pulsschlag" allen kirchlichen Lebens herausgestellt. In Dresden 2007 wurde das Evangelisch-Sein der Kirche vor allem am Gottesdienst festgemacht, mit seinen wesentlichen Grundelementen von Gottesbegegnung, Lebenserneuerung und Gemeinschaft. Nicht, dass wir heute alle unbedingt frömmer wären oder mehr glauben würden als etwa in den stärker friedensbewegten, sozialethisch ausgerichteten 80er Jahren. Aber wir sprechen offener, intensiver von Glaube und Gott. Und das in einer Zeit, in der Religion ganz anders als früher auf der gesellschaftlichen Tagesordnung steht: Pilgern ist zur religiösen Massenbewegung geworden ist, an der sich auch dezidiert Säkulare beteiligen; einer Boulevard-Zeitung gibt die Bibel heraus und in der - gerade auch durch die Begegnung mit dem Islam - die Frage nach den eigenen religiösen Wurzeln und dem spirituellen Sein neu gestellt wird. Aber auch die Suche nach Sinn, nach Ortsbestimmung, nach Orientierung und Spiritualität, die sich (noch?) nicht auf Kirchen richtet, ist ein Zeichen dafür, dass in einer scheinbar völlig durchökonomisierten Welt die Suche nach dem nicht Berechenbaren, nicht Aussprechbaren, Numinosen präsent ist. Die allgegenwärtige Frage danach, was den Menschen, uns, eigentlich glücklich macht, dürfte ebenfalls ein Ausdruck der Sehnsucht nach Sinn sein. Die These, dass Modernität und Säkularisierung miteinander einhergehen, zeichnete sich schon früher durch einen meist stark eurozentrischen Blickwinkel aus. Doch auch im Blick auf die bundesdeutschen Verhältnisse scheint diese Annahme m.E. mit deutlichen Fragezeichen besetzt. Die Vorbereitungen, die in Deutschland als "Stammland der Reformation" im Blick auf die großen 500-Jahr feiern im Jahr 2017 und dann folgend stattfinden, sind wesentlich auch ein Akt der geistlichen Neubesinnung.

Nach so viel Sonne nun zu den Wolken. Die evangelische Kirche steht - in vielem ähnlich wie die römisch-katholische Schwesterkonfession - zugleich vor großen Herausforderungen. So sagt man das ja lieber, wenn man von schwierigen Entwicklungen redet.

Einige kurz umrissene Problemfelder: Wir verlieren jedes Jahr etwa um die 200.000 bis 300.000 Mitglieder. Das sind - einmal institutionell umgerechnet - rund 100 bis 150 Ortsgemeinden bei einer durchschnittlichen Gemeindegliederzahl von 2.000 Personen. Dieses Problem teilt sie mit anderen großen Institutionen wie Parteien oder Gewerkschaften und auch mit den sogenannten "mainstream churches" anderer Länder - was das Problem aber keineswegs geringer macht, im Gegenteil. Es zeigt vielmehr die strukturelle Abhängigkeit von Rahmenbedingungen, die nur zum Teil von ihr selbst zu beeinflussen sind.

Zwei Drittel dieses Mitgliederschwundes gehen dabei allein auf demographische Gründe zurück. Die evangelische Kirche ist - auf Grund der Kirchenaustritte früher Jahre - stärker überaltert als die Bevölkerung in Deutschland insgesamt - und dies vor allem in den ostdeutschen Landeskirchen. Selbst wenn wir in den kommenden Jahren kein einziges Mitglied durch Austritt verlieren würden - womit nicht zu rechnen ist - und wenn wir jedes Kind mit einem evangelischen Elternteil taufen würden - was wir derzeit nicht tun - und auch wenn wir die nicht unerhebliche Zahl von rund 60.000 Menschen dazurechnen, die jedes Jahr durch Erwachsenentaufen, Wiedereintritte oder Übertritte zur evangelischen Kirche dazukommen, selbst dann werden wir in den nächsten Jahren weiter schrumpfen. Einfach, weil die Überalterung in der Kirche so stark ist. Wir brauchen daher ein umso stärkeres Engagement für ein "Wachsen gegen den Trend".

