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Sehr geehrter Herr Flug,
sehr geehrte Mitglieder des Internationalen Auschwitz Komitees,
sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrte Gäste,
in wenigen Tagen jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 64. Mal. 64 Jahre: das ist eine sehr lange Zeit. Manch einer könnte angesichts dieser Spanne auf die Idee kommen, zu sagen: 'So, jetzt haben wir diese schreckliche Zeit des Nationalsozialismus aber genügend aufgearbeitet. Jetzt wissen wir alles darüber, wir haben genug darüber gesammelt und erfahren."
Dem ist natürlich nicht so und es freut mich immer wieder sehr, zu erfahren, dass Menschen das anders sehen. Wenn Menschen, vor allem junge Menschen sagen: Wir möchten nicht nur Bücher lesen, wir möchten nicht nur lesen, was andere gesammelt und aufgeschrieben haben, wir möchten nicht nur im Unterricht davon hören - nein, wir möchten uns selbst mit dem Grauen des Nationalsozialismus auseinandersetzen, uns – soweit das möglich ist – ein eigenes Bild machen.
Die Auszubildenden der Volkswagen Coaching GmbH haben diesen Willen, das eigentlich Unbegreifliche zu verstehen. Deshalb haben sie über Jahre hinweg mit Überlebenden unzählige Gespräche geführt. Was in Auschwitz geschehen ist, die gezielte und systematische Entmenschlichung der Opfer bis hin zum millionenfachen, industriell organisierten Mord, lässt sich eigentlich nicht begreifen und verstehen. Doch auch wenn sie am Ende ihrer Gespräche und Recherchen sich der unfassbaren "Wahrheit" von Auschwitz nur ein bisschen angenähert haben, so haben sie es wenigstens versucht. Die Ausstellung die so entstanden ist, ist deshalb ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen!
Dafür, und für Ihr nun schon zehn Jahre dauerndes Engagement für die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau möchte ich Ihnen an dieser Stelle ganz ausdrücklich danken! Genauso möchte ich dem Internationalen Auschwitz Komitee und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand dafür danken, dass sie diese Ausstellung hier ermöglicht haben.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Erinnerung funktioniert nicht wie ein Archiv, in dem man sich je nach Anlass bequem bedienen kann. Erinnerung muss lebendig gehalten werden. Lebendig wird sie aber vor allem im Dialog, in der Vermittlung von Angesicht zu Angesicht. Gerade deshalb sind solche Gespräche zwischen jungen Menschen und Überlebenden der Shoah so wichtig: Sie tragen den "Staffelstab der Erinnerung", wie es Paul Spiegel einmal ausdrückte, an die kommende Generation weiter.
Natürlich wird eine Zeit kommen, in der solch eine direkte Kommunikation nicht mehr möglich sein wird, weil keine Zeitzeugen und Überlebenden mehr unter uns sein werden. Deshalb ist es eine ganz zentrale Aufgabe der Politik, darüber nachzudenken, wie sie die Erinnerung an die Shoah in Zukunft lebendig gestalten will.
Es gibt einerseits die öffentlichen Gedenktage. Sie sind als Rituale sehr wichtig für die Selbstverständigung der Gesellschaft. Und es gibt die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Diese "Erinnerung von unten" ist für eine fortdauernde Erinnerung an die Shoah mindestens ebenso bedeutsam und wirksam. Auch deshalb sind zivilgesellschaftliche Initiativen wie die der VW-Azubis so erfreulich. Ich wünsche mir, dass solches Engagement viel mehr als bisher auch von politischer Seite unterstützt wird.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Ausstellung "Schuhe, Brot … überLeben in Auschwitz" teilt uns schon im Titel etwas ganz Zentrales mit: das Leben in Auschwitz war kein menschenwürdiges Leben, sondern ein Überleben, ein tagtäglicher Kampf gegen den Tod. Gegen den Tod durch Verhungern. Gegen den Tod durch Erfrieren. Gegen den Tod durch Krankheit. Gegen den Tod durch Arbeit und Auszehrung. Und gegen die Willkür der SS-Leute, die einen jederzeit aus nichtigsten Anlässen brutal quälen und umbringen konnten. In der Ausstellung lesen wir an einer erschütternden Stelle, wie ein 16-jähriger Junge. weil er sechs Kartoffeln gestohlen hat, im sogenannten Stehbunker zu Tode gequält wurde.
Wir können alle den Überlebenden dankbar sein, dass sie ihre Erfahrungen mit uns teilen, dass sie uns von diesem Unfassbaren, dass sich in Auschwitz zugetragen hat, erzählen. Dass sie gegen das Vergessen Zeugnis ablegen.
Wer nach seiner Ankunft in Auschwitz nicht sofort in die Gaskammern geschickt wurde, war einem tagtäglichen Überlebenskampf ausgesetzt. Das Überleben hing oft von kleinen Zufällen ab. Die Nennung scheinbar banaler Dinge wie Schuhe und Brot im Ausstellungstitel sagt uns, dass dieses Überleben an Kleinigkeiten hing, an Kleinigkeiten, die uns heute selbstverständlich erscheinen. In der Ausstellung können wir viel darüber erfahren, welche Bedeutung diese Dinge hatten.
