Katrin Goering-Eckardt MdB

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22. Juni 2009

Eröffnungsrede auf der Grünen Kulturkonferenz „Heimat. Wir suchen noch“

Hier geht es zum Film über die Konferenz.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Heimat sei eine Utopie, sagte Ernst Bloch und mit ihm Bernhard Schlink. Der marxistische Philosoph Georg Luckács hat die Situation des Menschen in Welt sogar als "transzendentale Obdachlosigkeit" bezeichnet. Und in eine ganz ähnliche Richtung zielt Roger Willemsen, wenn er im Begleitheft zu dieser Konferenz schreibt: "Wir sind alle Heimatvertriebene." Hinter all diesen schönen Formulierungen steht eine philosophische Betrachtungsweise: Heimat versteht sich für den Menschen nicht von selbst, er muss sie – im Gegensatz zum Tier, das immer schon eine Umwelt hat, in die es passt und hineingehört - erst suchen und schaffen. Das ist alles richtig, aus einer philosophischen und anthropologischen Sicht.

Gleichzeitig ist Heimat etwas völlig Selbstverständliches. Würde ich jetzt mit einem Mikro in der Hand zum Brandenburger Tor gehen und die Menschen fragen "Was ist ihre Heimat?" Wer würde wohl antworten, sie wüsste nicht, wo ihre Heimat ist, er sei eigentlich heimatlos, man fühle sich verloren in der Welt und sei noch auf der Suche .... Nein, wir bekämen Antworten wie: "Heimat, das ist der Ort, wo ich meine Freunde habe." Oder Sätze wie: "Heimat ist für mich der Geruch des Pflaumenkuchens meiner Mutter". Oder einfach: "Heimat ist, wo ich mich wohl fühle, wo man mich kennt, wo ich sein kann wie ich bin." Oder so wie mein zwanzigjähriger Sohn, der sagt: "In meinem WG-Zimmer, das ist zu Hause. Heimat ist bei euch, da, wo ich aufgewachsen bin." Diejenigen Befragten am Brandenburger Tor, die merken, dass es eine Grüne ist, die ihnen da das Mikro unter die Nase hält, würden womöglich politisch korrekt antworten: "Meine Heimat ist Europa!".

Dabei ist es nicht egal, ob jemand auf dem Dorf oder in der Stadt aufwächst. Es ist nicht gleichgültig, mit welchen Menschen er oder sie Begegnungen hatte, es ist von Belang, welche Bücher im Regal standen, ob die Kirchenglocken zu hören waren oder der Muezzin rief. Heimat ist so auch immer ein Ort des Dafür- oder Dagegenseins. Es ist der Ort, an dem wir wurden, wer wir sind oder es ist der fehlende Ort, an dem wir nicht werden konnten, wer wir werden wollten. Dabei ist Heimat eben selbstverständlich da. So selbstverständlich, dass wir sie nicht einmal mögen müssen.

Was Heimat ist wissen wir andererseits, auch wenn wir sie verloren haben. Für das Begleitheft zu dieser Konferenz schickte uns Sebastian Turner einen schlichten Satz:  "Die Heimat nehmen wir mit" – es der Titel der Vertriebenenchronik seiner Familie. Selbst wenn sie in einer längst verlorenen Zeit liegt, verbinden wir mit Heimat ein gewisses Gefühl und ein Gefühl der Gewissheit. Kaum etwas anderes kann so starke Emotionen wecken wie Heimat, vielleicht schafft das sonst nur ein geliebter Mensch. Die Literatur der letzten Jahrhunderte ist voller Sehnsuchtsgefühle für bestimmte Orte, in denen Heimat gefunden ist.

Klar ist aber auch: Genau weil sie so starke und unmittelbare Gefühle weckt, eignet sich Heimat zur politischen Ideologisierung und Instrumentalisierung. Im Vorfeld dieser Konferenz gab es viel Zustimmung zu der Wahl dieses Themas - aber auch Skepsis und offene Kritik: Begibt man sich mit diesem Thema nicht in gefährliches politisches Fahrwasser? Wollen die Grünen jetzt eine Leitkultur verordnen?

In seinem Essay "Wie viel Heimat braucht der Mensch?" hat Jean Améry die Offenheit des Heimatgefühls zum Ausdruck gebracht. – Zitat -: "In der Heimat leben heißt, dass sich von uns das schon Bekannte in geringfügigen Varianten wieder und wieder ereignet. Das kann zur Verödung und zum geistigen Verwelken im Provinzialismus führen, wenn man nur die Heimat kennt und sonst nichts. Hat man aber keine Heimat, verfällt man der Orientierungslosigkeit, Verstörung, Zerfahrenheit."

Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen: Insbesondere die Grüne Partei hat die grundlegende menschliche 'Heimat-Erfahrung' von Anfang an sehr ernst genommen. Die Umweltbewegung startete ja als eine politische Graswurzelbewegung, die sich für den eigenen Lebensort, für bestimmte Landschaften usw. einsetzte. Da ging es nicht um die Umwelt "an sich", sondern um eine ganz bestimmte Umwelt, einen Nahraum, den man lieb gewonnnen hatte. Ökologie und Heimat sind eng miteinander verknüpft, nicht umsonst benutzen Menschen für die Heimat oft das Bild des Baumes, der gepflanzt wird und Wurzeln schlägt. Ihre gesellschaftliche Dynamik hätte die Grüne Bewegung kaum entfachen können, wenn sie nicht aus einem starken Heimatgefühl heraus entstanden wäre. Denn es ging und geht darum, etwas zu erhalten, etwas, das lebenswert ist, etwas, das Identität stiftet, etwas, dass unersetzlich ist. Wer die Bilder der vom sauren Regen zerstörten Wälder erinnert, weiß, was ich meine. Heimat ist so das nicht Aufgebbare, ganz unabhängig vom eigenen Ort. Die Grünen, so kann man vielleicht sagen, waren von Anfang an die progressivste aller Heimatbewegungen ...

Die genannten Beispiele und Themen zeigen, dass Heimat nicht nur ein privates Gefühl ist, sondern entscheidende politische Fragen aufwirft: Wie wollen wir leben? Was bedeutet gutes Leben für uns? Wie muss unsere Umwelt beschaffen sein, damit wir uns wohl und zuhause fühlen? Welche Institutionen wollen wir bewahren, welche auf jeden Fall abschaffen? Das sind Fragen, die durch die Globalisierung noch dringlicher geworden sind. Denn wir alle wissen, dass diese Globalisierung mit massiv gestiegenen Anforderungen an die individuelle Flexibilität und Mobilität einhergeht. Um im Bild von oben zu bleiben: Den Baum zu pflanzen und dauerhaft zu hegen und zu pflegen ist in der heutigen Welt schwieriger geworden. Vieles ist heute vorläufiger geworden; man arbeitet nicht mehr sein Leben lang in einem Unternehmen, die Festlegung auf eine bestimmte Lebensplanung und Orte ist schwieriger geworden, wer immer wieder den Job wechseln muss oder als Pendler eine Wochenendbeziehung führt, wartet länger, bis er eine Familie gründet und ein Nest baut.

Gleichwohl darf man sich von derartigen Entwicklungen nicht zu einem einseitigen Bild verleiten lassen. Sind denn Orte wirklich nichts mehr wert? Ist Bindung nur noch virtuell? Sind es nur noch die Netze und Netzwerke, die uns verorten, die Bahnstrecke, der weitverzweigte Freundeskreis, die Blogs und Internetgemeinden? Alles so mobil? Alles so flexibel? Eine Umfrage vom letzten Sommer – durchgeführt von meinestadt.de - zeigt, dass über die Hälfte aller Deutschen, nämlich 54,7 Prozent, nach wie vor in ihrem Geburtsort oder in dessen Nachbarschaft leben. Von diesen 54,7 Prozent wohnen 33,5 Prozent sogar noch in ihrem Elternhaus oder zumindest in derselben Straße, in der auch ihr Elternhaus steht. Interessant ist in diesem Zusammenhang zudem: Auch diejenigen, die fortgezogen sind, haben größtenteils noch einen Bezug zur alten Heimat. 50, 3 Prozent von ihnen besuchen mehrmals im Jahr ihren Geburtsort; nur 17,8% haben den Kontakt abgebrochen.

Heimat, so lassen sich diese Zahlen deuten, steht für Kontinuität. Man mag "außer Haus" sein, unterwegs sein und ein Leben "aus dem Koffer" führen. Wo die Heimat ist, wissen die meisten trotzdem. Gerade wenn die gesellschaftlichen Fliehkräfte zunehmen, ist so ein Ort der Rückversicherung wichtig.

