Katrin Goering-Eckardt MdB

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25. Oktober 2009

Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland tagt in Ulm

Synode der EKD

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

Zum ersten Mal soll es einen mündlichen Bericht des Präsidiums der Synode geben. Er soll nicht einfach ein Arbeitsbericht über unsere Sitzungen sein, sondern verschiedene Aspekte aufgreifen, die wir alle oder einzelne von uns wichtig finden. Er soll vor allem auch zusätzliche Grundlage für unsere gemeinsame Debatte werden. Wir werden sehen, wie wir und Sie es finden, und vielleicht ist es ja so, dass wir es wieder tun wollen. Jedenfalls haben wir uns vorgenommen, zu den zentralen Fragen hier Stellung zu beziehen. Gerade mit dem Schwerpunkt darauf, was die Synode bewegt. Ein zweiter Ratsbericht soll es nicht sein.

KIRCHE DER FREIHEIT

Beginnen wir doch mit der Erneuerung, die manche als Reform, manche als Revolution, manche nur als Zusammenfassung, andere als Prozess verstehen. Er kam laut, er kam für viele überraschend, er war dann mal da. Wir ahnten, es würde anstrengend werden. Und wir hofften auch: Dass es gut würde, dass es sinnvoll sein würde und auch Freude machen!

So war Wittenberg richtig. Aber, das sage ich ehrlich, die Stimmung in der januarkalten Reformationsstadt hat mich damals sehr nachdenklich gemacht. Da war einerseits so eine Pressure-group. Ein paar Leute, die sich ganz sicher waren, das genau Richtige zu tun. Jedenfalls taten sie so. Und diese Sprache! "Eine professionell organisierte Themenagenda kann die Programmatik (…) deutlicher konturieren und damit mittelfristig das Image der Institution verbessern." So kann man es auch sagen.

Und da war viel Empörung, natürlich Abwehr und zu wenig Begeisterung. Und wenn, dann etwas verschämt, weil man damit irgendwie gleich auf der falschen Seite war. Ich gebe es zu, ich dachte: das kann doch nicht sein! Meine Kirche, die der Reformation, watet durch historisches Anschlags-Gelände, friert und: zaudert. Kaum einer, der bemängelt hätte, das ganze sei zu zaghaft, zu kurz gedacht. Dafür    manche, die sofort Rettungsschirme über ihre Vorgärten, ihnen Liebgewordenes, ganz oft übrigens Gutes aufspannten. Mancher dieser Schirme hat eher verhindert, dass man reinschauen kann in den Vorgarten, in dem wunderbare Beete angelegt waren, dass man Blicke der Vorübergehenden auf sich ziehen und Lust machen kann, hinein zu gehen, in so Angepriesenes und viel Versprechendes.

Und dann gab es - natürlich - die, die keinen so schönen Vorgarten hatten, die vor allem nicht wollten, dass man hinschaut und einmal nachfragt, warum hier eigentlich nie gejätet wird und immer die selben langweiligen Blumen da stehen. Von den Letztgenannten ist freilich keiner hier im Raum, das ist klar!

Jedenfalls ist heute dem zu danken, der damals die Schelte in aller Härte zu spüren bekam und später den maßvollen Ruhm hoffentlich auch genießen konnte. Wolfgang Huber ist kein Zauderer, er ist auch kein Rechthaber, sondern ein Visionär. Weil er beides vereint, das Ansagen und das Zuhören, das Vor- und das Umdenken, sind wir heute da, wo unsere Kirche sich wieder einmal - singend - (so hat er es vorhin gesagt) auf den Weg macht.

ZUKUNFTSWERKSTATT

Wie anders war es in Kassel. Viele von uns haben es erlebt. Dort waren wir dann immer schon für den Reformprozess. Diesmal hatte man sich harte Kommentatoren bestellt, in der Hoffnung, dass nichts ungesagt bleibt, jedenfalls keine Kritik.

