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Speisung mit Wachteln und Manna (2 Mose 16,2+3.11-18)
2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. 3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot in Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst. 11 Und der HERR sprach zu Mose: 12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin. 13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. 14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. 15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Das heißt: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. 16 Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. 17 Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig. 18 Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.
Liebe Schwestern und Brüder,
"Und die Israeliten aßen Manna vierzig Jahre lang" (16,35) heißt es am Ende des Kapitels, in dem die Geschichte aufgeschrieben ist, die uns heute morgen beschäftigen soll. 40 Jahre lang war das Volk in der Wüste unterwegs, von der Flucht aus Ägypten bis hin zur Ankunft in Kanaan. 40 Jahre lang Manna, ein bisschen eintönig. Aber Tag um Tag das, was sie am nötigsten brauchten! Zu Beginn ihres Wandern wissen sie das noch nicht, steigen wir ein in die Geschichte:
Die ersten Tage werden die Vorräte noch gereicht haben. Aber dann sind die Wasserschläuche leer und die Brottaschen auch. Dass man sich da, so mitten in der Wüste, beginnt, Sorgen zu machen ist klar. Aber anstatt zunächst ruhig zu überlegen, was getan werden könnte oder sich auch nur einen winzigen Moment daran zu erinnern, dass Gott versprochen hat, bei ihnen zu sein, werden Mose und Aaron angeklagt: "Ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst." (16,3) Lieber wäre man also in Ägypten gestorben, zwar tot aber satt. Und was ist das eigentlich für ein Bild, dass das Volk, das auserwählte, von sich selbst hat? Sind sie einfach wie eine willenlose Herde hinter Mose und Aaron hergelaufen? Hatten sie es nicht gerade eben noch satt, auf ewig Sklaven in Ägypten zu sein? Waren sie nicht begeistert von der Zusage Gottes, sie in die Freiheit und das Land ihrer Väter zu führen? Wollten sie nicht eben noch aufbrechen und etwas wagen? Und bei der erstbesten Gelegenheit murren sie. Nur weil nicht gleich glasklar ist, wie es weitergeht.
Hatte ihr Gott nicht gerade seine Größe erwiesen, als er sie trockenen Fußes das Rote Meer durchqueren ließ? Mit Pauken waren sie hinter Mirjam hergezogen: "Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt." (15,21) Der ganze Aufwand, um sein Volk jetzt in der Wüste verhungern zu lassen?
Der Herr hört das Murren und kündigt an: "Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin." (16,12) Nach jüdischer Tradition beginnt der neue Tag mit dem Sonnenuntergang des alten. Wenn es am Abend und am Morgen etwas zu essen gibt, dann können wir auch lesen: Den ganzen Tag über, immer. Und genug.
Es geschieht genau so: "Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde." (16,13-14) Beides, Wachteln und Manna sind der Lebenswelt der Nomaden nicht fremd. Wachtelschwärme ziehen im Frühjahr und im Herbst über die Sinai-Halbinsel. Und der Saft einer Tamariskenart fällt in Tropfen von den Sträuchern auf den Boden, härtet in der Kühle der Nacht und kann am Morgen aufgelesen werden. Den Israeliten, die aus der Zivilisation Ägyptens kamen, war das freilich fremd. Sie fragen: Was ist das? Und Mose erklärt: "Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. (16,15-18)
Ängstlichkeit und Sorge war unnötig. Das Murren schon sowieso. Der Herr sorgt für sein Volk und jeder und jedem wird genau das gegeben, was sie oder er benötigt.
Die Geschichte von den murrenden Israeliten (und sicher ja auch Israelitinnen) in der Wüste stößt bei mir ein Nachdenken über Dankbarkeit an. Im 5. Buch Mose heißt es: "Wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn deinen Gott loben für das gute Land, dass er dir gegeben hat." (5 Mo 8,10) Da ist das Volk Israel nach langem Wandern in der Wüste längst im verheißenen Land angekommen. Was versprochen war, ist eingetreten.
Schwestern und Brüder,
wir sind satt und wir haben was wir brauchen. Wir können einfach mal zufrieden sein. Und nicht als selbstverständlich abtun, was alles da ist. Manches haben wir uns wohl verdient. Vieles aber kommt uns unverdient zu. Und einiges ist gar nicht verdienbar. Aber trotzdem da! Dafür können wir Gott loben und ihm danken. Welch ein Schatz! Welch ein Segen!
