Katrin Goering-Eckardt MdB

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14. Juni 2009

"Werden wir doch Junimenschen!"

"Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art." (Gen 1,12)

Liebe Schwestern und Brüder,

der Juni ist zwar nicht mehr Wonnemonat, aber immer noch die Zeit, in der die Natur beinahe überquillt vor Farben, Geräuschen und Gerüchen. Die ersten zarten Blätter der Bäume sind sattem Grün gewichen. Wo Blüten waren reifen Früchte heran. Das Korn steht höher. Späte Pfingstrosen, die ihren pünktlichen Auftritt verpasst haben, entfalten ihre ganze Pracht.  Mein Gott, wie schön. Erdbeertorte und Rhabarberkuchen. Wir sind ganz Jahreszeiten-gerecht und fühlen, dass es so sein muss. Die ersten Kirschen bringt die Nachbarin und lässt sich auf einen Kaffee im Garten überreden. Es ist die Zeit, in der es sich immer wieder einmal heraus seufzt: Wie schön wir es doch haben! Es ist die Zeit, die die Kinder lieben, weil sie freier sind, mehr draußen, ihre Kreise werden größer. Das erste Bad im Freien. Manchmal denke ich, ich bin so ein Junityp. Obwohl im Mai geboren, ist der Juni der Monat, in dem ich mich am wohlsten fühle. Es ist noch nicht zu heiß und doch warm, alles wird satt grün und süß. Ich liebe Erdbeeren und habe noch in der Nacht Marmelade gekocht, weil es einfach sein muss. Ich esse den Spargel so gern, den vorletzten und die Kräuter im Garten beginnen zu wuchern und wunderbare Mischungen zu ergeben. Der Tee, der Kräuterquark mit den neuen Kartoffeln. Ich kann draußen sein, bis es dunkel wird und wenn ich früh, ganz früh aufstehe, ist es doch schon hell. Und ich habe immer noch den größten Teil des Jahres vor mir. Das ist auch gut so, denn schließlich habe ich noch viel vor.

 

Und dann sitze ich gestern im Cafe und es kommt Hagel vom Himmel. Und der erste Reflex ist, das kann ja mal passieren. Die zweite Überlegung: wie oft eigentlich schon, in diesem Monat? Und dann schalte ich das Radio an. Die Vorbereitungen der Klimakonferenz in Kopenhagen sind Nachrichtenthema. In Kopenhagen soll das bekannte Kyotoprotokoll fortgeschrieben werden. Kopenhagen ist Ende des Jahres. Die Verhandlungen stoppen. Einer schiebt es auf den anderen. Keine Einigung in Sicht. Ich denke an das G8-Treffen vor zwei Jahren, an die Kanzlerin in der roten Outdoorjacke vor dem Eisberg. Ich denke daran und weiß: nichts blieb davon, was wirklich auf neue Wege geführt hätte. Ich denke an den Eskimo-Ältesten, den ich in Bremen traf, beim Kirchentag. Die Ältesten sagen uns: Hey, ihr müsst was ändern, schnell, uns gibt es bald nicht mehr, unser Lebensraum schmilzt. Ich will ihm etwas sagen. So was wie: Ja, wir passen schon auf. Es geht nicht, denn es stimmt nicht. Ich will ihm sagen: Ja, ich weiß, aber die anderen.....ich lasse es, weil ich so viele Gelegenheiten ausgelassen habe. Er sitzt mir gegenüber, erzählt von seinem Grönland, ich habe genau eine halbe Stunde Zeit. Er nutzt sie. Und ich habe es gesehen, letztes Jahr, in Kanada-Iqualuit. Fischer sind verunglückt dort, weil sie die Wege ihrer Väter und Großväter gegangen sind. Aber der Weg war nicht mehr. Das Eis war zu dünn, an der jahrhundertelang verlässlichen Stelle. Sie sind ertrunken, beim Fischen.

"Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art."

Die Artenvielfalt auf der Erde schwindet heute so schnell wie nie zuvor. Das Artensterben eskaliert in einer traurigen Rekordzeit, die biologische Vielfalt ist in Gefahr. Inzwischen sind mehr als 16.300 Tier- und Pflanzenarten offiziell vom Aussterben bedroht. Seit 2004, seit gerade einmal vier Jahren also, ist die Zahl bedrohter Arten um 44 Prozent gestiegen.

