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02.06.2017

36. DEKT Berlin 2017 - Bibelarbeit

36. DEKT Berlin 2017, Bibelarbeit von Katrin Göring-Eckardt
Donnerstag, 25. Mai 2017, 09:30-10:30, Messe Halle 9

Begrüßung durch Stefanie Schardien

Lied Nr. 1 aus dem Liederbuch: Du bist ein Gott, der mich anschaut

Guten Morgen, liebe Schwestern, liebe Brüder, guten Morgen den Beobachtern und den Zweiflern. Guten Morgen den immer schon Kirchentaglern. Guten Morgen den Mitgebrachten. Guten Morgen an diesem Himmelfahrtstag.
Mit Himmelfahrt hat der Bibeltext, der uns in der kommenden Stunde beschäftigt, auf den ersten Blick nichts zu tun. Aber bevor es zurück in den Himmel geht, geht es zuerst um das Himmelfahrtskommando, auf die Erde zu kommen. Bevor es um das Ende der Geschichte von Jesus Christus gehen kann, soll der allererste Anfang in den Blick kommen, frei nach dem Motto: wer ohne Sicht zurück ist, wird leicht rück-sichts-los. Wie in einem großen Musikstück oder einer Oper klingen die zentralen Motive des Lebens Jesu ganz am Anfang schon an: die Erhöhung des Unscheinbaren, der Kampf für die Armen, die Drohung an die Reichen! Natürlich ist die Geschichte der Begegnung von Maria und Elisabeth erst erzählt worden, als die Pointe schon bekannt war: Christi Weg durch Leiden und Sterben und seine Himmelfahrt waren schon geschehen, bevor man/frau sich an die Begegnung der Frauen erinnerte. Schließlich sollten sich Johannes und Jesus, also die Kinder der beiden Frauen, später begegnen. Die Menschen, die diese Geschichte erinnerten, wussten um die Dramatik, um die existentielle Gefährdung und um die katastrophalen Folgen. Und wenn wir im Weiteren der Bibelarbeit die Geschichte heutiger Gefährdungen von Christen in dieser Welt mithören, dann ist das keineswegs falsch. Saudi-Arabien zum Beispiel, aber auch in Nigeria oder Indien.

Ich lese Lukas 1, 39-56
Lukas 1,39-56: „Maria und Elisabet begegnen sich“

39 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 41 Und es begab sich, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabet wurde vom heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! 43 Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. 45 Ja. Selig ist, die das geglaubt hat. Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist vom Herrn.“
46 Und Maria sprach:
Meine Seele erhebet den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.
48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist50 Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten
51 Er übt Gewalt mit seinem Arm,
und zerstreut, die hoffärtig sind, in ihres Herzens Sinn. 52
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt Niedrigen.
53 Die Hungrigen erfüllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf. 55 wie er geredet hat zu unseren Vätern,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
56 Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate und danach kehrte sie wieder heim

