Katrin Goering-Eckardt MdB

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12. Januar 2010

Klima und Werte

Rede Neujahrsempfang Hessen

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrte Damen und Herren,

zuerst einmal: Das Jahr ist ja noch jung genug, um Ihnen alles Gute zu wünschen. Noch ist es ja sogar so jung, dass man mal davon ausgehen kann, dass wir es geschafft haben, zumindest bis hierher die guten Vorsätze einzuhalten. Ich hoffe mal, Sie haben sich nichts vorgenommen, was etwa das Wachstum hemmen würde…? Stellen Sie sich vor, was das Umsatzeinbußen bei der Zigarettenindustrie, beim Fleischhandel mitten in der Wirtschaftskrise bedeuten würde. Stellen Sie sich vor, Sie würden in diesem Jahr nicht auch den Zweitwagen erneuern, nur weil Sie letztes Jahr so prima bei der Abwrackprämie mitgemacht haben. So geht es wirklich nicht. Ein bisschen müssen Sie die Bundesregierung schon weiter unterstützen. Die hat es auch wahrhaftig nötig. So eine Kanzlerin im Winterschlaf, da muss geholfen werden. Daisy hat schon alles versucht, aber nicht mal beim Schneeschippen in der pommerschen Heimat war Angela Merkel anzutreffen. Dabei wäre das ein prima Auftritt gewesen, bei der Oderflut waren schließlich auch alle. So müssen wir uns echt Sorgen machen. Die Bundesregierung ist unmoderiert - an ungeführt hatten wir uns ja schon gewöhnt, aber nun das…Guido Westerwelle fährt dauergrinsend durch die Regionen und Krisen der Welt. Und wenn er mal zuhause ist, behauptet er, es gäbe keinen Koalitionsstreit. Nun ja, hier in Hessen und auch im Bund wissen wir aus den interessanten Zeiten grüner Mitregierung schon noch ungefähr, was Streit ist. Wahrscheinlich sind hier im Raum ja auch ein paar Sozialdemokraten, die sich erinnern. Richtig ist schon: vergleichbar ist das nicht. Das hier ist ein derartiges Durcheinander, dass man den Herrschaften aus den Ländern mit ihrem offenen Brief nur zustimmen kann: diese Regierung ist jedenfalls nicht wegen Können an die Macht geraten und das beweisen sie uns nun täglich.

Das Volk reibt sich die Augen und fühlt sich zurückversetzt in das letzte Jahrhundert! Steuersenkung als Volksbeglückung. Frau Holle schüttelt ihre Betten zum niedrigen Preis, aber wenn Schneewittchen am Morgen die Kaffeebecher der Zwerge füllt, ist wieder die volle Mehrwertsteuer angesagt. Auch hier, meine Damen und Herren, ist Ihre Hilfe echt gefragt. Seien Sie so gut: Gehen Sie bitte im Hotel nicht auch noch in die Sauna, das bringt die ganze Rechnerei durcheinander. Und dann frühstücken Sie einfach nebenan im Bistro, Sie helfen dem Personal wirklich! Und sollten Besserverdienende unter Ihnen sein: die FDP hat echt alles versucht, es Ihnen recht zu machen. Und nun kommen Sie und sagen: 'So ein Quatsch!' …nun, das finde ich auch. Aber auf Sie, die Besserverdienenden, hatte die FDP nun wirklich gesetzt, da kommt eine echte Welle, eine Identitätskrise der Liberalen auf uns zu. Und dann die CSU. Die sind ja nun schon mittendrin. Nicht im Leben, das war ja der alte Slogan der Schwesterpartei. In der Identitätskrise, meine ich. Stellen wir uns nur mal eine Minute das Bild vor. Hans Magnus Enzensberger tröstet Horst Seehofer. Ich meine, ich bin nicht in der alten Bundesrepublik aufgewachsen und war nicht dabei, aber es scheint mir doch eine ziemliche Entwicklung zu sein, die da vonstatten gegangen ist. Jetzt wollte die CSU ja den Karl-Theodor auch gern zum Vizekanzler machen. Dem ist allerdings die eigene Partei schon so suspekt, dass er nur eine kleine Stippvisite im schönen Kreuth macht…nur nicht in Verbindung gebracht werden mit dem Laden, denkt man sich da doch.