Jeder kennt wohl diesen überprüfenden, detektivischen Blick, wenn er oder sie den Ort der Kindheit besucht: Ist der alte Gemüseladen noch da? Steht die Bank noch am Seeufer? Hat der Nachbar immer noch die hässlichen Gartenzwerge aus den Siebzigern im Garten stehen? Jede Neuerung wird mit einer fast schon neurotischen Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen. Und, auch das wird vielen hier bekannt sein: man pflegt daheim Rituale, wiederholt vertraute Gewohnheiten und "erzeugt" in diesen Handlungen sozusagen ein Heimatgefühl. Das ist natürlich auch eine prekäre Angelegenheit, wie sich oft an Weihnachten zuhause bei den Eltern des Partners oder Partnerin zeigt. Da treffen nämlich gerne mal unterschiedliche "Ritualtraditionen" aufeinander. Man erkennt das auch darin, dass jede Neuerung in der Familie zuerst bei den Kindern auf Argwohn stößt. Können wir nicht mal was anderes essen als Kartoffelsalat und Würstchen? Geht gar nicht, sagen die Teenager.  

Gleichzeitig soll es nicht zuviel Heimat sein, denn dann droht der Provinzialismus. Meine Erfahrung sagt mir eher: Provinzler sind sogar weniger anfällig für Provinzialismus als Großstädter. Und das behaupte ich jetzt nicht deshalb, weil ich selbst seit zwanzig Jahren auf dem Dorf lebe. Vorher nämlich, also von Herkunft und Heimat her, bin ich Städterin. Auf unserer letzten Kulturkonferenz im Februar 2008 sagte Gustav Seibt in seiner Eröffnungsrede sinngemäß, indem er auf den Essayisten Gilbert Keith Chesterton Bezug nahm: das Leben in der Großstadt ist eintönig, da man dortnur Umgang mit Seinesgleichen hat, abenteuerlich und abwechslungsreich ist hingegen das Leben auf dem Dorf, da man dort Umgang mit so wildfremden Menschen wie der eigenen Großtante hat.

Selbst die "heimatlichste" Heimat, das Dorf in der Provinz, ist also mehr als nur ein Ort der Stabilität und der Selbstvergewisserung. Heimat hat einen Erlebniswert: Es ist ein Ort, wo andere Menschen sind, die man sich so nicht aussuchen konnte. Ein Ort, der sich verändert. Ein Ort, wo Differenz und Vielfalt erfahrbar sind. Der gängige Vorbehalt gegen den Begriff Heimat, dass er geschlossen sei, abgedichtet gegen andere Kulturen, stimmt demnach nicht so ganz. Denn die Erfahrung von Differenz und Abweichung, des "Wildfremden", gehört – folgt man den Gedanken von Seibt und Chesterton – zur Heimat dazu.

Deshalb ist auch der ideologische Gegensatz "Heimat" versus "multikulturelle Gesellschaft" aus meiner Sicht ein falscher. Er wurde auch nur von denen aufgemacht, die ihre Heimat offenbar nicht so schön fanden, dass sie Lust auf viel Hinzuziehende gehabt hätten. Denn dass ich starke Heimatgefühle habe, heißt ja nicht, dass ich andere aus meiner Heimat ausschließe. Gemeinsam kann dann etwas Neues aus dem Ort, gestaltet werden, ohne Altes zu verdammen. Mit anderen Worten: Heimatgefühl und Weltoffenheit sind keine Widersprüche. Jede "Blut und Boden"-Ideologie ist schlicht Rassismus und hat mit positiven Heimatgefühlen nichts zu tun. Und in einer multikulturellen und multireligiösen Heimat zu leben, ist erst einmal mehr, als in der Gleichförmigkeit und Enge von ausschließlich Ähnlichem.

Der Fußball, über den wir nachher noch ein Referat hören werden, gibt da ein gutes Beispiel: Selbst wenn elf Ausländer in der Startelf stehen, feiern die Fans der Mannschaft den Verein immer noch als "ihren" Verein, der zu ihrer Stadt gehört. Energie Cottbus ist auch ohne einen heimischen Spieler Energie Cottbus, für Real Madrid, Arsenal London oder Schalke 04 gilt das genauso.

Für einen Schalke-Spieler aus Brasilien ist Schalke Heimat. Und Brasilien ist auch Heimat.  Die Heimat ist eben längst multikulturell geworden, und wo dies nicht zugelassen wird, droht tatsächlich öde Verblödung. In der multikulturellen Heimat soll jeder auf die jeweilige Scholle aufspringen können, wie – um es in einer "grünen" Metapher zu sagen – der Eisbär auch mal von einer Scholle zur anderen hüpft. Damit will ich keineswegs sagen, dass die multikulturelle Gesellschaft ohne Konflikte ist und Migration, wenn sie erzwungen ist, nicht für viele Menschen sehr viel Leid bedeuten kann. Was ich sagen will ist, dass der positive Bezug zum eigenen Lebensort eine Gesellschaft offener und lebendiger machen kann.