Liebe Schwestern und Brüder,

Romantisch war es bestimmt nicht. Aber vermutlich sehr nah am Leben. Drei Monate waren die beiden Frauen beieinander. Ich nehme an, sie hatten Spaß miteinander. Die Junge und die Alte. Wahrscheinlich haben sie gekichert und ihre Bäuche angeschaut, die langsam dicker wurden. Für mich war es bei der ersten Schwangerschaft jedenfalls ein wahnsinniges Staunen, ein großes Glück und zugleich eine große Angst, was wohl werden wird. Mein erster Sohn ist 1989 geboren. Am Anfang der Schwangerschaft war noch DDR, die den 40. Geburtstag der Republik als Jubelfest vorbereitete. Am Ende der Schwangerschaft wurden die Grenzzäune in Ungarn geöffnet und ein paar Tage nach seiner Geburt begann die friedliche Revolution. Im Grunde waren es zwei Geburten parallel: die meines Sohnes eine ganz individuelle und dann die Geburt einer neuen Zeit, einer neuen Zeitrechnung, kann man im Nachhinein sagen, einer neuen, lang ersehnten Freiheit, die plötzlich das Licht der Welt erblickte.
Maria und Elisabeth. Zwei Frauen, die alles andere als im Mainstream waren. Die eine zu jung und ohne Mann. Die andere zu alt und längst jenseits aller Hoffnung, noch mal schwanger zu werden. Ich will versuchen, mich den beiden Frauen zu nähern und zugleich uns allen hier. Ich will es versuchen, von der Seelenseite aus. Deswegen will ich erzählen vom Auszug aus der Angst, von der Einkehr bei Gott und von der Hinwendung zur Welt. Natürlich geht es heute im Glauben – anders als zur Zeit Marias und Elisabeths und auch zu Zeiten Luthers – nicht zuerst um ein freies Leben der Seele im Jenseits, sondern um ein freies Leben der Seele im Diesseits. Zu unserer erwachsenen Art zu glauben gehört das Wissen darum, dass dieser Weg „Auszug aus der Angst – Einkehr bei Gott – Aufbruch in die Welt“ niemals ungebrochen, gradlinig und ungefährdet verläuft. Es gibt keinen direkten, geraden Weg vom Ende der Angst zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Einmal, weil Gott kein Automat ist, in den man oben Glauben und Vertrauen reinsteckt und unten Freiheit herauskommt. Gott ist frei und bleibt frei, und seine Freiheit zeigt sich am schmerzhaftesten an seiner Verborgenheit, seiner Abgewandtheit und seinem Schweigen. Die Bibel ist voll von Sehnsuchtsrufen nach Gott – nicht zuletzt der Schrei Jesu am Kreuz, dessen Beantwortung jedenfalls vordergründig ausblieb. Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Zum anderen, weil der Mensch nicht einfach ist und ganz bestimmt nicht nur ein Gutmensch. Er ist immer auch das Einfallstor des Bösen, Vollstrecker des Grausamen, Anwalt des Sinnlosen und Vertreter des Nichts. Er ist oft genug nicht harmlos, weil er nicht zulassen kann, dass Gott Gott ist, sondern selbst Gott sein will. Der Mensch ist von sich aus gott-los und darum in der Gefahr, größenwahnsinnig oder klein-geistig zu werden. Die Reformation hat diese tiefe Gefährdung der menschlichen Freiheit ins Licht gestellt und damit die Gefährdung auch der modernen Freiheit anklingen lassen. Die Freiheit nämlich von etwas: von der Übermacht und von Vorschriften, von der Unterwerfung und von Enge. Die Freiheit zudem zu etwas: Dem Entscheiden-können und Leben-im-Offenen, dem Lieben-können und Geliebt-werden-können.
Und so beginne ich mit: I. Auszug aus der Angst
Ich habe gelesen, viele Kirchentagsbesucher seien mit großen Sorgen nach Berlin gekommen. Sorgen um die Welt, Sorgen um eine Welt, die von narzisstischen Präsidenten beherrscht wird, Sorgen um eine Umwelt, die nicht mehr Luft lässt, Sorgen um die Sicherheit auf unseren Straßen und Plätzen, Sorgen um jeden Menschen, der sich über das Mittelmeer auf den Weg zu uns macht.
Das sind die großen Sorgen, die Weltsorgen gewissermaßen und dann sind da noch, nicht geringer, die inneren, existentiellen, persönlichen Sorgen, so auch Maria und Elisabeth: Maria ist verunsichert. Sie hat sie Orientierung verloren. Sie ist aus aller Normalität herausgestoßen. Und sie hat Angst vor dem, was da kommt, vor den Zumutungen und den Aufgaben. Ob sie sich in der Not aufmacht oder ob sie einfach diese bestimmte Art von Entschlossenheit spürt, die man nicht erklären kann, weiß ich nicht. Ich traue ihr zu, dass sie wusste, was zu tun ist und dass sie deswegen losging. Sie hat nicht in den Fahrplan geschaut, und die Freunde bei Facebook konnte sie auch nicht fragen, wie man wohl am besten über die judäischen Berge kommt. Jedenfalls: sie macht sich auf. Maria soll gelaufen sein durch die Berge Judas. Sie sucht einen Ort, sie braucht einen Menschen. Elisabeth öffnet ihr die Tür. Versteht und öffnet auch sich selbst.
Wer sind diese beiden Frauen, Maria und Elisabeth? Schnell geraten ja immer gleich die Söhne der beiden in den Blick. Der asketische Johannes, der etwas von einem größeren Bruder hat und Jesus später taufen wird. Von ihm ist gesagt: „Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden vom Heiligen Geist….“ „Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft des Elia“ (Lk 1,15-17) Also, zusammengefasst: der Mann säuft und kifft nicht, er ist der totale Charismatiker und der Chef hält von Anfang an seine Hand über ihn.
Und natürlich Jesus: „Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“ (Lk 1,32-33). Zusammengefasst: der Typ, den wir kennen, der immer diese David Garrett Frisur auf den Bildern hat und an den gerade mal 12 Leute geglaubt haben, als die ersten Umfragen gemacht wurden. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt. Das sind die beiden verheißenen Söhne. Von Engeln angekündigt. Ganz besondere Kinder, Weltenretter. Heute allerdings schauen wir auf die Mütter. Alleinerziehend die eine, eine Risikoschwangerschaft die andere. Elisabeth. Die Hochbetagte. Dass sie so spät im Leben noch Mutter werden würde, stand jenseits aller Erwartung. Sie lebte schon lange mit den mitleidigen Blicken der anderen Frauen. Keine Kinder zu haben, welch ein Unglück zur damaligen Zeit. Doch dann geschieht es: Ein Engel verheißt Zacharias die Geburt eines Sohnes, eine Ankündigung so groß, dass es Zacharias die Sprache verschlägt; er verstummt. Er ist sprachlos und findet keine Worte mehr, bis, ja bis seine Augen Jesus sehen, den erwarteten Messias und er wieder singen kann.
Und tatsächlich, Elisabeth wird schwanger. Die Schmach hat ein Ende und der Kerker der Angst, was wohl aus ihr wird, ohne Kind, ist aufgebrochen. Auszug aus der Angst. Elisabeth müssen wir uns als glückliche Frau vorstellen. Nein, nicht weil ihr Mann verstummte und nicht mehr meckern kann. Aber das dachte hier ja eh niemand. Sie ist voller Glück, weil sie nun weiß, sie wird nicht arm sein im Alter. Aber mehr noch: sie ist glücklich, weil Gott ihre Not gesehen hat.
Ihr gegenüber steht Maria. Blutjung. Sie wird schwanger, wie immer sich das zugetragen haben mag. Für sie ist dieses Kind nicht lang erhoffter Segen, sondern eine Zumutung. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Für Elisabeth war die Kinderlosigkeit Grund genug für Ausgrenzung. Für Maria ist es im Gegenteil die Tatsache, dass sie – ohne in geordneten Verhältnissen zu sein – ein Kind erwartet. Auszug aus der Angst, nicht dazu zu gehören, arm zu sein, alleinerziehend mit dem Kind, was ja auch heute noch ein finanzielles Abenteuer ist. Und dennoch zu wissen: das ist jetzt mein Weg. Beide Frauen also: Jenseits des Mainstreams, so oder so. Randgruppen, Minderheiten.