Die Linkspartei streitet sich zwischen Berlin und Saarbrücken. Die SPD ist in der Selbstfindungsphase. CDU-mäßig hören wir ebenfalls fast nichts. Die neue Familienministerin aus dem schönen Hessen, die Hessen können ja wirklich nichts dafür…. macht munter mit, beim Dreiklassensystem für die Kinder. Steuerfreibetrag rauf für die gut Verdienenden, Kindergeld rauf für die mit den mittleren Einkommen. Leer gehen die Armen aus. Wenn das die neue Familienpolitik ist, dann kann man nur sagen: Es bleibt kalt in Deutschland. Was hören wir noch von der CDU? Genau: der Generalsekretär Hermann Gröhe baggert die Grünen an, auf ihrem 30. Geburtstag. Ich meine, man kann das verstehen, wenn man die real existierende Koalition betrachtet. Allerdings müsste der General dann seinen eigenen Laden doch erheblich aufhübschen und von der alten Mitgift muss verdammt viel weggeschmissen und erneuert werden. Überhaupt die Grünen. Wir sind echt die einzige Partei, die Party macht. Nein, jetzt nicht, was Sie denken, mit Kiffen und so. Und auch die Pullover auf den alten Fotos übers Wochenende waren doch absolut wettergerecht. Also: Bündnis 90/Die Grünen sind Dreißig geworden. Trau keinem über…und so weiter. Meine Güte, schon dreißig. Oder auch erst dreißig, wenn man bedenkt, dass heute nun wirklich keiner mehr grünen Themen ausweichen kann.

So also hat das Jahr begonnen. Durcheinander, stürmisch, weit weg von den Problemen, die wir tatsächlich haben. Trotzdem: Ihnen ein gutes Jahr….

Und bleiben wir mal beim Thema vom Anfang: Wachstum, Wachstum und noch mal Wachstum – dieses Mantra, nur oft und lange genug vorgetragen, scheint vielen heute immer noch die Lösung aller Probleme zu sein. Aber was heißt das eigentlich genau? Sollen wir zum Beispiel Öltanker vor der Nordseeküste versenken? Nun, nach den üblichen, ökonomischen  Kriterien für Wachstum ist eine kleine Umweltkatastrophe ja begrüßenswert – denn die notwendigen Maßnahmen schaffen Arbeitsplätze und steigern das Bruttosozialprodukt. Oder auch ganz privat: Das Ehepaar, das zu Hause einen Wein mit Freunden trinkt ist jedenfalls deutlich schlechter fürs Wachstum, nach der alten Definition, als der Typ, der sich in der Kneipe frustig alleine einen hinter die Binde kippt und dann sein Auto zu Schrott fährt.

Das ist jetzt nicht einfach zynisch gemeint, sondern soll nur sagen: Der Maßstab Wirtschaftswachstum sagt schlicht und ergreifend gar nichts darüber aus, ob die Gesellschaft, in der wir leben, auch eine lebenswerte Gesellschaft ist. Er sagt nichts darüber aus, ob es in einer Gesellschaft ethisch korrekt und nachhaltig zugeht.

Natürlich! Die Welt wird wohl vorerst nicht untergehen. Und wenn ich wüsste, dass sie untergeht, würde ich ja heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Am besten gleich hier in Wiesbaden. Aber dass unsere Zukunft nicht allzu rosig aussieht, hören wir oft genug in den Nachrichten. Wir sind nicht Papst. Das find ich ja als Protestantin ganz gut …Wir sind auch nicht Weltmeister. Wir sind Krise! Und auch die schwarzgelben Superfrauen – und männer , die uns vor der Wahl versprachen, alles anders und besser zu machen, merken nun, dass ihre großartigen Versprechen  auf  Steuersenkungen und lauter schöne Entlastungen auf  Fantasierechnungen beruhten. Stattdessen liest man dieser Tage in all den Kommentaren zu 30 Jahre Grüne, wie realitätsfern die Grünen mal waren etc. Gegen die Milliardenspekulationen der Bundesregierung waren wir ja wohl echte Realisten ...

Und hier noch mal konkret: Dass die Bürgerinnen und Bürger mehr in der Realität leben als die schwarzgelbe Regierung zeigt die Umfrage des ARD-"Deutschlandtrends" von letzter Woche: 58 Prozent der Befragten gegen die Steuersenkungspläne aus, lediglich 38 Prozent dafür. Selbst unter den Anhängern der FDP sind 53 Prozent gegen Steuersenkungen und nur 43 Prozent dafür.