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass die Familie als primärer Ort religiöser Sozialisation ihren Charakter verändert hat. Eltern und vor allem auch Großeltern spielen - wie Studien belegen - die bei weitem wichtigste Rolle in der Weitergabe christlichen Glaubens noch weit vor allem, was später in Kindergarten, Kirche oder Schule vermittelt werden kann. Glaube lernt man als Muttersprache. Diese Sozialisationsinstanz fällt jedoch in vielen Fällen aus: weil es den Eltern an Sprachfähigkeit für den eigenen Glauben mangelt, weil die Großeltern zu weit weg sind, weil die Pluralität religiöser Prägungen in den Familien höher ist als früher oder weil man bei der zweiten oder dritten Eheschließung den erneuten Gang zur Kirche scheut. Auch wenn die Taufbereitschaft der Kirchenmitglieder nach eigenen Angaben insgesamt gestiegen ist, sprechen die zurückgehenden Tauf- und Trauzahlen in den letzten Jahren eine deutliche Sprache.

Mit den zurückgehenden Mitgliederzahlen verbinden sich dann auch rückläufige Finanzen. In dem Impulspapier "Kirche der Freiheit" (2006) gingen die Schätzungen für das Jahr 2030 von einem Drittel weniger Mitglieder und der Hälfte weniger Einnahmen aus. Gerade der Schwund von Mitgliedern im erwerbsfähigen Alter zeigt hier Wirkungen. Noch stärker wirkt sich aber die Abhängigkeit der Kirchensteuereinnahmen von wirtschaftlichen Entwicklungen, etwa der Arbeitslosenquote, und politischen Veränderungen insbesondere beim Steuerrecht aus. Jede große steuerrechtliche Veränderung lässt sich unmittelbar an den kirchlichen Haushalten ablesen - und an den kirchlichen Austrittszahlen, da die Kirchensteuer die einzige Steuer ist, die man freiwillig zahlt.

Zudem hat sich auf Grund des veränderten religiösen Umfeldes die Selbstverständlichkeit, mit der man früher, zumindest noch lange in der alten Bundesrepublik, in der Kirche war, geändert. Kirchenmitgliedschaft wird nicht länger einfach von den Eltern gleichsam "sozial ererbt", sondern im Laufe des eigenen Lebens zum Gegenstand bewusster Entscheidung. Die evangelische Kirche ist ein Anbieter neben anderen auf dem sich pluralisierenden Markt religiöser Sinnangebote. Daran ist natürlich erst einmal etwas sehr positives, denn wir haben mehr bewusst Evangelische und weniger rein traditionelle Mitglieder.

Und endlich - um auch hier die offene Liste mit einem wichtigen Punkt zu beschließen - hat sich die Kenntnis christlicher Glaubensüberlieferung und die Vertrautheit religiöser Praxis massiv verändert. Der Pegelstand des "religiöse Verfügungswissen" ist gesunken, an manchen Stellen bis zur Notwendigkeit einer neuen Alphabetisierung. Ob biblische Geschichten, Kirchenlieder, Bekenntnisse, Gottesdienste: diese Texte und Riten leben davon, dass sie eingeübt, wiederholt, memoriert, meditiert, verinnerlicht werden. Die Schnelligkeit und die Bilderflut im "Tempodrom" der Massenmedien bieten nicht gerade günstige Bedingung für die Vermittlung und Aneignung von christlichem Glauben. Glaube ist wie gute Poesie - es braucht Zeit, Ruhe und immer wieder neue Begegnung, ihn zu verstehen. Auch hier sei der Osten Deutschlands noch einmal in besonderer Weise erwähnt. Der Versuch der Entchristlichung hat auch dort, wo es um die Tradition von Kunst und Kultur ging, versucht, christliche Wurzeln und Bezüge zu eliminieren, soweit es eben ging. Es fehlt also ganzen Generationen regelrecht an christlichem Grund- und Allgemeinwissen, ganz jenseits von Glaubenserfahrungen und -bezügen.

