Katrin Goering-Eckardt MdB

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14. Mai 2009

"Man hat mich als Person gewählt, die eine Grüne ist"

Sie ist die erste Grünen-Politikerin an der Spitze der EKD-Synode: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Katrin Göring-Eckardt, warum ihre Partei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist - und was sie als Protestantin am Katholiken Althaus auszusetzen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind neuer Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, der CSU-Politiker Günther Beckstein Ihr Stellvertreter. Bilden Sie beide die erste schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene?

Katrin Göring-Eckardt: Nein. Es war die Entscheidung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zwei Protestanten zu wählen, die einen unterschiedlichen parteipolitischen Hintergrund haben. Aber wir werden keine schwarz-grüne Politik machen.

SPIEGEL ONLINE: Das Präses-Amt war lange Zeit in Händen der SPD. Besiegelt Ihre Wahl die Tatsache, dass die Grünen endgültig in der bürgerlichen Mitte stehen?

Göring-Eckardt: Erstens: Das Amt war auch bisher nicht parteipolitisch gebunden. Zweitens: Immerhin haben wir Grünen sieben Jahre lang dieses Land mitregiert. Es mag sein, dass für manche immer noch ungewöhnlich ist, wenn nun eine Grüne die Synode führt - aber im Großen und Ganzen ist das überlebt.

SPIEGEL ONLINE: Also wäre der bayerische Protestant eine größere Überraschung gewesen als Ihre Wahl?

Göring-Eckardt: Das weiß ich nicht. Es wäre für die Synode wohl ungewöhnlich gewesen, wenn man eine Person mit diesem politischen Hintergrund - gerade in der Asyl- und Ausländerpolitik - gewählt hätte, weil sich viele Christinnen und Christen gerade da engagieren. Allerdings hat Günther Beckstein auch klar gesagt, dass er da eine Entwicklung vollzogen hat und manches anders sieht als früher. Das hat die Synode honoriert, als er zu einem der beiden stellvertretenden Präses gewählt wurde. Ich wiederum bin seit sechs Jahren Synodale - und damit auch keine Unbekannte in der evangelischen Kirche. Ich denke, man hat mich als Person gewählt, die eine Grüne ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Bundestags-Vizepräsidentin nach wie vor Grünen-Spitzenpolitikerin. So etwas wäre doch in den Achtzigern undenkbar gewesen, als sich Grüne über vieles identifizierten - nur nicht über Religion.

Göring-Eckardt: Bei den West-Grünen gab es da einerseits große Distanz. Aber ich erinnere mich noch an persönliche Erzählungen aus Fraktion und Partei, wer alles über die christlichen Pfadfinder, die junge Gemeinde oder die Studentengemeinde in die Politik gekommen ist. In Ostdeutschland wiederum haben die Bürgerbewegungen fast ausnahmslos unter dem Dach der Kirche gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Aber Christen haben ihren Glauben bei den Grünen lange Zeit nicht gerade an die große Glocke gehängt.

Göring-Eckardt: Das stimmt. Aber das hat weniger mit meiner evangelischen Kirche zu tun als mit der katholischen, weil es mit der sehr viel mehr Konflikte gab. Irgendwann war das "Tischtuch da zerrissen" - die katholische Grünenpolitikerin Christa Nickels hat es dann mit viel Mühe wieder zusammengenäht. Inzwischen haben wir auch zwei Mitglieder im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Mit der evangelischen Kirche hingegen hat es seit Bestehen der Grünen oft Kooperation gegeben, wenn es um bestimmte Sachthemen ging, gerade auch vor Ort.

SPIEGEL ONLINE: Bei Pro-Reli oder in der Abtreibungsdebatte vertreten Sie eher grüne Minderheitenpositionen. Wird sich das in Zukunft noch verstärken?

Göring-Eckardt: Bei der Stammzellenfrage sind die Grünen sehr nahe bei der evangelischen Kirche, bei der Spätabtreibung teilen viele Grüne meine Position. Beim Religionsunterricht ist es so: Sie werden niemanden bei uns finden, der den sehr konfrontativen Stil von Berlins Bürgermeister Wowereit in dieser Frage teilen würde. Özcan Mutlu, der grüne Sprecher für Bildung in Berlin, sagt: Das Volksbegehren war ein Plädoyer für mehr Religion im Ethikunterricht. Hier ist auch durch die Grünen eine wichtige Diskussion im Gang. Allerdings: Ich habe im Zweifel auch kein Problem, Entscheidungen als Christin zu treffen. Da bin ich nicht allein.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Grünen da möglicherweise weiter als die SPD - Wowereit hat die Pro-Reli-Leute immerhin als Randgruppe bezeichnet?