Wahr ist: Der Abstieg nach dem Absturz dauert wohl noch länger als befürchtet. Und trotzdem tun jetzt manche schon wieder so, als könne man weiter machen wie zuvor. Es werden wieder fröhlich Schulden gemacht. Das alles scheint dem Motto zu folgen: 'Wenn ich nicht zum Arzt gehe, bin ich auch nicht krank.' Vielleicht sind wir Deutschen ja doch Weltmeister –Verdrängungsweltmeister…  

Aus grüner Sicht ist das alles aber nur die eine Hälfte der Krise. Es kommt noch etwas ganz Entscheidendes hinzu, das mich mindestens genauso beunruhigt: Offenbar macht sich nämlich mal wieder die Haltung breit, Umwelt könne nur geschützt werden, wenn gerade genug Geld dafür da ist. Die Verzagtheit der EU-Regierungen inklusive der deutschen Kanzlerin in Kopenhagen hat das leider überdeutlich gezeigt. Da haben all die schönen Worte des Umweltministers nichts geholfen. Und hier wäre ja dann mal wirklich Streit angesagt gewesen, in der deutschen Regierung! Nein: Ökologiepolitik ist trotz der zunehmenden öffentlichen Debatte nicht im Zentrum der Politik angekommen, allen großen Versprechungen entgegen.

Das Zögern und Zaudern der Bundesregierung, wenn es um Finanzzusagen an die Entwicklungsländer für den Klimaschutz geht, ist da nur ein Beispiel. Diese abwartende Haltung – ob nun aus Angst vor angeblicher "Panikmache" oder aus schlichter Ignoranz - ist fatal. Denn die Klimakatastrophe wartet nicht, bis die Wirtschaftskrise und ihre Folgen bewältigt sind. Der Klimawandel macht keine Pause, nur weil wir gerade andere Probleme zu haben scheinen. Im Gegenteil: Die Situation verschärft sich massiv durch die Maßnahmen der Regierung.

Das Wichtigste wissen wir schon: die Klimakrise ist da und sie ist sichtbar! Nehmen wir nur Afrika, dort ist der Klimawandel eine wirkliche Existenzfrage, weil Teile des Kontinents nicht mehr bewohnbar sein werden, auch bei 2 Grad mehr, denn diese 2 Grad sind eben nur durchschnittlich zwei Grad.

Den Grünen wird ja gerne vorgeworfen, mit Maximalforderungen anzutreten und eben doch die ewigen Ökospinner zu sein. Beziehungsweise eine riesige lebendige Spaßbremse, die den Menschen vorschreiben will, wie sie zu leben haben: nämlich bei Vollkornbrot und Bionade gehalten, am spartanischen Öko-Holztisch sitzend, unmobil, weil sie nicht mehr Auto fahren dürfen, überhaupt unglücklich und vereinsamt, bestimmt sorgt ja auch Sex für C02-Belastungen, die man noch reduzieren könnte.  

Diesen Ängsten und Klischees, dass wir die Welt auf Kosten des Glücks retten wollen, können wir, wie ich finde, ganz gelassen entgegen treten. Mit der schlichten Idee vom guten Leben, lustvoll und gerade nicht spartanisch.

Ich nehme mal ein konkretes Beispiel, wo man ansetzen könnte, aus meinem Ehrenamt: Nur die evangelische Kirche und ihre Einrichtungen müssen sich ihrer Marktmacht bewusst werden und sie nutzen. Allein Küchen in Tagungsstätten, Heimen, Krankenhäusern haben, ein jährliches Einkaufsvolumen von heute fast einer halben Milliarde Euro. Was wird da gekocht und zubereitet? Sind die Zutaten biologisch angebaut, fair gehandelt? Nach diesen Kriterien einzukaufen, wäre ein riesiger Schub für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und für mehr globale wie nationale Gerechtigkeit. Und der wäre nicht symbolisch, sondern schon einmal echte Veränderung. Das kann man von so einer Kirche doch verlangen!

