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03.04.2017

Thesen für Böll-Konferenz zur Grünen Erzählung

Wer bin ich? Selbst und Gemeinschaft in der Pluralen Gesellschaft.

Verdammt große Frage, hochkomplex, philosophisch, Jahrtausende alt. Eigentlich mehr eine Frage für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Da es mir aber jetzt zufällt diese Frage zu beantworten möchte ich hinzufügen:

1. Inwiefern ist das eigentlich politisch relevant und ist das eine politische Debatte?

„Wer bin ich?“. Wie antworten die Menschen auf diese Frage in modernen, offenen und komplexen Gesellschaften?

Sie antworten konkret, situativ, in Bezügen auf bestimmte Gruppen, Tätigkeiten, Eigenschaften und auf ihre soziale Situation. Und womöglich taucht sie, jedenfalls für Erwachsene auch erst als Antwort auf die Frage: wer bist du?

Schwul oder katholisch, Schöngeist oder Vater, Mac oder PC. Metal oder Techno, Schalke oder Dortmund. Bis auf letzteres geht auch fast immer ein Und statt dem Oder. Also vielleicht sogar „Wer bin ich?“: Viele!

Kreise, in denen man sich immer wieder trifft bilden eine Art Gruppenethos. Das Regionale spielt oft eine sehr große Rolle, ich komme von hier und kenne hier jeden Stein, typisch Schwabe, ick hab Berliner Schnauze, Ruhrpott, hart aber herzlich. Weißte Bescheid? Nee, gar nicht, weil es nicht über Identität entscheidet ob du da herkommst oder dahin gekommen bist. Und neben irgendeiner Klischeezuschreibung sagt es natürlich gar nichts aus, wo jemand her kommt. Aber bei den Anderen löst es was aus. Ich bin auch Thüringerin oder ich bin es nicht, aber ich verstehe das Gefühl, um das es geht. Heimat nimmt man mit. Sie gründet sich auch neu, aber das Mitgenommene bleibt. Identität ist Milieu, im Freundeskreis, der Familie, in der Kirchgemeinde, der Moschee oder in der Partei!
Eines scheint mir aber sicher: Die Kreise und Bezüge, in denen und durch die man sich selbst versteht, sie sind heute flüssiger, vielfältiger und instabiler als sie es in früheren, traditionalen Gesellschaften waren. Es gibt weniger Haltepunkte und weniger Grenzen. Wir finden das gut, weil es Freiheit bedeutet. Weil es bedeutet, dass ich Identität suchen und aussuchen kann, dass ich nicht zurück geworfen oder angewiesen bin, auf die Enge der Herkunft. Zugleich ist es natürlich eine Katastrophe im Leben von Menschen, die Heimat, Zugehörigkeit, Bezüge verlassen müssen. Und wenn es noch so schrecklich war, Krieg, Hunger, Klimaschäden, es war eben dennoch das Eigene. Wen wundert es eigentlich, das entwurzelte versuchen, ihre Identität, kulturell, religiös, ihre Zugehörigkeit mitzunehmen?

Identität muss man sich immer stärker auch selbst suchen, aufbauen, sie kann schwanken. Jeder hat zwar Rechte, aber alles andere, Respekt, Liebe, Zuneigung, Zugehörigkeit, das muss man sich im Grunde erarbeiten. Sagen wir also ‚geschichtete Identität‘, mit vielseitigen Loyalitäten, oder auch: kaleidoskopisches Ich. Das ist nicht so gemütlich, aber der Himmel ist offen. Wie finden wir das?

2. Wie finden wir das, wie bewerten wir diese Entwicklung?

Eine Antwort, und es ist sicher die, die bei meiner Partei und auch in diesem Raum vorherrscht, lautet: Die neuen Freiheiten, die sich aus der pluralen Gesellschaft ergeben, zu begrüßen. Denn die Menschen sind heute weniger festgelegt, festgefahren, weniger eingezwängt. Zwar gibt es die Aufstiegshindernisse und wir wissen, dass auch bei uns noch nicht jede einfach alles werden kann. Aber im Vergleich mit früheren Gesellschaften oder anderen Gesellschaften unserer Zeit, sind die Freiheitsgrade doch hoch.

Aber man kann das auch weniger freundlich bewerten.

Quer durch Europa erleben wir die Rückkehr des Nationalen, des Ethnisch-kulturellen, des kollektiv sogenannten „Identitären“ auf die Hauptbühne der Politik. Immer mehr Menschen scheinen wieder davon überzeugt, dass sie ihre primäre Identität, ihr tiefstes eigenes Wesen in nationalen oder ethnischen Kollektiven finden können.

