Katrin Goering-Eckardt MdB

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3. Juli 2009

Für ein kritisches Geschichtsbewusstsein

Die Verbrechen des Nationalsozialismus prägen die deutsche Identität und bedeuten eine Verantwortung, die niemals 'loszuwerden' ist. Die Massenmorde der Nazis sind "das Unverjährbare" (Vladimir Jankélévitch) und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus deshalb unabschließbar. Jeder Rhetorik des "Schlussstriches", jedem "Jetzt muss es aber mal gut sein" müssen wir konsequent entgegentreten. Denn Erinnerungskultur muss aufrütteln statt zu beruhigen, sie muss ein kritisches Geschichtsbewusstsein fördern. Dies ist auch eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass der aktuell wieder grassierende Rechtsextremismus wirksam bekämpft werden kann. Nur so können wir gegen den alltäglichen Rassismus und die Verunglimpfung von Minderheiten vorgehen – sowie den Versuchen, rassistische Politik in der Mitte der Gesellschaft zu verankern.

Unabhängig vom "Supergedenkjahr" 2009 stehen wir in der Erinnerungspolitik vor wichtigen Weichenstellungen. Gesellschaft und Politik müssen sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass in naher Zukunft keine Überlebenden und Zeitzeugen des Nationalsozialismus mehr unter uns sein werden. In dem bevorstehenden Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis muss dafür gesorgt werden, dass der "Staffelstab der Erinnerung", wie es Paul Spiegel einmal ausdrückte, an kommende Generationen weiter gegeben wird. Dabei sind zwei Aspekte besonders wichtig: erstens, die Stärkung der Zivilgesellschaft und zweitens die Verbesserung der politischen Bildung in diesem Bereich. Und natürlich gehört auch dazu, dass die Verantwortlichen in Parlamenten und Regierungen auf allen Ebenen für eine immer wieder kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte eintreten.

Lebendige "Aufarbeitung von unten"

Historisch musste gerade die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus von der Zivilgesellschaft gegen den Staat erkämpft werden. Lebendige Erinnerungskultur kommt von unten und kann und sollte nicht vom Staat verordnet und reguliert  werden. Die paternalistische Haltung "Wir regeln das schon für euch!" hat eine beruhigende Wirkung und regt nicht zum kritischen Nachdenken an. Rituale, wiederkehrende Gedenktage und öffentliche Veranstaltungen sind zwar wichtig für die Selbstverständigung der Gesellschaft -  dennoch darf sich das öffentliche Erinnern nicht in der "Anlasserinnerung" an bestimmten Gedenktagen erschöpfen. Dann wird das Gedenken schnell symbolisch und bleibt ohne Konsequenzen für den Alltag der Menschen. Deshalb müssen zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte systematisch gefördert und unterstützt werden – nur so kann langfristig eine vitale "Aufarbeitung von unten" gewährleistet werden.

Für diesen Ansatz stehen exemplarisch Projekte wie die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig oder der von Hans-Rüdiger Minow ins Leben gerufene "Zug der Erinnerung". Beide leisten eine Art der Vermittlung historischen Wissens, die deutlich macht, dass der Nationalsozialismus nicht wie eine Naturkatastrophe "von oben" über Deutschland kam, sondern tief in der Gesellschaft verankert war. Der Aktion "Zug der Erinnerung" gelingt das, weil sie an öffentlichen Bahnhöfen stattfindet. Sie fordert zur Spurensuche im eigenen Umfeld auf. Auf andere Weise macht auch das bekannte Projekt der "Stolpersteine" deutlich, dass die Beruhigungsformel "Wir haben von den Deportationen nichts gewusst" eine Lüge war. 