Und eben das Wetter. Bauernregeln? Der Hundertjährige? Könnte meine Großmutter denn noch irgendeinen Reim machen, auf dieses Wetter? Im April schon Hochsommer und nun doppelt so viel Regen wie im Schnitt. Doppelt so viel! Mehrere Gewitter an einem Tag und Regen wie aus Eimern, sintflutartig. Regelmäßigkeiten, auf die seit Generationen Verlass war, scheinen aus den Fugen zu geraten. Was wir schon seit Jahren wussten, bekommen wir nun auch zu spüren: das Wetter spielt verrückt. Dabei ist das, was wir hier vom Klimawandel erleben, noch die Spitze des Eisbergs. In anderen Teilen der Welt sind die Folgen extremer: Orkane, Dürre, Überschwemmung, Tsunami. "Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe."  So heißt es in Gen 1,9.  Ist diese Ordnung noch in Ordnung? Gottes Schöpfung schwindet. Das rasante Aussterben der Arten geschieht vor unseren Augen. Die Folgen der Klimaveränderung sind nicht zu übersehen. Und wir kennen den Hauptgrund dafür. Es ist der Mensch. Die Zerstörung von Lebensräumen, Umweltschäden, die Übernutzung natürlicher Ressourcen, der Regenwald, das Öl, die Kohle, und der unkontrollierte CO2-Ausstoß: dies sind die Ursachen des Artensterbens und der globalen Erwärmung. Wir, wir Menschen machen das alles. Heute Morgen schon, beim Duschen, beim Anziehen, beim Frühstück. Das Mittagessen steht bevor und dann vielleicht ein Ausflug mit dem Auto ins Grüne rund um Wittenberg? Sie denken jetzt: Die spinnt. Tut sie auch. Sie versucht zu phantasieren, was wäre, wenn uns das alles klar wäre. Wenn wir wirklich wüssten, was es kostet, dieses T-Shirt, für das wir 6,90 Euro gezahlt haben? Ein Kilogramm Brot braucht zur Herstellung alles in allem 1000 Liter Wasser. Mit dem Wasser, das man benötigt, um ein Pfund Fleisch herzustellen, könnten wir ein Jahr lang duschen. Ich stehe hier nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern eher mit einer kleinen Seite aus dem Lexikon über Gottes Schöpfung. Und um zu sagen: Ja, wir stehen vor immensen Herausforderungen, um unser Leben und Überleben zu sichern.    

Geht uns dafür der Schöpfungsbericht etwas an? Sagt uns die sagenhafte Erzählung über den Anfang der Welt noch etwas? Oder ist es nur die zweieinhalbtausend Jahre alte nette Idee, wie es hätte sein sollen, sein können. Und ist der Text noch dazu nicht ganz und gar unwissenschaftlich? Ich möchte hier die Diskussion nicht führen, in welchem Verhältnis der Schöpfungsbericht zur Evaluation steht. Wir sind uns einig, davon gehe ich aus, dass der biblische Schöpfungsbericht zuallererst Antwort gibt auf die Menschheitsfrage: Warum Leben? Die Geschichte steht an prominenter, nämlich vorderster Stelle im Alten Testament und gehört zu den Stellen der Bibel, die den allermeisten bekannt sein dürften. Schöpfung, Adam und Eva, Garten Eden, Kain und Abel, das sind die uralten Geschichten. Seit Menschengedenken bewegt sie die Frage nach dem Ursprung der Welt. Warum ist sie so, wie sie ist? Welchen Platz haben wir Menschen? Wie sollen wir handeln? Von Beginn an haben sich Menschen nicht beschränken wollen auf ihr bloßes Dasein, sondern wollen Verstehen und kennen die Sehnsucht, ihr Dasein in den Zusammenhang eines Größeren, Umfassenderen stellen zu können.

Was also ist der Mensch? Wie können wir als Menschen sinnvoll in unserer Welt leben? Der Schöpfungsbericht gibt eine denkbar einfache, aber letztlich nicht sehr bequeme Antwort. Erklärt. Ordnet. Und gibt eine Richtung vor.

