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7. Oktober 2009

Wechsel an der Spitze der Evangelischen Akademie zu Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

Lieber Robert Leicht,

ich weiß, Sie sind Verfechter einer Kultur der reduzierten Grußworte. Nun müssen Sie zwei hören. Aber wenn sie nur Gutes sagen, geht es vielleicht…

Vor einigen Jahren haben Sie in Münster einen Vortrag zum Reformationsfest gehalten und ihn thematisch der Frage gewidmet, wie sich "Der Protestant und die Sichtbarkeit seiner Kirche" zueinander verhalten[1]. Am Ende ziehen sie  folgende Bilanz: Alles komme "darauf an, daß das Gefälle stimmt und wir bewegt werden von dem, was 'Christum treibet'. Wenn das aber unbestreitbar so ist, weshalb irritiert uns die aus unserer Sicht in Teilen so problematische Sichtbarkeit der römisch-katholischen Kirche, während wir unsererseits die Chancen der legitimen Sichtbarkeit in der modernen Massen- und Mediengesellschaft verschämt unterspielen? Könnte es damit zu tun haben, daß wir ... zu wenig unverschämt sind, daß wir uns also doch verborgen dessen schämen, was wir zu sagen hätten - oder daß wir es gerade nicht so recht wissen?"

Ich finde, das ist nicht das schlechteste Thema für eine Veranstaltung zum Wechsel im Amt des Präsidenten einer evangelischen Akademie: Über die falsche Verschämtheit und die rechte Unver­schämtheit. Dieses reizvolle Thema hat Robert Leicht nicht aufgebracht. Vielmehr steht er damit in einer würdigen biblischen Ahnenreihe, von denen mindestens Jesus Sirach ausdrücklich genannt werden muss: "Man schämt sich oft, wo man sich nicht zu schämen braucht, und billigt oft, was man nicht billigen sollte."

Ich nutze die heutige Gelegenheit, lieber Robert Leicht, um Ihnen von Herzen dafür zu danken, dass Sie in Ihrem Beruf, in Ihrem Auftreten als öffentlicher Protestant und eben auch als Präsident dieser Akademie an der rechten Stelle den Mund aufgemacht und sich nicht geschämt haben, die Stimme des Evangeliums zu sein und dabei die Flagge des Protestantismus zu zeigen. Menschen wie Sie sind Leuchttürme des christlichen Glaubens und seiner protestantischen Variante, vielleicht gerade weil Sie nicht voll ausgebildeter Theologe und ordinierter Geistlicher sind, sondern mitten in der Zugluft des weltlichen Berufslebens und der Öffentlichkeit stehen.

Jemand, der Sie so glaube ich, recht gut kennt - ein Theologe und Geistlicher, hat mir erzählt, ihn bekümmere sehr, dass er nach Vorträgen immer wieder gefragt werde: "Sind Sie eigentlich Theologe oder Jurist?" Er frage sich dann: "Bin ich eigentlich als Theologe so unerkennbar und - was noch schlimmer ist - so verwechselbar mit den Juristen?" Ganz anders sei es bei Ihnen, lieber Robert Leicht. Da würden die Leute  vermutlich erst gar nicht fragen: "Sind Sie eigentlich gelernter Publizist oder gelernter Jurist oder gelernter Theologe?" Sondern: "Bei wem haben Sie denn Theologie gelernt?" Worauf es sogar eine Antwort gibt, und sie heißt: Eberhard Jüngel.

Sie machen nicht wenigen studierten Theologen vor, was gute Theologie ist: mit Ihren Predigten,  mit Ihren theologischen Vorträgen und Buchveröffentlichungen und nicht zuletzt mit Ihren kenntnisreichen und pointiert geschriebenen Artikeln und Kolumnen in verschiedenen Zeitungen. Da kam es wahrlich nicht von ungefähr, dass die Evangelisch-Theologische Fakultät in Münster Ihnen den theologischen Doktortitel honoris causa verliehen hat.

Sie nehmen sich die Freiheit, die Dinge beim Namen zu nennen, mit unverstelltem Blick, erfrischend direkt, für manche mitunter zu direkt. Nicht zuletzt die Akademie bot Gelegenheit dazu – als Versuchsfeld des Querdenkens, des Experiments mit dem Recht auch auf Irrtum. So haben Sie die Akademie verstanden und stark gemacht: als eigenständigen Denkort und Sprechraum, die sich dagegen verwahrt, anderer Institution Sprachrohr zu sein. Die aber hinhört und aufnimmt was in der Gesellschaft geschieht und es in die Kirche bringt und umgekehrt: die sprachfähig ist über den Glauben und die Botschaft des Evangelium in die Gesellschaft trägt.

Kurzum: Für die Evangelische Akademie zu Berlin war es ein großer Glücksfall, dass Sie dafür gewonnen werden konnten, der Gründungspräsident zu werden - und dabei blieb es nicht. Weit über die Gründungs- und Etablierungsphase hinaus haben Sie der Arbeit dieser Akademie Ihren Stempel aufgedrückt. Auf kirchlichem wie politischen Parkett sind Sie gleichermaßen zu Hause, gut bekannt und geschätzt. Wen Robert Leicht rief, der kam, in den allermeisten Fällen zumindest, davon zeugen die prominent besetzten Podien der Akademie, ihr Beirat und die Stiftung. Und das kam dazu: als Jurist und Kaufmann haben Sie mit sicherem Instinkt die Akademie zukunftsfest gemacht.

In der Fülle der kulturellen Angebote Berlins ist es für eine Akademie, wer auch immer sie trägt und finanziert, nicht leicht, sich zu behaupten. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass der Name der Evangelischen Akademie zu Berlin einen guten Klang hat.

Nehmen Sie, lieber Herr Professor Nolte, dies alles als eine große Ermutigung. Sie übernehmen ein wohlbestelltes Haus, eine überzeugende Konzeption, engagierte und kluge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Historiker sind ja gewissermaßen vom Fach her geborene Generalisten. Das ist, finde ich, eine vorzügliche Basis für die Wahrnehmung der Gesamtverantwortung in einer evangelischen Akademie. Es ist auch ein Glücksfall, dass Sie schon viele Jahre hier in Berlin leben, in der akademischen Welt gut vernetzt sind und darum über viele Kontakte verfügen.

Wir sind gespannt, wie sich die Evangelische Akademie zu Berlin unter der neuen Führung weiterentwickeln wird. Ich nehme an, die Telefonnummer von Robert Leicht haben Sie längst, wenn auch nicht sein Telefonverzeichnis. In der Tradition zu bleiben lohnt sich, etwas Neues zu beginnen allemal. Ich wünschen Ihnen jedenfalls Gottes Geleit und Segen auf diesem Weg.

[1]Veröffentlicht in der Zeitschrift für Theologie und Kirche 103, 2006,306-318 (Zitat: 318).

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