Katrin Goering-Eckardt MdB

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9. November 2009

Wir dachten, der Westen passt nicht zu uns

Katrin Göring-Eckardt über ihre Annäherung an das vereinte Deutschland

Katja Tichomirowa

Frau Göring-Eckardt, war der 9. November 1989 ein glücklicher Tag für Sie?

Für mich war der 9. November ambivalent. Es war erst einmal kein Freudentag, das muss ich ehrlich sagen. Im Mai 1989 war ich noch zu einem Besuch in Westdeutschland. Meine westdeutschen Freunde sind gegen Aufrüstung und Atomkraft auf die Straße gegangen. Das war nicht das Land, in das ich sofort ausreisen wollte, auch wenn es hier Pfirsiche im Mai und Levis 501 gab. Ich hatte das Gefühl, jetzt ist es vorbei mit der Idee, alles anders machen zu können. Ich dachte, das geht jetzt nicht mehr. Entweder laufen die Leute alle weg, mit denen wir das machen könnten, oder die Wiedervereinigung kommt viel viel schneller, als wir gedacht hatten.

Wäre das eine so schreckliche Vorstellung gewesen?

Nein, ich gehörte nicht zu denen, die absolut gegen eine Wiedervereinigung waren. Ich dachte allerdings, man muss erst einmal einen zweiten demokratischen deutschen Staat haben. Erst wenn man den hat, kann man darüber verhandeln, wie diese beiden Staaten zusammen kommen und sich weiter entwickeln können.

Wie haben Sie die Tage nach dem 9. November verbracht, als alle in den Westen fuhren?

Ich hatte am Wochenende darauf eigentlich vor, zusammen mit meinem Mann nach Hessen zu fahren. Wir haben es dann nicht gemacht, weil alle dahin fuhren. Wir dachten, das passt nicht zu uns. Wir sind umgedreht und nach Arnstadt gefahren, wo am Sonnabend immer eine Demonstration stattfand, eine Montagsdemo am Sonnabend gewissermaßen. Da sind wir hin und haben uns während der Fahrt überlegt, wie viele wohl außer uns diesen Weg genommen haben. Es waren dann nicht tausend sondern vielleicht hundert Menschen und wir hatten das Gefühl, dass wir da richtig sind. Bei dieser Veranstaltung in Arnstadt und für uns ging es weiter um die Frage, wie kann man den Staat so verändern, dass die Menschen dort gern leben möchten, sogar lieber als in Westdeutschland.

Sie gehörten in Thüringen zu den Gründungsmitgliedern von "Demokratie Jetzt" ...

Ja, aber das war erst im Februar 1990. 1989 war ich beim Demokratischen Aufbruch und zwar so lange, bis der sich im Januar 1990 der CDU-nahen Allianz für Deutschland anschloss. Der Auslöser dafür, den Demokratischen Aufbruch zu verlassen, war eine Episode, die mit meinem Sohn zu tun hat, der im September 1989 geboren wurde. Ich hatte ihn immer dabei, auch bei den Demonstrationen im Herbst, und musste dann immer ein paar Minuten früher gehen, weil ja in der Regel die Wasserwerfer gleich um die Ecke warteten. Im Januar leitete Wolfgang Schnur den Demokratischen Aufbruch. Er hat sich später als Stasi-Spitzel erwiesen, was wir damals allerdings noch nicht wussten. Dieser Wolfgang Schnur nahm mein Kind, hielt es den Kameras entgegen und sagte: "Das ist die Zukunft Deutschlands!" Für mich war das undenkbar. Ich habe mein Kind genommen und die Veranstaltung verlassen. Politisch war für mich damals schon klar, dass das, was der Demokratische Aufbruch wollte, nichts mehr mit mir zu tun hat.

Ihr Einstand bei den Grünen war zunächst auch wenig erfolgreich ...

Ich erinnere mich, wie ich in Erfurt meinen Kinderwagen fünf Treppen hoch geschleppt und dann die Tür aufgemacht habe. Dahinter saßen in einem Raum fünf langbärtige Männer, die man aber durch den Zigarettenrauch nicht mehr erkennen konnte. Sie diskutierten darüber, ob man Wahlplakate an Bäume nageln darf oder nicht. Das war nicht, was mich interessierte. Also bin ich wieder gegangen.

Was wollten Sie?

Ich war Anfang 20 und habe mich wohlgefühlt in den kirchlichen Oppositionsgruppen, in denen ich aktiv war. Dort wurden neue Konzepte diskutiert. Wir dachten damals, wir bauen uns einen ganz neuen Staat. Wir überlegen uns, was sind die zentralen Fragen, die uns wichtig sind. Daraufhin haben wir "Demokratie Jetzt" in Thüringen gegründet.

Kam Ihnen da der 9. November in die Quere? Es hieß ja dann eher Wiedervereinigung jetzt, Demokratie später ...

