Katrin Goering-Eckardt MdB

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30. Juli 2009

Interview für Schulbuch-Projekt des Schroedel-Verlags

Nachgefragt...

Nennen Sie bitte drei Begriffe oder Eindrücke, die Sie spontan mit der DDR assoziieren.

Geborgenheit im Elternhaus: Die DDR war ein graues Land, sie verlangte Anpassung und strafte alles Unangepasste ab. Dennoch gab es natürlich die Momente des Glücks und der Freude. Der Alltag in der Diktatur konnte auch bunt sein, meistens in den kleinen Nischen, die Familie und Freundeskreis boten.

Mauern: Es gab sichtbare und unsichtbare Mauern. Natürlich drängt sich die Grenze mit ihren fürchterlichen "Selbstschussanlagen" als erster Gedanke auf. Doch es gab auch Mauern des Schweigens; Mauern, die Freiheit zu einem fremden Wort machten: Was darf ich sagen? Wie muss ich mich verhalten? Eckte man an diesen Mauern an oder versuchte gar sie zu überwinden, drohte die Staatsmacht mit allen ihren Mitteln der Einschüchterung. In der Schule konnte das eine Versetzung bedeuten oder die Verweigerung des Abiturs, in der Hochschule die Exmatrikulation, im Arbeitsleben fehlende Aufstiegsmöglichkeiten. Schlimmstenfalls drohte "Zersetzung" oder Gefängnis, ganz zu schweigen von den Toten an Grenze und in den Gefängnissen der frühen DDR.

Kerzen: Die Kraft von zigtausenden Kerzen leitete mit der Botschaft "Keine Gewalt" das Ende eines bankrotten Regimes ein. Auf alles waren die Machthaber vorbereitet, aber auf diese Art des Massenprotests fand die SED keine Antwort mehr.

(Inwiefern) Spiegelt der Film "Das Leben der Anderen" ein realistisches Bild des Lebens in der DDR wider?

Jeder Mensch wird das Bild der DDR rückblickend ein wenig anders zeichnen. Während für die einen ganz persönliche Glücksmomente in Familie oder Beruf maßgeblich sind beim Rückblick auf das Land, wiegt für andere das wiederum ganz persönlich erlittene Unrecht schwerer.

"Das Leben der Anderen" zeigt eine für viele Menschen sehr prägende Facette der DDR, die des zynischen, rechtsfreien und menschenverachtenden Überwachungsapparates. Der Film macht deutlich wie all diejenigen, die sich der Stromlinienförmigkeit einer vermeintlichen "sozialistischen Persönlichkeit" widersetzten, mit dem Terror der Stasi konfrontiert wurden.  Menschen wurden so zu feindlichen "Elementen"; das Ziel war die flächendeckende Überwachung.

 "Das Leben der Anderen" konzentriert sich auf die Menschen, die in diesem maßlosen Kontrollsystem mitspielen – oder auch aussteigen. Inwieweit der Ausstieg des von Ulrich Mühe so überzeugend gespielten Protagonisten realistisch ist, darüber mag man streiten. Fakt ist jedoch, das gerade in den letzten Jahren der DDR auch "Funktionsträger" erkannt haben, dass sie statt Idealen nur noch einer entrückten Clique von Funktionären dienten.

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass sich viele beim Schauen des Films geärgert haben, dass manche Details nicht genau das Leben in der DDR spiegeln. Aber genau diese Detailkritik zeigt , dass es sich eben weder um eine Dokumentation noch um eine Verklärung handelt. Der Film zeigt Realität mit Mitteln der Kunst. Das ist gut.

Inwiefern finden Sie den Film "Das Leben der Anderen" gelungen bzw. problematisch oder kritikwürdig?

"Das Leben der Anderen" ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie ein Thema, über das manche Menschen aus verschiedenen Gründen ungerne sprechen bzw. das eher mit anonymen Aktenbergen verbunden wird, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Der Film zeigt, dass auch ein perfider Macht- und Unterdrückungsapparat wie die Stasi nur durch Menschen funktioniert(e) und dass es auch in der Diktatur nicht möglich ist, schlicht zwischen "gut" und "böse" zu unterscheiden.  

