Katrin Goering-Eckardt MdB

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27. September 2009

"20 Jahre friedliche Revolution - Soli Deo Gloria"

Liebe Kongressteilnehmerinnen, liebe Kongressteilnehmer,

vielen Dank für ihre Anfrage und die Möglichkeit, hier in einem kleinen Grußwort einige Gedanken zu ihrem Kongressthema zu formulieren.

1989 ist aus meiner Sicht mehr als eine schöne Erinnerung. 1989 ist mehr als nur der Wegbereiter zur deutschen Einheit. An dieser Stelle, das sei mir gestattet, bin ich sogar versucht, ein wenig dem Einladungstext zu Ihrer Veranstaltung zu widersprechen. Die friedliche Revolution in der DDR sollte nicht mit der Vereinigung der beiden Teile Deutschlands gleichgesetzt werden. Gerade in diesen Tagen, wenige Wochen vor dem Fall der Mauer vor 20 Jahren, sollten wir fragen, was davor war, vor diesem so prägenden 9. November 1989.

Für mich als Christin waren das vor allem die brechend vollen Kirchen, nicht allein am Sonntag, sondern mehr noch sogar am Montag. Oder am Donnerstag, wie in meiner Heimat, in Thüringen, in Erfurt.

2009 ist zweifelsohne ein großes Erinnerungsjahr. Viele lichte und tragische Jahrestage deutscher Geschichte enden mit einer Neun. 1919 trat die Weimarer Nationalversammlung erstmals zusammen, die ersten Gehversuche deutscher Demokratie begannen. 1939 begann der Vernichtungsfeldzug Richtung Osten. 1949 trat das Grundgesetz in Kraft und begleitete den demokratischen Neubeginn im Westteil Deutschlands. Und doch ist das Jahr 1989 etwas Besonderes, nicht nur für mich eine, vielleicht sogar die prägende Erfahrung, sondern auch für die Kirche.

Im Mittelpunkt stand das Symbol "Schwerter zu Pflugscharen", das übergreifende Kennzeichen der Friedensdekaden in der DDR. Die Anregung zu einer solchen Friedensdekade kam Anfang der 80er Jahre von unten, aus der Jugendarbeit der Kirchen. Ursprünglich zeitlich begrenzt angedacht, war das Echo doch so überwältigend, dass Friedensgebete vielerorts weitergeführt wurden und in der ganzen DDR immer mehr Zulauf erhielten. Was besonders zum Ende der DDR für eng gefüllte Kirchenschiffe sorgte, war für die Kirche selbst keineswegs immer einfach. Es gab nicht selten harte Auseinandersetzungen, sowohl innerhalb der Kirche, als auch mit den staatlichen Behörden. Denn die Friedensgebete schafften nicht nur Raum für die Anklage von Gewalt und das hoffnungsfrohe Gebet zu Gott. Sie wurden immer mehr zu Diskussionsorten über die Ungerechtigkeiten der DDR-Staatsgewalt. Wie weit durfte Kirche dabei gehen? Wie stark sollte sie sich in den gesellschaftlichen Dialog einmischen, wie weit ihren Schutz über Regimekritiker ausbreiten? Keine einfachen Fragen, doch die Kirchen haben sie im Zweifelsfall zugunsten der Schutzsuchenden beantwortet. Auch dadurch wurden die Friedensgebete zu einem Ort des Lernens. Für kirchliche Würdenträger ebenso wie für die Gemeinden und auch Nicht-Christen, denen die DDR keinen Platz für ihre freiheitlichen Gedanken bot.

Es war "das Volk", Alte und Junge, Konfirmanden und Ingenieure, Frustrierte und Visionäre, das sich in den Kirchen der DDR im Herbst 1989 versammelte. Und es ist die Verkündigung von Gottes Frieden und Gerechtigkeit, die Kraft von hunderttausenden Kerzen, die die erste friedliche Revolution in Deutschland einleitete und begleitete. Wir sollten dies nicht vergessen, denn es gab eben diese für unser eigenes Selbstverständnis so wichtige Zeit vor dem Fall der Mauer, vor der deutschen Einheit. Es waren dies im Übrigen auch die ersten Gehversuche in Demokratie. Nicht umsonst haben damals so viele Menschen aus den Kirchen den Gang in die ersten frei gewählten Parlamente gewagt. Wenn in diesem Jahr gefeiert wird, dann wohl am lautesten am 9. November, dem Tag als die Grenzen Richtung Westen erstmals geöffnet wurden. Doch vor der Einheit war die Freiheit, die friedliche Selbstbefreiung eines Landes durch seine Menschen.

"Wir sind das Volk" – dieser urdemokratische Ruf, diese vier Worte weitestgehender Emanzipation, ist der Klang des Jahres 1989. Er wurde geprägt in Plauen, Arnstadt, Suhl, Rostock, Jena oder Leipzig. "Wir sind das Volk", aber auch die Forderung "Nie mehr bücken", sind Ansprüche, die nicht ortsgebunden waren, sondern eine ganze Gesellschaft bewegten. Sind die Rufe längst verhallt? Ist der demokratische Aufbruch Geschichte? Wie sieht es heute um den Souverän aus? Es sind diese Fragen, denen wir uns stellen müssen, und ich wünsche mir noch viel mehr von Veranstaltungen wie heute in Schönblick, in denen es nicht nur um einen schönen Blick zurück, sondern auch um den Ausblick darauf geht, was die Erfahrung von 1989 für die Zukunft bedeutet. Denn allen Gedenkreden zum Trotz: Demokratie ist nicht ein einmal errungener Zustand, sondern ein Prozess, in dem Mitsprache und Teilhabe täglich neu eingeübt werden müssen. Schon nähern wir uns einer Zeit, in der wir "Zeitzeugen" befragen. Lassen Sie uns nicht die gleichen Fehler wie nach 1945 machen, in der die Gesellschaft erst Jahrzehnte später die Sprache und den Dialog darüber gefunden hat, was einmal war und was wir daraus für unser Zusammenleben lernen können.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne spannende und aufschlussreiche Tage in Schwäbisch Gmünd und grüße Sie herzlich.

Katrin Göring-Eckardt

 

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