In der Galerie der Guten Praxis haben wir einhundert großartige Projekte gesehen. Und sicher ist das nur die Spitze des Eisbergs. Es war eben nur Platz für 100 und nicht für 500. Ich bin überzeugt, dass es Projekte gibt, die nur einfach noch nicht den Weg ins Netz, auf die Plattform "Kirche im Aufbruch" gefunden haben. Es sind ja wirklich weniger Hauptamtliche geworden vielerorts, gerade auf dem Land natürlich. Und wenn die Kraft gerade noch reicht für etwas spannendes Neues und die Werbung dafür, ist der Schritt hin ins ferne Hannover und zu seinem Reformbüro dann eben doch zu weit. Und ich glaube, dass ganz viel schon geschieht, ohne dass es an die große Glocke gehängt wird. Aber eben auch ohne, dass es die Nachbargemeinde merkt und mitmachen könnte.

Der Reformprozess und die, die ihn tragen wollen, dürfen nicht nur aufnehmen, was ihnen vor die Füße fällt und dieses verstärken. Sie müssen auch danach suchen. Das muss der nächste Schritt sein. In der Sozialarbeit würde man von aufsuchender Arbeit reden.

Klar ist auch, dass Projekte dann besonders gelingen, wenn sie von Vielen getragen werden, die sich über die Maßen engagieren. Und dass ihnen Verantwortung gegeben sein muss, wirkliche Verantwortung, die nicht unter hauptamtlichem Vorbehalt steht, sondern sich ehrenamtlich entfalten kann. Dazu werden wir auf dieser Synode, besonders morgen an ihrem Schwerpunkttag, noch diskutieren.

Kassel war lebendig, war mutig und fröhlich. Ja, das ganz besonders. Wir haben gefeiert, wie es Bösmeinende uns Protestanten eben nicht zutrauen, gefeiert, in aller Öffentlichkeit. An einem Abend mit Kerzen und Fritz Baltruweit auf dem kalten Platz vor dem Kongress-Palais, am anderen Abend drin im Festsaal. Manche hatten ja nur die Krawatte gewechselt. Aber viele haben sich richtig schick gemacht.

Wir haben gezeigt, was unsere Kirche ist, sein kann, sein will. Für die Zukunftswerkstatt ist Vielen zu danken. Besonders Wolfgang Huber, der sich wieder hin gestellt hat, gewiss nicht in der Annahme, es würde rote Rosen regnen. Und auch dem Reformbüro muss herzlich gedankt werden. Es hat sich auf eine Weise dafür eingesetzt, die ihres Gleichen sucht, es hat andere mitgerissen und motiviert. Allen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Dank dafür, dass sie enthusiastisch, kreativ, mit Begeisterung bei der Sache sind. Danke, dass sie dabei sind zu helfen, damit diese Kirche sieht, was sie ist und was sie kann.

Jetzt könnten Sie sagen, bei aller Euphorie sind die anderen Stimmen, die kritischen, nicht mehr hörbar. Oder die Skeptischen kommen nicht mehr zu Wort bei der geballten Ladung gute Laune und Reform. In beiden Fällen – und das meine ich sehr ernst: Hier ist der Ort! Nicht nach dem Motto: In Kassel wurde gefeiert, in Ulm wird gemeckert. Die Sache ist ja, dass in Kassel gesprochen, diskutiert, visioniert und zum Glück, auch widersprochen wurde. Hier aber werden wir zu entscheiden haben. Deswegen brauchen wir das ganze Bild von Meinungen und Anstößen. Die Aussprache heute und die während der nächsten Tage helfen hoffentlich dabei.  

Wir Evangelischen sind ja zu recht sehr stolz darauf, dass es keinen da Oben gibt, von dem wir Weisungen entgegen nehmen. Vom Allerhöchsten einmal abgesehen. Und an diesem Prinzip werden wir auch nichts ändern, Hannover und Rom sind nicht nur als Städte sehr verschieden. Aber gemeinsam überlegen, planen, gestalten, das setzt auch den Willen dazu voraus.