Für eine Bildungsoffensive in der Erinnerungskultur    

Neben der Gefahr der symbolischen Erinnerung besteht die Gefahr, dass die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus zunehmend musealisiert wird. So wichtig Museen sind: Erinnerung und Aufarbeitung dürfen nicht vollständig dorthin "outgesourct" werden. Wichtig ist eine groß angelegte und breit gefächerte Bildungsoffensive – nicht nur aber vor allem für Kinder und Jugendliche. Nur so kann es gelingen, die Erinnerung an den Nationalsozialismus in kommenden Generationen wach zu halten. Untersuchungen zeigen, dass unter Jugendlichen ein eklatantes Unwissen über den Nationalsozialismus herrscht, gleichzeitig müssen aber an den KZ-Gedenkstätten viele der angefragten Führungen wegen Personalmangel abgesagt werden. Dies stellt eine Herausforderung für die Kultur- und Bildungspolitik dar, ausreichend Mittel bereit zu stellen. Und die bisherigen schulischen Lehrpläne und außerschulischen Bildungsangebote müssen daraufhin überprüft werden, ob sie Wissen über den Nationalsozialismus lebendig und nachhaltig vermitteln können. Das setzt eine grundsätzliche Diskussion über neue Lernziele ebenso voraus wie die Förderung der biographischen Arbeit zu Tätern und Opfern, die systematische Erschließung und Nutzung von Archiven, die Verankerung der lokalen und regionalen Spurensuche im Unterricht sowie die verstärkte Aufklärungsarbeit an Jugendeinrichtungen. Besonders wichtig ist es, dass die KZ-Gedenkstätten systematisch als Lernorte gefördert und gestaltet werden, damit sie dauerhaft mit Schulen kooperieren können. Nirgendwo kann so eindringlich das Wissen über die Nazi-Verbrechen vermittelt werden, wie an den authentischen Orten des Grauens. Eine Musealisierung der Erinnerung kann dies nicht ersetzen. Zugleich sollte Jugendlichen auch gezeigt werden, dass es mitmenschliches und abweichendes Verhalten bis hin zum Widerstand gab. "Man kann ja doch nichts machen", traf sogar unter den Bedingungen der Nazi-Diktatur nicht zu.

Zur Erinnerung an die DDR-Geschichte

Die Verbrechen des Holocaust, die systematische Ermordung von Juden, Roma und Sinti, die Verfolgung Homosexueller und anderer Minderheiten, aber auch die Verbrechen der so genannten "Euthanasie" sind historisch einzigartig und lassen sich nicht mit anderen Diktaturen, ganz sicher auch nicht mit der DDR-Diktatur, gleichsetzen. Dies ist gerade mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand immer wieder ins öffentliche Bewusstsein zu tragen und zu vermitteln. Dazu gehört auch eine präzise und verantwortungsvolle Sprache. Gerade in öffentlichen und politischen Reden sollte darauf geachtet werden, dass bewusste oder unbewusste rhetorische Nivellierungen wie in der Rede von den "beiden deutschen Diktaturen", dem "Jahrhundert des Totalitarismus" oder der "im Namen Deutschlands begangenen Verbrechen" vermieden werden.

Gleichwohl ist natürlich dafür zu sorgen, dass die repressiven und diktatorischen Seiten der DDR nicht in Vergessenheit geraten und sich im Zuge einer retrospektiven Romantisierung ein verklärendes DDR-Bild nach dem Motto "Es war nicht alles schlecht" durchsetzt. Gleichzeitig ist es schockierend zu erfahren, wie wenig viele Schüler heute über die DDR-Vergangenheit wissen. Einem verklärenden Rückblick lässt sich jedoch nur entgegentreten, indem diese Lebenswelt in der DDR in Gänze dargestellt wird. Repression, Anpassung, Abhängigkeiten, Ausgrenzung und Widerstand, aber auch Loyalitäten und ideologische Überzeugungen, haben das Leben in der DDR bestimmt. Jene Institutionen, die individuelle Schicksale erfahrbar und verständlich machen, sind zu stärken. Unverzichtbar ist zudem ein differenzierter Blick auf die vorgeblich "guten Seiten" der DDR. Notwendig wäre dafür eine stärkere Auseinandersetzung mit den individuell höchst unterschiedlichen Biografien und Erinnerungswelten. Zugleich darf in der Aufarbeitung die internationale Dimension nicht aus dem Blick geraten, denn im Unterschied zum "hausgemachten" Nationalsozialismus wäre die DDR ohne ihre Einbettung in den internationalen Kontext - ohne Ostblock und Sowjetkommunismus - nicht möglich gewesen. 