Wie verhält es sich mit ihnen und mit euch? Ist hier irgendjemand Minderheit? Ich frage mal:

Wer kommt aus dem Bundesland, das alles kann – außer Hochdeutsch
– steht doch mal auf.

Und wer hat eine Patchworkfamilie?

Gibt es hier jemanden der katholisch ist? Muslimisch? Ganz und gar ohne Glauben?

Haben wir Berliner hier? Und unter 30-jährige?

Ist irgendjemand verliebt in dieser Halle? Hat jemand Kummer?

Und Sommersprossen?

Jemand, der sich für Flüchtlinge eingesetzt hat?

Ihr seht schon: alles Randgruppen hier, Minderheiten. Und wenn ich frage: wer ist Kirchentag? Dann steht doch die Halle, oder?

Die beiden Randgruppenfrauen also treffen aufeinander und reden über ihr Sosein in der ganz anderen Welt. Und so ängstlich sie sind, machen sie sich dennoch auf und ziehen raus aus der Angst. Und mehr noch. Elisabeth sieht ganz genau hin und erkennt das Große des Moments: „Wie kommt es, dass die Mutter meines Herrn gerade mich besucht? Elisabeth ist die Erste, die es begreift und die es ausspricht: dieses noch ungeborene Kind wird der Kyrios sein. Ihr kommt es zu, als Erste Jesus als den Herrn zu bekennen und seine Bedeutung zu ermessen. Eine Frau ist die Erste! Das ist doch einigermaßen bemerkenswert.
Wie am Ende auch, als es eine andere Maria ist, die zuerst das leere Grab entdeckt und den Auferstandenen erkennt. Auch hier ist es diese wundersame Aufwertung der Frauen: Sie sind es, sie sehen, was ist und sie wissen, was zu tun ist. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, jeder kennt diesen Satz des kleinen Prinzen. Aber korrekt nach der Bibel müsste es heißen: Man sieht nur mit den Frauen(herzen) gut. Überhaupt birgt der gesamte Text mehr weibliche Wertschätzung, als manche Weltliteratur der Gegenwart. Hier sagen Frauen das Wesentliche. Sie sind Subjekt. Ihr Handeln, ihr Glaube ist entscheidend. Und heute würden sie sich wohl pinkfarbene Mützen stricken und gegen die Machos und Frauenverächter dieser Welt auf die Straße gehen, zuerst in Washington.

