Katrin Goering-Eckardt MdB

Springe direkt zu: ContentbereichHauptnavigationSuche


Logo der BundestagsfraktionIdeen statt Parolen

ServiceNavigation


Suche


Hauptnavigation


Sie sind hier:

 
  1. Startseite
  2. Themen 
  3.  Artikel

22. Mai 2009

"Diese Gemeinschaft ist etwas ganz Großartiges"

KIRCHENTAG - In Bremen debattieren evangelische Christen über Krise, Klima, Rechtsextremismus und Verantwortung. EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt setzt sich für mehr Ökumene ein.

Frau Göring-Eckardt, Sie sind die erste Grüne an der Spitze der Synode der evangelischen Kirche. Welches Signal sehen Sie darin?

Das ist an sich kein besonderes Signal, aber wenn man etwas damit verbinden will, dann, dass sich die Synode immer wieder mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Klimagerechtigkeit beschäftigt. Ich habe mich da immer wieder eingemischt und das mag auch ein Grund dafür sein, dass ich gewählt worden bin.

Das Verhältnis zwischen Teilen Ihrer Kirche und den Grünen ist traditionell nicht frei von Spannungen, zum Beispiel in der Frage des Religionsunterrichts, der Homo-Ehe oder des Paragrafen 218. Wie bringen Sie das unter einen Hut?

Das Verhältnis zwischen meiner Kirche und den Grünen war immer ein sehr enges, wenn es zum Beispiel um die Ökologie ging, die Friedensbewegung oder die Entwicklungspolitik. Natürlich gibt es auch Themen, bei denen wir nicht einer Meinung sind. Es ist aber nicht so, dass zwei Seelen in meiner Brust wohnen. Bei Abstimmungen über ethische Grundfragen im Bundestag würde ich mich weder von meiner Kirche noch von meiner Partei beeinflussen lassen. Beim Thema Religionsunterricht etwa gibt es in der Partei eine Mehrheitsmeinung. Es gibt aber auch - in Berlin - die grünen Christen für Pro Reli. Diese Spannung kann man also gut aushalten.

Wie würden Sie Ihr kirchliches von Ihrem politischen Engagement abgrenzen? Anders gefragt: Kann man auf Dauer grüne Spitzenpolitikerin und Kirchenvertreterin sein?

Ich bin ja nicht die Erste, die beides ist. Es ist letztlich eine Frage, wie man selber damit umgeht. Als Politikerin mache ich Tagespolitik. Wenn ich mich im Rahmen der EKD zu gesellschaftspolitischen Fragen äußere, muss das auch gekennzeichnet sein. Ich denke, das kann man gut unterscheiden.

Was zählt am Ende mehr? Ihre christliche Grundüberzeugung oder die Parteiräson?

Parteiräson? Ausgerechnet bei den Grünen? Es zählt das freie Gewissen der Abgeordneten. Es gibt Fragen, die entscheide ich aus meiner christlichen Grundverantwortung heraus. Aber, etwa bei der Patientenverfügung, gibt es Christinnen und Christen, die meine Überzeugung teilen und andere, die das ganz anders sehen. Bei der Stammzellforschung hat meine Fraktion mehrheitlich die Position vertreten, die der katholischen Kirche zuneigt. Ich bin nicht ständig hin und her gerissen zwischen zwei Polen. Ich habe meine eigene Position.

Gibt es eine neue Nähe zwischen Kirchen und Grünen?

Es gibt eine neue, alte Nähe zwischen der evangelischen Kirche und den Grünen. Wenn man an den Kirchentag 1983 denkt, da waren die Grünen in der Friedensbewegung führend und prägend. Dieses Thema bestimmte damals den gesamten Kirchentag. Das ist auch heute mit anderen Themen so, und es ist sicher kein Zufall, dass sich so viele Grüne beim Kirchentag engagieren. Ich bin da nicht die Einzige. Auch Sven Giegold von Attac, der jetzt für die Grünen ins Europaparlament will, sitzt in der Präsidialversammlung des Kirchentages, und das nicht ohne Grund.

Gibt es etwas, das die Grünen von den Kirchen lernen können?

Kirchentage etwa sind etwas Besonderes. Man kommt zusammen, man zeigt sich, und man macht deutlich, dass diese Gemeinschaft etwas ganz Großartiges ist. Davon können die Grünen in der Tat lernen: Wir müssen uns zeigen, mit dem, was wir erreicht haben und worauf wir stolz sein können.