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!" Gott hat die Welt geschaffen. Deren Anfänge liegen nicht irgendwo im Dunkeln, verdanken sich nicht dem Zufall. Wir haben das Leben nicht von uns selbst. Es bleibt ein Wunder, ein Geheimnis. Davon, vom Wesentlichen, haben die Alten vielleicht mehr verstanden als wir. Sie waren nicht abgelenkt von all dem, was wir heute zu benötigen meinen, was uns beansprucht, fordert, manchmal überfordert.

Und klar ist, wer Schöpfer ist und wer Geschöpf. Dem Menschen wird der Platz zugewiesen, der ihm zukommt. Forscherdrang und Entdeckergeist haben der Menschheit ungeahnten Fortschritt und Entwicklung gebracht. Das Erbgut ist entschlüsselt, genetische Veränderung bei Pflanzen schon selbstverständlich. Das ist bemerkenswert – und gefährlich. Da ist es gut, sich des eigentlichen Urhebers aller Dinge zu vergewissern. Denn nicht der Mensch tritt an die Stelle Gottes, nicht der Mensch ist Maßstab aller Dinge. Uns bleibt der Platz, auf der Bank, in der Reihe, am Pult.

Von diesem Platz aus eröffnet uns die Schöpfungsgeschichte immer wieder die Augen für die Schönheit der Welt. Wir machen es uns heute mehr denn je zu eigen, nach dem Nutzen der Dinge zu fragen. Was wir nicht zu irgendeinem Zweck gebrauchen können, gilt erst einmal als wertlos. Aber Gott selbst schaut sich seine Werke an. "Und siehe, es war sehr gut." Da kommt kein: Denn wir können es gebrauchen. Da ist kein: Oh, dass passt prima zur Schrankwand. Da ist kein: Das hätte ich gern oder was könnte ich damit anfangen? Gott sagt, und er sagt es uns: Es ist sehr gut. Punkt. Nur das. Ist uns dieser einfache, aber klare Blick abhanden gekommen? Können wir noch staunen? Anlass gäbe es genug! All das Leben um uns herum, bis ins Detail so sinnvoll und praktisch entwickelt. Und so schön. Ich bin ja so ein Junimensch und immer möchte man die Mohnblumen pflücken und in die Vase stellen und fast immer sind sie dann nur noch Matsch und Klatsch. Mohnblumen sind eben eher nicht für Vasen, sondern sie sind für Feldränder. Sie sind sehr gut!

Und noch dazu ist alles geordnet. Als sinnvolles Ganzes. Tag und Nacht, Sonne und Mond, Himmel und Erde, Frost und Hitze, Gedeihen und Verwelken. Pflanzen und Tiere sind geschaffen, ein jedes nach seiner Art und an seinem Ort. Gott sortiert. Es ist eine Ordnung, auf die wir uns verlassen und verlassen können. Wo ein alter Tag aufhört, da fängt ein neuer Morgen an. Zeit vergeht und Zeit kehrt wieder. "Es ward Abend und es ward Morgen." Tag für Tag, Jahr um Jahr.

Die Welt ist ein geordnetes Ganzes. In dem ein Jegliches auch seine Zeit hat. Gott schöpft nicht ununterbrochen. Er arbeitet nicht durch. Damit es gut werde und gut ist, bleibt der siebte Tag der Woche ausgespart als Tag der Ruhe. Gibt es solche Pausen in unserem, hektischen Alltag noch? Pausen, die wirklich unumstößlich sind? Heute ist Sonntag. Also, mein Mann fand es nicht sehr lustig, als er mich um sechs Uhr früh zum Zug brachte. Aber das hier fällt ja unter Sonntagsdienst und Gott loben. Zum Glück. Die Ruhe ist ein Geschenk, nach der man sich heute so sehnt und doch so wenig dafür tut, dass sie eintritt. Innehalten, schauen, zuhören und zusehen, sich treiben lassen, dem Unerwarteten eine Chance lassen und nicht zuletzt: Gott einen Raum geben. Die Frage also, wie wir leben, im Einklang mit der Schöpfung, in Einklang mit dem, was uns geschenkt ist.