Oder: Nur mal hochgerechnet, wenn tatsächlich nur jeder Grundschüler und die Grundschülerin auch,  in Deutschland einmal am Tag eine Mahlzeit bekäme, wären das 195 Essen pro Kind im Jahr zu je 3,50  Euro – also bei etwa drei Millionen Grundschülern in Deutschland eine Einkaufsmacht von mindestens 2,05 Milliarden Euro im Jahr. Und wenn das Essen aus kontrolliert biologischem Anbau  käme, was es unbedingt sollte, wäre es noch mehr. Wachstum, ja gerne!

Einige haben ja noch eine einfach wunderbare Allroundlösung gegen den Klimawandel parat: AKWs laufen lassen, vielleicht auch mehr AKWs bauen, dann wird alles gut! Manche AKW-Fans glauben allen Ernstes, sie seien nicht nur tolle Standortpolitiker, sondern außerdem noch  die wahren Klimaschützer. Doch Atomenergie bleibt das Problem und nicht die Lösung. Wirksamen Klimaschutz gibt es eben nicht mit Atomkraft, sondern nur mit den drei E: dem Ausbau der Erneuerbaren bei Strom, Wärme und Verkehr, Energieeinsparung und Energieeffizienz. Das langweilt jetzt womöglich einige. Es scheint aber, und das ist leider gar nicht langweilig, verdammt dringend zu sein, das wieder ganz klar zu machen. Denn das haben wir ja gelernt; dass der Umweltminister ein paar beruhigende Worte sagt, hat mit der Politik dann hinterher verdammt wenig zu tun.

Also, dann doch noch einmal: Atomkraft deckt nur 2,5 Prozent des weltweiten Endenergiebedarfs. Bis 2025 werden weltweit circa 280 AKW aus Altersgründen abgeschaltet. Das sind rund zwei Drittel der gegenwärtigen Kapazität. 50 bis 70 neue AKW müssten in Deutschland gebaut werden, um die CO2-Emission bis 2050 um die angestrebten 80 Prozent zu senken. Allein: wo sollen diese Atomkraftwerke stehen? Haben Sie ein paar Brachflächen hier in der Gegend vielleicht? Ganz davon zu schweigen, dass die gesamte Produktionskette eben mehr CO2 ausstößt als einspart.

Und dann, auch das ist eigentlich bekannt: Je älter die Reaktoren, desto höher die Sicherheitsrisiken. Hier in Hessen ist allen die Geschichte von Biblis A und B bekannt, dieser Pleiten- und Pannenmeiler ist nun schon das 36. Jahr am Netz. Die Geschichte der hessischen Grünen ist eng mit dem Kampf gegen das AKW Biblis verbunden. Mit Neckarwestheim 1 und Brunsbüttel steht Biblis auf den deutschen Störfalllisten ganz oben. Wenn man sich die Anzahl der Störfälle betrachtet, heißt das jeden Tag einer. Jeden Tag! Reicht das eigentlich immer noch nicht, damit alles, aber auch alles klar ist? Wenn nicht, dann gern auch noch etwas zu den Kosten: Allein die Subventionen für die deutsche Atomkraft belaufen sich – je nach Schätzung – summa summarum auf 40 bis 100 Milliarden Euro. Kosten für Umweltverschmutzungen, radioaktive Verseuchung und Gesundheitsgefährdungen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Nicht zuletzt: Die Endlagerproblematik ist seit 50 Jahren weltweit ungelöst.

Die drei E's, die uns voran bringen,  sind eigentlich vier, wenn man den Erfolg noch dazu nimmt. 1,8 Millionen Menschen arbeiten heute in Deutschland in der Umweltindustrie, allein bei den Erneuerbaren sind es mehr als 250.000 Menschen, mehr als in der Kohlewirtschaft. In Ostdeutschland ist die Solarindustrie längst von der Nischen- zur Leitbranche geworden. Nirgendwo in Europa werden mehr Photovoltaikbauteile produziert.

Klimaschutz verhindert Wachstum nicht – im Gegenteil. Seriöse Berechnungen gehen davon aus, dass ungebremster Klimawandel bis zu 20 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes kosten dürfte! Klimaschutz kostet zwar auch Geld, aber nur ein Bruchteil davon.

Wirtschaftkrise und Klimakrise müssen keine Sinnkrise zur Folge haben. Wenn wir es schaffen, umzudenken, können wir sogar zu einem Leben mit mehr Sinn kommen.