Was erfüllt uns Dankbarkeit? Unsere Kinder, die Schätze, auch wenn sie manchmal nerven. Unsere Eltern, auch wenn sie wirklich spießig sind. Unsere Omas und Opas, auch wenn sie alt geworden sind und manchmal schon ein bisschen wunderlich. Die, die wir lieben, ihr zärtlicher Blick. Unsere Freunde, die einfach da sind. Die Gaben und Talente, die uns geschenkt sind und die wir entfalten können und ausleben. Gottes gute Schöpfung, die reichen Früchte, die zu ernten sind. Auch wenn es heute schon wieder Kürbissuppe gibt. Nicht zuletzt: Dieses Land, diese Stadt. 20 Jahre nachdem vor dem Rathaus die Kerzen brannten und als die "Kohl-Straße" noch "Straße der Jungen Pioniere" hieß.
Israel in der Wüste. Guter Grund hätte zur Dankbarkeit bestanden. Sie waren gerade aus Ägypten ausgezogen, befreit! Nichts mehr hatten sie sich gewünscht, als frei zu sein. Fron und Knechtschaft hatten sie hinter sich gelassen. Auf beeindruckende Weise hatten sie das rote Meer durchquert. Und vor ihnen lag: ein verheißenes Land, das Land in dem Milch und Honig fließen.
Doch Israel murrt, es beschwert sich, kaum sechs Wochen unterwegs. "Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot in Fülle zu essen." (16,3) So schnell kann es gehen. So schnell ist vergessen. Und verklärt. Denn Zugriff auf die Fleischtöpfe werden sie als Sklaven in Ägypten eher selten gehabt haben.
Wir sind im Jahr zwanzig nach der friedlichen Revolution. Die Mauer, die Grenzen wurden überwunden. Dann kam der, zugegeben, schwierigere Teil. Die Menschen, die auf der Mauer getanzt haben, wurden später arbeitslos oder gingen weg. Die, die die Trabbis auf der anderen Seite mit Kuchen und Sekt begrüßten, ärgern sich monatlich über den Solidaritätszuschlag. Aber es bleibt die Freiheit. Und dass es friedlich ist.
Trotzdem hört man nicht erst seit kurzen immer wieder: "So schlimm war es ja gar nicht. Und es war ja nicht alles schlecht". Natürlich war in der DDR nicht alles schlecht. Wir haben ein Leben gelebt, dass sich immer wieder normal anfühlte, nicht nur im Persönlichen. Aber alles und jedes konnte sofort aufhören, wenn es nicht systemkonform war oder schien, wenn eine Person in Ungnade fiel. Diese Gesellschaft war vom Kindergarten bis zum Alter ideologisch durchherrscht. Es ist zynisch, daraus im Rückblick eine kleine Idylle zu machen. Die DDR war das Land, in der man wegen einer abweichenden Meinung von der Hochschule flog, in der jemandem damit gedroht werden konnte, die Kinder wegzunehmen, wenn er nicht mit der Stasi kooperierte und an deren Mauer geschossen wurde.
Wie schnell wird eigentlich verdrängt, wie schnell geglättet? Wie blicken wir selbst zurück und was geben wir unseren Kindern weiter? Was wissen die heute Zwanzigjährigen? Erschreckend wenig. Doch die DDR war eben mehr als Club-Cola.
Zurück zu den Israeliten, auch wenn ich es mit der Parallele nicht übertreiben will. Das Streben derer, die damals riefen: "Wir sind das Volk" ist etwas anderes als der Auszug aus Ägypten. Schon weil wir ahnten, dass im verheißenen Land nicht Milch und Honig fließen würde. Aber wir kennen dieses Sehnen nach dem, was gerade nicht da ist. Und als zu oft übersehen wir dabei die Schätze direkt vor unseren Füßen und die Fülle, die uns längst umgibt. Grund genug, dankbar zu sein!
Liebe Schwestern und Brüder,
zugleich stehen wir in der Verantwortung, mit dem was uns gegeben ist, mit dem, was uns geschenkt ist, verantwortlich umzugehen. Wir haben längst mehr, als wir zum bloßen Über-leben brauchen. Wir haben mehr als Wachteln und Manna. Wir leben im Überfluss. Wir haben alle Möglichkeiten. Daraus erwächst uns Verantwortung. Verantwortung für die, denen nicht alle Türen offen stehen und Verantwortung für die, die um ihre Existenz bangen müssen.
