

Vor 20 Jahren erschien die erste Nummer der Thüringer Allgemeine. Ein Neubeginn, der ohne die Ereignisse der bewegten Wendezeit nicht möglich geworden wäre. Sie veränderten das Land und sie veränderten das Leben jedes Einzelnen. Die Mauer war gefallen, doch die Perspektive war in jenem Januar 1990 noch unklar. Welche Hoffnungen nährten jene Wochen? Welche Befürchtungen schürten sie? Die Thüringer Politikerin Katrin Göring- Eckardt erinnert sich. Von Elena RAUCH
Berauscht von den Veränderungen der vergangenen Wochen? Beunruhigt von einer diffusen Sorge, irgendwie könne noch alles zurückgedreht werden? Sie vermag heute kaum die verwirrende Gefühlslage auf einen rationalen Kern zu bringen, mit dem sie damals im Kirchturm von Ingersleben unter seinen Glockenschlägen das Jahr 1990 empfing. 23 Jahre ist sie alt. Der Sohn, der im Tragetuch vor ihrem Bauch schläft, keine sechs Monate. Da verlieren ohnehin viele alte Maßstäbe ihre Geltung, Ansprüche relativieren sich. Und dazu diese atemlose Zeit. Zwischen Kundgebungen in Erfurt, Leipzig und Arnstadt, durchdebattierten Abenden mit Texten und programmatischen Entwürfen, kühnen Idee von dem, was jetzt gestaltet werden kann. Und immer ist der Sohn dabei. Bei den Demonstrationen, die sie stets ein paar Minuten eher verlässt, weil hinter den Straßenecken die Wasserwerfer in Bereitschaft stehen. Bei den Mahnwachen vor der Stasi-Zentrale in Erfurt. Wo sie hingeht, um Mut zu machen. Haltet durch. Es ist so wichtig, dass ihr da seid. Heute bedauert sie, kein Tagebuch geführt zu haben in jenen Monaten. Manchmal trügen Erinnerungen, vermischen sich mit späterem Wissen. Aber wenn sie ein Grundgefühl beschreiben soll, von jenen ersten Wochen des neuen Jahres, dann war es der Umbruch. Das Fenster der Möglichkeiten war offen, befreite den Blick weit über die Grenzen, auch über die eigenen. Sie beobachtet das auch an anderen Menschen. Die sich plötzlich mit Themen intensiv befassten, die sie kaum interessiert hätten noch vor wenigen Monaten. Das stiftet Freude. Weckt Erwartungen. Ja, das Leben ist im Umbruch. Und es verlangt Entscheidungen. Der Demokratische Aufbruch, dem sie sich angeschlossen hatte, tagt irgendwo im Thüringer Wald. Wolfgang Schnur ist auch da. Nur wenig später wird die Akte über "IM Torsten" seine politische Karriere beenden. An jenem Tag ist er noch Vorsitzender der Bürgerbewegung und will etwas von medienträchtigen Bildern verstehen. Er reißt ihr das Baby aus dem Arm und hält es in die Kameras. Das ist die Zukunft Deutschlands. Sie ist entsetzt, gekränkt, wütend. Nimmt ihm den Sohn aus dem Arm und verlässt den Raum, den Parteitag, verlässt den Demokratischen Aufbruch. Was sich Wochen vorher in inhaltlicher Auseinandersetzung angedeutet hat, bündelt sich in Sekunden in dieser Emotionalität. Die "Allianz für Deutschland" ist nicht der Weg, den sie in dieser Zeit erhofft. Es geht doch um die Neugestaltung des Landes aus eigener Kraft. Darum, Menschen für diesen Weg zu gewinnen. Für diese einmalige Chance, Arbeit so zu gestalten, dass sie Menschen erfüllt und die Umwelt nicht ausplündert, echte Gleichberechtigung zu ermöglichen zwischen Mann und Frau, sie einzubinden in die Prozesse, die auf dem Papier Demokratie heißen. "Demokratie Jetzt". Eine hoffnungsvolle Vision. Es wird ihre neue politische Heimat. Und die Unsicherheit, alle Hoffnungen würden sich doch noch auflösen in einer Restauration des Alten? Oder gab es diese Zweifel im Januar 1990 schon gar nicht mehr? Auch im Rückblick bleibt die Ambivalenz. Aus der offenen Grenze vor allem speiste sich die Hoffnung, die Veränderungen sind unumkehrbar. Trotzdem spricht sie von einer Restangst. Davor, dass die alten Kader doch noch einmal aus ihren Löchern kriechen könnten. Sich nicht einfach abfinden mit dem Verlust der Macht. Am Runden Tisch in Berlin wird mit der Modrow-Regierung um diese Zeit um die Auflösung der Staatssicherheit gerungen. Die Besetzung der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße gilt als Höhepunkt des Prozesses, den der Historiker Ehrhart Neubert später die Januar-Revolution nennen wird. Natürlich nimmt sie diese Besetzung in Berlin mit Erleichterung zur Kenntnis. Indes, es ist ein anderer Alltag in jeder Hinsicht. Flmugblätter statt E-Mails, notdürftige Telefonverbindungen statt Handys. Informationemn kommen zeitverzögert, dürftig, vermischen sich mit Gerüchten und Halbwahrheiten. Man muss, sagt sie, auch dies erinnern, wenn man seine Erinnerungen befragt. Und überhaupt. Was im Nahkreis geschieht, füllt aus bis zum Rand. Vielleicht hat man nie so intensiv und ausschließlich im aktuellen Tag am aktuellen Ort gelebt, wie damals. Dazu gehört, dass im eigenen Umfeld die Stasi plötzlich konkrete Namen bekommt. Dazu gehören die hoffnungsvollen Entwürfe, wie das Land aussehen könnte, dass man jetzt mitgestalten kann. Dazu gehört die einstige Parteizeitung, die am 16. Januar als Unabhängige erscheint. Pressefreiheit ist ein wichtiger Punkt. Und trotzdem ist auch Skepsis. Womöglich ist es nur eine neue Verpackung. Und dazu gehören die vielen Schwarz-Rot-Gold-Fahnen, die jetzt über den Demonstrationszügen wehen. Wir sind ein Volk. Die Euphorie, etwas Neues zu schaffen, weicht der Euphorie der Einheit. Sie hat Freunde im Westen, die sind bei den Grünen, in der Friedensbewegung, in Kirchengruppen. Das Bild vom Wirtschaftswunderland ist ihr fremd. Und Neubeginn geht anders. Was nicht Verbitterung heißt. Überhaupt nicht. Sie ist Anfang 20. Kein Alter, in dem man aus Erinnerungen lebt. Sie will jetzt erst einmal für den Sohn da sein. Solange es geht. Irgendwann das Theologie-Studium in Leipzig beenden, als Pfarrerin arbeiten. Politik war nicht geplant damals. Kürzlich sind ihr beim Aufräumen Aufzeichnungen aus jener Zeit in die Hände gefallen. Die Ideen von einer neuen Politik, die sie und ihre Freunde in jener fiebrigen Zeit entworfen haben, die sind gar nicht weit entfernt von dem, was sie jetzt umtreibt. Sie fand das überraschend und interessant. Aber so überraschend ist es eigentlich gar nicht.
-- Dieser Artikel enstammt der Printausgabe der Thüringer Allgemeinen vom 16. Januar 2010 und darf hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlich werden.--