Und auch im Falle der DDR-Aufarbeitung gilt: Zivilgesellschaftliche Initiativen sollten gestärkt werden, um eine paternalistische "Erinnerung von oben" zu vermeiden. Dazu gehört auch, dass es keine Zentralisierung der DDR-Gedenkstätten in Berlin geben sollte. Schließlich ermöglichen die Initiativen und Einrichtungen im Land eine differenzierte und inhaltlich breite Auseinandersetzung mit der DDR-Gesellschaft.

Aufarbeiten statt Aufrechnen: Die Erinnerung an die Vertreibungen

Eine unerfreuliche Erscheinung der Gedenk- und Erinnerungskultur ist die "Opferkonkurrenz". Dabei ist Erinnerung kein Nullsummenspiel – die Aufmerksamkeit, die der einen Opfergruppe zuteil kommt, "fehlt" dann ja nicht der anderen. Überhaupt bedeutet die Anerkennung des einen Leids nicht die Relativierung des anderen. Das Aufrechnen steht dem Aufarbeiten leider oft im Wege.

Insbesondere in der oft sehr aufgepeitschten Debatte darüber, wie und in welcher Form wir an die Vertreibungen von Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern wollen, hat die Logik der "Opferkonkurrenz" ein freies Nachdenken oft verhindert. Grundsätzlich ist es wichtig und richtig, den deutschen Opfern der Vertreibungen zu gedenken. Dabei wird es immer darauf ankommen, darauf hinzuweisen, dass es nicht nur deutsche Vertreibungsopfer gibt und dass vor allem die Ursache der Vertreibung einzig und allen in der nationalsozialistischen Politik lag.

Lange Zeit herrschte allerdings gerade in Teilen der westdeutschen politischen Linken die Auffassung vor, die deutschen Opfer der Vertreibungen seien die "gerechte Strafe" für die Verbrechen der Nazis. "Gerecht" konnte man dies aber nur finden, wenn man Anhänger der Kollektivschuldthese war. Denn nach individueller Schuld und Verantwortung wurde von den Vertreibern ja nicht gefragt; unter den Vertriebenen waren auch Kommunisten und andere Gegner des Naziregimes. Die Vertreibungen hatten so eine Placebofunktion, was Schuld und Sühne angeht: Da man der Abertausend Deutschen, die aktiv an den Massenmorden des Holocaust beteiligt waren, und derer, die still geduldet und nicht widersprochen haben, nicht habhaft werden konnte, hatten aus dieser Perspektive die Vertriebenen sozusagen als Stellvertreter die Last der Schuld zu übernehmen. Auch dies war einer von vielen Gründen dafür, dass das Thema Vertreibungen nach dem Krieg von der politischen Rechten ideologisch besetzt und ausgeschlachtet werden konnte. Und bis heute ist es leider so, dass das Thema für revisionistische Klitterungen der deutschen Geschichte missbraucht wird.

Deshalb werden Bündnis 90/Die Grünen besonders darauf achten, dass das nun von der Bundesregierung geplante Dokumentationszentrum zu Flucht und Vertreibung den historischen Kontext ausreichend beleuchtet. Denn die Erinnerung an die Vertreibungen von Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und das Gedenken an deren Opfer darf nicht dazu führen, dass die deutschen Verbrechen in den Hintergrund geraten und relativiert werden und die Verursacher des Krieges in den Hintergrund treten. Das Projekt sollte keine nationale Angelegenheit sein und auf keinen Fall Argwohn im Ausland wecken. Zu wünschen ist denn auch eine enge Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn. Die Leiden der Vergangenheit dürfen nicht für nationale Interessen instrumentalisiert werden.

Nicht nur die Debatte um die Vertreibungen zeigt, dass der Begriff "Erinnerungskultur" trügerisch klingt. Denn keineswegs handelt es sich hierbei um ein "softes" Thema. Vielmehr steht in allen erinnerungspolitischen Debatten die ganz grundsätzliche Frage nach Identität und dem Selbstverständnis Deutschlands auf dem Spiel. Wie keine andere Etappe der deutschen Geschichte prägt die nationalsozialistische Geschichte Deutschlands und die daraus resultierende Verantwortung diese deutsche Identität. Erinnerungskultur heißt dann, immer wieder ins öffentliche Bewusstsein zu tragen, dass die Aufarbeitung diese Geschichte nie zum Abschluss kommen kann.

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