Es kann - um Gottes Willen - nicht sein kann, dass Menschen nicht genug zum Leben haben. Nicht genug Geld, um gut zu wohnen, sich gesund zu ernähren und an der Gesellschaft teilzuhaben. Nicht genug Chancen sich zu bilden, die eigenen Talente zu entdecken und zu entwickeln, über sich selbst hinauszuwachsen und Neues zu schaffen. Nicht genug Freiheit, zu dem Menschen zu werden, der sie sind, das zu leben, was ihrem Dasein am meisten entspricht und ihrem Leben Bestimmung gibt.
Es kann nicht sein, dass wir ruhig dabei zusehen, dass die Güter dieser Welt nicht nur ungleich verteilt sind, sondern dass wir auch noch auf Kosten derer leben und wirtschaften, die weit weniger haben als wir. Es kann nicht sein, dass der Lebensweg von Kindern in Deutschland weniger von ihren Fähigkeiten, Anstrengungen und Wünschen abhängt, als vom Bildungsstand und dem Geldbeutel der Eltern.
Als Christinnen und Christen können wir uns nicht damit abfinden, dass die Schere zwischen denen, die materiell und mit Chancen gut ausgestattet sind und denen die von beidem viel zu wenig haben, immer weiter auseinandergeht. Jede und jeder ist vermögend, wenn nicht materiell so doch an Gaben, die der Gesellschaft als Ganzes wertvoll sein müssen. Niemand darf verloren gehen!
Es ist unsere Aufgabe, für Ausgleich zu sorgen, Güter gerecht zu verteilen, Solidarität zu üben. "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig", wurde dem Apostel Paulus zugesagt (2. Korinther 12,9) Übertragen auf den Staat heißt das wohl: nur das bringt die Gesellschaft voran, was die Situation der Schwächsten verbessert. Nur wo die Schwachen tatsächlich handeln können und befähigt sind, geht es in einer Gesellschaft insgesamt gerecht zu.
Die Demokratie lebt davon, dass alle sich aktiv beteiligen können, sofern sie das wollen oder es für nötig halten. Teilhabe ermöglichen, das bedeutet also auch demokratische Prozesse so zu gestalten, dass eine Einflussnahme aller möglich ist. Und damit meine ich nicht nur die Bundestagswahl am kommenden Sonntag, damit meine ich nicht nur Wahlen aller vier oder fünf Jahre. Damit meine ich auch direkt demokratische Entscheidungen. Damit meine ich auch, Demokratie schon in der Schule zu lernen und zu üben. Politische Entscheidungswege müssen so kommuniziert werden und so organisiert sein, dass Mitentscheiden, Mitdiskutieren, Mitdenken ausdrücklich gewünscht und gefördert sind. Wenn wir der Meinung sind, dass die Gesellschaft sich nur dann weiter entwickelt, wenn sich die Lage der Schwächsten verbessert, dann müssen wir ihnen die Chance zu geben, auch Lobby ihrer selbst zu sein.
Liebe Schwestern und Brüder,
Nehmen wir auch in den Blick, was über unsere nationale Perspektive hinausgeht. Trotz Krisenzeiten und in wirtschaftlich angespannter Situation darf das Motto nicht sein: "Hauptsache wir, die anderen später oder gar nicht." Jetzt beispielsweise Zusagen der Entwicklungshilfe zu verschieben wäre ein fatales Signal und wie ich finde ein unverantwortlicher Schritt. Menschen in der so genannten dritten Welt sind nicht nur von der Wirtschaftkrise betroffen. Sie spüren längst schon deutlicher als wir die Folgen der Klimakrise. Dürren überziehen das Land, die Äcker werden wüst und bringen keine Frucht mehr hervor. Wachtelschwärme bleiben aus, weil sich ihre Flugbahnen verändert haben. Regen, wenn er dann fällt, wird statt zum Segen zum Fluch, weil er Flut und Überschwemmung mit sich bringt. Sommer und Winter, Regen und Trockenheit, Säen und Ernten - Regelmäßigkeiten, auf die seit Generationen Verlass war, scheinen aus den Fugen zu geraten. Was wir in Mitteleuropa an Wetterkapriolen erleben, ist nur die Spitze des Eisbergs. Andere Teile der Welt trifft es härter, existentieller. Und mir scheint, das hat uns alles schon einmal deutlich mehr beunruhigt. Vor der Finanzkrise standen Klima und Energie schon einmal ziemlich weit oben in der öffentlichen Diskussion. Dann kam die Hypo Real Estate, dann kam Opel. Doch nur weil die Klimakrise derzeit nicht mehr zur BILD-Schlagzeile taugt – vielleicht auch, weil der Ölpreis erst mal nicht weiter gestiegen ist und das Murren an den Zapfsäulen kleiner wurde – ist sie nicht weniger beängstigend geworden. Und sie wird uns sehr konkret betreffen, noch mehr unsere Kinder. Die Klimakatastrophe wartet nicht, bis die Wirtschaftskrise und ihre Folgen bewältigt sind.