2. "Kirche im Aufbruch." Der Reformprozess in der evangelischen Kirche

Die von mir hier nur kurz umrissenen Chancen und Herausforderungen der evangelischen Kirche waren der Grund dafür, dass im Jahr 2004 eine Perspektivkommission beauftragt wurde zu überlegen, wie die evangelische Kirche im Jahre 2030 aussehen könnte, wenn sie sich als Kirche der Freiheit nicht einfach den Verhältnissen anpasst, sondern sich selbst neu denkt, Tradition in Zukunft verwandelt und ein Ort für Menschen auf der Suche bleibt und wird, eben der Ort, an dem Gottes Wort wirken kann. Heute kann man sagen, das Impulspapier "Kirche der Freiheit", das dann - im Juli 2006 - veröffentlicht wurde, hat gerade auch durch Wolfgang Huber als damaligen Ratsvorsitzenden, soviel Bewegung und Aufbruch gesetzt, dass ich nur freudig staunen kann. Der Text führte zu einer sehr intensiven und kontroversen Diskussion über die Zukunft der Kirche - weil hier eine ganze Reihe strittiger Fragen angeschnitten worden ist, etwa nach der Qualität kirchlicher Arbeit, dem Gelingen des kirchlichen Föderalismus oder der Zukunft des Pfarramtes und des Ehrenamtes. Vor allem aber war der Text von seiner Gattung völlig ungewohnt und untypisch für die evangelische Kirche. Es gab harten Streit, wie könnte es anders sein, unter Protestanten, gerade weil -anders als in den sonst üblichen wohlformulierten kirchlichen Verlautbarungen, die möglichst viele integrieren und niemanden weh tun wollen - dieser Text durchaus provokant formuliert war: er wollte einen Impuls setzen, griff heiße Eisen auf, war gerade nicht mit den verschiedenen Interessens-Gruppen abgesprochen und so durchaus "anstößig". In der Politik macht man so etwas in der Regel höchstens einmal. Dann ist man entweder ganz oben oder draußen. Die EKD hat es sogar gewagt, daraus einen Prozess zu machen und sie hört nicht auf, darum zu werben, dass viele ihn mitgestalten und dass auf diese Weise Neue hinzukommen und Neues entsteht. 2006 wurden Zielvorstellung formuliert, natürlich biblisch fundiert: Heute klingt das fast selbstverständlich und außerhalb kirchlicher Strukturen vielleicht sowieso. Es ging um:

- Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität. Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein.

- Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit. Kirchliches Wirken muss nicht überall vorhanden sein, wohl aber überall sichtbar.

- Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen. Nicht überall muss um des gemeinsamen Zieles willen alles auf dieselbe Weise geschehen.

- Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit: Auch der Fremde soll Gottes Güte erfahren können, auch der Ferne gehört zu Christus.

Die Auflagenhöhe von über 45.000 Druckexemplaren und über 400.000 Downloads im Internet macht deutlich, wie intensiv die Wirkung war und ist - von völliger Ablehnung bis zur begeisterten Aufnahme. Im Sinne einer "Blütenlese" möchte ich Ihnen nun aus dem bunten Strauß der konkreten Maßnahmen und Aktionen, die in diesem Prozess angestoßen wurden, einige schöne Blumen pflücken. Dabei sei vorweg gesagt, dass ich mich auf die Darstellung der EKD-Ebene, also der Bundesebene beschränke. Zeitgleich vollziehen sich vielfältigste engagierte Aufbrüche und Reformanstrengungen auf Gemeinde-, Kirchenkreis- und Landeskirchenebene, oft schon lange vor dem EKD-Papier, oft aber auch indem sie Impulse von dem Prozess aufgenommen haben.

Aus der Einsicht heraus, dass Konzentration das Geheimnis des Erfolges ist, fokussierte sich der weitere Prozess auf drei inhaltliche Hauptthemen: a) Qualitätssicherung besonders bei Gottesdiensten und Kasualien, b) missionarische Wendung nach außen, c) Leitung und Führung. Es war die begründete Annahme, dass in diesen drei Themen wesentliche Schlüssel für die weitere Entwicklung liegen. Bei dem ersten Thema ging es um die Frage: Was können wir dafür tun, dass jeder ganz normale Sonntagsgottesdienst und jede Bestattung so gestaltet, wahrgenommen und gepflegt werden, dass sie von möglichst vielen Menschen als ansprechend und einladend empfunden werden? Unsere Gottesdienste sind es schlicht wert, dass wir uns um eine möglichst intensive Pflege bemühen. Was überhaupt ein "normaler" Sonntagsgottesdienst ist, gilt es dabei noch zu beantworten. Mit dieser Frage hing zugleich das zweite Thema zusammen: Was können wir dafür tun, dass sich alle kirchliche Arbeit einladend an die Menschen richtet, an die, die noch nichts oder nichts mehr mit dem Evangelium anfangen können? In vielen kirchlichen Vollzügen, in unserer Sprache oder unseren Einstellungen haben wir uns schlicht noch nicht hinreichend darauf eingestellt, dass von uns durchaus einladendes Handeln und glaubensweckende Rede erwartet wird, dies aber in einer Sprache, die dem Leben verbunden ist und in der Sprache der Menschen verstanden wird, jener Menschen, die sich vom christlichen Glaube finden lassen wollen. Und das dritte Thema Leitung und Führung geht davon aus, dass nachhaltige Veränderung und Zielorientierung der Kirche sich nur vollzieht, wenn sie von der Leitung mitgetragen ist. In dem weiten Feld der Kultur, der Struktur und der Instrumente von Leitung besteht in der evangelischen Kirche Entwicklungsbedarf. Darin unterscheiden wir uns von anderen Organisationen nicht unbedingt, aber wir haben natürlich den großartigen Vorteil, dass wir nicht danach suchen müssen, worum es bei uns eigentlich geht. Wir brauchen keine inhaltliche Neubestimmung. Auch wenn Glaube und Zweifel Geschwister sind, ist das, worum es uns geht, eben nicht fraglich oder gar verfügbar. Christlicher Glaube und christliches Leben sind ein wunderbares Angebot an die Welt. Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, die drei großen Themen sind aus dem Evangelium heraus guter Grund, ihnen einen wunderbaren Ort zu geben, die Welt zu schmücken und die Leidenschaft der Menschen zu wecken.