Denn nicht mal mehr, mal weniger versiegende Finanzquellen sollten uns zur Veränderung treiben, ein bisschen reparieren hier und da und nur soviel, dass nicht gleich alles zusammenbricht. Nicht müssen und sollen – sondern wollen. Wir wollen gestalten und wir wollen streiten um den richtigen Weg. Gemeinsam und mit weitem Blick.

Dachte eigentlich jemand, nach Ende des Ratsvorsitzes von Wolfgang Huber käme wieder etwas Ruhe und Gemütlichkeit in die Sache? Freche Kommentatoren sahen uns schon wieder Ärmelschoner rausholen! Ich bin sicher: der Prozess geht weiter. Ich bin mir in besonderer Weise sicher, dass die, die jetzt in die Verantwortung genommen werden, auf diesem Weg auch weitergehen mit neuen Akzenten, mit neuen Schwerpunkten. Aber keine und keiner wird die Reformanstrengungen zurückdrehen wollen. Als die Nummer 15 im neuen Rat sage ich hierzu jedenfalls schon einmal: Ja und zwar mit Kraft! 

Ohne den Geist des Aufbrechens und des Aufbruchs geht es nicht in unserer evangelischen Kirche. Und ich finde, das ist nicht bedrohlich, das ist begeisternd. Wir wollen den in Fahrt gekommenen Wagen nicht mehr bremsen. Aber wo Geschwindigkeitsbegrenzungen sinnvoll sind, sollten wir uns daran halten. An einer Baustelle fährt man schließlich auch auf der Autobahn nicht 160. Wenn man nur mit starrem Blick auf 2017 durch die Kirchenlandschaft rast, da bleibt mit schlimmer Sicherheit etwas auf der Strecke. Und in der Kurve hebt man dann womöglich ab. Stattdessen: ein Tempo, das wahrnimmt, was rechts und links geschieht. Das Aufspringen ermöglicht. Mitfahren, ohne dass einem schlecht wird. Und aus ökologischen Gründen sowieso nicht schneller als 120. Warum? Weil man sonst sinnlos Treibstoff verbraucht, so ist das auch bei uns. Eine Fahrt soll es sein, die als Höhepunkt die Ausflüge zu Leuchttürmen kennt. Die aber auch holprige Nebenstraßen nicht umfährt. Reform geht nicht nur mit denen, die sowieso schon dabei sind, die schon im Bus sitzen. Sie gelingt nur, wenn man auch auf die hört, die Bedenken vorbringen. Sie sind besonders eingeladen, einzusteigen. Sie sollten auch einmal das Mikro des Reiseleiters ergreifen dürfen. Und es kann nötig werden, die Richtung zu ändern, oder ein Zwischenstopp einzulegen an markanter Stelle.

Dass gerade ich nun als Grüne ein Bild aus dem Bereich Auto und Verkehr bemühe, ist natürlich etwas gewöhnungsbedürftig. Aber sagen wir es so: Wenn wir als Kirche der Freiheit bei aller Strukturierung im Innern und beim kraftvollen Bekennen unseres Glaubens nach außen auch noch zur gesellschaftlichen Vorreiterin für Nachhaltigkeit und Klimaschutz werden, bin ich sehr zufrieden.

Jetzt ist die Frage, gerade auch für uns als Synode: Gönnen wir uns den Blick aufs Ganze? Trotz landeskirchlicher und gruppaler Verbundenheit? Wir sind Gottes Volk! Wir sollen das Licht zu den Menschen bringen. Da ist es egal, ob die Kerzen dick oder dünn, rot oder weiß, aus edlem Bienenwachs oder zusammengeschmolzen aus Resten sind. Entscheidend ist, dass wir uns nicht gegenseitig das Licht auspusten. Oder bestimmte Kerzen schon mal gar nicht anzünden. Sondern dass wir einander Feuer geben. Und auch mal eine Kiste Kerzen.