Das zivilgesellschaftliche Engagement, das wir an vielen Orten so bewundern, ist denn auch ohne einen grundierenden Heimatbezug nicht zu erklären. Man denke etwa an Proteste für den Erhalt eines Stadttheaters oder die historische Spurensuche vieler Gruppen, die die Nazigeschichte eines Ortes aufarbeiten wollen. Solche Aktivitäten haben mit dem konkreten Ort zu tun, also mit Heimat. An vielen Orten auf der Welt sind lokale Aktivitäten international vernetzt, eingelassen in eine globale Zivilgesellschaft. Man spricht deshalb auch von "Graswurzelglobalisierung". Gerade der lokale Bezug zu einem bestimmten Kontext macht das Engagement authentisch und nachhaltig.

Ohne irgendeinen  Boden unter den Füßen geht es offenbar auch im Zeitalter virtueller Welten und Netzwerke nicht. Auch  in der virtuellen Ortlosigkeit des Cyberspace schaffen sich Menschen konkrete Orte der Bezugnahme, Blogs, Communities und Foren.  Vielleicht sollte man sich an dieser Stelle an den ursprünglichen persischen Wortsinn von Paradies erinnern: es ist das, wo ein Zaun drum herum ist. Das darf nicht protektionistisch verstanden werden, sondern in dem Sinne, dass ein glücklicher Ort einer ist, der gehegt wird, um den man sich kümmert. Ein Ort, den man nicht sich selbst überlässt. Auch in der Grenzenlosigkeit des Netzes schaffen sich die User sozusagen viele kleine Paradiese ...

Heimat braucht Orte, Institutionen, Kontexte. Kulturpolitik hat deshalb in Zeiten der Globalisierung, in der viele Menschen das Gefühl haben, die Orientierung zu verlieren, eine besondere Aufgabe: sie muss dafür sorgen, dass kulturelle Orte und Institutionen, die für den Charakter eines Ortes und einer Gegend wichtig sind, nicht einfach so sang- und klanglos verschwinden. Theater, Gebäude und Museen sind weit mehr als Monumente der Vergangenheit, eine Erinnerung an goldene Zeiten. Sie sind vor allem Orte, an denen Öffentlichkeit entsteht, verbindlicher Austausch, wo Erfahrungen mit anderen geteilt werden und Kinder mit neuen und bisher ungekannten Welten in Kontakt kommen.

Und doch kann der Ort der Heimat auch "ganz woanders" sein. An jenem ortlosen Ort, den wir Glaube nennen; dem zu Hause sein bei Gott. Diese Heimat im Numinosen ist kein Projekt, sie ist nicht eigentlich planbar. Ja, vielleicht entspringt sienicht einmal einer Suche des Menschen, sondern umgekehrt: der Glaube will den Menschen, das Numinose verschafft sich Ausdruck in der religiösen Praxis und gibt dem Menschen so ein Zuhause, das Dach der Spiritualität.

Aber sogar ohne Religion und Glaube ahnen wir: Heimat ist stets auch etwas Unverfügbares, etwas, das sich nicht einfach so dem menschlichen Willen fügt, etwas, das nicht durchweg planbar ist. Unsere jeweilige Heimat hat uns auch ein bisschen mit gewählt. Es gibt nicht diesen Moment, an dem wir souverän darüber entschieden haben, was und wo unsere Heimat ist. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb sie so starke Gefühle wecken kann: dass wir merken, dass wir gar nicht unbedingt Herr über die eigene Heimat sind, sondern diese umgekehrt zu dem gemacht hat, was wir sind.

Manch einem mag das jetzt zu mystisch klingen. Aber man denke daran, wie sterbende Menschen am Lebensende plötzlich beginnen, Lieder aus Kindertagen, Kinderlieder und Kirchenlieder zu singen, oder in der Schule gelernte Gedichte aufzusagen. Das ist dann plötzlich wichtiger als das, was es gerade zum Mittagessen gab. Das sind Momente, in denen Heimat die alten Menschen zu überkommen scheint, der Angehörige fragt sich dann verwundert, wo diese präzise Erinnerung plötzlich herkommt. Ist das alles so intensiv und fest im Gedächtnis verankert, weil es Heimat war und Heimat bleibt? Etwas, das zeitlebens nicht verloren ging, vielleicht vergraben war und am Ende, wenn nur noch zählt, was wirklich wichtig ist, um so klarer wieder zum Vorschein kommt?

Im Alltag mögen wir es oft vielleicht gar nicht merken, aber unsere Heimat – ob als Erinnerung oder als Hoffnung – gibt uns mehr Obdach, als wir manchmal ahnen.

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