Um dem Bemühen um Aufbruch und geistlicher Erneuerung nicht nur einen Ort, sondern auch einen festen "Punkt in der Zeit" zu geben, bemüht sich die EKD zum einen um eine neue Profilierung des Reformationstages, das ist ungefähr dann, wenn überall ausgehöhlte Kürbisse herumstehen. Der Reformationstag ist einfach eine gute Gelegenheit deutlich zu machen, was es heute heißt, evangelisch zu sein. Und es ist ein guter Zeitpunkt auch zu zeigen, welche Menschen in besonderer Weise dazu beitragen, dass wir gut evangelisch sind. Dafür gibt es seit zwei Jahren die Martin-Luther-Medaille. Klaus-Peter Hertzsch hat sie bekommen, ein großer Nach-Erzähler biblischer Geschichten, und Richard von Weizäcker, der nicht nur ein großer Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages war, sondern vor allem ein großer Präsident der Bundesrepublik, der glaubwürdig gezeigt hat, was es heißt, öffentlicher Protestant zu sein. Und natürlich schauen wir auf das Jahr 2017 und bereiten das große Jubiläum vor, an vielen Orten, mit verschiedenen Themen und hoffentlich so viel Begeisterung und Hingabe, dass uns dann jeder abnimmt: die Freiheit, die wir zu feiern haben, ist eine wirkliche Freude und ein guter Grund dessen, was wir hinfort bewegen wollen.

Um Kirche als "lernende Organisation" zu stärken und die vielfältigen Schätze zu heben, die in der tagtäglichen kirchlichen Arbeit schlummern, hat die EKD eine Sammlung von Beispielen guter Praxis eingerichtet, die Sie im Internet unter der Adresse www.beispiele-guter-praxis.de finden. Jeden Monat werden hier zehn neue anregenden, innovative, qualitätsvolle Beispiele aus der Gemeindearbeit vorgestellt - und ich kann nur sagen: wenn Sie einmal wissen wollen, was es alles an guten Einfällen in der Kirche gibt, stöbern Sie einfach mal hier, es lohnt sich! Da findet sich etwa die Beschreibung eines Gottesdienstes für die Obdachlosen einer Stadt, die im letzten Jahr starben, oder die Schilderung eines Gottesdienstes am Heilig-Abend auf dem Friedhof für Menschen, die im letzten Jahr einen Angehörigen verloren haben. Und schon beim Lesen dieser Beispiele spüren Sie etwas von der hohen geistlichen Dichte dieser Arbeit. Diese Arbeit wird zur Zeit weitergeführt in einem Forschungsprojekt, das vom Bundesministerium für Forschung und Bildung gefördert wird und darauf zielt zu klären, wie sich das interaktive Web 2.0 nutzen lässt, um das Erfahrungswissen kirchlicher Praktiker stärker zu heben und zu vernetzen. Ab Pfingsten dieses Jahres wird es unter der Homepage www.geistreich.de freigeschaltet werden.