Der französische Überlebende Raphael Esrail, der Mitglied im Internationalen Auschwitz Komitee ist, hat für die Ausstellung in sehr offenen und ehrlichen Worten berichtet: "Das Brot war einfach omnipräsent in unseren Gedanken. Man hat deshalb Schreckliches getan, es gestohlen, selbst unter Freunden: Schreckliche Dinge sind geschehen, weil das Leben das Leben ist: In einem Moment das Leben, im anderen der Tod, so dass der Einzelne alles tut, um am Leben zu bleiben – selbst, wenn es das Unglück des Anderen bedeutet."
Bei solchen Berichten muss man unweigerlich an die Berichte des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi denken. In seinen Büchern hat er die systematische Entmenschlichung der Opfer durch ihre längst schon entmenschlichten Peiniger beschrieben. In Auschwitz war jede Humanität gestorben. Es gab dort unter den Insassen viele Menschen, die sahen gar nicht mehr aus wie Menschen: die furchterregenden sogenannten Muselmänner bewegten sich in einer Zwischenwelt zwischen Leben und Tod. Wie hätten sie sich dann noch menschlich verhalten sollen? Wo der Mensch nur noch lebt, um zu überleben, ist er kein Mensch mehr – auch das machen die Berichte aus Auschwitz deutlich.
Umso unglaublicher ist es, dass es in der Hölle vom Auschwitz auch kleine, flüchtige Momente menschlicher Solidarität gegeben hat. Der polnische Überlebende Marian Turski, ebenfalls Mitglied im Internationalen Auschwitz Komitee, berichtete den Auszubildenden für diese Ausstellung, wie ihm Mitgefangene dabei geholfen haben, ihm eine neue Brille zu besorgen, nachdem seine alte Brille während Schlägen durch einen SS-Mann zerstört worden war. Die Brille war für Marian Turski überlebensnotwendig…
Sehr geehrte Damen und Herren,
diese Ausstellung ist ein wichtiger Beitrag zum Gedenken. Die Erinnerung an die Shoah ist unabschließbar. Sie prägt die deutsche Identität und bedeutet eine Verantwortung, die niemals 'loszuwerden' ist. Der französischer Philosoph und Musikwissenschaftler Vladimir Jankélévitch hat die millionenfachen Massenmorde der Shoah, dieses größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, "das Unverjährbare" genannt. Zuallererst sind wir deshalb das fortwährende Andenken den zahllosen namenlosen Opfern schuldig.
Außerdem müssen wir aber dafür sorgen, dass Antisemitismus und Rassismus in unserer Gesellschaft nie mehr eine Chance haben.
In diesem Kampf gegen Rechtsextremismus ist politische Bildung ganz entscheidend. Im Kampf gegen den aktuellen Rechtsextremismus – der immer mehr auch die Mitte der Gesellschaft erreicht - können wir auf eine Bildungsoffensive - nicht nur aber vor allem für Kinder und Jugendliche - nicht verzichten!
Aber natürlich auch und vor allem gehört zu diesem Kampf dazu, dass wir laut sind und uns mit aller Macht dagegen stellen, da wo alte und neue Nazis in den Parlamenten und auf der Straße ihren menschenverachtenden Rassismus verbreiten wollen!
Nur so kann es gelingen, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus in kommenden Generationen wach zu halten. Nur so können wir das, was die Bundesrepublik in der Entwicklung ihrer Demokratie daraus gelernt hat, verfestigen.
Untersuchungen zeigen leider, dass unter Jugendlichen ein eklatantes Unwissen über den Nationalsozialismus herrscht. Gleichzeitig müssen aber an den KZ-Gedenkstätten viele der angefragten Führungen wegen Personalmangel abgesagt werden. Besonders wichtig finde ich deshalb, dass die KZ-Gedenkstätten systematisch als Lernorte gefördert und zu gestaltet werden, auch damit sie dauerhaft mit Schulen zusammen arbeiten können. Die Pflege und Unterstützung der KZ-Gedenkstätten ist eine genuin staatliche Aufgabe und darf nicht dem zivilgesellschaftlichen Engagement überlassen bleiben – so wichtig dieses ist. Denn nirgendwo kann so eindringlich das Wissen über die Nazi-Verbrechen vermittelt werden, wie an den authentischen Orten des Grauens.
Deshalb ist es wichtig, dass die Gedenkstätte Auschwitz erhalten bleibt und nicht nach und nach zerfällt. Dafür muss die Bundesrepublik ausreichend öffentliche Gelder zur Verfügung stellen! Das gehört zu unserer historischen Verantwortung!
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Ausstellung, viele Besucher und viel öffentliche Aufmerksamkeit. Ihr Engagement hat es verdient!
Hier geht es zur aktuellen Erklärung des Internationalen Auschwitz-Komitees.
Katrin Göring-Eckardt mit Noach Flug; Foto: © Boris Buchholz/IAK