ÖKUMENE

Schwestern und Brüder,

Nachdem die Aufregung wieder ein wenig abgeklungen ist, an dieser Stelle ein Wort zur Ökumene, insbesondere zu der mit unseren katholischen Geschwistern - zum Denken übereinander, zum Umgang miteinander. 

Den meisten wird ja die Gesamtschau der Pressemeldungen erspart geblieben sein. Ich will ein paar Dinge sagen, die mir persönlich wichtig sind, in diesem Zusammenhang. Erstens: es ist nicht der Verfasser des Textes, auch nicht der, der ihn gegengelesen haben müsste, die eine Bedrohung des ökumenischen Miteinanders darstellten. Die nämlich haben sehr schnell und bei erster Diskussion gesehen, dass der Text missverständlich und persönlich beleidigend sein kann. In Teilen ist er es auch. Niemand, kein Gremium hat ihn sich zu eigen gemacht. Bedrohlich aber ist, wenn es nicht mehr möglich ist, sich zu korrigieren. Bedrohlich ist, wenn mit anonymen Veröffentlichungen Menschen gezielt beschädigt werden. Anonym verschickte Briefe. Wo leben wir eigentlich?

Zweitens: Wolfgang Huber will ich zitieren mit den Worten: "Es ist nicht alles falsch, was in dem  Papier steht." Und das stimmt eben auch. Wir haben uns ja nicht wirklich erholt davon, nicht anerkannt werden zu sollen als eigentliche Kirche und vom feinen Unterschied zwischen katholisch-orthodoxer und katholisch-evangelischer Zusammenarbeit. Vielleicht ist es, im Schlechten - unbestritten - auch etwas Gutes, dass gerade so viel über evangelisches Selbstbewusstsein gesprochen wird, wie lange nicht mehr. 

Fest steht aber ganz sicher, dass es keinesfalls darum gehen darf, das gemeinsam Christliche zu schwächen in einer Gesellschaft, die sich nach Geborgenheit und Zuversicht sehnt in Zeiten der Sorge.Dass wir mehr Gemeinsames als Trennendes haben, wissen wir ja - Gott sei Dank! Und dass wir nur wahre Gemeinschaft werden, wenn wir das Trennende ans Licht bringen, auf den Tisch der Debatten legen, in der Hoffnung auf Überwindung, das gehört dazu.

VERBINDUNGSMODELL

Liebe Schwestern und Brüder,

Auf andere Weise, aber auch um das Miteinander, geht es bei dem Punkt, der uns als neues Präsidium sofort zu beschäftigen hatte. Die Fortentwicklung des Modells der verbundenen Synoden.

Ich nehme sehr ernst, dass die VELKD es sich nicht leicht damit machen will, einfach so zu tun, als ob alles schon gemeinsam sein kann. Und ich schätze sehr, dass die UEK sehr viel in Gemeinsamkeiten investiert hat. Zugleich werden wir auf dieser Synodentagung wieder merken, dass wir mit der Entwicklung, mit der Struktur, wie wir sie für Ulm erreichen konnten, noch nicht zufrieden sein können. Mit großer Mühe haben wir Tagesordnungspunkte hin- und hergeschoben und was ich mir selbst leicht vorgestellt habe, fand im Diskussionsprozess ernsthaft zu erwägenden Widerspruch.

Wir haben uns auch, die letzte Synode in deutlicher Erinnerung, viele Gedanken um Namensschilder gemacht. Das klingt banal, ist es aber eben dennoch nicht. Das lila Schild, das ich selbst dann in Würzburg trug, dank der Frauen, war ein schönes Zeichen. Nun haben wir diesmal "oben und unten ohne" Schilder. Gleichzeitig soll aber jede und jeder ein kleines Zeichen seiner Identität hinzufügen können und vielleicht auch ein Zeichen unseres - nun wirklich - gemeinsamen Humors, wenn wir hier zusammen kommen. Ich habe hier eine Schachtel, in der befinden sich kleine Zeichen. Ganz offen. Halb offen. Ganz zu. Die haben alle die gleiche Farbe und vor allem alle den gleichen Untergrund. Ich schlage vor, diese Synode trägt Beffchen. Und zwar alle. Nehmen Sie, was zu Ihnen gehört, zu Ihnen passt, wie auch immer. Es müssten von allem genug für alle da sein. Ich brauche schon mal zwei, lutherisch von Geburt an und bis heute, uniert als Synodale.