Eine gewisse Zäsur in dem bisherigen Prozess war eine Zukunftswerkstatt, die im September des letzten Jahres in Kassel stattfand. Hier wurde nach drei Jahren des Prozesses einmal Zwischenbilanz gezogen: wo stehen wir, was haben wir erreicht, wo wollen wir hin. Rund 1.200 Multiplikatoren waren dazu eingeladen. Und es war eine höchst anregende Veranstaltung, auf der evangelische Kirche einmal ganz anders erlebt werden konnte: angefangen von einer Galerie guter Praxis, auf der sich hundert ausgewählte Projekte präsentierten, über Werkstätten, bis zu "Andachten anders" mit dem Versuch, Gottesdienst an ganz ungewöhnlichen Orten zu feiern (etwa im Gericht, in der Bank, im Kino oder als "Gospel to Go" im Einkaufszentrum) bis hin zu einem "Abend ausgezeichneter Ideen", einer Art kirchlicher Oskar-Nacht, bei der sich in der Verleihung von sieben ganz unterschiedlichen Preisen die Vielfalt kirchlicher Aufbrüche spiegelte. So fein und entspannt war evangelische Kirche bis dato kaum zu sehen.

3. Von der Kunst, Kirche in Bewegung zu halten

Sie merken bei meinem Erzählen: in der evangelischen Kirche ist wirklich zur Zeit viel in Bewegung und ich bin froh und dankbar, als Präses der Synode und Vorsitzende der eben neu vom Rat eingesetzten Steuerungsgruppe für den Reformprozess hieran mitwirken zu können. Deswegen möchte ich abschließend einige vorläufige, unfertige Perspektiven schildern, die mir für den Fortgang einer "EKD in Bewegung" wichtig zu sein scheinen.

Dabei will ich beginnen mit einem lustigen Bild, das ich während der Zukunftswerkstatt in Kassel kennen gelernt habe. Eine Soziologin, eine junge Wissenschaftlerin, brachte folgendes Beispiel: Wenn man möchte, das ein Wackelpudding glitzert, glänzt und in Bewegung bleibt, dann muss der ab und zu einen Anstoß bekommen, d.h. man muss die Schale mit dem Wackelpudding nicht einfach so vor sich hin stehen lassen, sondern immer mal wieder anstoßen und in Bewegung bringen.

Ein bisschen so ist es auch mit der Kirche. Für solch einen Reformprozess, für eine EKD in Bewegung, gilt - ähnlich wie für den Kirchentag und seine Beweglichkeit:
Er ist darauf angewiesen, dass es immer wieder neue Impulse gibt, Anstöße, auch Ärgernisse und Herausforderungen, an denen man sich reiben und wachsen kann. Viele von Ihnen wissen, dass ich gleichzeitig Präsidentin des Kirchentages 2011 in Dresden bin, und wir auch dort die Frage haben, welche Elemente und Bausteine wir neu einfügen und neu entdecken sollen, damit der Kirchentag nicht zu einer Routine wird, sondern immer wieder Kirche in Bewegung bleibt. Dies ist die Stelle für die Werbepause: Lassen Sie sich herzlich einladen zum 2. Ökumenischen Kirchentag in München. Auch dort werden wir mit der Artoklasie, also mit dem gemeinsamen Essen an Tausenden von Tischen mitten in der Innenstadt Münchens, eine neue Form der Gemeinschaft zwischen den Konfessionen finden, ein ganz besonderes Erlebnis, von dem ich überzeugt in, dass es prägend sein wird. Hier ist Kirche sitzend in Bewegung, das ist nicht schlecht! Aber wie ist es für eine verfasste Kirche, wie ist es für die EKD, die ordentliche Strukturen hat und eine hinreichend starke Versäulung, eine Kirche, in der Zuständigkeitsfragen die zentralsten Fragen zu sein scheinen? Welche Anstöße, welche Impulse brauchen wir, um eine Kirche in Bewegung zu sein? Lassen Sie mich drei Punkte und einen Ausblick nennen:

1. Zuerst: Ich glaube, das Entscheidende und Wesentliche ist, dass wir wieder mehr Theologie wagen, und zwar wir alle, nicht nur die Universitäten oder die hochgebildeten Theologen/innen, sondern wir alle, Sie und ich, wir, die wir versuchen, auf Gottes Wort zu hören, gut von ihm zu reden, die wir Psalmen beten, die wir uns morgens und abends an seine Gegenwart erinnern und in Liedern von ihm singen. Wir suchen eine Theologie, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie ganz eng verbunden ist mit den Fragen des Lebens selbst, mit dem, was uns wirklich Mühe macht, mit dem, was das Herz berührt und die Hoffnung klein zu machen versucht. Dabei denke ich natürlich auch an viele gesellschaftpolitische Fragen, die uns bedrängen – von der gescheiterten Kopenhagen-Verhandlung über die Zukunft der Erderwärmung bis hin zu dieser abenteuerlichen Schuldenpolitik, die die neue Regierung betreibt.