Sehen Sie umgekehrt in der evangelischen Kirche Reformbedarf?

Sicher. Die Gesellschaft und das Leben der Menschen haben sich verändert. Die neuen Medien spielen eine immer größere Rolle. Wir müssen also die persönliche Ansprache verbessern und zwar so, dass da keine Mattscheibe dazwischen ist.

Hat die Kirche große gesellschaftliche Veränderungen verpasst?

So würde ich das nicht sagen. Es gibt aber demografische Veränderungen oder gesellschaftliche Veränderungen, wie etwa die hohe Mobilität bei Berufstätigen. Darauf müssen wir reagieren. Der Sonntagsgottesdienst ist nicht das einzige, was die Menschen von der Kirche erwarten. Zumal mir oftmals zu wenig über die Qualität der Gottesdienste gesprochen wird.

Die Zahl der Kirchgänger geht immer weiter zurück. Was kann die Kirche da tun?

Ich bin nicht sicher, ob man das so pauschal sagen kann, gerade zu großen Festen nehmen wir zum Beispiel in Städten wie Berlin einen wachsenden Gottesdienstbesuch wahr. Außerdem werden Taufe, Konfirmation und kirchliche Trauungen wieder wichtiger für Familien. Vielleicht müssen wir aber noch vielfältiger werden. Die Bedürfnisse von Eltern mit Kindern sind andere als die von Menschen, die eine intellektuelle Predigt haben wollen.

In der Gesellschaft gibt es ein hohes Bedürfnis an Spiritualität, wie auch der Kirchentag zeigt. Mit der Institution Kirche wollen viele Menschen aber weniger zu tun haben. Woher kommt die Diskrepanz?

Viele Menschen wissen oftmals gar nicht, wie offen und lebendig Kirche ist. Die Menschen dürfen nicht das Gefühl haben, dass die Kirche eine verschworene Gemeinschaft ist, die sich in dunkle Kirchen zurückzieht. Wir müssen auf diejenigen zugehen, die von sich aus vielleicht keine Beziehung mehr zur Kirche haben. Und zwar nicht, indem wir immer gleich mit dem Beitrittsformular winken.

Staat und Kirche sind bei uns traditionell eng verwoben, siehe Religionsunterricht oder Kirchensteuer. Halten Sie das für richtig?

Wir haben eine gute Balance gefunden. Staat und Kirche müssen sich aufeinander verlassen können, wenn es um die großen gesellschaftlichen Fragen geht wie die Bewahrung der Schöpfung, den sozialen Frieden oder die Entwicklung der Demokratie. Aber man muss auch trennen können.

Wo denn zum Beispiel?

Im Zentrum der Kirchen muss der Auftrag stehen, die christliche Botschaft zu verkündigen. Als ehemalige DDR-Bürgerin bin ich skeptisch, wenn das außer Acht gelassen wird. Wenn beispielsweise von der Politik eine Umgehungsstraße eingeweiht wird, dann muss da nicht immer gleich der örtliche Pfarrer mit dabei sein. Derartige Rituale halte ich für nicht mehr zeitgemäß. Sie führen uns zu weit weg vom Eigentlichen.

Die katholischen Laien haben derzeit massive Probleme mit ihrem Klerus. Befürchten Sie negative Auswirkungen auf die Ökumene?

Das hoffe ich nicht. Wir planen ja gemeinsam den ökumenischen Kirchentag im nächsten Jahr. Gerade die Kirchentagsbesucher haben ein großes Interesse an Ökumene. Sie erwarten, dass wir das aufgreifen. Was wir gemeinsam machen können, soll auch gemeinsam sein. Wo wir es noch nicht können, wie etwa beim Abendmahl, da dürfen und wollen wir einer Diskussion nicht ausweichen. Lebensstationen wie die Taufe, die Firmung beziehungsweise Konfirmation, die Hochzeit oder die Beerdigung sollten immer auch ökumenisch gedacht werden. Wenn wir gemeinsam darüber nachdenken, was dies für unser Leben bedeutet, dann haben wir viel erreicht.

Das Gespräch führten Jörg Michel und Katja Tichomirowa.

Zusätzliche Information