Göring-Eckardt: Das ist schon ziemlich unterirdisch, diese Wortwahl. Zumal Wowereit sich sonst immer als Vorkämpfer der Minderheiten sieht. Mich würde es jedenfalls freuen, wenn die Grünen in Berlin dazu beitragen, dass die Stadt mehr zusammenwächst.

SPIEGEL ONLINE: Neben Ihnen könnte mit Margot Käßmann bald eine weitere Frau EKD-Ratsvorsitzende werden - ein Signal für die protestantische Kirche?

Göring-Eckardt: Wie die Ratswahl ausgeht, weiß noch keiner. Aber warum sollte es der evangelischen Kirche schaden, wenn zwei Frauen an der Spitze stünden? Die Synode der EKD wird so souverän sein und nach Personen entscheiden und nicht nach Geschlecht.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nach der Wahl im Herbst erneut die Position der Bundestags-Vizepräsidentin anstreben?

Göring-Eckardt: Ich bin sehr gerne Bundestags-Vizepräsidentin. Aber wir wissen nicht, wie die Konstellation im Herbst ist. Mehr ist dazu im Moment nicht zu sagen.

Warum Göring-Eckardt einen eigenständigen grünen Wahlkampf für richtig hält

SPIEGEL ONLINE: Sie sollten im Bundestagswahlkampf Teil des Grünen-Spitzenteams sein, das es nun nicht geben wird. Wie sehen Sie Ihre Rolle in den kommenden Monaten?

Göring-Eckardt: Die Idee war ja, dass bundesweit bekannte Grüne mit bestimmten Themen und Profil Wahlkampf machen sollten. Wenn ich die Einladungen auf meinem Schreibtisch anschaue, werde ich Wahlkampf zu Hause und im Rest der Republik machen, mit und ohne Spitzenteam.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Partei hat eine Koalition mit Union und FDP ausgeschlossen - die FDP wiederum ein Bündnis mit SPD und Grünen. Halten Sie das Votum des Grünenparteitags für klug?

Göring-Eckardt: Die FDP scheint da ja doch nicht festgelegt. Ich finde es richtig, dass wir uns für einen Kurs der Eigenständigkeit ausgesprochen haben. Klimapolitik ist für Union und FDP wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise völlig aus dem Fokus verschwunden. Dagegen senden wir ein klares Signal.

SPIEGEL ONLINE: Aber dann wären die Grünen doch die perfekte Ergänzung...

Göring-Eckardt: ...so einfach ist es nur leider in der Politik nicht. Das funktioniert nur, wenn dafür eine Bereitschaft und Sensibilität existiert. Das hat Angela Merkel demonstriert, so lange es schick war - aber plötzlich ist Klimapolitik für sie wieder ein Orchideenthema.

SPIEGEL ONLINE: In Thüringen wird im August gewählt. Ist Schwarz-Grün dort eine Option?

Göring-Eckardt: Die Gemeinsamkeiten mit der Althaus-CDU in der Umwelt-, Bildungs- und Familienpolitik gehen gegen null. Dagmar Schipanski beispielsweise sagt, wir brauchen wieder Atomenergie - und niemand aus der Thüringer CDU widerspricht ihr: auf dieser Basis keinesfalls.

SPIEGEL ONLINE: Ministerpräsident Althaus kommt aus dem Eichsfeld und hat seinen Katholizismus immer stark betont. Hat er sich nach seinem Skiunfall immer als glaubwürdiger Christ verhalten?

Göring-Eckardt: Das ist menschlich eine unglaublich schwierige Situation. Ich habe persönlich nicht verstanden, dass es so lange gedauert hat, bis er von Schuld geredet hat. Und noch etwas: Wenn Althaus sagt, an der Rückkehr in die Politik habe er nie gezweifelt, finde ich das schon erstaunlich. Ich habe mich vor jeder Wahl gefragt, ob ich weitermache oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Gehört dieses Thema in den Wahlkampf?

Göring-Eckardt: Alle Oppositionspolitiker sind sich einig, dass sie das nicht wollen. Die Frage ist nur: Was macht Dieter Althaus selbst? Wenn Althaus das thematisiert, muss er natürlich damit rechnen, dass andere sich auch dazu äußern.

Das Interview führten Florian Gathmann und Claus Christian Malzahn

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