… Und damit sind wir bei der

II. Einkehr bei Gott

Denn weil es den womans march und andere Demonstrationskultur damals noch gar nicht gab, setzt Maria zum Magnifikat an, zum großen Lobgesang eines Gottes der Befreiung, des Aufbruches, der radikalen Erneuerung: In der Übersetzung des Kirchentages klingt das so „Mein Innerstes lobt die Größe der Ewigen und mein Geist jubelt über Gott, meine Rettung, weil Gott die Erniedrigung ihrer Sklavin sieht …Heilig ist ihr Name. Barmherzigkeit schenkt sie von Generation zu Generation denen, die Ehrfurcht vor ihr haben.“ (V 46-50);

Mich macht das ja stutzig: Diese Jubelstory: alles prima, die göttliche Macht, Errettung, Barmherzigkeit – alles suppi? – kann man das glauben, ist das nicht ein bisschen viel Friede und Freude?
In dieser Szene, in dieser einfachen Hütte und mit den zwei Frauen verdichten sich Heilshandeln, Gewissheit, Hoffnung und Zuversicht. Die Botschaft steckt gerade in diesem Trotzdem: Obwohl Maria allein ist und zum Kinde kommt wie eine Jungfrau, trotzdem traut sie dem Engel! Und obwohl sie zuerst erschrak und weder aus noch ein wusste – trotzdem vertraut sie auf Gottes Wort und Zusage. Starke Frau. Diese Maria. Einkehr bei Gott, das heißt Stärke von innen heraus. Nicht weil dich jemand erhebt, sondern weil du dich erhoben weißt, weil Gott Dir Selbstbewusstsein und aufrechten Gang schenkt. Einkehr bei Gott ist Herzensstärkung, ist Mut-Beatmung, wo Gott draufsteht, ist Halt und Haltung drin: dein Herz, deine Stimme, deine Gedanken für Gerechtigkeit, für das Zukünftige, gegen Armut und Armseligkeit, gegen Angst und Enge.
Das ist die pure Freude, die Raum greift, so dass die Seele ihre Flügel weit aufspannt. Es ist ein Jubeln sprichwörtlich aus dem Bauch heraus. „Unsere Seele war gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei“, heißt es im Psalm 124. Mehr Gottesbefreiung geht nicht.
„Du siehst mich.“ (Ex 16,13) Das ist die Losung unseres Kirchentages. Diese Zusage Gottes, dass er da ist, uns ansieht und Ansehen gibt, dass er mitgeht auf unserem Weg, uns behütet und begleitet, wie steinig es auch sein mag. So sagt es Maria. Sie fühlt sich angesehen von Gott, wahrgenommen und schließlich gerettet aus unerträglicher Situation. „Mein Geist jubelt über Gott, meine Rettung, weil Gott die Erniedrigung ihrer Sklavin sieht.“ Sie ist die Magd, die Sklavin, eine Frau ohne Rechte, aber sie gehört damit jedem anderen Herrn/Mann in dieser Welt nicht mehr. Sie ist nicht schutzlos gegen die Willkür ihres Besitzers. Weil sie Gott zulässt, ist sie den kleinen und großen Tyrannen dieser Welt nicht mehr ausgeliefert. Gottes Einkehr bei ihr ist der Anfang aller Verwandlung: Maria wird denjenigen ins Leben bringen, der die Dinge wenden kann. Jesus Christus, dessen Wirken die Welt verändern wird.
IV. Aufbruch in die Welt
Maria redet im Magnifikat über sich. Es ist ihr ureigenes persönliches Bekenntnis. Sie reagiert auf das, was ihr widerfahren ist. Und zugleich weist sie mit ihrem Lied weit über sich selbst hinaus. Hören Sie nur den vertrauten Klang des Magnifikats (zitieren V 51 ff.):
„Barmherzigkeit schenkt sie (= Göttin) von Generation zu Generation denen, die Ehrfurcht vor ihr haben. Sie übt Macht aus mit ihrem Arm, treibt die auseinander, die im Herzen voller Überheblichkeit sind. Mächtige stürzt sie von den Thronen und erhöht die Erniedrigten. Hungernde erfüllt sie mit Gutem, und die Reichen schickt sie mit leeren Händen weg“.
In diesem Jahr darf man vielleicht daran erinnern, dass Martin Luther, dieser abtrünnige Mönch, das Magnifikat schon 1521 wunderbar ausgelegt hat als eine seiner ersten Schriften, die fundamentale Bedeutung erlangte, und die auch Luthers Gewissheit und Glaubenshalt für seinen neuen Weg gegeben hat. Luther ahnte vor 500 Jahren: hier ist ein zentraler Text, hier redet nicht nur eine junge Frau in jungen Jahren mit einem Jungen unter dem Herzen, sondern hier spricht eine zeitlose Sehnsucht Israels, eine ewige Hoffnung der Menschheit, hier klingt eine Hoffnung auf Verwandlung aller Verhältnisse an, die immer schon in Israel und immer wieder bis heute ersehnt und erbetet, auch erarbeitet und erstritten werden muss.