Anzunehmen dass es sich hierbei nur um „die Abgehängten“ handle, wäre eine verkürzte Analyse, die die Kampfeslust verhindert.

Und so werden die Konturen eines neuen Kulturkampfes sichtbar. Die eine kulturell und ethnisch homogene, abgeschottete Gemeinschaft – sie kommt daher als Wärmestube nationaler kultureller Geborgenheit. Sie erzählt von angeblichen „Wurzeln“, vom Volkscharakter, vom Eigenen und vom Fremden.

Weltanschaulicher Kern und politischer Zielpunkt der neuen Rechten ist „Wiederherstellung“ einer – in weiten Teilen nur vorgestellten, imaginierten – Gesellschaft ohne große kulturelle Unterschiede, ohne abweichende und vielfältige Lebensstile, mit einer dominierenden Religion, klaren Hierarchien und alten patriarchalen Geschlechterrollen. Ausbrechen ist nicht vorgesehen. Individuelle Freiheit, vielfältige kulturelle Einflüsse, vielfache Prägungen und ein internationaler kultureller Horizont werden als Verunsicherung und Überforderung des Menschen gebrandmarkt. Das sind die Anderen. Tür auf und rein in die Wärmstube.

Ich bin eben nicht mehr Liberal, Evangelisch, leidenschaftliche Leserin, Tänzerin, Thüringerin, Umweltbewegte und Europäerin, sondern ich soll mich wieder vor allem als Deutsche verstehen.

Aber Teil des Ichs in der offenen Gesellschaft sind eben auch die offenen Bezüge nach Außen. Nationalstaatliche und nationalsprachliche Traditionen gehen nicht verloren, sie werden aber eingebettet, umrahmt und durchzogen von internationalen kulturellen Welten. Sei das nun die Netzkultur einer Transmediale, die internationale Populärkultur, die vernetzte Wissenschaft oder der internationale Handel. Vielleicht war es schon immer so, aber in Zeiten der Globalisierung, des Internet, der schnellen Flugreisen spüren wir es mehr denn je und es geht um viel mehr als darum, dass Coca Cola auf der ganzen Welt gleich schmeckt. Nichts ist heute mehr so Milieuabhängig wie früher ohne das Internet.

3. Sind wir also Niemand? Radikal Vereinzelte, Isolierte, Atomisierte?

Das war schon sehr oft der Vorwurf an liberale, offene Gesellschaften. Die Freiheit schleudere den Menschen in die radikale Vereinzelung. Manchmal kam der Vorwurf von Links. Der Kapitalismus zerstöre alle Bezüge in der Gesellschaft, mache alle zu radikalen Einzelkämpfern, manchmal kam er von Rechts. Identität in der pluralen Gesellschaft zerstöre den Zusammenhalt des Volks.

Aber im Gegenteil: Es bilden sich ganz andere Formen der Solidarität, jenseits der Nation und des Blutes. Die offene Gesellschaft führt nicht zum Ende von sozialen und kulturellen Verbindungen zwischen den Menschen, sie verändert und vervielfältigt sie nur. Und sind diese Bindungen nicht wirkungsmächtiger, weil sie freiwillig eingegangen werden?

Sie bietet unendlich viele Möglichkeiten der Solidarität zwischen Menschen und die werden ja auch gelebt. Man erinnere sich an den großartigen Einsatz so vieler Menschen für Geflüchtete, der bis heute anhält. Millionen Menschen engagieren sich nach wie vor trotz der Vergiftung des öffentlichen Diskurses, an der seitdem so viele mitgestrickt haben.

Oder denken wir andersherum an Eribon, der seine Herkunft abtrennen, ja verraten musste, um Individualität in Gemeinschaft zu leben, um dann erschrocken, erstaunt zu sein, dass sich die Wurzeln von sicher geglaubtem Selbst weg bewegten und aus sicher geglaubten linken Wählern in der eigenen verschmähten Familie plötzlich rechte Wiederholungswähler wurden. Hier stellt sich die angestammte Milieuordnung in Frage.

Nein, wir sind nicht radikal Vereinzelte in der offenen Gesellschaft, wir leben in vielfältigen Formen zusammen, wir sind dabei beweglich, aktiv, erfinderisch und empathisch. Bei uns kann man ohne Angst verschieden sein (Adorno) und wird dabei im besten Fall nicht alleine gelassen.