Es kommt am Ende darauf an, dass wir aufstehen und anfangen. Dabei kann uns egal sein, ob der Nachbar schon mitmacht, wir fangen an. Wir verschließen die Augen nicht länger. Wir suchen nicht mehr danach, wer oder was schuld sein könnte. Es sind nicht immer die anderen, es sind nicht die Umstände, es ist nicht die Krise, in der wir eh nichts tun können. Werden wir aktiv. Handeln wir verantwortlich im eigenen Leben, das wo wir stehen, dort, wo wir sind.
Das Schöne am ganz privaten Klimaschutz ist ja: man hat davon nur Vorteile: Es geht ums Geldsparen, ums Zeit gewinnen, und vor allem um einen Gewinn von Lebensqualität.
Denken wir einmal darüber nach, wie unser anderes Leben ein besseres wäre, ein im Wortsinne leichteres, eines, das sich lohnt. Erst einmal: für wen, außer für uns selbst? Viele erschreckt in diesen Tagen erneut: Es sind unsere Kinder, die mit der ausgebeuteten Schöpfung, mit Fluten und Dürre, mit weniger von allem leben müssen.
Stellen wir uns unser Leben vor, jenseits von Schirmen und Paketen und unvorstellbaren Milliarden, die in unübersichtlichen Maßnahmen und in Taschen, in Gebäude und in Straßen fließen. Das Erstaunliche an den Dingen ist ja, dass sie nur ein Ziel haben, nämlich zu erreichen, dass möglichst viel genau so bleibt, wie es ist. Die Kanzlerin hat vor einer Woche im Kanzlerduell gesagt: "Wir wollen wieder dahin kommen, wo wir vor der Krise waren." Nein! Das nun gerade nicht.
Nein: wir werden Gott nicht finden in der ängstlichen Verteidigung unseres Luxus, unserer Lebensweise auf Kosten anderer. Gott finden wir in der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit den Armen gegenüber heißt nicht: Ein bisschen was abgeben, so dass wir es gar nicht merken. Es heißt teilen, den anderen als Gleichen sehen und ihm auf Augenhöhe begegnen, nicht von oben herab. Alle haben das gleiche Recht auf die Ressourcen dieser Welt. Vor allem haben wir die Pflicht, diese Ressourcen zu schützen. Denn auch die, die nach uns kommen, sind Gleiche, sie sind Nächste, im Sinne der Heiligen Schrift, sie haben ein Recht auf gutes Leben in einer gesunden Welt. Wir sollen sie lieben wie uns selbst, die Nächsten in der Familie, in der Nachbarschaft, die, die zur Tafel kommen, die die so weit weg leben, dass wir nicht von ihnen wissen und die, die nach uns kommen. Das sind unsere Nächsten. Und ohne die Liebe, diese Nächsten-liebe werden wir nicht die Kraft finden, in unserem und ihrem Sinn zugleich zu handeln.
Wenn wir ärmeren Ländern dabei helfen, auch dabei, eine klimaverträgliche Energieerzeugung aufzubauen, dann geht es eben nicht um Almosen, sondern um Gerechtigkeit. Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind nicht voneinander zu trennen. Gerechtigkeit, das kann und muss gerade für uns Christen die treibende Kraft für Veränderung sein. Sie ist die Idee und die Verheißung einer besseren Ordnung der menschlichen Gesellschaft. Wenn es um den skandalösen Mangel an Gerechtigkeit zwischen Reichen und Armen im Weltmaßstab, um die Ungleichheiten bei Ressourcen, bei Ressourcenverbrauch, geht, dann sind wir beschämend weit entfernt von einer gerechten Ordnung.