Schwestern und Brüder,

Wirkt Gott auch heute? Auch an Ihnen? Kennen Sie solchen Jubel wie den von Maria? Solche Erleichterung? Die Freude über die Barmherzigkeit Gottes? Wovon würden Sie sagen: das war meine Rettung? Spüren Sie dem ein wenig nach, lassen Sie die Gedanken kreisen, während die Bläser musizieren.
Und dann singen wir gemeinsam das Lied Nr. 72 aus dem Liederbuch: Ich sing dir mein Lied.
Auf den ersten Blick ist die Sache einfach: Dann sind die Mächtigen machtlos und Reichen werden enteignet, und er erdet die Arroganten. Die Hoffärtigen, dieMächtigen, die Gewaltigen, das sind die, gegen die wir also getrost sein können, da haben wir den lieben Gott auf unserer Seite, so scheint es. Einfache Sache. Für solche Selbstbestätigung in der rauen Welt gehen wir schließlich zum Kirchentag. Wenn man in den Text aber hinein kriecht und alles daran setzt, ihn in seiner Echtheit, in seinem Sosein zu verstehen, dann sehe ich noch etwas anderes. Es geht ganz grundsätzlich darum, dass sich die Verhältnisse umkehren. Es geht um die Bereitschaft, die Sache noch einmal ganz anders zu betrachten. Nicht aus der eigenen Selbstgewissheit, sondern aus dem Blickwinkel des ganz anderen. Aus dem Blickwinkel der Magd UND aus dem Augenwinkel des Mächtigen. Einkehr bei Gott heißt, das Unmögliche für möglich zu halten. Und Hinwendung zur Welt heißt, das auch zu tun. Das ist es, was Maria mit all ihrer Kraft bis in unser Herz hinein ruft. Es könnte sein, dass dieser Mächtige gar nicht an seinem Thron klebt. Es könnte sein, dass er das, was er tut, nach bestem Wissen und Gewissen macht. Es könnte sein, dass die Niedrigen die Hoffärtigen sind, und dass die Magd womöglich den Fremdling schmäht. Das ist meine große Bitte an Sie alle in den nächsten Tagen und in den Tagen nach diesen Tagen. Seien sie bereit, ihre Gewissheit in Frage zu stellen. Egal wie verrückt es scheint, egal wie sicher Sie sich eigentlich sind. Es kann sein, dass der andere die Magd ist und wir die Hoffärtigen.
Marias Lied schlägt eine Brücke über die Zeiten hinweg. Es weiß sich verwurzelt in der Vergangenheit, es realisiert sich durch ihr Bekenntnis in jeder Gegenwart. Und es entwirft eine Zukunftsvision, die auch uns heute berührt, motiviert und orientiert:
Es geht um die Verheißung einer großen Umkehr der Verhältnisse.
Ja, es ist unsere Hoffnung. Dass Friede werde. Dass Gerechtigkeit denen widerfahre, die am Rand stehen. Dass diejenigen scheitern, die ausbeuten und andere für ihren Wohlstand bluten lassen. Dass denen die Macht genommen wird, die ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen. Und dass verstumme, wer Hass sät und mit rechten Parolen gegen die hetzt, die Schutz suchen, Zuflucht und Heimat oder die einfach nur so anders sind.
Nur: Wo ist die göttliche Kraft, die mit starkem Arm Mächtige von den Thronen stürzt? Wie realistisch ist das denn? Was soll das eigentlich, die glücklich zu preisen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden? Die Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt – sie werden sich alles andere als glücklich preisen. Und: glücklich zu preisen sind die, die trauern, denn sie werden getröstet werden. Aber was, wenn nicht? Ein irreales, irrationales Wunschbild, das hier gezeichnet wird? Etwas für Träumer, Visionäre, Spinner, Gutmenschen?
Die Welt ist nicht so, aber sie könnte es sein. Das ist doch die Hoffnung, die wir nicht bereit sind aufzugeben. Die Hoffnung, die uns antreibt, zu handeln, zu verändern, Schritte zu tun, die richtigen und die in unserer Schuhgröße. Wir müssen nicht mit Sieben Meilen Stiefeln vorwärts stürmen, damit etwas als Aktion gilt. Die Füße hochlegen wollen wir aber auch nicht. Geht schon lange nicht mehr. Sondern gehen, versuchen, etwas wagen, einen Fuß vor den anderen setzen. Und mitunter ja am besten barfuß. Wegen der Sanftmütigen, die am Ende das Erdenreich besitzen. Weil sie selbstbewusst, aber selbstlos handeln.