ÖFFENTLICHER PROTESTANTISMUS

So, nun sind wir zumindest hier einmal alle erkennbar.

Die Phase des Protestantismus, der öffentlich ist, erkennbar und vernehmbar, ist angebrochen, aber sie ist gerade erst angebrochen. Die Bundestagswahl war noch keine 24 Stunden vorbei, da riefen erst David Gill und dann Bernhard Felmberg im Bundestagsbüro an mit der Frage: "Wer von den neuen grünen Abgeordneten ist denn "bei uns"?" Wir wollen das wissen, natürlich.

Mein Wunsch, wir mögen erkennbarer sein und lauter, richtet sich nicht nur an die Promis, an die, die Zugang haben zu Funk und Fernsehen. Er geht auch an den Ingenieur, die Kassiererin, die Ärztin und den Landwirt. Aber die Rückfrage an die Kirche ist natürlich auch erlaubt: Ist es eine Kirche, bei der man gern dabei ist? Und über die man sogar gerne spricht?

Ich wünsche mir mehr Mut zum Bekenntnis. Die Frau, die mich missioniert hat, hatte schon zu DDR-Zeiten diesen Aufkleber "Wir sind Gottes Bodenpersonal". Bestimmt wissen hier jetzt manche, aus welcher Ecke der damals, in den Achtzigern im Westen kam und ich trete in irgendeinen Fettnapf. Mich hat das aber dennoch sehr beeindruckt, dieses Bekenntnis, zu dieser Zeit in der ostdeutschen Provinz. Und ich dachte, da will ich auch dazu gehören, zu Gottes Bodenpersonal. 

Kirche ist nicht, was eben einfach so da ist und wo es Weihnachten schön ist. Kirche wächst durch uns, oder sie wird ihre Bedeutung verlieren.

POLITISCHE EINMISCHUNG

Und wir bleiben mit dem Glauben nicht bei uns. Wir tragen ihn hinaus in die Welt. Wir übernehmen Verantwortung in der Welt, in die uns Gott gestellt hat. Es bleibt zentral und wichtig, dass wir aktiv werden, dass wir uns äußern. So wie wir es gerade auf unseren Synoden immer wieder tun. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich als Politikerin oft dankbar dafür war und bin, gerade wenn es Rückenwind ist und ich die Ansichten teile, was gleichwohl nicht immer der Fall ist. Günther Beckstein geht das vermutlich ähnlich, womöglich in anderen Fragen oder in den gleichen Fragen genau gegenteilig. Oder womöglich sind wir uns hie und da völlig einig. Auch das gehört dazu und gerade das ist evangelisch: dass es zwei oder mehr Wege gibt, und dass über die Schritte gestritten wird. Jedenfalls: mag auch das eine oder andere Wort über das Ziel hinaus schießen – dass wir uns als Protestanten nicht mehr einmischen würden: undenkbar. Dass wir in politischen Fragen, auch in strittigen, sogar in unter uns strittigen Fragen, jetzt hörbar sind, das ist Wolfgang Huber auch zu danken.