Shoppen am Sonntag? Passt das? Und überhaupt, zeigt uns die Wirtschaftskrise nicht endgültig, dass wir mit unserem Konsum, damit, immer schneller, immer mehr haben zu wollen, am Ende angelangt sind? Trotzdem ist das einzige, was als Konzept vorgelegt wird die Idee, die Krise durch Einkaufen zu bewältigen. Shoppen für den Aufschwung. Shoppen für die Arbeitsplätze. Für Opel, für Kartstadt und Kaufhof. War da noch was? Hatten wir nicht gerade noch darüber gesprochen, dass wir weniger Ressourcen verbrauchen müssen? Anders wirtschaften, andere Energie verbrauchen und und und. Hatten wir nicht gerade noch dafür gekämpft, dass wir nicht auf Kosten der kommenden Generationen leben dürfen – weder finanziell noch was die Rohstoffe angeht? Immerhin: wir haben jetzt eine Schuldenbremse: direkt nachdem wir so unendlich viele neue Schulden gemacht haben, dass es uns beim schreiben der vielen Nullen ganz automatisch schwindlig werden muss. Hatten wir uns nicht gerade eben noch verpflichtet, für mehr Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen? Wo bleibt die Frage nach dem anderen Leben. Nach dem, was uns wirklich gut tut, was gut ist für die, die in anderen Teilen der Welt leben und nach dem, was unseren Kindern auch noch Chancen lässt? Kyoto – Kopenhagen – man hat fast das Gefühl, der Klimawandel kommt näher, mit dem Ort seiner Konferenz. Dabei ist er längst in Wittenberg!

Viele erschreckt in diesen Tagen erneut: Es sind unsere Kinder, die mit der ausgebeuteten Schöpfung, mit Fluten und Dürre, mit weniger von allem leben müssen. Es sind nicht erst die Ururenkel, von denen wir nur wissen, dass wir sie lieben würden. Es sind unsere Kinder, von denen wir schon genau wissen, warum wir sie lieben!

Denken wir darüber nach, wie unser anderes Leben ein besseres wäre, ein im Wortsinn leichteres, eines, das sich lohnt. Und in der Tat würden wir wohl mehr haben. Mehr Zeit zuerst einmal. Zeit, die uns verloren geht, wenn wir uns den Konsum an allem möglichen organisieren, Zeit, die wir brauchen, das genau richtige Neue zu finden. Zeit, die es kostet, immer noch einmal loszugehen. Stellen wir uns das Leben im Weniger vor, ohne spartanisch zu denken. Ein Leben, das eines ist, in dem wir ein Leben in Fülle haben. Könnten wir nicht großartige Feste feiern, wenn wir uns auf die Menschen mit denen wir das tun wollen, mehr konzentrierten, als auf die Farbe der Tischdekoration. Könnten wir nicht gut miteinander reden, auch ohne Powerpoint und Hintergrundmusik? Könnten wir nicht mehr Urlaub haben, wenn wir weniger Zeit im Stau verbringen würden? Wir könnten uns sogar entscheiden, nicht ins Flugzeug zu steigen, jedenfalls nicht immerzu und vielleicht sogar auf dem Landwege Dinge entdecken, die wir sonst nur überflogen hätten. Könnten wir nicht mit unseren Kindern leidenschaftliche Momente erleben, wenn weder Technik noch Geräte, sondern nur wir selbst und das Spiel und Gottes freie Natur da wären? Wir müssen umdenken, uns umstellen, umkehren, um in der Sprache der Bibel zu bleiben. Damit meine ich nicht Einschränkung und Darben. Ich meine gutes Leben und verantwortliches Handeln.

Liebe Schwestern und Brüder,

"Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht." (Gen 1,27) So lesen wir es im Schöpfungsbericht. Sich die Erde untertan machen – das heißt keineswegs – und wir wissen es längst, eigentlich: sich nehmen, was man braucht, ausbeuten, wo es nur geht, ohne Rücksicht auf Verluste und nur auf die Mehrung der eigenen Lebenschancen bedacht. Uns ist die Erde vielmehr anvertraut, als Lebensraum und zur gedeihlichen Nutzung überlassen. Wir Menschen haben eine Sonderstellung in der Schöpfungsordnung. Als Ebenbilder Gottes handeln wir stellvertretend für ihn. Und mit dem Auftrag, fürsorgend mit seiner Schöpfung umzugehen, stehen wir in der Verantwortung vor Gott. Das heißt: Einsatz für den Schutz der Umwelt, unseres Lebensraumes, in dem Menschen, Tiere und Pflanzen aufeinander angewiesen sind. Das ist das wachsende Bewusstsein der Grenzen des Machbaren, die nicht in Beliebigkeit niedergerissen werden können. Es heißt: Über den Tag hinaus denken. Das Leben und Wohl unserer Mitgeschöpfe zu sichern. Leben und Wohl unserer Mitmenschen, auch wenn sie in einem anderen Teil unserer Erde leben. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser zum Beispiel, wird eine der großen Gerechtigkeitsfragen der Zukunft sein.