Wir sind schon deshalb nicht alle isolierte Einzelkämpfer, weil es diesen sehr starken Wunsch sehr vieler Menschen gibt Teil von etwas größerem zu sein, von etwas sinnvollem. Auch das kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Es geht von den Communities der Plattensammler über die Flüchtlingshelfer, die Kirchentage und der Fankultur beim Rockkonzert, bis hin zum Pulse of Europe. Oder gar zu einer politischen Partei. Auch das wird ja gerade wieder beliebter – auf jeden Fall bei den Grünen und zwar gegen den Trend!

4. Brauchen wir ein „Neues Wir“?

Brauchen wir oberhalb der funkelnden Kristalle des Ichs in der offenen Gesellschaft und oberhalb der regionalen oder subkulturellen Gruppen eine Vorstellung von uns allen als Deutsche? Wollen wir das aussprechen? Uns gar ausmalen? Reicht es denn nicht zu sagen: Grundgesetz und dann sind wir ja hoffentlich alle Europäer? Wir könnten es versuchen. Es ist aller Ehren wert und genügend von uns werden beinah religiös bekenntnishaft sagen: Ich bin zuerst Europäerin. So gut das ist und erst recht klingt: es nimmt uns die Mühe nicht ab, zu fragen, wie wir eigentlich zusammenleben wollen.

Oder reicht da Recht, Grundgesetz und eine Prise Freude schöner Götterfunken als Gefühl?

Oder hat Armin Nassehi, mit dem ich gelegentlich sehr gerne diskutiere, recht, wenn er sagt, dass es, „in modernen, liberalen Gesellschaften so wenig Wir wie möglich“ geben sollte. Und wir „den Anstand haben“ sollten „dem anderen nicht auf die Pelle zu rücken“? Er verdächtigt auch Grüne und Linksliberale, letztlich spiegelbildlich zu den Rechten, eine Art „Hafen der Kollektivität“ ansteuern zu wollen.

Nun, ich glaube, wir rücken niemandem auf die Pelle, außer durch Haustürwahlkampf – ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele Menschen im Bademantel gesehen, aber ihnen und uns macht das trotzdem Spaß. Wir halten Differenz aus. Ich finde sie sogar gut. Und wir haben hier im Raum sehr sehr viel zu wenig davon. Für Neugierige geht es nicht ohne Differenz und ohne Andere. Für Einsame geht es nicht und erst recht nicht für die, die Unterstützung brauchen, um sich selbst ermächtigen zu können. Freiheit allein reicht eben nicht, außer wir verstünden sie als elitäre Veranstaltung derer mit den Gewissheiten, den Kompetenzen, den Ressourcen. Freiheit für alle, auch als Freiheit aufzusteigen, sich zu verwirklichen, Chancen zu haben, dafür muss Gesellschaft verantwortlich sein. Und selbst bei denen, die alle besten Voraussetzungen haben, kann Gesellschaft sich nicht davon stehlen, nach dem Motto: sie werden schon zurechtkommen. Wer die Waschmaschine bedient und ob das eine Machtfrage ist, Frau Koppetsch – da würde ich noch sagen, das ist interessant für die feministische Wissenschaft. Politisch relevant wird es, wenn die gläserne Decke bleibt, die Infrastruktur schlecht ist und wenn die Bezahlung nicht stimmt. Aber übrigens auch wenn sich die Hetze im Netz ihre irrsinnigsten Ausbrüche in Herabwürdigung, Beschimpfung und Drohungen manifestieren, die sich auf das Geschlecht beziehen.

Wir halten Differenz aus, wir wollen sie sogar. Anders als die versammelten Leitkultur-Propagandisten, denen übrigens wenn man sie fragt, was diese angeblich eigene Leitkultur eigentlich sein soll, wenig mehr als Grundgesetz plus Weihnachtsmarkt und die erste Strophe von Weihnachtsliedern einfällt.

Aber vielleicht hat Nassehi Recht, wenn er uns verdächtigt, radikales Laisser-Faire mit Gesetzestreue für zu wenig zu halten?

Denn wir wollen uns als demokratische Gesellschaft durchaus auch als Ganzes zusammenhalten, und wir wollen diese Gesellschaft in eine Zukunft mit gelöster Existenzfrage Ökologie führen, wir geben feministische Ansprüche nicht auf und wünschen uns noch viel höhere Freiheitsgrade für heute noch sozial Benachteiligte.