"Das Leben der Anderen" ist ein Spielfilm und es ist das gute Recht des Regisseurs, eine fiktive Handlung dafür zu wählen. Vielleicht gab es nicht allzu oft die Wandlung vom Saulus zum Paulus, doch das ist keine Weichzeichnung von Geschichte, wie manche unterstellen. Die Stasi sollte Menschen zersetzen und kleinhalten – und es gibt verschiedene Wege diese perfide Aufgabe filmisch zu transportieren. Die Umsetzung von Florian Henckel von Donnersmark ist nicht die schlechteste.

Angesichts der verblassenden Erinnerung an die DDR wird seit einiger Zeit darüber diskutiert, wie ein fairer Umgang mit der DDR und ihrer Geschichte aussehen kann. Ermöglicht der Film "Das Leben der Anderen" Ihrer Meinung nach einen fairen bzw. differenzierten Umgang mit der DDR-Geschichte?

Es gibt mittlerweile ja einige Filme und Bücher, die sich mit dem Leben in der DDR befassen. "Das Leben der Anderen" darf dabei als eines der gelungenen Beispiele einer solchen Darstellung gelten. Der Film erzielte überwältigende Erfolge an den Kinokassen, was aber noch viel wichtiger ist: er eröffnete erstmals eine breite Diskussion über dieses dunkle Kapitel unserer Vergangenheit.

Er verzichtet dabei auf Schwarz-Weiß-Überzeichnungen, die der Realität niemals gerecht werden können. 160 Kilometer Stasi-Akten mögen eine beeindruckende Zahl sein, doch lebendig wird das Perfide des MfS erst durch den Blick auf einzelne Schicksale. Insofern ist der Film eine gute Grundlage für die Diskussion über den der SED dienenden Stasi-Machtapparat. Er beleuchtet einen Aspekt der DDR, doch für einen "fairen" Umgang braucht es natürlich mehr. Vor allem braucht es das offene Gespräch mit Zeitzeugen, die oftmals mit verschiedenen Erfahrungshintergründen ein realistisches Bild der DDR aufzeigen können.

Der Unterricht in der Schule wird die Erinnerung an die DDR entscheidend prägen. Verraten Sie uns Ihren persönlichen Wunsch für die Zukunft: Woran sollten sich künftige Generationen erinnern, wenn sie – z. B. in 20 Jahren am Tag der deutschen Einheit oder am Tag des Mauerfalls – an die DDR denken? Was sollten sie nicht vergessen?

Ich wünsche mir, dass nicht nur am Tag der deutschen Einheit oder am Tag des Mauerfalls darüber nachgedacht wird, was die DDR bedeutete und was wir aus ihrem Scheitern lernen können. Nicht zuletzt in den Schulen, wo das Thema bisher leider eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat.

Wichtig ist mir dabei vor allem, dass wir dieses Thema nicht weiter verdrängen – oder gar die DDR "weichzeichnen". In der DDR herrschten allzuoft Unrecht und Willkür, heute grundlegende Freiheiten existierten schlicht nicht und auch manche von heute schöngeredeten "sozialen Errungenschaften" entpuppen sich beim genaueren Blick in ein DDR-Krankenhaus oder Altersheim als ganz und gar nicht erstrebenswert.

Wenn wir im Jahr 2029 auf das Jahr 1989 zurückblicken, dann wünsche ich mir, dass wir uns an den Mut erinnern, an die Überwindung der Angst und den Kampf für eine freiere, ökologischere und aufrichtigere Gesellschaft – und das wir uns fragen, welche Bedeutung die demokratischen Impulse von damals für heute haben.

Würden Sie Schülern "Das Leben der Anderen" als Quelle empfehlen, um sich ein Bild vom Leben in der DDR zu machen?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR.

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