Katrin Goering-Eckardt MdB

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7. November 2009

Eröffnung der Kinderbuchmesse Oldenburg

Eröffnung KIBUM, Oldenburg, 7. November 2009

Sehr geehrte Frau Schilling,

sehr geehrter Herr Schöne,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kinder,

das ist sehr schön, hier zu sein, in Oldenburg. Es ist ein Freund, der mich hierher eingeladen hat, zu sein. Ich glaube, er hat eigentlich den besten Beruf der Welt. Denn er ist Bibliothekar. Das heißt: er geht zur Arbeit und da sind dann hunderte, tausende von Büchern. Natürlich kann er nicht den ganzen Tag dasitzen und schmöckern. Aber allein schon der Geruch! Riecht ihr auch so gern Bücher? Ich finde, man hat sofort das Gefühl, hier ist etwas ganz, ganz Großartiges, wenn man die riecht.

Ihr habt es heute auch sehr gut, denn ihr seid da, wo Bücher für Kinder im Mittelpunkt stehen. Hier in Oldenburg… hier in Westdeutschland? Nun ja, Oldenburg ist doch eher im Norden, oder? Trotzdem reden in diesen Tagen alle von Ost und West und von einer Mauer, die es einmal gab. Das ist gar nicht so lange her. Die Frau Bürgermeisterin hat es euch vorhin ja schon erzählt: Ja, ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen. Als ich so alt war wie ihr jetzt , das stand sie noch, diese Mauer. Und auch noch, als ich Pickel bekam, in der Pubertät und als ich 18 Jahre alt wurde und angeblich machen durfte, was ich wollte. Sie stand auch noch, als mein großer Sohn Friedrich geboren wurde, der gerade Abitur gemacht hat. So eine Mauer allein ist natürlich kein Unglück. Es ist nur ein Problem, wenn die keine Tür hat: diese Mauer hatte zwar ein paar Durchgänge, aber die durfte ich nicht benutzen. An der Mauer standen Soldaten und wenn ich mich der Mauer genähert hätte, hätten sie schießen müssen. Ich konnte also keinen Urlaub in Oldenburg machen, wie ich es in diesem Frühjahr getan habe. Ich konnte nicht nach Italien fahren, schon gar nicht nach New York oder Istanbul.

In den Zeitungen des Landes hinter der Mauer, das die DDR hieß, standen nur die Sachen, die die Mächtigen lesen wollten. So habe ich viele Dinge, die wichtig waren auf der Welt,nicht in der Zeitung lesen können. Zum Beispiel die Luftverschmutzung oder das Fischsterben oder Menschen, die eine andere Meinung hatten: über all das habe ich nichts erfahren.

Ich durfte meine Meinung auch nicht einfach so sagen. Wenn sie nämlich den Mächtigen nicht gefiel, konnte ich bestraft werden oder meine Eltern. Man konnte sogar für einen einzigen falschen Satz ins Gefängnis kommen. So ein Satz konnte sein: 'Ich finde es nicht in Ordnung, dass ich nicht verreisen darf, wohin ich will. Deswegen versuche ich jetzt einfach abzuhauen.'

Besonders schlimm war es, dass ich nicht alle Bücher lesen konnte, die ich wollte. Es wurden nämlich nicht alle Bücher in die DDR herein gelassen. Viele Bücher waren dort verboten. Die Politiker in der DDR dachten nämlich: Wenn die Menschen schöne Bücher lesen, in denen es um Freiheit geht, dann merken sie, wie doof es ist, in der DDR von einer Mauer eingesperrt zu sein. Stellt euch vor, die Geschichte vom Sams durfte ich nicht lesen. Warum? Weil wohl irgend ein Bestimmer über Bücher fand, dass das Sams zu viele aufmüpfige Ideen hat.

Mir ging das sehr oft so: Wenn ich gelesen habe, habe ich mir vorgestellt, wie es ist, ohne Stacheldrahtzaun und Mauer zu leben. Die Bücher waren für mich immer eine andere Welt. Eine Welt der Freiheit. Eine Welt ohne Grenzen und Verbote. Eine Welt, wo man träumen darf. Das war etwas, was die Mächtigen in der DDR gar nicht mochten: Menschen, die von einer anderen Welt und einem anderen Leben träumen.