Die Frage nach einem neuen Wir stellt sich heute natürlich nicht nur angesichts der Pluralisierung der Lebensstile sondern vor allem auch angesichts der Tatsache, dass wir ein Einwanderungsland sind. Wie wird eine neue gemeinsame Identität aussehen? Das neue Wir wird immer ein praktisches, ein operatives sein, es bringt sich hervor darüber wie diese Gesellschaft zusammenlebt. Das hat es übrigens auch in der Vergangenheit schon getan.

Es gibt in unserem Land eine selbstverständliche und ungeheuer große Erfolgsgeschichte der Integration von Eingewanderten, eine hunderttausendfache Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit von Menschen mit Namen nicht-deutschtraditionaler Herkunft. Eine Erfolgsgeschichte, die wir zu selten erzählen und die wir zu verspielen drohen, wenn wir uns nur auf die problematischen Fälle konzentrieren. Dieses Wir ist längst schon da!

5. Darum Für Europa!

Der Nationalismus schränkt die Menschen ein in enge nationalkulturelle Korsette, die ihre Freiheit, ihre Kreativität, ihre Verständigung und ihren Fortschritt behindern.

Das Europa, das wir heute sehen, ist Produkt einer Geschichte des Nationalismus und seiner Überwindung. Das ist unsere Geschichte, das ist unser Neues Wir! Die Überwindung der Phantasmen und der Aggressionen des Nationalismus. Ein Europa freier Menschen jenseits kollektiver Großblöcke, die sich gegeneinander in Abgrenzung definieren müssen. Es ist das Europa, für das sich sonntäglich inzwischen schon beinah wie ein Ritual, ein alternativer Kirchgang, Menschen auf europäischen Plätzen treffen und feiern.

Wir haben noch in den 90er Jahren mitten in Europa mit den schrecklichen Kriegen auf dem Balkan erlebt, wohin aggressiver ethnischer Chauvinismus führt. Krieg, Tod, Vertreibung das sind die Folgen nationalistischer, religiös fundamentalistischer und ethnisch-chauvinistischer Ideologien. Gegen solche vergifteten Träume muss unsere Botschaft immer und immer wieder wieder sein:

Wir sind Menschen und als solche einander zugewandt. Und das wird nicht ausgehebelt durch nationale oder religiöse Identitäten. Deshalb ist unser Europa auch eines der Menschenrechte und keines der Abschottung. Eines des Humanismus, nicht der Nationen. Das So sein und das Anders sein gehören zusammen, sie sind der Gewinn, den wir haben in der Gesellschaft, das Gemeinsame ist soweit freiwillig wie nicht nötig und es ist soweit nötig geprägt von der Gewährleistung der Freiheit und der Verpflichtung und Verbindlichkeit sie verfügbar zu machen.

Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben mir ja erlaubt, ein Lutherzitat pro Rede zu verwenden. Deswegen möchte ich jetzt gegen Ende ein paar Worte von ihm Nennen, denn ich finde der Alte hat es ganz gut zusammengefasst als er sagte: Einerseits – ich bin niemandem untertan, andererseits – ich bin jedermann untertan. Hierin, finde ich, ist die Frage der Individualität und Gemeinschaft und der gegenseitigen Solidarität ziemlich gut geklärt.

.@GoeringEckardt & @GruenMeyer präsentieren unser 6-Punkte-Plan zum Aussstieg aus der Massentierhaltung in 20 Jahren:https://t.co/8fSyoEkmjB

Schritt 1 ist die verbindliche Tierhaltungskennzeichnung bei Milch & Fleisch analog zur bestehenden Kennzeichnung bei Eiern. #Agrarwende

Ja, "höchstpersönliche Entscheidungen" sollten nicht Parteipolitik sein, Herr Seehofer, Grundrechte aber durchaus. https://t.co/BBj7vr1lic

Katrin Göring-Eckardt hat Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktions Gemeinsam aus der Massentierhaltung aussteigen geteilt.

Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion
Wir wollen Fleisch und Milch künftig genauso kennzeichnen, wie das schon heute bei Eiern der Fall ist - und das ist nur der erste Schritt auf dem Weg in eine bessere Landwirtschaft.
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In einem 6-Punkte-Plan zeigen wir, wie der Ausstieg aus der #Massentierhaltung in 20 Jahren gelingen kann und wie wir BäuerInnen und VerbraucherInnen dabei mitnehmen. Für artgerechte #Tierhaltung, ...

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