Unsere Welt braucht Christen, die ehrlich und nüchtern sagen, was dran ist - auch auf das Risiko hin, dass sie sich irren. Der prophetische Gestus ist immer auch ein gefährdeter Gestus, aber ohne ihn ist die Welt um eine wichtige Stimme gebracht. Aber wir sollen auch mehr Theologie wagen am Krankenbett, in den Sterbehäusern, bei den Kindern, die unheilbar krank sind, bei den Weinenden und Beschwerten. Wir sollen Gottes Wort hineintragen in den Kummer dieser Welt, wir sollen seinen Trost, sein Licht stark machen dort, wo es dunkel ist. Denn ich bin davon überzeugt, wenn wir Gottes Wort und seine Barmherzigkeit hineintragen in das wirkliche, echte, dichte Leben, dann lernen wir neue Fragen kennen, neue Sehnsüchte und das verändert auch unsere Theologie hin zur Lebenswissenschaft. Deswegen ist die protestantische Grundeinsicht, dass Theologie nicht nur an Pfarrerinnen und Pfarrer gebunden ist, sondern dass jeder getaufte Christ quasi ein Priester ist, so wertvoll und so wichtig. Nicht, weil die Theologen alle nichts taugen, sondern weil wir nur zusammen Gott aufspüren können in den Winkeln dieser Welt, in den Lebensräumen, die wir bewohnen und ihn dort bezeugen können, wo andere ihn gar nicht vermuten. Mehr Theologie wagen heißt für mich, die Schätze der Tradition, den Glanz der Glaubensaussagen auch in unserer Generation weiterzugeben, mitzuhelfen, dass wir den Wackelpudding auch an dieser Stelle zum Glitzern und Glänzen kriegen, hier, wo es um das Herz des Glaubens geht.

2. Wir brauchen eine gewisse Angstfreiheit und Loslasskultur von den Herausforderungen, vor denen wir stehen. Ich habe ja eingangs einiges von dem aufgezählt, was uns bevorsteht. Eine Herausforderung scheint mir in der Mitte zu stehen und gleichsam exemplarisch diejenige Aufgabe zu sein, an der sich auch ein Stück entscheiden wird, ob Zukunft gelingt oder nicht. Das ist die sogenannte Kirche in der Fläche. Wir haben eine Fülle von Gemeinden, die sehr klein sind, die auf dem Land sind, wo uns Menschen vertrauen, die seit Jahrhunderten in ihren Dörfern und kleinen Städten evangelische Predigt gehört haben, die vieles für ihre Kirche getan haben und tun, und die plötzlich merken: Es entsteht die Gefahr, dass wir als Kirche es nicht mehr schaffen, in der Fläche bei den Menschen zu bleiben. Wir müssen kluge Wege finden, das Evangelium auch in dünn besiedelten Gebieten, in erschöpften Gegenden zu verkünden, auch wenn wir dafür wirklich neue Ideen und hohe Kreativität brauchen. Es ist dieses Dilemma, vor dem wir exemplarisch stehen: Während man in den Städten Aufgaben immer noch austauschen und kooperieren kann, ist die Kirche in der Fläche eine Kirche, die gute Wege finden muss, bei den Menschen zu bleiben, ohne die Pastorinnen und Pastoren, die Katecheten und Katechetinnen, die Diakone und Kirchenmusiker zu überfordern und heimatlos zu machen, weil sie nicht nur für eine oder zwei oder drei Gemeinden zuständig sind, sondern für 12, 15, 17. Ich glaube, der Protestantismus muss all seine Intelligenz und seine Pfiffigkeit in diese Fragestellung stecken, denn wenn uns nichts Überzeugendes für die Kirche in der Fläche einfällt, dann wird es auch an anderen Orten schwierig.