Im besten Fall entsteht aus diesem neuen Bewusstsein eine neue globale Klimabewegung – die großen Demonstrationen in Kopenhagen waren ein erster Vorschein davon. Denn das ist klar: Die Klimapolitik braucht mehr Druck. Von Wählerinnen und Wählern, genau so wie von Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Am Ende kommt es auf jede und jeden einzelnen von uns an. Werden wir aktiv, handeln wir verantwortlich im eigenen Leben, da wo wir stehen, dort, wo wir sind. Das ist auch nichts Abstraktes oder nur Gefühltes, sondern lässt  sich sehr wohl in Zahlen ausdrücken: regionale Ökoprodukte statt Tiefkühlware zu kaufen, kann 250 Kilo CO2 im Jahr sparen, der Kauf langfristiger Elektroprodukte statt Billigware 330 Kilo CO2 im Jahr, der Umstieg auf Ökostrom 700 Kilo CO2 im Jahr. Jede und jeder kann aktiv seine persönliche Ökobilanz verbessern. Wenn wir das tun, noch einmal, dann können politische Entscheidungen auch nicht mehr daran vorbei getroffen werden. Da wird das Private dann doch wieder verdammt politisch!

Und vor allem: Ressourcenverbrauchbremse ist eben nicht gleich Spaßbremse.

Warum sollte das auch so sein? Es gibt schließlich keinen wissenschaftlich oder sonstwie nachweisbaren Zusammenhang zwischen Ressourcenverbrauch und individuellem Glück. Ganz im Gegenteil, Ulrich van Suntum, Leiter Centrum für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster, sagte kürzlich in einem Interview:

"Die ökonomische Glücksforschung hat herausgefunden, dass immer mehr materieller Wohlstand die Menschen auf Dauer tatsächlich kaum glücklicher macht. Nur bis zu einer Grenze von etwa 20.000 $ Jahreseinkommen steigt die Zufriedenheit deutlich, darüber hinaus wird der Zusammenhang immer diffuser. So sind Umfragen zufolge die Menschen in Tansania weit zufriedener als in Deutschland, bei einem Bruchteil unseres Pro-Kopf-Einkommens. Die Menschheit ist zudem in den letzten Jahrzehnten deutlich wohlhabender, aber nicht glücklicher geworden." Biblisch würde man sagen: Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Und also: grüne Spaßbremse war gestern. Heute reden wir über einen neuen Trend, über das bessere, das gute Leben. Und wir sind schon lange nicht mehr allein damit. Schon deshalb nicht, weil solche Umbrüche wie die Wirtschaftskrise ja nun wirklich alles bisher Geglaubte außer Kraft setzt. Wir müssen nicht von neuen oder alten Werten reden, als bräuchten wir jetzt erst einmal eine Rundumerneuerung der Seele. Es reicht schon, das zu tun, was eigentlich auf der Hand liegt.

Jeder fragt sich doch manchmal: Wovon will ich eigentlich mehr? Was ist das Kostbarste, was ich verschenken kann?  Für viele Menschen ist das heute vor allem eins: Zeit.

Jene Zeit, die uns verloren geht, wenn wir uns den Konsum an allem Möglichen organisieren. Jene Zeit, die wir brauchen, um das genau richtige neue technische Gerät zu finden oder die App oder was auch immer. Jene Zeit, die es kostet, immer noch einmal loszugehen. Stellen wir uns das Leben im Weniger als ein in Leben vor, das eines ist, in dem wir ein Leben in Fülle haben. In dem wir–einem neuen "grünen Hedonismus" frönen… Ob wir dann noch mehr Facebook-Statuszeilen kriegen nach dem Motto: 'Denke gerade über das Leben nach'?

Wenn wir andere Lebensstile wollen, müssen wir sie auch fördern, nein: keinen Öko-Erziehungsstaat ausrufen. Jeder soll frei wählen können, aber eben wählen soll er schon können. Dafür brauchen wir politische Ideen und Pilotprojekte. Ein Beispiel: die belgische Stadt Gent hat sich im Mai 2009 zur "Europäischen Vegetarierhauptstadt" erklärt. Jeden Donnerstag gibt es dort in den öffentlichen Kantinen nun Vegetarisches. Auch die Schüler erleben seit dem letzten Herbst ihren wöchentlichen "Veggitag". Schon 94 vegetarische Restaurants existieren in der 250.000-Einwohner-Stadt. Schon wieder Wachstum! Kommunal organisierte Kochkurse sollen den Bürgern nun helfen, auch zu Hause fleischlose Leckereien auf den Tisch zu bringen. Damit tut die Stadt nicht nur viel für die Gesundheit ihrer Bürger – sondern  immens viel für die C02-Reduktion.