Und deshalb brauchen wir, solange wir nicht erlöst sind, dieses Gebet, um uns erinnern zu lassen, dass die Sehnsucht immer größer sein muss als die Selbstzufriedenheit. Die Verhältnisse nicht hinzunehmen als alternativlos, sondern als gestaltbar. Im Gebet schlagen wir die Augen auf und sehen die anderen in ihrem Kummer, wir sehen, dass Gott uns sieht, und richten unsere Augen auf den Weg seines Friedens. Ohne das Gebet der Sehnsucht auf Erlösung wird das Diesseits zum Ort des Endgerichtes, dass wir uns selbst bereiten: grausam, gleichgültig, blind. Beten ist Sehen mit Gottes Augen.
Wir brauchen den ganz anderen Blick, um nicht Mauern zu bauen oder Zäune, sondern um die Türen und die Herzen offen zu halten. Wir brauchen den ganz anderen Blick auch, um realistisch zu bleiben und die eigenen Kräfte nicht zu überschätzen. Wir können ewig darauf warten, dass das jemand anderes erledigt mit der Gerechtigkeit. Aber wir sollten versuchen, es mit Maß und Einsicht, mit den tatsächlichen Kräften, die da sind, selbst zu tun. Ohne es besser zu wissen, ohne schon immer zu wissen, was gut für den Anderen ist. Wir wollen der Gewalt widerstehen, auch wenn wir wissen, dass es manchmal unerlässlich ist, um dem bösen Tun mit aller Macht Einhalt zu gebieten. Die ungerechten Strukturen und Kreisläufe durchbrechen, im Kleinen wie im Großen. Und das, was wir haben und können, verantwortlich einsetzen zum guten Leben für viele. Auch im Geist: z.B. die Komplexität aushalten statt einfache Antworten geben.
Wir erleben, dass sich die Welt und unser Leben rasant verändert. Das Jubiläum der Reformation, die ihrerseits eine Zeitenwende einläutete, fällt also in ein Jahr, in eine Zeit, in der vieles umbricht. Es steht uns so klar vor Augen wie schon lange nicht mehr, wofür wir mit reformatorischem Gottvertrauen und protestantischem Mut eintreten.
Veränderung lässt sich nicht anhalten. Wandel hält man nicht auf. Nicht durch Obergrenzen, nicht durch Leitkulturdebatten. Es geht nicht darum, dass wir verlangen, dass uns jemand die Hand gibt. Es muss doch darum gehen, dass wir die Hand ausstrecken. Dass wir zeigen, wie das geht: Grundgesetz, Vielfalt, Gleichberechtigung von Frauen oder Homosexuellen. Wir haben die Wahl. Verzagen wir zusehends und lassen wir uns von der Angst bestimmen? Oder gestalten wir den Wandel und wagen wir Neues? Ich entscheide mich für Mut, für den Mut zum Gestalten. Denn wir sind in der Lage, die Zukunft zu gestalten. Wer Politik macht, der kann und muss darauf vertrauen, etwas bewegen zu können. Und wer sich der Welt zuwendet, aus dem Herzen, wird das ebenso sagen können.
Dazu gehört: zu streiten, bedacht und klug Entscheidungen zu treffen, auch Kompromisse einzugehen. Standhaft zu bleiben und nicht einzuknicken, was unsere Demokratie und unsere Werte betrifft. Klare Kante zeigen, wenn jemand mit Hass, Hetze und Gewalt kommt, egal ob sie aus Dresden kommt oder er aus Damaskus. Weiche Linien haben, wenn es um Angst und Irritationen und Sehnsucht nach Heimat geht. Menschen dürfen verunsichert sein in diesen Zeiten des Umbruches. Wir aber erinnern daran: Heimat gibt es bei Gott, nicht gegen die anderen. Das ist der Kern der reformatorischen Freiheit und Befreiung. Daran erinnern wir natürlich gerade 2017. Wir sind ausgezogen aus der Angst. Wir sind frei durch den Glauben, niemandem untertan und gerade deswegen dienstbarer Knecht/Knechtin jedem gegenüber, wie Martin Luther erkannt hat. Wir werden also nicht den Fehler machen und wie vor 500 Jahren aus Angst einen Ablassbrief kaufen und dann das Beste hoffen. Sondern wir werden mutig sein, klar und