Wir wollten gemeinsam überlegen, wie wir die DDR so verändern können, dass Freiheit herrscht, dass jeder sich entfalten kann, dass jeder an die Informationen kommt, die er braucht, dass jeder dort hin kann, wohin er will und man trotzdem einen sozialen Staat hat. Schließlich war die Realität in der DDR eine andere: heruntergekommene Altenheime, katastrophale Betreuung von Behinderten und menschenunwürdige Gefängnisse. Aber sich einfach Westdeutschland anzuschließen, war auch keine Alternative.

Sie wollten also einen dritten Weg?

So haben wir das nicht genannt.

Ist damals eine Entwicklung abgebrochen worden oder haben diese Überlegungen auch nach der Wende noch eine Rolle gespielt?

Nein, ich empfinde das nicht als abgebrochenen Prozess. Ich denke heute, das war unsere Sturm und Drang-Zeit. Und natürlich konnte das so nicht funktionieren. Man kann sich nicht an einen Tisch setzen, die Karten hin und her schieben und tun, als organisiere man einen Staat. Man kann das theoretisch durchspielen, aber einen funktionierenden Staat kann man so nicht organisieren. Und manche Überlegung von damals ist für mich auch nicht abgeschlossen: Etwa die Frage, was macht man mit dem Anspruch auf individuelle Freiheit auf der einen Seite und der Vorstellung von einem Gemeinwesen, das sich um jeden bemühen muss, auf der anderen Seite. Das in der Waage zu halten ist für mich immer noch der Antrieb für mein politisches Handeln. Sich an einen Tisch setzen und darüber verhandeln, wie man Pressefreiheit gewährleisten aber gleichzeitig verhindern kann, dass über den Nationalsozialismus alles geschrieben und behauptet werden darf, das beschäftigt mich weiter, nur in anderer Form.

Sie sind also versöhnt mit der Vereinigung?

Natürlich bin ich damit heute versöhnt. Ich bin versöhnt damit, dass wir in der Bundesrepublik in einem politischen System leben, das das Beste ist, das wir jemals hatten, das man aber gleichwohl verändern und verbessern kann und muss. Deshalb mache ich Politik. Und ich habe Menschen getroffen, Freundinnen und Freunde gewonnen, mit denen ich sonst noch nicht einmal eine Brieffreundschaft hätte anfangen können.

Ein dritter Weg wäre nicht möglich gewesen?

Nein, das wäre nicht möglich gewesen. Es gab viel zu wenige, die sich auf dieses Experiment eingelassen hätten. Aber ich gebe zu, es hat mich fasziniert, darüber nachzudenken, es auszuprobieren. Es ist auch nicht umsonst gewesen.

Warum gab es so wenige, die sich auf das Experiment einlassen wollten?

Es gab viele Menschen, die dachten, dass sie sich jetzt endlich selbst verwirklichen könnten. Das war legitim und richtig und man konnte die nicht noch einmal einsperren, damit sie mit uns einen dritten Weg ausprobieren - eine freiere, sozialere, bessere DDR.

Viele aus der Bürgerrechtsbewegung haben sich enttäuscht zurückgezogen. Sind Sie vor dieser Enttäuschung bewahrt worden?

Ich glaube, dass meine Frustration in der DDR nicht so groß gewesen ist, dass ich dachte, es muss sich alles komplett ändern, für mich persönlich. Jemand, der in der DDR im Gefängnis war, der zwanzig Jahre in einem Beruf arbeiten musste, der ihm immer falsch erschien, der hatte eine ganz andere Erwartung an Veränderungen als ich. Ich hatte auch das Glück, dass ich Spaß daran gefunden habe, in diesem System politisch zu arbeiten.

Was haben wir versäumt?

Ich bedauere es immer noch, dass wir keine gemeinsame Verfassung haben. Heute werden wir das nur noch schwer bewerkstelligen können. Aber damals eine wirkliche Auseinandersetzung darüber zu führen, das hätte man machen und zum Beispiel über mehr direkte Demokratie diskutieren können. Wer wach war, konnte ja sehen, dass es auch in der alten BRD Menschen gab, die gern über die Verfassung diskutieren wollten. Auch die Frage zu stellen, wie habt ihr eigentlich gelebt, was können wir von euch lernen, ist versäumt worden. Dass es Enttäuschungen gibt, verstehe ich. Es ist richtig, die alte Bundesrepublik hat die Bürgerrechtsbewegung nicht genug gewürdigt. Ich glaube nicht, dass Helmut Kohl den Masterplan für die Vereinigung hatte. Sie ist nicht vom 9. November bis zum 3. Oktober gestaltet worden, sondern lange vorher. Dafür haben Menschen gekämpft, gearbeitet und gelitten seit den 50er-Jahren.

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