Ein Blick nach Bolivien ist symptomatisch: 2,5 Millionen Menschen haben dort keinen gesicherten Zugang zu Trinkwasser. Im Jahr 2000 kam es deswegen zum sogenannten "Wasserkrieg" von Cochabamba, nachdem sich der Wasserpreis innerhalb kürzester Zeit verdreifacht hatte.

Wenn wir ärmeren Ländern dabei helfen, auch dabei, eine klimaverträgliche Energieerzeugung aufzubauen, dann geht es eben nicht um Almosen, sondern um Gerechtigkeit. Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind nicht voneinander zu trennen: Gerechtigkeit, das kann und muss gerade für uns Christen die treibende Kraft für Veränderung sein. Sie ist die Idee und die Verheißung einer besseren Ordnung der menschlichen Gesellschaft. Wenn es um den skandalösen Mangel an Gerechtigkeit zwischen Reichen und Armen im Weltmaßstab, um die Ungleichheiten bei Ressourcen, bei Ressourcenverbrauch, geht, dann sind wir beschämend weit entfernt von einer gerechten Ordnung.

Wir werden Gott nicht finden in der ängstlichen Verteidigung unseres Luxus, unserer Lebensweise auf Kosten anderer. Gott finden wir in der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit den Armen gegenüber heißt nicht: Ein bisschen was abgeben, so dass wir es gar nicht merken. Es heißt teilen, den anderen als Gleichen sehen und ihm auf Augenhöhe begegnen, nicht von oben herab. Alle haben das gleiche Recht auf die Ressourcen dieser Welt. Vor allem haben wir die Pflicht, diese Ressourcen zu schützen. Denn auch die, die nach uns kommen, sind Gleiche, sie sind Nächste, im Sinne der Heiligen Schrift, sie haben ein Recht auf gutes Leben in einer gesunden Welt. Wir sollen sie lieben wie uns selbst, die Nächsten in der Familie, in der Nachbarschaft, die, die zur Tafel kommen, die die so weit weg leben, dass wir nicht von ihnen wissen und die, die nach uns kommen. Das sind unsere Nächsten. Und ohne die Liebe, diese Nächsten-liebe werden wir nicht die Kraft finden, in unserem und ihrem Sinn zugleich zu handeln.

Gerade wir Christinnen und Christen können eben durch die Botschaft des Evangeliums die Kraft haben, uns von vermeintlichen Zwängen des Mithaltens, des immer weiteren Konsums frei zu machen. Wir sollten die Kraft haben, uns auch einmal zurückzunehmen, damit unsere Kinder und Kindeskinder, damit auch die nichtmenschlichen Geschöpfe nicht zu Schaden kommen.

Nennen wir es Wende zum Weniger, nennen wir es die Grenzen des Wachstums. Nennen wir es aber beim Namen! Wer denkt, es wird alles einfach wieder gut, wenn wir nur hoffen und warten, wird sich irgendwann wundern, dass sich das Wetter nicht durch den Schirm geändert hat, sondern, dass er nur vorübergehend dafür gesorgt hat, dass die Haare nicht nass werden. Wenn aber noch Sturm aufkommt und es kalt wird, dann hilft der Schirm eben nicht mehr. Es kommt am Ende darauf an, ob die Sonne wieder scheint. Und da wir vom Klima reden, ist das Bild gar nicht so weit hergeholt. Es kommt am Ende darauf an, ob Sonne und Regen, Wärme und Kälte, Wind und Stille sich im Einklang befinden. Es kommt darauf an, ob jeder von uns etwas tut. Etwas, das wirklich verändert. Verbunden mit vielen kleinen Dingen, mit denen Sie heute noch beginnen können.