fest. Jedenfalls meistens. Nein, Christinnen und Christen sind nicht die besseren Menschen. Aber sie wollen etwas besser machen. Manchmal nur, indem sie das Auto mit den geringen Abgaswerten kaufen. Manchmal aber, indem sie auf die Straße gehen oder in die Politik, um den Klimawandel doch noch aufzuhalten. Sie wollen etwas besser machen, geben deshalb Yussuf, dem syrischen Nachbarsjungen, Deutschunterricht. Und manche laufen los, um klar zu machen, dass wir selbst immer öfter die Fluchtursachen schaffen. Weil unser Konsum, unsere Art zu leben, unser gieriger Umgang mit den natürlichen Ressourcen eben auch Menschen aus ihrer Heimat treibt. Sie wollen etwas besser machen, die Christenmenschen. Manchmal sind wir deswegen aber gar nicht sanftmütig, sondern wütend. Wenn die Gleichen, die den Wert der Familie hoch halten, finden, das gelte nicht für die Familien der Geflüchteten. Da leben Menschen in unserer Nachbarschaft, die dürfen ihre Familie nicht zu sich holen, mitten aus dem Krieg. Lasst die Kinder kommen, endlich und die Frauen!
Christen sind zum Glück nicht nur nicht die besseren Menschen, sie sind auch nicht allein. In dieser Woche traf ich Moritz. Er hat dort, wo einmal Niemandsland war, in dieser Stadt, mit anderen einen Garten angelegt. Hinter der Kapelle der Versöhnung, direkt an der Mauer. Und in dem Garten wohnen auch Bienen. Und es ist wie ein Wunder, dass aus dem Todesstreifen, der da einmal war, ein Versprechen für die Zukunft wird. Es treffen sich: Ein Imker und eine Politikerin. Beide haben die gleiche Analyse. 80% der Insekten existieren schon nicht mehr. 80%. In China bestäubt man die Obstbäume mit dem Pinsel, andere denken über Bienenroboter nach. Moritz erzählt seinen Besuchern vom Leben der Biene, von den gelben Hosen und wie agil sie sind. Er ist an der Arbeit für die Sache. Und ich, die Politikerin, arbeite daran, wie wir es schaffen, auf tödliche Pestizide zu verzichten. Und so arbeiten wir mit vielen anderen daran, die Welt ein wenig besser zu machen. Und wer genau hinschaut, der weiß, wir haben nicht mehr viel Zeit. Der Klimawandel wartet nicht, weil wir gerade andere Prioritäten haben. Der Meeresspiegel steigt und die Arktis schmilzt. Und wir? Wir haben die Freiheit! Das ist der entscheidende Punkt. Wir können die Verhältnisse ändern. Wir können es anders machen. Niemand wird es schaffen, weder mit einem moralischen Zeigefinger noch dem Reden vom Untergang der Welt, jemanden dazu zu bewegen, die mächtigen Lobbyisten vom Thron zu stürzen oder keine Plastiktüten mehr zu benutzen. Sondern weil wir zur Freiheit befreit sind, weil Gott uns einen neuen beständigen Geist gegeben hat, können wir uns für den Mut, für die Verantwortung, für die Zukunft entscheiden. Anders zu leben, anders zu handeln. Und andere davon zu begeistern, zu überzeugen und im besten Fall auch mal zu überstimmen. Denn, das stimmt natürlich auch: Manchmal müssen wir aufbrechen, wenn wir die Welt beschützen wollen. Und der gute Martin Luther – oder war es doch die Katharina? – hat auch nicht erst eine Online-Petition veranstaltet, bevor er seine Thesen anschlug. Er ist vorangegangen. Er hat sich in Gefahr begeben. (das ist nicht Luther)
Manche meinen ja, unsere Kirche hätte sich viel zu viel der Welt zugewandt, sie sei zu politisch und womöglich auch noch zu einseitig politisch. Nein, das finde ich nicht. Denn die Verhältnisse sind nicht so, dass man nicht politisch sein könnte. Manchmal steht die Kirche im Weg. Nicht nur räumlich. Das soll sie auch. Politisch. Vor allem aber muss sie sein und bleiben: der Ort, an dem die Seele Heimat finden kann. Da auf einen Weg zu zeigen, wo die Seele arm und ängstlich wird. Da soll sie stehen, wo Engel gebraucht werden, wo die Sehnsucht kein Ziel hat.
Schwestern und Brüder,