Vor dem Bundesverfassungsgericht ist in der vergangenen Woche verhandelt worden, welcher Regelsatz angemessen ist für Kinder, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind. Die derzeitige Bemessung steht zu Recht in der Kritik, nicht nur angesichts der inzwischen viel zitierten Regelung, dass Säuglingen zwar 13,37 Euro für Tabak und Alkohol zustehen, für Windeln aber kein Cent. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, denen einfach ein paar Prozent Leistung weniger zugestanden werden als Erwachsenen. Über die Linderung materieller Armut hinaus geht es gerade bei Kindern um die Armut an Chancen und Mangel an Entwicklungsmöglichkeiten, so wie wir es übrigens schon in unserem Synodenbeschluss von Würzburg 2006 deutlich gemacht haben. Es geht darum, alle Kinder zu fördern, ihnen gleiche Chancen zu geben, damit sie zu dem Mensch werden können, der sie sind, damit sie Zukunft haben unabhängig von Herkunft und Geldbeutel ihrer Eltern. 

Es ist und bleibt auch eine Frage an die Kirchen, an unsere Gemeinden, deren Mitglieder aus der Mittelschicht den Kreis allzu oft zu klein ziehen und gern in sich geschlossen halten. Es geht um mehr, als sich für eine warme Mahlzeit für Notleidende zu engagieren. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Selbstverständlich ist das wichtig und unentbehrlich. Aber wir müssen einen Schritt weiter gehen. Vielleicht können wir den Kindern auch zeigen, wie man kocht. Ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Patenschaften übernehmen, die mehr sind als punktuelle Unterstützung. Und vor allem unsere Gemeinden, mit allen Gruppen und Kreisen für sie und ihre Eltern zu öffnen. Ohne Berührungsängste und ohne wohlmeinende Ratschläge, die dann doch von oben herab kommen.

Das ist der eine Punkt, der mir besonders am Herzen liegt. Der zweite ist die Frage der Bewahrung der Schöpfung. Neben der Wirtschafts- und Finanzkrise haben wir vor allem eben auch eine Klimakrise. Die war schon da, als an der Börse die Kurse noch luftige Höhen erreichten und sie wird noch da sein, wenn die Wirtschaft die Talsohle durchschritten hat. Schlimmer noch: sie verstärkt sich durch Nichts-Tun und sie potenziert sich, wenn unverantwortlich gehandelt wird mit der Begründung, dass müsse jetzt erst einmal sein, wegen der Wirtschaftskrise.

Doch gerade jetzt, da klar wird, dass Schluss sein muss mit "Höher-Weiter-Schneller", ist die Zeit innezuhalten. Zu fragen, was eigentlich wichtig ist. Wofür wir als Gesellschaft und als einzelne, als einzelner Ressourcen, Geld und Zeit hergeben wollen. Wie wir ein Leben haben können, dass ein Leben in Fülle ist – für uns selbst, für die, die uns nachkommen und für die, von denen uns tausende Kilometer trennen und deren Schicksal uns doch nicht gleichgültig lässt.

Diese Diskussion über Lebensstile erwacht langsam in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Und es wäre fatal, ginge sie an der Kirche vorbei. Im Gegenteil: Als Christinnen und Christen brauchen wir noch nicht einmal eine andere Begründung, anderen Anstoß. Für uns ist die Schöpfung Wert an sich, sie zu bewahren ist Auftrag Gottes an uns. Und ja, es gibt sie längst, viele Ansätze, Ideen, Projekte in den Kirchengemeinden, den Landeskirchen und ja nicht zuletzt hier auf der Synode, die CO2-neutral durchgeführt wird. Das ist gut, aber es geht immer noch mehr. Auch wenn es anstrengend ist, auch mühsam, manchmal nervig. Es geht nicht nur mehr, es muss auch mehr gehen. Schließlich müssen wir, wenn wir eine 50/50 Chance haben wollen, die Erderwärmung auf maximal 2° Celsius zu beschränken, 80 bis 90 Prozent CO2 einsparen.

Also geht es darum, das ganz große Rad zu drehen und ich bin fest davon überzeugt: Gerade Kirche kann das. Gerade wir können das. Wir sind 25 Millionen Protestantinnen und Protestanten. Das sind 25 Millionen Entscheidungen jeden Tag  für Klimaschutz, für Nachhaltigkeit.