Natürlich gab es auch in der DDR Schriftsteller, die wunderbare Bücher geschrieben haben, die wir lesen durften, und auch in Polen oder im heutigen Russland. Aber auch so ein Schriftsteller durfte nicht immer sagen, was er dachte oder schreiben, was er meinte. Ich jedenfalls mochte sehr besonders Franz Fühmann: Die dampfenden Hälse der Pferde beim Turmbau zu Babel. Darin erklärt er allerlei über die deutsche Sprache. Und dabei hat er auch allerlei wirklich Unsinniges gefunden.

Peter Hacks war auch einer derjenigen in der DDR, die tolle Bücher geschrieben haben. Als ich seine Geschichte von Jules Ratte  vor kurzem mal wieder gelesen habe,  habe ich mir gedacht: Das ist ja ganz schön aktuell, was sich der Peter  Hacks da ausgedacht hat. Denn die Ratte, die alles weiß, ist ja so etwas wie  das Internet heute. Manche Menschen meinen, sie bräuchten nichts mehr  selber zu lernen - weil sie ja eh alles am Computer im Internet nachschauen  können. Das ist aber Unsinn, finde ich. Denn man kann ja auch mal wo sein, wo  es keinen Computer und keinen Internetanschluss gibt. Und dann muss man  selber denken. Und sich auf sein eigenes Wissen verlassen können. Überhaupt finde ich selber denken ganz gut. Man könnte ja auf einen Gedanken kommen, den noch kein anderer hatte. Einen Gedanken erfinden, sozusagen oder ein neues Wort, das in zehn Jahren alle benutzen. Oder gar eine Maschine oder Matratze, auf der man nur gute Träume hat oder was weiß ich.

Auch heute, wo es die DDR zum Glück nicht mehr gibt, sind Bücher für mich immer noch sehr wichtig. Wenn ich anstrengende Tage bei der Arbeit hatte, komme ich beim Lesen so richtig schön zur Ruhe. Lesen ist die schönste Erholung.  Im Sommer stelle ich eine Liege in unserem Garten auf und liege dann in der Sonne, ganz in die spannenden Geschichten versunken. Im Winter mache ich mir eine schöne Kanne Tee und mache es mir mit meinem Buch kuschelig gemütlich. Was ich an Büchern so sehr mag, ist, dass sie Spuren an sich tragen. Fettflecken, weil man während des Lesens ein Butterbrot gelesen hat. Teeflecken. Knicke. Risse. Bücher erzählen oft auch damit wie sie aussehen eine kleine Geschichte, davon, in was für Situationen Menschen diese Bücher gelesen haben.  Bücher erinnern uns an schöne Momente. Auch die Bibeln, die wir in dem Pfarrhaus meines Mannes ausgeben, haben natürlich viele Gebrauchsspuren. Computerdateien tragen solche Spuren nicht, die haben keine Flecken und Knicke. Ich habe noch Bücher von meinen Großeltern. Und ich hoffe, dass auch meine Enkel diese Bücher noch in die Hand nehmen werden und wiederum an ihre Enkel weiter geben werden.

Ich möchte am Schluss noch einmal kurz etwas zur DDR sagen. Davon, wie in der DDR Menschen ihre Freiheit weggenommen wurde, ist heute oft gar nicht mehr die Rede. Manche tun sogar so, als sei es in der DDR schön und nett gewesen und alles gar nicht so schlimm. Es war aber nicht so! Ständig gab es Verbote und Dinge, die man nicht tun durfte. Weil das nicht vergessen werden darf, finde ich es ganz großartig, dass hier auf der KIBUM dieses Jahr die DDR und der Mauerfall Schwerpunktthemen sind.

Ich wünsche euch, liebe Kinder, viel Spaß beim Schmökern. Und euren Eltern natürlich auch.

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