seien wir also bei unseren Plänen nicht kleinmütig, sondern eher Mariatreu: große Verheißung und liebevolles, größenangemessenes Handeln. Vertrauen wir auf die bewegende Kraft des Glaubens. Auf Schwerter zu Pflugscharen, darauf, dass das Lamm beim Wolf liegt. Um das zu erreichen, braucht Gott ein Volk. Und wenn wir es wollen, dann sind wir sein Volk und Marias Vision bleibt keine Utopie.

Wir können Marias Hoffnung teilen, dass Gott Barmherzigkeit schenkt von Generation zu Generation. Eine Barmherzigkeit, die sich uns zuwendet, die nah ist und unbedingt, wie sonst ist das hebräische Wort für Barmherzigkeit „rachamim“ nah verwandt mit „rächäm“, was Mutterschoß bedeutet.
Wir können Marias Zuversicht teilen, dass auch zukünftige Generationen mit Gott rechnen können. Im Vertrauen darauf, dass Wirklichkeit wird, was verheißen ist.
Wir können voller Jubel und Freude beten wie Maria, die sich anstecken ließ von Elisabeths Gewissheit. Wir können uns leichten Herzens und mutig genug einlassen auf den Weg, auf dem Gott uns führt. In welchem Licht die Welt erscheint, ist ja oft eine Frage der Perspektive und dessen, was wir für möglich halten. Mitunter ist unser Herz klein, ängstlich und verzagt. Aber was uns zufällt und auch, was wir mit Gottes Hilfe vermögen, ist groß. Auch wenn das Leben auf dem Kopf steht. Auch wenn die Welt aus den Fugen ist.
Davon erzählt die Begegnung von Maria und Elisabeth.
Gehen Sie also durch diesen Kirchentag als Gesegnete. Gehen Sie im Bewusstsein, von Gott angesehen zu sein. Als besondere, begabte, wunderbare Menschen, jede und jeder von Ihnen! Gehen Sie über den Kirchentag und begegnen Sie einander. Sehen Sie sich an. Halten sie das Unmögliche für möglich. Zweifeln sie. An den Anderen, an den Verhältnissen, auch mal an sich selbst. Begrüßen sie sich, wie Maria und Elisabeth. Sie teilen etwas miteinander. Vielleicht den Glauben. Bestimmt die Hoffnung. Gehen Sie mit der Zuversicht, dass es gut werden kann und Großes geschehen wird. Gehen Sie mit Gottes Geist, den sie in sich tragen.

Zum Abschluss: Lied Nr 25 im Liederbuch: Da wohnt ein Sehnen tief in uns

Wer Umwelt, Gerechtigkeit & Europa will, muss am Sonntag mit der #Zweistimme Grün wählen!

@GoeringEckardt – #Schlussrunde #DarumGrün #BTW17

Katrin @GoeringEckardt bis zum Schluss kämpferisch, konfrontiert CDU/CSU mit Merkels Stillstandspolitik beim Klimawandel. #Schlussrunde

Katrin @GoeringEckardt: Es geht um saubere Luft, sauberes Wasser, Abkehr von Massentierhaltung, um Lebensqualität. #DarumGRUEN #Schlussrunde

Katrin Göring-Eckardt hat BÜNDNIS 90/DIE GRÜNENs Beitrag geteilt. ... Mehr anzeigenWeniger anzeigen

Hass ist keine Meinung. Katrin Göring-Eckardt in der TV-Schlussrunde. Wir haben viel zu tun, unsere Demokratie zu verteidigen.

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