Auch Kirche, deren ureigener Auftrag es ist, Schöpfung als Gottes Geschenk zu verkündigen und zu mahnen, wo der Mensch sich daran versündigt, muss mit gutem Beispiel vorgehen. In den Kirchgemeinden und den diakonischen Einrichtungen geschieht schon viel – und es kann immer noch mehr sein. Auf die vielen Kirchendächer passen noch zahlreiche Photovoltaikanlagen. In die Gemeinderäume noch viele Energiesparlampen. Und ganz grundsätzlich: Kirche und ihre Einrichtungen müssen sich ihrer Marktmacht bewusst werden und sie nutzen. Allein kirchliche Küchen in Tagungsstätten, Heimen, Krankenhäusern haben, und zwar nur die evangelischen, ein jährliches Einkaufsvolumen von fast einer halben Milliarde Euro. Was wird da gekocht uns zubereitet? Sind die Zutaten biologisch angebaut, fair gehandelt? Nach diesen Kriterien einzukaufen wäre ein riesiger Schub für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und für mehr globale wie nationale Gerechtigkeit. Und der wäre nicht symbolisch, sondern schon einmal echte Veränderung.
Nun sind wir Christinnen und Christen nicht die besseren Menschen. Aber vielleicht hier und da und immer öfter glaubwürdige Vorbilder. Dazu kommt: für uns ist die Bewahrung der Schöpfung ein Wert an sich, wir brauchen dafür keine Begründungen oder drohende Schreckenszenarien – weil sie Gottes Geschenk an uns ist. Für dieses Geschenk soll unser Herz brennen. Wagen wir den Aufbruch und stiften wir andere an -zu einem bewussten Leben in Einklang mit Gottes Schöpfung, mit Blick fürs rechte Maß, mit Denken über den Tag hinaus und in Solidarität mit den Menschen in anderen Teilen der Erde.
Schwestern und Brüder,
Das Gute ist: wir sind selbst verantwortlich – aber wir sind nicht allein und das wissen wir. Zum einen: schauen Sie nach rechts und links. Da sind viele, wir sind viele. Viele von uns haben die friedliche Revolution erlebt, diese unglaublichen Tage und Wochen, die immer noch eine Gänsehaut hervorrufen, wenn ich daran denke. Wir haben einmal erlebt, dass gelingen kann, was kaum für möglich gehalten war. Ein Wunder. Und weil dieses Wunder gelungen ist, haben wir auch die Kraft für das zweite. Die friedliche Revolution für das Klima steht aus. Sie muss größer sein und weiter. Natürlich. Es ist ungewiss, aber es ist auch so wichtig: Für unsere Kinder und die ihren. Für unsere Nachbarn in der Ferne, die schon heute aller Möglichkeiten beraubt sind. Für diesen blauen Planeten, der uns Heimat ist.
Wir sind viele – und in all unserem Tun ist ER bei uns. "Und der HERR sprach zu Mose: Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin." (16, 11-12)
Gott hört unser Rufen. Auch wenn es von mangelndem Vertrauen zeugt und nur von kleinem Mut. ER hört es. Und Gott gibt. Er schenkt nicht nur das täglich Brot, das Notwendige zum satt werden. Gott gibt genau das, was wir brauchen.
Israel war in der Wüste unterwegs, jeden Tag an einem anderen Ort. Da war keine Zeit, Getreide anzubauen. Also finden die Familien jeden Morgen, was sie für den Tag benötigen. Das richtige zur rechten Zeit. Und dann können sie weiterziehen.
"Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte." (16,16-18)
Die, die langsam sind und nicht mehr so viel sammeln können, sie müssen sich nicht sorgen, denn sie haben genug. Und auch die, die viel sammeln, werden am Ende genau so viel besitzen, wie sie benötigen. Horten, im Kämmerchen aufstapeln, übrigens bringt nichts, denn weiter im Text heißt es: "Etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend." (16,20) Seien wir doch zuversichtlich. Uns ist so vieles bereits geschenkt und wir werden bekommen, was uns fehlt.
"Sage ihnen: ihr sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin." (16,12) Glauben wir. Vertrauen wir. Begreifen wir, wer wir sind und dass ER unser Gott ist. ER ist da und geht den Weg mit uns. ER gibt, was wir brauchen. ER trägt uns auch. Gott lässt nicht allein.