Eins ist klar: Wenn es um den Schutz der natürlichen Ressourcen geht, haben die Grünen die Kernkompetenz. Von Anfang an stand grüne Wachstumsskepsis in Widerspruch zu den anderen Parteien – sei es der Wachstumsfetischismus der Union oder der Fortschritts- und Technikoptimismus der SPD. Die anderen Parteien haben in den letzten Jahren dazugelernt, aber noch lange nicht genug. Deswegen braucht es weiter: den Druck von unten, wenn der Druck der Verhältnisse nicht ausreicht.

Nennen wir es die Wende zum Weniger, nennen wir es das Ende des Fetischs Wachstums. Nennen wir es aber beim Namen! Wer glaubt, alles wird einfach wieder gut, wenn wir nur hoffen und warten, der wird sich irgendwann wundern.

Wenn wir uns nicht ändern, dann werden unsere Enkel oder Urenkel Eisbären, Koalabären und Kaiserpinguine nur noch aus Bilderbüchern kennen  (alle drei sind wegen des Klimawandels vom Aussterben bedroht). Dann werden die Menschen in einigen Jahrzehnten nur noch mit Mundschutz auf die Straße gehen. Sport an der frischen Luft wird es nicht mehr geben, vom Küssen im Park ganz zu schweigen...

Klar ist: Wachstum und Wohlstand müssen weiter gefasst werden als mit den üblichen Indizes des Bruttosozialprodukts.  Vielleicht sollten wir uns eher am Happy Planet Index (HPI) orientieren. Dies ist ein Index, der ein Maß für die ökologische Effizienz der Erzeugung von Zufriedenheit zu bilden versucht. Dazu werden Werte für Lebenszufriedenheit und Lebenserwartung kombiniert…Stellen wir uns vor, ausgerechnet unsere Bundesregierung müsste genau darauf hinarbeiten:  Das reine Größerwerden und Wachsen alleine macht niemanden glücklich und keine Gesellschaft lebenswerter.

Letztes Jahr feierten wir 20 Jahre friedliche Revolution. Etwas Großes ist damals passiert. Ein Wunder. Es ist gelungen. Aus dieser Erfahrung heraus bin ich sicher: Wir haben auch die Kraft für den Schritt, der nun vor uns liegt. Die friedliche Revolution für das Klima steht aus. Sie muss größer sein und weiter gehen. Natürlich.

Der jetzt mehr denn je anstehende Neuanfang kann nur ein ökologischer sein.  Stehen wir auf. Sagen wir: es ist uns egal, was die anderen denken: wir fangen an. Wir fangen an mit dem anderen, dem guten Leben: für uns, für die, die am anderen Ende der Welt leben, für die, die nach uns kommen. Es ist Krise, aber es ist nicht zu spät. Es ist eine gute Zeit ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Und das unsere dafür zu tun, dass unsere Kinder und deren Kinder Äpfel werden ernten können.

Und dann fangen wir das Jahr einfach noch einmal an. Ohne den ganzen Quatsch, den unsere Regierenden produzieren, Fangen wir an, mit einer großen Party, für den Klimaschutz. Setzen wir den neuen Trend, begeistern wir, machen wir klar, dass dort, wo Menschen wirklich ZUSAMMEN leben, in der Nachbarschaft, in Nord und Süd, sogar in Hessen und Thüringen, mehr und besseres passiert, als wenn wir versuchen, noch einmal und noch einmal mit den Rezepten der siebziger und achtziger Jahre zu kommen.

Nehmen Sie sich also die guten Vorsätze für das Jahr noch einmal und fragen Sie sich, was Sie und andere wohl glücklich macht. Mich zum Beispiel hat es glücklich gemacht, heute hierher zu kommen. Erstens, weil die CO2-Bilanz ok war und zweitens, weil hier so viele nette Hessen waren.

Spätestens wenn die Grünen wieder regieren, komme ich gerne wieder.

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