Und als Kirche müssen wir uns mit all den evangelischen Einrichtungen unserer Marktmacht bewusst werden. Allein kirchliche Küchen in Tagungsstätten, Heimen, Krankenhäusern haben, und zwar nur die evangelischen, ein jährliches Einkaufsvolumen von fast einer halben Milliarde Euro. Wie wird denn da gekocht? Mit biologisch angebauten Zutaten? Mit fair gehandelten? Jede Tasse Kaffee, die wir hier auf dieser Synode trinken, ist es schon einmal. Nach diesen Kriterien einzukaufen, wäre ein riesiger Schub für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und für mehr globale Gerechtigkeit. Das wäre nicht mehr nur symbolisch, sondern wäre echte Veränderung. Auch für die Maritim-Hotels, in denen wir jedes Jahr tagen. Mit einem grundsätzlichen Bewusstseinswandel, der sich ausbreitet und alle Bereiche durchdringt, mit denen Kirche zu tun hat und worauf sie direkt Einfluss nehmen kann, ist die Revolution für das Klima möglich. Und genau die steht an.

GEISTLICHE SUBSTANZ

Schwestern und Brüder,

Christliches Leben in der Welt setzt immer auch christliches Selbst-sein voraus, Zweifel und Gewissheit, Freude am Glauben. Es ist gut, dass wir wieder mehr über unsere geistliche Substanz, über unsere Spiritualität reden. Theologie ist wieder spannend geworden, auch für die Menschen jenseits der Universität und Wissenschaft. Es ist neu oder wieder entdeckt, dass Theologie Antworten oder mindestens doch Anstöße geben kann für die großen Lebensfragen, die die Menschen immer umgetrieben haben. Jenseits vor allem der Welle von Ratgeber- und Sinnstiftungs-Literatur, die über die Bahnhofsbuchhandlungen dieser Republik hereingebrochen ist. Das ist zugleich auch Herausforderung: Ihr Theologinnen und Theologen! Redet und schreibt auch außerhalb der Universität, der Kirche, der Fachpresse! Redet verständlich! Übersetzt in die Sprache der Menschen, in den Alltag hinein und in die Gesellschaft, die so viele selbstverständliche Andock-Stellen für die Rede von Gott nicht mehr hat. Redet natürlich dennoch klug und weise und protestantisch, wenn es geht! Und erzählt! Denn wir laufen Gefahr, "dass aus der großen biblischen Erzähltradition eine verkopfte Erklärtradition wird". So hat es Klaus-Peter Hertzsch gesagt, dem im vergangenen Jahr für seine große Begabung die richtigen Worte zu finden, die Martin-Luther-Medaille verliehen wurde.

Und wir selbst? Ich denke, wir spüren auch, wie wenig sprachfähig wir mitunter sind, wenn es um die Inhalte unseres Glaubens geht. Darüber, was wir glauben, was uns trägt, was genau Pfingsten gefeiert wird. Oder wo die Reise hingeht, was nach dem Tod kommt – wie uns Matthias Kamann in Kassel ins Stammbuch geschrieben hat. Ich beobachte: das ist bei unseren muslimischen Freundinnen und Freunden anders. Sie sind beeindruckend überzeugungsgewiss, offensiv und eben auch ihres Glaubens kundig. 

Da haben wir Nachholbedarf. Wir müssen auskunftsfähiger werden, werden wollen, über den Kern unseres Lebens. Das setzt voraus, uns selbst danach zu fragen, wer wir sind, was unsere Quelle ist, worin unsere Identität besteht. Warum bin ich getauft? Wo ist eine Kirche, eine Gemeinde, in der ich erfahren könnte, was das für mich bedeuten kann? Wo kann ich streiten, über die Fragen des Lebens, über meine Vorstellungen davon, mit anderen, die meines Glaubens sind? Wir müssen klarer werden und uns selbst bewusst. Nur so können wir auch anderen Antwort geben, die nach Wurzeln und Halt in ihrem Leben suchen. Diese Antworten müssen wahrhaftig sein, klug und individuell. Wir müssen auf der Höhe der Zeit verkündigen, aber ohne dem Zeitgeist hinterher zu hecheln. Ja, verkündigen, denn das ist nun wieder auch evangelisch, dass wir alle Priesterinnen und Priester sind.

