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27. Januar 2010

Es ist gut, dass Kirche immer wieder wachrüttelt

Von Katrin Göring-Eckardt

"Und Friede den Menschen auf Erden!" – Nicht nur zu Weihnachten wird von den Kanzeln dieser uralte Menschheitstraum gepredigt. Und so ist es gut. Kirche soll Visionen entwickeln, formulieren, was undenkbar scheint. Sie verkündet und wagt die Hoffnung, scheinbar gegen alle Realitäten dieser Welt. Sie will sich nicht abfinden mit Ungerechtigkeit und einem Primat von Gewalt. Christinnen und Christen halten daran fest, dass eine andere Welt möglich ist, und sie wollen die Welt verändern.

Es ist gut, dass Kirche immer wieder wachrüttelt, gerade wenn sich eine Mehrheit zu gewöhnen droht, sich schulterzuckend oder resigniert abwenden will. Dazu gehört selbstverständlich auch, die Frage zu stellen, ob nach jahrelangem Einsatz in Afghanistan das genau Richtige getan wird, um Frieden zu schaffen, oder ob vom Richtigen genug getan wird. Nicht zuletzt die Heftigkeit der damit angestoßenen Debatte macht deutlich, dass hier gesellschaftliche Selbstvergewisserung und ein Ringen um Positionen vonnöten ist. Es ist gut, dass wir so nun einen Schritt weiter sind.

Unverrückbar bleibt der Satz: Waffen schaffen keinen Frieden. Ziel muss es immer sein, bei Krisen zu intervenieren, lange bevor es zum gewalttätigen Konflikt kommt. Und allein ziviler Aufbau, funktionierende Justiz und Polizei, Verwaltung und Infrastruktur werden dauerhafte Befriedung ermöglichen. Der Blick nach Afghanistan zeigt, dass es im Bereich des Zivilen noch weitaus größerer Anstrengungen bedarf als bisher, um das Land zu stabilisieren und Leben in Sicherheit und Frieden zu garantieren. Dieses Engagement ist alternativlos.

Zugleich ist ziviler Aufbau und der Schutz der Bevölkerung vor Gewalt in der derzeitigen Situation in Afghanistan ohne militärische Sicherung nicht denkbar, bis dies in hoffentlich absehbarer Zeit von einheimischen Polizeikräften geleistet werden kann. Jedoch: Ohne echten Kurswechsel ist das internationale militärische Engagement in Afghanistan zum Scheitern verurteilt. Wir brauchen eine zivile Aufbauoffensive und eine realistische Abzugsperspektive. Auf der bevorstehenden Afghanistankonferenz muss zwischen den Akteuren eine verbindliche Strategie der Übergabe der Verantwortung erarbeitet und materiell unterfüttert werden.

Krieg soll um Gottes willen nicht sein. Gleichzeitig gibt es kaum noch Eindeutigkeit darüber, wie Krieg zu begegnen ist. Es ist schmerzlich anzuerkennen, dass unbedingt Gewolltes auch an Realitäten scheitern kann, dass gewiss Geglaubtes auch Veränderung erfahren muss. Als Grüne und als Christin habe ich diese Erfahrung machen müssen, nicht zuletzt in Afghanistan. Mir geht ein Satz der beiden Schülerinnen nicht aus dem Kopf, die ich in Kabul traf. "Ihr dürft nicht nur reden, Ihr müsst uns auch bewachen und beschützen, und das geht hier nicht ohne Waffen, noch nicht, und lasst uns nicht wieder allein!", sagten sie. Die Mädchen, die übrigens in Deutschland geboren wurden und hier einige Zeit gelebt haben, finden die Anwesenheit von Bewaffneten beruhigend. Auch für mich eine zunächst verkehrte Welt.

Den Weg, das Komplizierte und Widersprüchliche auszusprechen, mitten hinein in die Unvollkommenheit und in die Tragik dieser Welt, geht die evangelische Kirche ganz bewusst. Und genau hier wird sie gebraucht. Als die, die nicht müde wird, darauf zu dringen, dass zivile Ansätze immer Vorrang haben müssen und dass es Fantasie für Alternativen jenseits des bisher Gedachten und Getanen braucht. Die zugleich immer wieder mahnt, die Angemessenheit der Mittel zu prüfen, und die Kriterien und Maßstäbe entwickelt, nach denen der Einsatz von Gewalt als allerletztes Mittel gerechtfertigt sein könnte.

Es ist wichtig, auch den Blick darauf zu lenken, was schon gelingt in Afghanistan. Der Öffentlichkeit ist die Arbeit der Streitkräfte deutlich präsenter als die der zivilen Aufbauhelferinnen und der Polizeiausbilder. Aber es sind Meldungen wie die folgenden, die ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Engagement in Afghanistan einige Früchte trägt: dass 42 Prozent der afghanischen Bevölkerung hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, dass der Mohnanbau innerhalb von drei Jahren um 22 Prozent zurückgegangen ist. Dass im Rahmen einer Polio-Impfkampagne 1,2 Millionen Kinder in drei Tagen geimpft werden konnten. Dass der erste Nationalpark in Afghanistan eröffnet ist, das Filmarchiv wieder aufgebaut und an der Kabuler Musikschule wieder an Instrumenten unterrichtet wird, die durch die Herrschaft der Taliban keiner mehr spielen konnte.

Kirche ist es, die immer wieder ermutigen kann, hin- statt wegzusehen, weil sie, trotz allem, an die Kraft des Guten glaubt und an Frieden für alle auf Erden. Dass es unterschiedliche Meinungen und Positionen gibt, dass wir über den richtigen Weg streiten, ist allemal besser als Schweigen über das, worüber geredet werden muss.

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