Gerade war in Bremen Kirchentag. Komplett klimaneutral übrigens. Und mit einer eigenen Kampagne für mehr Klimaschutz. Teil dessen war in der Halle Zukunft eine große CO2-Sparwand. Hunderte bedruckte Klebezettel hafteten daran, zum mitnehmen, nach Hause zum Freund, zur Oma. So einfach wir wirkungsvoll sind die Denkanstöße: "Nicht einfach ex und hopp – Recyceln Sie Ihren Abfall. "Die sind ja wohl nicht mehr ganz dicht" – Schauen Sie bei Ihren Fenstern mal genau hin. "Auf jeden Topf passt ein Deckel". "Besser Schwein gehabt als Rind". Stehen Sie nicht auf der Leitung" – haben Sie schon Ökostrom? Es gilt, einmal mehr mit dem Fahrrad zu fahren statt mit dem Auto, einmal öfter den Zug zu nehmen als den Flieger. Auf der Autobahn eher 120 als 170. Recyclingpapier statt weiß und Hochglanz, Kaffee aus fairem Handel und Lebensmittel wo es geht aus der Region.

Auch Kirche, deren ureigener Auftrag es ist, Schöpfung als Gottes Geschenk zu verkündigen und zu mahnen, wo der Mensch sich daran versündigt, muss  mit gutem Beispiel vorgehen. In den Kirchgemeinden und den diakonischen Einrichtungen geschieht schon viel – und es kann immer noch mehr sein. Auf die vielen Kirchendächer passen noch zahlreiche Photovoltaikanlagen. In die Gemeinderäume noch viele Energiesparlampen. Und ganz grundsätzlich: Kirche und ihre Einrichtungen müssen sich ihrer Marktmacht bewusst werden und sie nutzen. Allein Kirchliche Küchen in Tagungsstätten, Heimen, Krankenhäusern haben, und zwar nur die evangelischen, ein jährliches Einkaufsvolumen von fast einer halben Milliarde Euro. Was wird da gekocht uns zubereitet? Sind die Zutaten biologisch angebaut, fair gehandelt? Nach diesen Kriterien einzukaufen wäre ein riesiger Schub für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und für mehr globale wie nationale Gerechtigkeit. Und der wäre nicht symbolisch, sondern schon einmal echte Veränderung. Fragen sie einmal hier nach. In Wittenberg, in Sachsen-Anhalt und unserer neuen gemeinsamen Kirche, der EKM. Vielleicht geben wir das ja unserer neuen Bischöfin mit auf den Weg?

Nun sind wir Christinnen und Christen nicht die besseren Menschen. Aber vielleicht hier und da und immer öfter glaubwürdige Vorbilder. Dazu kommt: für uns ist die Bewahrung der Schöpfung ein Wert an sich, wir brauchen dafür keine Begründungen oder drohende Schreckenszenarien – weil sie Gottes Geschenk an uns ist. Für dieses Geschenk soll unser Herz brennen. Wagen wir den Aufbruch und stiften wir andere an -zu einem bewussten Leben in Einklang mit Gottes Schöpfung, mit Blick fürs rechte Maß, mit Denken über den Tag hinaus und in Solidarität mit den Menschen in anderen Teilen der Erde.

Damit die Erde nicht wüst und leer werde, wie sie es am Anfang war, dafür sind wir verantwortlich. Aber wir sind dabei nicht allein und das wissen wir. Gottes Geist war von Anfang der Schöpfung an dabei. Er ist es auch, der unsere Welt erhalten will. "Gott sah, dass es gut war." Diese "gut" ist die Beteuerung in einer Zeit, in der die Welt des Volkes Israel alles andere als heil ist. Der Text der Schöpfungsgeschichte entstand im 6. Jahrhundert vor Christus. Da lag Israel nach der Katastrophe seiner biblischen Geschichte in Trümmern. Untergang von Staat und Königtum, die Menschen verrieben ins babylonische Exil. Und genau in diese Zeit hinein formuliert die Schöpfungsgeschichte eine Vision, die Mut macht – trotz allem.

"Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art."

Gott der Herr hat die Welt und die Menschen geschaffen – und es war gut. Das ist eine Vision, vielleicht auch über die Realität unserer Tage hinaus. Aber sie ist gut. Es gibt keinen Grund zu Verzweifeln. Es ist noch nicht zu spät. Nur: das unsere müssen wir tun. Für uns, für diese Welt, für unsere Kinder und deren Kinder. Es ist Juni. Da ist noch viele Zeit im Jahr. Zeit zu handeln. Werden wir doch einfach alle Junimenschen!

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