MISSIONARISCHE KIRCHE

Wenn wir uns selbst klarer Antwort geben können, was uns trägt im Leben und im Sterben, wird uns die Frage nach der Mission nicht mehr kompliziert erscheinen. Denn natürlich will man anderen davon erzählen, was man selbst gefunden und für wahr erkannt hat. Es bedarf keiner Diskussion darüber, ob wir missionieren sollen. Mission ist uns aufgegeben: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. (Joh 20, 21) Dahinter kommen wir nicht zurück und warum auch? 

Ja, wir dürfen erzählen, was wir über unseren Glauben zu sagen haben und was wir für wahr halten. Und so, dass es nicht nur den Kopf erreicht, sondern das Herz auch. Vielleicht muss man die schwierigen Dinge eben auch mitunter ganz, ganz einfach sagen. Und es macht gar keinen Sinn, sich über die zu erheben, die sie auch ganz einfach sehen!

Wir können das auch auf jede erdenkliche Weise zun. Heutzutage freilich gern im Internet. Missionarisches Handeln bei Facebook, kein Witz! Wer der Community in euphorischen Kurz-Worten von einem Gottesdienst erzählt oder von einem spirituellen Text kann dort viel Aufmerksamkeit erzielen. Und dann haben wir da noch unsere stärkste Gabe: das persönliche Gespräch. Das ist übrigens auch das, was von uns in besonderer Weise gewollt und erwartet wird. Die Seelsorgerin, den Seelsorger mailt man ja in der Regel nicht an, sondern man geht hin. Und das Hingehen andersherum, zu denen, denen wir erzählen wollen und sollen, das ist richtig und gut. Besser als mit jedem Faltblatt, jeder Zeitschrift, jeder E-Kommunikation. Denn: man kann sich in die Augen sehen! Sie leuchten sehen!

Mission kann laut und direkt oder leise, groß oder klein oder einfach: selbstverständlich sein. Ich finde es nicht schlimm, wenn zu spüren ist, wenn offensichtlich wird, dass es sich um ein christliches Krankenhaus handelt, um einen evangelischen Kindergarten. Im Gegenteil: Es macht mir Sorge, wenn man erst beim Lesen der Selbstdarstellung im Internet drauf kommt.

Nicht jede Form von Mission kann immer von allen geteilt werden, manches Handeln befremdet, irritiert, ist mindestens nicht das eigene. Und natürlich kann auch der offensichtliche oder scheinbare Verzicht auf Mission irritieren. Darüber offen zu reden, auch zu streiten, macht gewiss Sinn. Das können wir so lange aushalten, so lange klar ist, dass wir eine Kirche sind, dass wir zueinander gehören und nach dem Gleichen streben: alle, ob sie sich als aufgeklärt bezeichnen, als traditionsbewusst, liberal, fromm. Alles Ringen um Wahrheit, alles Streiten um den Glauben, alle Suche nach dem rechten Weg darf uns nicht daran hindern, dies eben auch zu bekennen: Dass wir zueinander gehören und dass wir wollen, dass wir mehr werden. Wenn wir das voneinander sagen können und voneinander tatsächlich wollen, werden wir es als Reichtum empfinden. 

Und wenn wir daran gemeinsam arbeiten, jede und jeder mit seinem Talent und an ihrem Ort; dann wären wir doch Jüngerinnen und Jünger, nicht nur eine lange Woche Synode lang und an den Sonntagen. Eine Kirche, die das kann, sind wir. Protestantinnen und Protestanten, die das tun, ganz sicher auch, nur noch nicht überall genug. Aber: wir arbeiten ja dran.

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