3. Jede Bewegung in der Kirche braucht Menschen, die sie tragen. Menschen, die Lust haben, auch Risiken einzugehen, die neue Wege ausprobieren, die ermutigt sind und andere ermutigen können. Das Impulspapier hat damals von dem Pfarrer als dem Schlüsselberuf unserer Kirche gesprochen. Wir hatten alle erwartet, dass daraufhin viel Empörung bei den anderen Berufen in unserer Kirche entsteht, also bei den Diakonen, bei den Kirchenmusikern und Küstern. Aber nein, es war genau anders herum: diejenigen, die sich am lautesten beschwert haben, waren die Pfarrer selbst, weil sie sich überfordert und beansprucht fühlten. Wie kommt das eigentlich? Wir haben ganz zweifellos Herausforderungen auch in der Motivation, in der Ermutigung unserer Pfarrerinnen und Pfarrer. Das Verhältnis zwischen der Kirchenleitung und diesem Schlüsselberuf ist noch nicht rundum vertrauensvoll und gut. Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden, um gerade diesen Berufsstand in unserer Kirche nicht als einzigen, aber doch als einen sehr wichtigen Berufsstand zu gewinnen für die Herausforderungen, in denen sich unsere Kirche befindet. Man kann nicht ohne die Pfarrerinnen und Pfarrer eine Kirche in Bewegung halten. Wir wollen Sie gewinnen, und zwar mit dem Herzen, nicht durch obrigkeitliche Festlegung und ausschließliche Zielvereinbarungen. Das würde auch gar nicht zu uns passen. Es sind nicht nur ein paar einzelne von ihnen, die große Lust haben, an den Veränderungen mitzuwirken. Sie tun es längst, da wo sie sind und ohne großes Tamtam darum zu machen. Diesen Schatz müssen wir heben. Und zugleich müssen wir die, die sich erschöpft und überfordert fühlen, von immer wieder Neuem mitnehmen. Unser Reformprozess kann nur dann erfolgreich sein, wenn er für die, die ihn gestalten, am Ende Erleichterung bedeutet, Begeisterung und Zukunftsgewissheit und nicht Last und Beschwernis. Das ist noch ein gutes Stück Arbeit. Und ich glaube, dass die ehrenamtlich Engagierten, die von den Kirchenvorständen bis zum Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland als Laien aktiv mithelfen können, diese Bewegung zu gestalten, sie haben eine ganz wichtige Funktion der Ermutigung, der Entkrampfung, auch der Entspannung zwischen den verschiedenen Hierachieebenen. Hier gilt es neue Ideen zu entwickeln.

Und zuletzt der Ausblick:

Zu jeder Kirche in Bewegung gehört eine doppelte Bewegung: Einmal die geistliche Konzentration und dann die Wendung nach außen. Wir müssen ein Selbstbewusstsein dafür gewinnen, wer wir sind, was wir können und wozu uns Gott berufen hat. Und gleichzeitig brauchen wir eine tiefe, leidenschaftliche Neugier auf die, die noch nicht oder nicht mehr zu uns gehören, die sich von der Kirche abgewendet haben, aus welchen Gründen auch immer. Wer die Welt nicht kennenlernen will und die Menschen in ihrer Größe und Grenze nicht mit aller Neugier und Aufmerksamkeit betrachten will, der kann kein guter Pfarrer, keine gute Pfarrerin sein. Und eine Kirche, die sich nicht nach außen wendet und die anderen kennen lernen möchte, die anderen Religionen, die anderen Weltanschauungen, auch diejenigen, die ohne jede Weltanschauung leben, eine solche Kirche vernachlässigt die Bewegung, die Gott selbst unternommen hat mit seinem Sohn, den er auch in die Fremde, in die Weltlichkeit gesandt hat. Denn das glaube ich schon: Im Kern ist unser Glaube ein wunderschöner Segen Gottes. Er gehört zu den grundlegendsten, schönsten und wichtigsten Dingen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Welch ein Reichtum, welch ein Staunen über Gottes Gegenwart, welch eine Weite, die sich dem Herzen öffnet und den Geist frei macht. Es gibt so etwas wie eine Schönheit des Glaubens, ein Glanz, ein Licht, das uns zu aufrechten, fröhlichen, liebensfähigen und liebenswürdigen Menschen macht. Eine Kirche in Bewegung, dazu gehören Menschen, die lachend, aufrecht, selbstbewusst und dankbar von Gottes Güte reden, seien diese Menschen nun in der verfassten Kirche der EKD oder im Kirchentag engagiert: Kirche in Bewegung, in Bewegung hin zu Gott, weil dieser immer schon in Bewegung zu uns ist.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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